AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 39/2017

Smarte Helfer Was Haushaltsroboter heute schon können - und was nicht

Sie mähen Rasen, putzen Fenster, saugen Staub: Roboter für den privaten Gebrauch werden immer beliebter - und billiger. Sind sie ihr Geld wert?

Mähroboter
Sammy Hart / DER SPIEGEL

Mähroboter

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Solche Situationen kennt wohl jeder Kellerbesitzer: Wo hatte man im vergangenen Herbst den Grillanzünder verstaut? Vorn bei den Gartensachen oder doch weiter hinten bei den Reinigungsmitteln? Und wo liegt doch gleich die Luftmatratze, die man seit Jahren nicht mehr rausgeholt hat? Da hilft nur eines: lästiges Suchen.

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Heft 39/2017
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Bislang jedenfalls. Im Entwicklungslabor des Roboterherstellers Kuka lässt sich diese Aufgabe per Tastendruck erledigen. Ein kurzer Computerbefehl, dann fährt der "KMR iiwa" genannte Roboter zu einem Metallregal. Ähnlich wie ein Mensch schaut er mit seiner Kamera in die einzelnen Regalfächer. Liegt das gesuchte Teil dort? Um das herauszufinden, vergleicht ein Computerprogramm die Fotos mit zuvor gespeicherten Vorlagen. Passt beides zusammen, fährt der "KMR iiwa" seine mechanische Hand aus und legt das Teil in seine Transportbox.

Raus aus ordentlichen Industriehallen, wo alles seinen Platz hat, rein in die Haushalte: Die Roboter sind dabei, sich eine neue Welt zu erobern. Und was für eine: "Es gibt kein chaotischeres Umfeld als bei Menschen zu Hause", sagt Dominik Bösl, verantwortlich für Konsumentenroboter bei Kuka. Knapp ein Jahr nach der Übernahme durch den chinesischen Haushaltsgerätehersteller Midea hat Kuka angekündigt, einen persönlichen Assistenten für den Haushalt bauen zu wollen.

Mit Details hält sich das Augsburger Unternehmen noch zurück. Aber Kuka glaubt offenbar an ein großes Geschäft mit den Hausfrauen und -männern dieser Welt.

Sonst würde sich die Firma kaum aus ihrer Komfortzone der Industrieroboter wagen. Dort kennt Kuka sich aus, verkauft Maschinen, die pro Stück einige Zehn- oder gar Hunderttausend Euro kosten.

Die privaten Haushalte haben sich in den vergangenen Jahren zu einem neuen Absatzmarkt für Roboter entwickelt. 2016 wurden laut dem Weltroboterverband IFR weltweit rund 4,7 Millionen autonome Haushaltsgeräte verkauft, ein Plus von 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Sie saugen und wischen den Boden, putzen Fenster und Swimmingpools und mähen den Rasen, immer mit dem einen Versprechen: seinen Besitzer von den lästigen Pflichten der Hausarbeit zu befreien. Ein Ende des Wachstums ist nicht in Sicht. Der IFR erwartet, dass im Jahr 2020 rund zwölf Millionen Haushaltsroboter pro Jahr verkauft werden.

Diese Dynamik wirbelt den Markt für Haushaltsgeräte durcheinander. Neue Anbieter treten an, die Hausarbeit zu revolutionieren. Althergebrachte Marken wie Miele oder Siemens konkurrieren auf einmal mit Robotikspezialisten wie Kuka. Die einen kennen die Verbraucher, die anderen haben das technische Know-how. Wer ist in diesem Wettbewerb im Vorteil? Und wie realistisch ist die Hoffnung auf eine autonome Haushaltshilfe überhaupt? Klar ist schon heute: Es wird nicht reichen, einen Staubsauger lediglich mit Sensoren und Software auszustatten. Technisch möglich ist schon heute vieles. Aber: "Die Hersteller müssen das auch so bauen, dass es bezahlbar wird", sagt Patrick Schwarzkopf, Geschäftsführer des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), Robotik und Automation. "Erst ein niedriger Preis öffnet den Markt für viele Konsumenten." Und die Preise fallen. Einfache Staubsaugerroboter sind für rund 200 Euro zu haben - und damit kaum teurer als ein traditionelles Gerät, bei dem man noch selbst Hand anlegen muss. Kaufen kann man die Roboter inzwischen in jeder Fußgängerzone, und Onlinehändler haben reichlich Auswahl. Auch für einen Rasenmähroboter muss man mittlerweile nicht mehr zum Fachhändler fahren, sondern nur noch zum Baumarkt um die Ecke.

Das Beispiel Miele zeigt, wie alte Marken den Anschluss an die technologische Entwicklung verlieren können. Zunächst verschlief der deutsche Traditionshersteller den Trend und brachte erst 2014 einen Saugroboter in den Handel, zwölf Jahre nach dem weltweit ersten Modell. Dann fiel der Miele-Sauger auch noch bei der Stiftung Warentest durch. Beim Test im Februar 2017 landete er auf dem letzten Platz - eine Klatsche für die Edelmarke.

Die Umsätze machen heute andere, allen voran die US-Firma iRobot. In den Neunzigerjahren entwickelten die Amerikaner zunächst einen Minensuchroboter für das Militär, Anfang der Zweitausender kam die Haushaltssparte hinzu. Offenbar ist es leichter, unter einen Minensuchroboter einen Saugstutzen zu schrauben, als einen handelsüblichen Staubsauger autonom durch eine Altbauwohnung zu navigieren. Denn obwohl Miele seit Jahrzehnten Staubsauger baut, fehlte den Bielefeldern für den Bau eines Roboters das Wissen. Stattdessen ließen sie ihren Saugroboter von einem koreanischen Partnerunternehmen entwickeln und fertigen.

Vorwerk hat zwar längst eigene autonome Modelle seiner Kobold-Sauger auf dem Markt, kauft sich jetzt aber Know-how aus dem Silicon Valley dazu: Das Unternehmen schluckt den iRobot-Konkurrenten Neato Robotics.

Der Gartengerätehersteller Gardena setzt auf eigene Entwicklungen. Auf einer Testwiese in einem verborgenen Winkel des Firmengeländes in Ulm ziehen eine Handvoll Rasenmähroboter ihre Bahnen. Vorn kurvt ein älteres Modell im Langzeittest; weiter hinten fährt die Neuentwicklung für die Saison 2018. Holzpfähle mitten auf dem Rasen machen dem Roboter das Mähen schwer, auch auf einem Hang soll das Gerät das Gras kurz halten.

Seit 2012 hat Gardena einen Rasenmähroboter im Sortiment, doch die Entwicklung dafür begann bereits in den Neunzigerjahren bei der heutigen Gardena-Muttergesellschaft, dem schwedischen Husqvarna-Konzern. Die Ingenieure und Softwareentwickler erdachten eine neue Schneidetechnik und die Software für die Navigation. Auf dieser Basis konnten die Gardena-Produktentwickler später aufbauen und den Robotermäher für Hobbygärtner anpassen. Gardena schaffte so den Schritt in die Roboterwelt - musste aber ebenfalls schnell lernen, dass es in Zeiten der Digitalisierung nicht mehr ausreicht, ein Produkt einmal fertig zu entwickeln und zu verkaufen. "Wir waren traditionell immer ein Hardwarehersteller", sagt Unternehmenschef Sascha Menges. Harken, Teichpumpen, Gartenschläuche, Rasenmäher: Über Jahrzehnte aktualisierte Gardena seine Produkte einmal im Jahr, nämlich im Frühling, wenn die Gartensaison beginnt.

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Doch im Internetzeitalter herrscht ein anderes Tempo. 2016 veröffentlichte Gardena eine Smart-App, mit der Hobbygärtner ihre Gartengeräte inklusive Roboter per Smartphone steuern können. Der Produktstart lief nicht wie geplant. Im Netz beschwerten sich Kunden über fehlende Funktionen, Abstürze und die lange Wartezeit für Updates. "Die Erwartungen der Kunden sind im Digitalen anders als bei unseren klassischen Produkten", sagt Menges.

Mittlerweile versucht das Unternehmen, alle paar Wochen Updates zu veröffentlichen. Die Abteilung für Qualitätssicherung testet dauerhaft neue Funktionen und nicht mehr im Jahresrhythmus wie früher. Und im Kundenservice wurden neue Stellen geschaffen, um die steigende Zahl der Nachfragen zeitnah beantworten zu können. Ein Mähroboter ist eben schwieriger zu bedienen als eine Harke.

Und für viele Deutsche ist ein Roboter im Haushalt mehr als nur ein neuer Rasenmäher, wie sich in der Werkstatt von Gardena beobachten lässt. Gerade ist ein kaputter Rasenmähroboter eingetroffen, der von seinem Besitzer liebevoll in Ferrari-Rot angemalt wurde. Manche kleben ihren Mähern auch Augen auf. Einer Sendung liegt ein handbeschriebener Zettel bei. "Bitte schnell zurück, das Gras wächst", steht groß in der Mitte des Blattes. Viele geben ihrem automatischen Helfer auch einen Namen.

In Internetforen wiederum tauschen sich Kunden aus, wie man seinen "Robo 2.0" am besten vor Wind und Wetter schützt. Das angebotene Plastikdach von Gardena ist da für viele nur die Minimallösung. Ruhiger können viele Besitzer offenbar schlafen, wenn der Robi eine kleine Holzgarage hat oder sogar ein Häuschen aus Metall und mit Rolltor.

Diese Leidenschaft mag verblüffen - schließlich arbeiten die Geräte lediglich stumpf eine Zeile Programmcode nach der anderen ab. Und ihr Können ist noch sehr limitiert. "Bisher waren das alles ziemlich niedrig hängende Früchte", sagt VDMA-Geschäftsführer Schwarzkopf. Die heutigen Roboter seien von der Traumvorstellung einer maschinellen Haushaltshilfe, die morgens Staub wischt und abends bügelt, doch sehr weit entfernt.

Wer heute saugen, wischen und Fenster putzen lassen will, der muss sich drei Roboter kaufen. Kein namhafter Hersteller hat ein Multifunktionsgerät im Angebot. Anders als die Rasenmäher taugen die Putzhilfen bisher überhaupt nur als Zweitgerät - ihre analogen Pendants können sie nicht vollständig ersetzen.

Beispiel Staubsaugen: Die Stiftung Warentest hat die Roboter extra in einer eigenen Produktgruppe getestet - im Vergleich mit der Saugleistung normaler Geräte wären sie sonst durchgefallen. "Die heutigen Batterien reichen für eine größere Saugwirkung nicht aus", sagt Schwarzkopf. Und obwohl die Roboter mit Lasern oder Kameras den Raum scannen, können sie sich entgegen den Versprechen der Hersteller nur eingeschränkt autonom bewegen. Aufs Sofa kommen sie nämlich genauso wenig wie hinter die Tür - und wer eine Wohnung über mehrere Etagen hat, muss seinen Roboter hoch- und runtertragen oder sich einen zweiten zulegen.

"Die Software hat sich deutlich schneller entwickelt als die Hardware", sagt auch Dominik Bösl von Kuka. "Neue Hardware zu entwickeln ist naturgemäß aufwendiger." Der "KMR iiwa" ist da eines von vielen Beispielen. Zwar schafft er es, in einem chaotischen Regal das richtige Teil zu finden. Aber der komplette Roboter wiegt mehr als 400 Kilogramm, auch weil die Batterie so schwer ist. Und er ist für Privatleute unerschwinglich.

Das wissen auch die Augsburger und tüfteln an einem Gerät, das neue Funktionen bietet und trotzdem bezahlbar bleibt. In spätestens drei Jahren will Kuka bekannt geben, was der erste Haushaltsroboter aus dem eigenen Haus können soll. Dann wird sich zeigen, ob die Robotikkompetenz aus der Industrie auch für das Geschäft mit Privatkunden taugt.

Den Alleskönnerroboter wird es - sehr zum Leidwesen jedes Kellerbesitzers - auf absehbare Zeit nicht geben. Stattdessen werden die bekannten Geräte in kleinen Schritten den Alltag erobern, darin sind sich Experten einig.

Als Nächstes kommt die Integration in das Smarthome. Der Rasenmähroboter kommuniziert dann mit der Bewässerungsanlage und bleibt stehen, solange der Rasen gesprengt wird. Und erste Saugroboter lassen sich bereits mithilfe der bekannten Sprachassistenten wie Amazons Alexa oder Google Home steuern. Da reicht es dann, auf dem Sofa zu liegen und zu sagen: "Jetzt das Wohnzimmer saugen" - und schon legt der kleine Helfer los.



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