AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 48/2017

Materialkunde für Jogger Was einen guten Laufschuh auszeichnet

Viele neue Modelle sind zwar teuer, taugen aber wenig. Und einige sind sogar gefährlich. Dabei braucht ein guter Joggingschuh nicht viel.

Marathonläufer (in Frankfurt)
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Marathonläufer (in Frankfurt)

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Wer heutzutage in ein Laufschuhgeschäft geht, steht schnell im Wald. Modelle mit Namen wie Adrenaline, FujiAttack oder Alphabounce locken zum Kauf. In den Sohlen ist "BioMoGo DNA Material" oder "Ahar+" verbaut, die Obermaterialien heißen "Flyknit" oder "Primeknit".

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Heft 48/2017
Land ohne ...Richtung, ...Einigkeit, ...Kanzlerin?

Allein in Deutschland bieten rund 40 Laufschuhhersteller Hunderte Modelle an. "Der Markt ist für Laien völlig unübersichtlich geworden", sagt Stefan Grau, Professor für Biomechanik und Bewegung an der Universität Göteborg. "Und permanent kommen neue Trends und Kollektionen hinzu."

Sommer wie Winter, Laufen ist für viele Deutsche der Dauerrenner. Knapp 23 Millionen joggen gelegentlich oder regelmäßig, um Herz, Kreislauf und Muskeln zu trainieren. Von Juni 2016 bis Juni 2017 wurden hierzulande 8,7 Millionen Paar Laufschuhe verkauft, auch der Umsatz ist Rekord: 610 Millionen Euro.

In Deutschland führen Asics, Brooks, Nike und Adidas den Markt an. Der Wettbewerb ist knallhart. Stetig werben die Hersteller mit neuen Technologien.

Fast alle Produzenten haben sich auf der Suche nach Innovationen schon einmal verrannt. Als Laufen Ende der Siebzigerjahre populär wurde, klagten viele Sportler über Knieprobleme. Sportmediziner machten die flachen, kaum gepolsterten Schuhe dafür verantwortlich. Gel, Luft, Federn, spezielle Schäume, fortan wurde gedämpft, bis der Arzt kommt. Im wahrsten Sinne.

Durch die dickeren Sohlen wurde das Laufen instabiler, ein Drittel aller Jogger klagte fortan über schmerzende Achillessehnen.

Um die Jahrtausendwende wurde es deshalb zum neuen Paradigma, die Bewegung zu kontrollieren - diesmal der wissenschaftlichen Hypothese folgend, dass die Pronation, also das Nach-innen-Kippen des Fußes, schädlich sei. Ein Schuh müsse dies kontrollieren.

Die Innenseite der Zwischensohle wurde daraufhin härter geschäumt, "Dual Density" war plötzlich in aller Munde. Biomechaniker Grau: "Dass Pronation schädlich ist, wurde aber nie nachgewiesen. Im Gegenteil: Studien haben gezeigt, dass ein moderates Kippen des Fußes das Verletzungsrisiko sogar verringern kann."

Ein neues Credo musste her. Es hieß: Weniger ist mehr. Allerorts trabten nun Leute in sockenartigen Gebilden über den Asphalt. Die Folge: überlastete Bänder, Sehnen, Knorpel und Knochen, nicht selten sogar Ermüdungsbrüche und Knochenödeme. Experte Grau: "Viele waren in diesen Schuhen einfach zu schnell und zu viel gelaufen und über die Ferse statt flach über den ganzen Fuß." Nach wenigen Jahren war der Barfuß-Hype vorbei.

Der moderne Schuh soll nun Fuß, Sprunggelenk und Knie die bevorzugte, individuelle Bewegung ermöglichen - in der Annahme, dass sich der Körper naturgemäß auf das geringste Verletzungsrisiko einstellt.

Und es wird wieder gedämpft, wenn auch mit neuen Versprechen: So sollen spezielle Materialien in der Zwischensohle dem Läufer Energie zurückgeben. Der Adidas Boost war der erste Schuh dieser Art, Brooks zog mit Energize nach, Zoom heißt die Nike-Variante. Sobald ein neues Modell gut läuft, rüstet die Konkurrenz nach.

Fast alle großen Hersteller produzieren in Asien. Die Produktionskosten für einen Qualitätsschuh liegen Experten zufolge bei etwa 30 Euro. Die Ladenpreise sind eher zum Wegrennen, betragen gern das Fünf- bis Sechsfache. Ein Hightech-Modell kostet schon mal 200 Euro aufwärts.

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"Von der Technologie und Herstellung sind diese Preise nicht gerechtfertigt, damit werden vor allem Marketingkosten abgedeckt", sagt Stefan Grau. "Trekking- oder Arbeitssicherheitsschuhe sind viel aufwendiger, gibt es aber schon für die Hälfte."

Der Kölner Professor Gert-Peter Brüggemann geht noch einen Schritt weiter: "Oft ist bei einer neuen Generation von Laufschuhen nur die Farbe oder das Design geringfügig modifiziert. Die treibende Entwicklungsgröße ist das Aussehen, nicht die Technologie."

Brüggemann hat 17 Jahre lang das Institut für Biomechanik und Orthopädie an der Deutschen Sporthochschule Köln geleitet. Ein guter Laufschuh verfügt ihm zufolge über diese Merkmale: Er sollte leicht gedämpft sein, die Ferse sollte kein Spiel, die Zehen dagegen sollten genug Platz haben. Der vordere und der hintere Teil des Schuhs sollten gegeneinander verdrehbar sein. Besonders wichtig seien Passform und Komfort: "Ein Schuh muss einfach sitzen, man muss sich darin wohlfühlen. Dieses individuelle Gefühl ist entscheidend."

Viele renommierte Sportgeschäfte bieten Laufbandanalysen an, um den richtigen Schuh zu finden. Für Brüggemann sind dies "keine verbraucherorientierten Verkaufsstrategien".

Seine Kritik: "Es wird geschaut, wie jemand auftritt, videobasierte Laufbandanalysen liefern aber in der Regel keine Informationen über die Hüft- und Kniegelenke. Damit haben aber 40 Prozent der Läufer Probleme. Und da entstehen nachhaltige Schäden, in den Binnenstrukturen, im Knorpel, am Kapselbandapparat."

Zudem seien 90 Prozent der Leute nicht gewohnt, auf dem Band zu laufen. Der Testlauf spiegle also gar nicht ihren natürlichen Laufstil wider, auch sei das Zeitfenster viel zu kurz. "Bei normalen Läufern ermüden die Muskeln um das Sprunggelenk nach circa 25 Minuten, da muss der Schuh wirken." Brüggemann empfiehlt deshalb, Laufschuhe nachmittags oder nach dem Training zu kaufen - also wenn man schon eine gewisse Zeit auf den Beinen war.

Doch wann ist es überhaupt Zeit für ein neues Paar? Laut einer Studie der Universität Chemnitz meist alle 600 bis 1000 Laufkilometer. Danach können die Schuhe bis zu 50 Prozent ihrer Dämpfung verlieren. Für die Haltbarkeit spielt auch das Gewicht des Läufers eine Rolle und wie der Schuh gepflegt wurde. Nur so viel: Ein Laufschuh gehört weder in die Waschmaschine noch auf die Heizung.

Schmerzen an Fuß, Knie oder Rücken können anzeigen, dass die Schuhe ihre Funktion verloren haben. Auch ausgeleiertes Obermaterial weist aufs Aussortieren hin.

Die Hersteller sind dem "Designwahn verfallen", verkaufen teilweise "Verletzungsmaschinen".

Laut Brüggemann sollte ein regelmäßiger Läufer zwei Paar Schuhe zum Wechseln haben, damit sich das Material zwischenzeitlich regenerieren kann. "Das kann auch gern das gleiche Modell sein, sofern die Sohle für den Untergrund geeignet ist."

Der Chemnitzer Bewegungswissenschaftler Thomas Milani dagegen wirbt für zwei, drei unterschiedliche Paare. "Monotonie schadet dem Körper immer. Unterschiedliche Schuhe dagegen erhöhen die Anforderung an den Körper."

Auch Milani kritisiert, dass die Hersteller oft dem "Designwahn verfallen sind" und sich in den Geschäften immer wieder neuartig gestaltete Modelle finden, die er teilweise sogar als "Verletzungsmaschinen" bezeichnet: Schuhe etwa mit bis zu 30 Millimeter sogenannter Rückfußhöhe und zu viel Dämpfung - die dann noch 250 Euro kosten, weil sie superleicht sind.

"Für Leistungssportler mag das Gewicht eine Rolle spielen", sagt Milani, "und auch bei Fußballschuhen ist das ein Thema, für den Hobbyläufer spielt es aber keine Rolle, ob ein Schuh nun 220 oder 280 Gramm wiegt."

Ein Paar Laufschuhe kostet im Schnitt derzeit 80 Euro. Für diesen Preis, sind sich Experten einig, bekommt man schon solide Ware. Im Zweifel hilft es, nach Auslaufmodellen zu schauen.

Das Zauberwort der Zukunft heißt "Customisation". Die Kunden können sich die Füße scannen lassen. Ein individueller Leisten wird dann digital konzipiert. Farbe ausgesucht, fertig.

Was jedoch aktuell noch fehlt, sind komplett recycelbare Modelle - bislang produzieren Laufschuhe gigantische Müllberge.

Vor einigen Jahren haben Forscher der US-Universität Massachusetts Institute of Technology einen Laufschuh exemplarisch auf seinen CO²-Fußabdruck analysiert und den Wert auf alle international verkauften Laufschuhe in einem Jahr hochgerechnet. Das Ergebnis macht kurzatmig: Der Kohlendioxid-Ausstoß entspricht dem Spaniens.

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