Von Mathieu von Rohr
Im neuen Werbespot der SBB gleitet eine junge Frau durch eine ästhetische Welt aus Bahnhöfen, Zugabteilen und atemberaubenden Landschaften. Sie fährt Zug. In der Schweiz. Sie ist jung und schön, und sie braucht nicht die Welt zu erobern, denn sie lebt schon im Paradies. Das ist es, was diese Bilder erzählen.
Das ist die SBB, das ist die Schweiz, hier sind wir daheim.
Als ich dieses Video sah, wurde mir warm ums Herz. Dann musste ich lachen, weil mir die Selbstliebe so übertrieben erschien. Dann kullerte mir eine Träne der Rührung aus dem Auge, und ich sah es mir noch mal an.
Das Problem der Schweizer ist nie gewesen, dass es uns an Heimatliebe mangelt. Vielleicht hält sie unser vielfältig zusammengesetztes Land mehr zusammen als alles andere: die unbedingte Zuneigung zu seiner Schönheit, seinem Reichtum, seiner Unversehrtheit, zu seiner Geschichte und ihren Mythen. Zu diesem Heimatgefühl gehört die SBB selbstverständlich dazu, weil sie sauber und pünktlich ist, weil ihre Schienen die Lebensadern dieses Landes sind und alle Stationen des Paradieses miteinander verbinden. Sie verkörpert diesen Staat mehr noch als das Bundeshaus.
Nichts Schweizerischeres als die Mischung aus Fern- und Heimweh
Es ist kein Wunder, dass ich, wie jeder Auswanderer, meine Heimat bald zu idealisieren begann, ihre Schönheit, ihre Multikulturalität, ihre Bürgernähe. Das Gesamtwerk von Gölä und Patent Ochsner beweist, dass es nichts Schweizerischeres gibt als jene eigenartige Mischung aus Fern- und Heimweh.
Ich habe auch nie ganz aufgehört, mit dem Land zu hadern, in das es mich verschlagen hat. Mein Verhältnis zu Deutschland ist kompliziert und, seit ich hier lebe, auch mein Verhältnis zu meinem eigenen Land. Aber ich blieb wesentlich länger, als ich geplant hatte, und obwohl Deutschland für einen Schweizer kein Sehnsuchtsland ist, anders als Frankreich, Italien, die USA, habe ich es liebgewonnen. Deutschland hat es schwerer, seinen Bürgern das Gefühl von Heimeligkeit zu bieten, mit dem die Schweiz ihre Bürger umarmt.
Es ist auf dem Boden der Realität gebaut, auf den Trümmern der Bombenangriffe, und es trägt in seinem Innern ein Gefühl von Verlust. Selbst da, wo seine Städte schön sind, kann hinter der nächsten Ecke eine Schneise aus Nachkriegsbauten daran erinnern, wie gezeichnet dieses Land von seiner Geschichte ist. Deutschland kann sich selbst nicht lieben. Es ist ein gebrochenes Land, nicht heil wie meine Heimat, und das Heile ist es, wonach ich mich in der Fremde immer gesehnt habe. Deutschland steht für das Gegenteil des Auserwähltheitsglaubens, den wir Schweizer verinnerlicht haben: dass uns nie etwas passieren könne. Aber wir ahnen ja, dass genau das nicht mehr stimmt.
Je länger ich weg bin, desto unwirklicher erscheint mir die Schweiz mit ihrer prallen Bürgerlichkeit, wenn ich sie besuche. Ich staune über den Reichtum, der sich schon bei der Ankunft im Zürcher Flughafen zeigt, in den Einkaufsstraßen, in der Kleidung der Menschen. Und in den übereinandergestapelten Tablets und iPhones in den Zügen, die den herrlichen Song von Dabu Fantastic bestätigen: "Jedä hät än Mac, näi, näi, er hät siebä." Die Schweiz ist stets frisch gestrichen. In den Augen des Auslandsschweizers, in meinen Augen, gleicht sie zunehmend der Kunstwelt aus diesem SBB-Spot.
Ein Disneyland für die oberen Klassen
Als ich nach Deutschland kam, ärgerte mich das klischeehafte Bild, das dort von der Schweiz herrscht. Das wenige, was man über "die Alpenrepublik" weiß, ist ein verzerrter Witz, es entspricht Bildern aus Urlaubsprospekten und "Heidi"-Filmen. Es ist eine Schweiz, die nicht existiert, bevölkert von lustig sprechenden Bergbewohnern. Wer reich ist, kann dort Urlaub machen, ein Disneyland für die oberen Klassen.
Das Verblüffende ist, wie sich, je länger ich weg bin, die Bilder angleichen, die sich die Schweizer von sich selbst machen, und die sich das Ausland von ihnen macht. Wir ärgern uns, wenn die Deutschen uns für Alpöhis halten, aber wir zelebrieren die Klischees selbst, und ich bin überzeugt, wir identifizieren uns mit ihnen. Wir sind stolz auf sie. Nicht nur ich, der Schweizer in der Fremde, sehnt sich nach der heilen Schweiz, sondern auch die Schweizer, die zu Hause geblieben sind.
Ich frage mich, ob die idealisierte Heimat für die Schweizer nicht zu einem Fetisch wird, der die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit ersetzt.
Ich werde das Gefühl nicht los, dass an diesem Idyll etwas nicht stimmt. Während Europa in der größten Finanzkrise seit Jahrzehnten steckt, während europäische Länder zusammengespart werden und die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien gegen 50 Prozent steigt, erscheint mir die Schweiz als ein Ort abseits der Realität. Ihr geht es so gut wie kaum je zuvor. In welchem anderen Land ließe sich ernsthaft über einen Mindestlohn von 4000 Franken diskutieren? Die Schweiz scheint sich vom Rest der Welt entkoppelt zu haben, und obwohl mich freut, dass mein Land im Europa der Schulden eine Insel ist, liegt darin auch etwas Unheimliches.
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© DER SPIEGEL 15/2012
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