AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 44/2016

Legales Doping im Spitzensport Spritzen, schlucken, salben

Ob Asthma, ADHS oder Allergien: Viele Spitzensportler nehmen permanent Medikamente ein. Und viele haben eine Genehmigung für Dopingmittel.

Si­mo­ne Bi­les, vier­mal Gold bei Olym­pia in Rio, Aus­nah­me­ge­neh­mi­gung für Rita­lin we­gen ADHS
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Si­mo­ne Bi­les, vier­mal Gold bei Olym­pia in Rio, Aus­nah­me­ge­neh­mi­gung für Rita­lin we­gen ADHS

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Am 14. Juli 2012 war Fränk Schleck ein offensichtlich kranker Mann. Der Radprofi litt unter Asthma und hatte ein Mittel in seinem Körper, das üblicherweise bei Bluthochdruck, Herzinsuffizienz oder Ödemen verabreicht wird. Erstaunlich daran war, dass der Luxemburger an diesem Tag bei der Tour de France im Sattel saß und in blendender Form seiner Arbeit als Berufssportler nachging. Das Gesamtklassement notierte ihn am Abend an Position zwölf.

Radprofi Schleck
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Der erste Wutbürger

Damals wurde Schleck positiv auf das Diuretikum Xipamid getestet, ein Mittel, das harntreibend wirkt und Doping zu verschleiern hilft. Als das Sportgericht seinen Fall verhandelte, kam heraus, dass Schleck zudem drei verschiedene Medikamente benutzt hatte, die gegen Atembeschwerden wirken: Viani disc, Ventolin und eine Creme namens Advantan. Schleck hatte dafür ein Rezept. Und durfte bei den Rennen mitfahren.

Nur weil Schleck bei der Dopingprobe wegen des Diuretikums auffiel, wurde er gesperrt. Was Spitzensportler alles schlucken, bleibt in der Regel unter Verschluss. Dabei kommen viele ohne Medikamente kaum noch aus. Handballer bekämpfen die Schmerzen ständiger Fouls, Kunstturner steigern ihre Konzentrationsfähigkeit, um nicht vom Gerät zu fallen, und Radrennfahrer nehmen Mittel ein, um große Mengen an Atemluft in ihre Lungen zu saugen.

Manch hochtrainierte Athleten sind so anfällig gegen Infekte, dass sie prophylaktisch Pillen einwerfen. Andere haben bereits chronische Leiden, sodass sie im Wettkampf ohne Behandlung chancenlos wären. Der Graubereich ist weit. Er beginnt bei simplen Schmerzmitteln, die rezeptfrei in jeder Apotheke zu kaufen sind, er erstreckt sich über Substanzen, die leistungssteigernde Effekte haben, bislang aber nicht verboten sind. Und er endet bei eindeutigen Dopingmitteln, die dank Sondergenehmigung verabreicht werden dürfen. Sportler, die nie krank oder verletzt sind, gibt es nicht. Doch wann ist einer zu krank für seinen Sport?

Im Pferdesport gibt es eine klare Regelung: Dort dürfen die Tiere nicht eingesetzt werden, sobald sie ein Mittel bekommen, das auf der Verbotsliste steht. Aus Gründen des Tierschutzes. Solch ein konsequenter Menschenschutz existiert nicht im Hochleistungssport. Dort ist man gnädiger.

Für Athleten gibt es Ausnahmegenehmigungen, die sogenannten TUE (Therapeutic Use Exemptions). Dafür reicht ein ärztliches Attest. Zwar werden die TUE nur unter Auflagen erteilt, trotzdem hat die Zahl rapide zugenommen. Im Vorjahr gab es laut der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) 1330 Ausnahmegenehmigungen, ein Jahr zuvor waren es noch 897.

Aber es sind längst nicht alles echte Krankheitsfälle. Es lohnt sich, ein Leiden vorzuschützen und so auf legale Weise zu dopen. Vor allem im Radsport fahren auffällig viele Asthmatiker mit. Die passenden Medikamente erweitern die Atemwege und verbessern die Sauerstoffaufnahme. Ein unschätzbares Plus, wenn es bei der Tour de France um Sekunden geht. Der Heidelberger Molekularbiologe Werner Franke sagt: "Es müsste zwei Tours de France geben: eine für Asthmatiker und eine für Gesunde. Denn die Gesunden haben gegen die angeblichen Asthmatiker, die Medikamente einnehmen dürfen, keine Chance."

Brad­ley Wigg­ins, Sie­ger der Tour de Fran­ce 2012, Aus­nah­me­ge­neh­mi­gung für Tri­am­ci­no­lon we­gen Asth­ma
AFP

Brad­ley Wigg­ins, Sie­ger der Tour de Fran­ce 2012, Aus­nah­me­ge­neh­mi­gung für Tri­am­ci­no­lon we­gen Asth­ma

Vor sechs Wochen hat die Hackergruppe Fancy Bears die Festplatten der Wada geknackt und die Ausnahmegenehmigungen von bisher 127 Athleten veröffentlicht. Der Datenklau öffnete den Blick auf einen sensiblen, gut gehüteten Bereich, über den Athleten und Sportmediziner lieber schweigen. Unter den betroffenen Athleten fand sich viel Prominenz: etwa die Toursieger Bradley Wiggins und Chris Froome, die Tennisstars Serena Williams und Rafael Nadal oder Turnkönigin Simone Biles. Die Elite des Weltsports, Sinnbild für Fitness - von Krankheiten, Allergien und Syndromen geplagt?

Der Brite Wiggins zum Beispiel hatte dreimal das - eigentlich verbotene - Kortikoid Triamcinolon gespritzt bekommen, jeweils vor dem Start einer großen Rundfahrt, auch vor der Tour 2012, die er gewann. Er leide sein Leben lang an allergischem Asthma, rechtfertigte sich Wiggins. Erwähnt hatte er das allerdings vorher nie, nicht einmal in seiner Autobiografie.

Auch Wiggins' Landsmann Chris Froome hatte zwei Ausnahmegenehmigungen für Prednisolon bekommen, aus "medizinischer Notwendigkeit", wie er anmerkte. Immerhin räumte der Toursieger ein, das System der Ausnahmeregelungen lade zu Missbrauch ein. Der deutsche Radsprinter Marcel Kittel formulierte es drastischer: "Wenn jemand schweres Asthma hat, dann hat er im Leistungssport nichts zu suchen."

Würde der Ausschluss eigentlich beeinträchtigter Sportler streng gehandhabt, dann wären Karriereträume bei der ersten Diagnose schnell vorbei - wie bei einem kleinwüchsigen Jungen, der Basketball liebt. Asthmatiker im Radsport? Pech gehabt.

"Problematisch sind die chronischen Erkrankungen", sagt der Mainzer Sportmediziner Perikles Simon. Denn während es bei akuten Verletzungen meist erlaubt ist, Medikamente kurzfristig und in geringen Dosen zu verabreichen, müssen langfristige Leiden regelmäßig behandelt werden.

Die US-Turnerin Simone Biles, 19, vierfache Goldmedaillengewinnerin in Rio de Janeiro, bekommt Ritalin verabreicht. Angeblich um die Aufmerksamkeitsstörung ADHS zu therapieren, unter der sie seit ihrer Kindheit leide. Dafür besitzt Biles eine Ausnahmegenehmigung - bis zu den Enthüllungen von Fancy Bears wusste kaum jemand etwas davon.

Ritalin schärft die Konzentration, stimuliert und nimmt die Angst vor großen Aufgaben - alles Wirkungen, die einer Athletin helfen, die Salti auf dem Schwebebalken schlägt und der ein Moment der Unachtsamkeit zum Verhängnis werden kann. Ein klarer Wettbewerbsvorteil.

Se­re­na Wil­li­ams, Ten­nis­spie­le­rin, Ausnahmegeneh­mi­gung für das Cor­ti­son-Prä­pa­rat Pred­ni­so­lon
REUTERS

Se­re­na Wil­li­ams, Ten­nis­spie­le­rin, Ausnahmegeneh­mi­gung für das Cor­ti­son-Prä­pa­rat Pred­ni­so­lon

Besonders unter amerikanischen Athleten scheint Ritalin weitverbreitet zu sein. Denn in den USA erfreut sich der Wirkstoff Methylphenidat unter Schülern, Studenten und Managern großer Beliebtheit. Er gilt als Dopingmittel für das Gehirn.

Allerdings hat Ritalin Nebenwirkungen, es kann bei Kindern zu Wachstumsstörungen führen. Aber auch das kann nützen. Turnerinnen sollten eines nicht werden: groß. Seit Längerem hält sich der Verdacht, Ritalin werde bei Mädchen genau zu diesem Zweck missbraucht.

Die Grenze zwischen Therapie und Betrug verläuft oft fließend. Im Urin vieler Athleten finden sich etwa Spuren des Schmerzmittels Tramadol. Der Weltradsportverband hat Hinweise, dass Radfahrer das Mittel während des Rennens nehmen, um im Endspurt trotz der Belastungsschmerzen in die Pedale treten zu können. Die Wada aber lehnte es ab, das Mittel zu verbieten. Der Fußballer Ivan Klasnic machte den exzessiven Gebrauch von Schmerzmitteln dafür verantwortlich, dass seine Nieren kollabierten, und verklagte seine Vereinsärzte.

Oder das Nikotin: Es ist zum Problem geworden. Untersuchungen zeigen, das besonders Eishockeyspieler zu Kautabak oder Nikotinpflaster greifen. Nicht zum Genuss. Durch das Nikotin im Blut schüttet der Körper Adrenalin aus. Das putscht die Athleten auf. Verboten ist Nikotin bisher nicht, es steht bei der Wada nur auf der Watchlist - man will vorerst nur beobachten, wie es weitergeht.

Für den Mainzer Dopingexperten Simon ist der Einsatz von Human-Insulin "so ziemlich das Kernproblem im organisierten Sport". Denn "das hochpotente Hormon" wirkt auf vielfache Weise. Es hilft dem Körper, besser zu regenerieren, weil es die Glukosespeicherung fördert und so dem Ausdauerathleten nützt. Aber auch Bodybuilder und Kraftsportler profitieren von Insulin. "Durch die geschickte Kombination von Timing, Ernährung und Training kann jemand Muskelzuwächse erreichen, die er ohne das Insulin nie erreicht", sagt Simon, "es ist eine knallharte Dopingsubstanz."

Ein Diabetiker könnte aus seiner Krankheit sogar Vorteile schöpfen, weil ihm, dem auf Insulin Angewiesenen, niemand die Ausnahmegenehmigung verweigern wird. Dosiert er das Insulin höher als nötig, kann er mehr Muskulatur aufbauen und sich schneller erholen als ein Gesunder.

Fritz Sörgel, Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Heroldsberg bei Nürnberg, sagt, dass selbst die Dopingexperten die Wirkung und Verbreitung eigentlich legaler Medikamente "lange Zeit unterschätzt" hätten. Viel zu sorglos seien Ausnahmen zugelassen worden. Denn ein verantwortungsvoller Umgang mit Pharmaka scheint im Spitzensport ausgeschlossen zu sein. In der Praxis wird geschluckt und gespritzt, was schneller und stärker macht.

Auch Simon weiß um "die Kreativität von Ärzten und Therapeuten". Er regt eine Debatte darüber an, wo die Grenzen einer Krankheit im Leistungssport zu ziehen seien. Ob ein generelles Verbot von Ausnahmegenehmigungen nicht die beste Lösung sei, um Missbrauch auszuschließen.

In den entsprechenden Gremien des Sports wird darüber diskutiert. "Aber von ranghohen Verbandsärzten, deren Kompetenz darin liegt zu wissen, wie man Medikamente bei Sportlern richtig einsetzt", sagt Simon. Ausnahmegenehmigungen zu streichen hieße, den Einfluss der Mediziner einzuschränken. Das mögen viele wollen, aber die Ärzte selber wohl kaum.

Kollege Sörgel verweist auf Untersuchungen, die belegten, dass die Spitzensportler im Durchschnitt "mindestens zehn unterschiedliche Stoffe" zu sich nähmen. Um die Situation zu entschärfen, könne es nur ein Ziel geben: "den Gesamtverbrauch radikal reduzieren".

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Der erste Wutbürger


insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
bstendig 02.11.2016
1. Na wenn ich ohne Medikamente chancenlos bin
kann ich halt nicht an Profiwettbewerben teilnehmen. Das trifft so ziemlich genau auf 99,998% der Menschheit zu. Es gibt kein Menschenrecht auf eine Profisportkarriere. Aus meiner Sicht gehört das alles verboten - oder zumindest kann nein Sportler nicht starten, solange er die Medikamente nimmt. Er ist ja wohl krank. Aber das ist eben das Verlogene, in den Verbänden und bei den Zuschauern. Wenn dann wieder mal etwas auffliegt ist die Empörung groß und nach drei Wochen wieder vergessen.
dibbi 02.11.2016
2.
Das Märchen vom sauberen Spitzensport ist und bleibt eben ein Märchen! Der olympische Gedamke ist der Heuchelei, der Lüge und dem Betrug anheim gefallen und generiert mächtig Zaster in die Taschen vieler Leute... Pierre de Coubertin rotiert im Grab--- ungedopt
Thoregon 02.11.2016
3. Das ist irgendwie
eine sehr merkwürdige Überschrift...
ulrich-lr. 02.11.2016
4. Überfällig
Die Debatte darüber ist überfällig. Schluss mit dem Märchen vom sauberen Sport. Entweder Doping freigeben oder ALLE Dopingmittel für ALLE verbieten. Gleiches Recht für alle und Schluss mit der Duldung von Trickserei. Die bisherigen Sperren sind offensichtlich eine Farce. Da waren die Sportler nur zu doof, sich eine Ausnahmegenehmigung zu holen.
famd 02.11.2016
5. Die Überschrift ist gut
Spritzen und Schlucken könnte ich noch nachvollziehen...
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