AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 16/2018

Schicksal Warum ein Gericht einen lebendigen Mann für tot erklärte

Dies ist die Geschichte eines Mannes, der unsichtbar werden wollte - und es zu seinem eigenen Unglück auch wurde.

Reliu Constantin
Andrei Pungovschi/ NYT/ Redux/ laif

Reliu Constantin

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Constantin Reliu saß im Gericht von Bârlad, einer mittelgroßen Stadt in Ostrumänien, als darüber entschieden wurde, ob er für den Rest seines Daseins zu den Lebenden oder den Toten zählen würde.

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Heft 16/2018
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Es war ein Donnerstagmorgen im März, Reliu, 63, ein runder Herr mit beigefarbener Jacke und beigefarbener Schiebermütze, hatte sein graues Haar gekämmt, um seinen Hals hing eine Krawatte. Er wollte einen guten Eindruck machen, vor allem jedoch wollte er dem Staat beweisen, dass er, leibhaftig, am Leben sei. Der Richter, ein Mann in schwarzer Robe, blickte ihn an und zog die Augenbraue hoch.

Dann, Reliu faltete flehend seine Hände, fiel das Urteil. Es hieß: Du, Constantin Reliu, bist tot.

Eigentlich fühlt sich Constantin Reliu im Großen und Ganzen kerngesund. Er ist ein kleiner Mann mit einem großen Bauch, der gern Pflaumenschnaps und Raki trinkt. Er leide an Diabetes, aber ansonsten, sagt Reliu, "liege ich noch lange nicht im Grab". Er klingt ein wenig verzweifelt.

Die Geschichte von Constantin Reliu ist die Geschichte eines Mannes, der unsichtbar werden wollte - und es eines Tages, zu seinem eigenen Unglück, auch wurde. Seine Geschichte könnte auch im Kopf von Franz Kafka entstanden sein, aber sie ist wahr und begann vor 26 Jahren.

Es war im Sommer 1992, erzählt Reliu am Telefon, die Revolution in Rumänien lag zwei Jahre zurück, er selbst wohnte mit seiner Frau Andra in seiner Heimatstadt Bârlad, vier Autostunden nördlich von Bukarest. Sie waren gerade frisch verheiratet, gemeinsam hatten sie eine kleine Tochter, Iasmina, als Reliu seine Frau umarmte und ihr sagte, er müsse für ein paar Jahre fortgehen.

Unter Ceau¿escu, dem später hingerichteten Diktator, hatte Reliu für die Geheimpolizei gearbeitet, nicht als Informant, nur als Koch in einer Amtskantine. Aber nach dem Ende des Kommunismus durfte er nicht mehr kochen, nirgendwo, sagt Reliu, gab es Arbeit für einen, der die verhassten Spitzel bekocht hatte. Um seine Familie zu ernähren, irgendwie an Geld zu kommen, wanderte er aus in die Türkei.

Sein Bruder betrieb ein Restaurant in Istanbul. Reliu, der illegal über die Grenze gekommen war, begann, ohne Arbeitserlaubnis, dort zu kochen. Alle sechs Wochen, wenn er genug gespart hatte, fuhr er im Laderaum eines Lieferwagens, versteckt zwischen Gemüsekisten, 15 Stunden lang nach Bârlad, zu seiner Familie. Er gab seiner Frau das Geld, küsste seine Tochter, dann verschwand er wieder im Wagen.

So ging es etwa sieben Jahre lang. Reliu kann heute nicht mehr genau sagen, wie alles auseinanderbrach; wann seine Frau sich in einen anderen, wohlhabenderen Mann verliebte, wann er in seiner Wut darüber zum Trinker wurde. Vor allem versteht er selbst nicht, weshalb er irgendwann alle Verbindungen nach Bârlad kappte und auch seine Tochter nie wieder besuchte. Er weiß nur noch, dass er sich Jahre später, als er das Trinken in den Griff bekommen hatte, zu sehr schämte, um noch einmal in seine Heimat zurückzukehren.

Constantin Reliu blieb in Istanbul, für insgesamt 25 Jahre. Er kochte im Restaurant und baute sich langsam ein neues Leben auf. Mit dem Geld, das er nun ganz für sich behielt, mietete er eine kleine Wohnung nahe dem Bosporus. Rumänien, seine Heimat, vermisste er nur dann, wenn er an seine Tochter dachte. Er rechnete nicht mehr damit, sie oder seine Frau jemals wiederzusehen. "Etwas in mir wusste", sagt Reliu, "ich bin für sie gestorben." Wie richtig er mit dieser Ahnung lag, hätte Constantin Reliu wohl nie erfahren, hätten türkische Behörden im vergangenen Dezember nicht nach seiner Arbeitserlaubnis verlangt, nach Papieren, die er nie besessen hatte. Einen Monat später wurde Reliu abgeschoben. Als er im kalten Bukarest aus einem Flugzeug stieg, so erzählt er es, umstellte ihn eine Handvoll Polizisten, "um mich über meinen Tod zu informieren".

Seine Familie, so wurde ihm mitgeteilt, hatte angenommen, dass er nicht einfach abgetaucht, sondern schon 1999 bei einem Erdbeben in der Türkei ums Leben gekommen war. Als seine Frau ein zweites Mal heiraten wollte, vor fünf Jahren, hatte sie ihn offiziell für tot erklären lassen.

Reliu wurde schwindelig. Er sprach von einem Fehler, einem Missverständnis. Er erzählte den Polizisten, sechs Stunden lang, von seinem ganzen, komplizierten Leben, und schließlich, nachdem sie seine Fingerabdrücke verglichen hatten, ließen sie ihn passieren. Reliu ging zurück nach Bârlad, wo alte Bekannte ihn wie einen Wiederauferstandenen empfingen - bis auf zwei. Seine Tochter, erfuhr Reliu, wohne inzwischen in Spanien und habe selbst drei Kinder. Als er sie plötzlich anrief, sagt er, sei sie in Ohnmacht gefallen. Sie wolle nichts mehr mit ihm zu tun haben. Seine Frau, erzählt Reliu, sei nach Italien gezogen, seine Sterbeurkunde habe sie mitgenommen.

Wegen dieser Urkunde war er an jenem Morgen im März vor Gericht gezogen. Er wollte sie annullieren lassen. Aber der Richter sagte, die Frist, um Einspruch gegen den eigenen Tod einzulegen, sei abgelaufen. Reliu wohnt jetzt wieder in dem alten, heruntergekommenen Apartment seiner Familie, ganz allein. Er kann nicht mehr zurück nach Istanbul, weil die Türkei ihn lebenslang verbannt hat. Er kann auch nirgendwo arbeiten, weil niemand einen Toten einstellt. Er kann nicht wegen seines Diabetes zum Arzt gehen, weil kein Arzt einen Verstorbenen behandelt. Er kann nichts tun, wofür er eine Identität benötigt, weil es ihn offiziell nicht mehr gibt.

Constantin Reliu könnte gegen das Urteil vorgehen, aber auch ein höheres Gericht räumt einem Dahingegangenen kaum Chancen ein. Manchmal glaubt Reliu, alles sei seine gerechte Strafe. Er hat sein Leben aufgegeben, und nun, da er es wieder braucht, ist es vorbei.

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