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Ausgabe 11/2018

Ernährungstrend Warum Omega-3-Präparate den Fortbestand der Pinguine gefährden

Mediziner bezweifeln die heilsame Wirkung von Omega-3-Präparaten. Auf sie zu verzichten würde auch dem Ökosystem und der Tierwelt der Antarktis helfen.

Kaiserpinguine stehen auf einer Eisscholle
DPA/ AORI/ Katsufumi Sato/ UC Tokyo

Kaiserpinguine stehen auf einer Eisscholle

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Auf der Packung prangt ein Kaiserpinguin. Was ihn gesund hält, so soll das Bild wohl suggerieren, tue auch dem Menschen gut. "Antarktis Krill" heißt das Produkt der Marke Doppelherz. Es enthält "Krillöl in Premium Qualität" - und zwar "aus der unberührten Antarktis".

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Heft 11/2018
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Krill verkauft sich gut. Nahrungsergänzungsmittel mit Öl aus den kleinen Krebsen sind begehrt, vor allem wegen ihres hohen Gehalts an Omega-3-Fettsäuren.

Die Stoffe sollen zur "normalen Herzfunktion" beitragen, verspricht die Werbung, die Ressource Krill sei "schier unerschöpflich".

Nichts davon ist wahr.

Neueste Studien stellen die heilsame Wirkung von Omega-3-Präparaten infrage. "Diese Produkte bieten keinen vorbeugender Schutz vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen", sagt Hans Hauner, Professor für Ernährungsmedizin an der Technischen Universität München. Auch Margarine oder Fischstäbchen mit zugesetzten Omega-3-Fettsäuren lösten nicht ein, was die Werbung verspricht.

Überdies könnte die wachsende Nachfrage nach den Fettsäuren Folgen für die Ökologie der Meere haben. Denn der Verkauf von Omega-3-Präparaten auf Fischölbasis treibt die globale Ausbeutung der Fischbestände voran. Bei Krillöl ist die Sache noch prekärer. Umweltschützer warnen, dass die Jagd auf die Minikrebse das fragile Gleichgewicht des Antarktischen Ozeans gefährde.

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"Licence to Krill" überschreibt Greenpeace einen neuen Report, in dem die Umweltschützer die Jagd auf das "rosa Gold" anprangern. "Krillöl wird in großem Stil und mit einer sehr gut geschmierten Werbekampagne in den Markt gedrückt", sagt der Greenpeace-Meeresexperte Thilo Maack. "Dabei ist es ein Produkt, das keiner braucht."

Omega-3-Fettsäuren werden seit Jahren als eine Art Allheilmittel gepriesen, zur Vorbeugung von Herzinfarkten und Arteriosklerose, oder als Mittel, um Entzündungen, Diabetes oder Alzheimer zu lindern.

Richtig ist, dass der Mensch eine bestimmte Menge solcher ungesättigter Fettsäuren mit der Nahrung aufnehmen muss. Auch die Forschung hat deshalb über Jahre Fettsäuren aus Meeresgetier lobgepriesen. Doch inzwischen äußern Mediziner Zweifel, ob diese Stoffe über das normale Essen hinaus als Kapseln oder in anderer Form eingenommen werden müssen.

"Für gesunde Menschen ergibt es überhaupt keinen Sinn, solche Präparate zu schlucken", sagt Ernährungsforscher Hauner. Selbst bei den meisten Erkrankungen habe sich der Nutzen zusätzlicher Omega-3-Gaben nicht bestätigt.

Zwar könnten derartige Kapseln rheumatische oder arthritische Entzündungen dämpfen, sagt Hauner. Darüber hinaus sei jedoch "kein Gesundheitseffekt nachgewiesen". Weder sei "ein Nutzen für Menschen mit Herzkrankheiten zu erkennen", noch hätten Omega-3-Gaben wesentlichen Einfluss auf Fettstoffwechsel oder Hirngesundheit.

"Keine signifikante Verbindung" zwischen der Einnahme von Omega-3-Fettsäuren und Herzinfarkten oder anderen Gefäßerkrankungen erkennen auch Forscher um Theingi Aung von der Oxford University im Fachblatt "Jama Cardiology", jedenfalls bei Patienten, die bereits mit solchen Leiden zu tun hatten.

Fischölkapsel
Zoonar.com

Fischölkapsel

Allerdings sind in der Forschung noch einige Fragen offen. So gibt es keine gute, umfassende Studie dazu, ob eine zusätzliche Gabe vielleicht doch wirkt, wenn sie viel höher dosiert wird. Auch weiß man nicht, welche Rolle es spielt, zu welchem Zeitpunkt am Tag man die Fettsäuren zu sich nimmt.

Völlig unabhängig von der medizinischen Bewertung funktioniert das Marketing für Omega-3-Produkte offenbar prächtig; sie verkaufen sich brillant: Lag die globale Nachfrage nach den Fettsäuren 2012 noch bei 21.900 Tonnen, soll sie sich bis 2025 auf 135.500 Tonnen mehr als versechsfachen.

Gerade Krillöl ist besonders beliebt, haftet ihm doch die vermeintliche Reinheit antarktischer Gefilde an. Mehr als 200 Millionen Dollar wurden 2015 damit umgesetzt. Und: "Der Markt für Krill wird weiter wachsen", glaubt Matts Johansen, Chef der norwegischen Firma Aker Biomarine, des größten Krillfischers der Welt.

2016 zogen die Norweger rund 152.000 Tonnen der Krebstiere aus dem Südpolarmeer. Neben dem Omega-3-Geschäft verkauft die Firma den Krill als Haustierfutter und vor allem als Fischfutter für Aquakulturen.

Drei Schiffe von Aker Biomarine sind dafür vor der Antarktis auf Fangzug. Ein weiterer Trawler wird gerade gebaut. Und nicht nur Norwegen investiert in die Garnelenjagd. Chile und Südkorea fischen nach Krill. China hat gleich sechs Schiffe im Einsatz und will weiter expandieren.

Krill ist die Grundlage des Nahrungsnetzes im Südpolarmeer. Bartenwale wie Blau-, Sei- oder Finnwal leben fast ausschließlich davon. Auch Weddell-Robben und See-Elefanten fressen die winzigen Krustentiere. Vom Kaiser- und Königspinguin bis zum kleinen Adéliepinguin - alle Vertreter dieser Meeresvögel ernähren sich von den Krebsschwärmen.

Machen die Krillfischer den Tieren die Nahrung streitig? Greenpeace hat die Positionsdaten der Trawler analysiert. Die Fanggebiete konzentrieren sich demnach auf den Norden der Antarktischen Halbinsel, die Südlichen Orkney-Inseln und die Bransfield-Straße, just dort, wo sich auch zahllose Pinguinkolonien befinden (siehe Grafik); auch Wale, sagt Meeresexperte Maack, versorgten sich in jenen Gewässern mit Krill.

Die Fanggebiete überschneiden sich fast komplett mit einem Meeresschutzgebiet, das Chile und Argentinien für die Antarktische Halbinsel vorgeschlagen haben. Die internationale Kommission zur Erhaltung der lebenden Meeresschätze der Antarktis (CCAMLR) will im kommenden Oktober über den Vorschlag befinden. Die EU hat ein weiteres Schutzgebiet im Weddell-Meer ins Gespräch gebracht.

Doch Maack befürchtet, dass wirtschaftliche Interessen die Schutzpläne verwässern. "Die Krillindustrie hat bei CCAMLR großen Einfluss", sagt er.

Krillkrebse
Ardea / Interfoto

Krillkrebse

Auch wegen möglicher Havarien sei die Fangflotte im Eismeer eine ernsthafte Bedrohung für die Region, glaubt der Umweltschützer. So geriet 2013 ein chinesischer Krilltrawler unweit der Antarktischen Halbinsel in Brand. Eine Umweltkatastrophe blieb aus, doch Maack hält das für reines Glück. "Ein Ölunfall wäre katastrophal für das Ökosystem", sagt der Greenpeace-Experte. Im kalten Klima der Antarktis könnte ein solches Unglück über Jahrzehnte nachwirken.

Aker-Biomarine-Chef Johansen hält dagegen; er findet es geradezu unverantwortlich, keinen Krill zu fangen. "Wir werden 2050 zehn Milliarden Menschen auf diesem Planeten sein, die alle ernährt werden müssen", sagt er. Auf die Ressource Krill könne nicht verzichtet werden.

"Kommerzielle Krillfischer fangen derzeit nur 0,4 Prozent der im Fanggebiet lebenden Krillbiomasse", sagt Johansen. Aker Biomarine habe zudem Netze entwickelt, die den Beifang fast auf null reduzierten. Auch sei die Fischerei vom Marine Stewardship Council zertifiziert, der für nachhaltige Fischerei bürgt. Und von der CCAMLR seien Fangquoten festgelegt worden.

Auch die Krillspezialistin Bettina Meyer vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven hält die Krillfischerei für nachhaltig. "Ich sehe nicht, dass die Fischer die Bestände im Moment in irgendeiner Weise gefährden", sagt sie. Allerdings rät auch Meyer dazu, die Fangquoten derzeit nicht zu erhöhen: "Wir wissen immer noch zu wenig über den Lebenszyklus des Krills."

Vor allem aber sei der Effekt des Klimawandels auf die Garnelen noch viel zu wenig verstanden, berichtet die Forscherin. Antarktischer Krill scheint gerade im Jugendstadium auf Meereis angewiesen zu sein. Um 40 Prozent könnte der Krillbestand in manchen Regionen der Antarktis durch die globale Erwärmung einbrechen, warnten jüngst Antarktisforscher im Fachmagazin "PlosOne". Die Krillfischerei erhöhe das Risiko, dass darunter auch die Pinguine leiden, zusätzlich, und das bereits "bei heutigen Fangmengen".

Greenpeace-Mann Maack fordert deshalb, die Krillfischerei "schon aus dem Prinzip der Vorsorge heraus" einzuschränken. "Die Vergangenheit hat gezeigt, wie selbst Fischbestände, die als unendlich galten, in wenigen Jahren leer gefischt wurden", sagt er.

Es ist die Frage, wie nachhaltig es sein kann, Krill in der Antarktis zu fangen, um damit in Norwegen Zuchtlachse zu füttern, die dann in alle Welt verkauft werden. Und sind Omega-3-Kapseln es wert, das ökologische Risiko einzugehen, wenn sogar deren heilsame Wirkung infrage steht?

Maack will sich in den nächsten Tagen vor Ort ein Bild machen. Das Greenpeace-Schiff "Rainbow Warrior" nimmt dann Kurs auf die Antarktische Halbinsel. "Wir werden den Krillfischern genau auf die Netze schauen", sagt der Meeresschützer.



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