AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 39/2017

Bildung Was Schulen ihren Ex-Schülern im Bundestag empfehlen

Bildung war ein Wahlkampfschlager, die Parteien überboten einander. Wie sieht es heute an den Schulen aus, die unsere Spitzenkandidaten einst besuchten? Wünsche aus der Praxis an die Politik.


Schulz 1962
Privat

Schulz 1962

"Warum werden fast alle Abiturienten an die Unis gespült?"

SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz besuchte von 1962 bis 1966 die katholische Knabenschule Lehnstraße in Würselen und machte nach der Mittleren Reife eine Buchhändlerausbildung. Die Berufsschule, die er in Köln besuchte, heißt heute Joseph-DuMont-Berufskolleg. Jennifer Kupka lässt sich dort seit anderthalb Jahren zur Buchhändlerin ausbilden:

"Meine Klasse ist der letzte Jahrgang, der die Buchhändlerausbildung macht. Nach uns wird das Fach am Berufskolleg in Köln nicht mehr unterrichtet. Es gibt zu wenig Nachwuchs, wir sind nur zehn Schüler. Dabei ist unsere Ausbildung so vielfältig und akademisch wie kaum eine andere. Wir haben Deutsch und Literaturgeschichte, beschäftigen uns mit Wirtschaftsprozessen, Mathe und Steuern. Das Problem ist, dass an vielen Gymnasien die Schüler nichts über solche Ausbildungen erfahren, stattdessen heißt es, das Studium sei der Königsweg. Fast alle werden dann an die Unis gespült. Auch ich habe nach dem Abi sechs Semester studiert, erst Deutsch, später Biologie. Dann habe ich das Studium abgebrochen, ich fühlte mich in den Menschenmassen auf dem Campus verloren. Die Ausbildung war die perfekte Alternative für mich."


"Wir sind eine benachteiligte Schulform"

Cem Özdemir, Spitzenkandidat der Grünen, legte 1982 an der Geschwister-Scholl-Realschule im baden-württembergischen Bad Urach die Mittlere Reife ab. Stefan Dietz ist dort heute Schulleiter:

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Heft 39/2017
Zehn Wege für Bildung und Erziehung - Wie Schule endlich gelingt

"Die vorige Regierung in Baden-Württemberg hat versucht, die Gemeinschaftsschule als Alternative zur Realschule zu stärken. Wir wollten aber immer Realschule bleiben. Zum Glück für uns hat die Landesregierung beschlossen, die Realschule wieder zu fördern. Ab 2019/2020 können Schüler bei uns auch die Prüfung zum Hauptschulabschluss machen, worauf wir sie schon jetzt gezielt vorbereiten. Ein großes Problem für uns ist dabei, dass wir bei der Lehrerzuteilung im Vergleich zu den Gemeinschaftsschulen immer noch benachteiligt werden. In unserem Regierungsbezirk wird dafür ein Schüler-Lehrer-Koeffizient verwendet, für eine gewisse Anzahl von Schülern bekommt man einen Lehrer zugeteilt. Der Koeffizient ist aber bei Gemeinschaftsschulen besser als bei Realschulen."


"Stress und Überforderung sind ein großes Problem"

Sahra Wagenknecht, Spitzenkandidatin der Linken, machte 1988 ihr Abitur an der Erweiterten Oberschule in Berlin-Marzahn. Das Tagore-Gymnasium ist die Nachfolgeschule, Laura-Elisa Langanke geht dort in die 12. Klasse:

"Im vergangenen Schuljahr bestand unser Jahrgang aus 115 Schülern, jetzt sind wir nur noch ungefähr 80. Manche wiederholen die 11. Klasse, andere haben die Schule abgebrochen und machen eine Ausbildung. Stress und Überforderung sind für einige ein großes Problem. Der Schulalltag ist nicht immer einfach, manche fühlen sich ausgeschlossen. Das hat nicht immer etwas mit dem Unterricht oder den Lehrern zu tun, es geht auch um Privates. Wir haben auch Transgender bei uns am Gymnasium. Viele Schüler haben daher das Bedürfnis zu reden und wünschen sich, dass es einen Sozialarbeiter gibt, an den man sich mit Problemen wenden kann. Wir haben zwar Vertrauenslehrer, aber mit Lehrern, die man später im Unterricht wiedersieht, möchte man nicht über persönliche Dinge sprechen."

"Die Lehrer müssen kehren"

Moritz Prather, Schüler in der 12. Klasse: "Unser Gymnasium besteht aus zwei Gebäuden, die jeweils mehrere Stockwerke haben. Es ist aber nur eine Reinigungskraft angestellt, die natürlich nicht alles alleine putzen kann. Ich wünsche mir, dass sie Unterstützung bekommt. Zurzeit ist es so, dass manchmal auch Lehrer zum Besen greifen."


Merkel 1971

Merkel 1971

"Unsere Schüler warten eine Stunde lang auf den Bus"

Kanzlerin Angela Merkel, CDU, besuchte bis 1973 die Erweiterte Oberschule in Templin. Heute befindet sich in dem Gebäude die Aktive Naturschule, eine Gesamtschule in freier Trägerschaft. Birgit Bader ist dort Schulleiterin:

"Bei uns in der Uckermark wurde der öffentliche Nahverkehr in den vergangenen Jahren stark eingedampft. Nachmittags gibt es kaum noch regelmäßigen Busverkehr auf die Dörfer, es kommt vor, dass manche Schüler über eine Stunde lang auf den Bus warten müssen und dann noch mal eine Stunde lang fahren, bis sie endlich zu Hause sind. Einige können deswegen nicht an den Nachmittags-AGs der Schule teilnehmen. Unser Landkreis hat zu wenig Geld, um das Problem zu beheben. Die Politik sollte sich darum kümmern, dass Schüler aus ländlichen Regionen beim Transport nicht so benachteiligt werden. Und es wäre schön, wenn in unserer Sporthalle bald Duschen eingebaut würden. Wenn die Schüler schon so lange Heimwege haben, dann sollten sie nach dem Sportunterricht zumindest nicht verschwitzt im Bus sitzen müssen."

"Wir fühlen uns diskriminiert"

Frank Sturm, Lehrer und pädagogischer Koordinator: "Unsere Gesamtschule ist eine Schule in freier Trägerschaft, die sich am Montessori-Konzept orientiert. Wir bekommen nur 70 Prozent der finanziellen Förderung, die staatliche Schulen erhalten. Mit anderen Worten: Unsere Lehrer verdienen weniger als Lehrer an Regelschulen, die Eltern unserer Schüler bezahlen im Schnitt 183 Euro pro Monat Schulgeld und müssen zudem bei den Fahrdiensten oder bei der Renovierung unserer Anlagen helfen. Wir fühlen uns diskriminiert, weil wir ein alternatives pädagogisches Konzept verfolgen. Dabei haben die freien Schulen Lehrformen entwickelt, die inzwischen auch von staatlichen Schulen übernommen wurden: zum Beispiel die freie Arbeit, Projektunterricht oder Themenwochen."

"Die Computer stürzen ab"

Paul Beckmann, Schüler in der 10. Klasse: "Wir nutzen im Mathe-Unterricht manchmal Rechenprogramme auf Computern. Leider haben sie nur i3-Prozessoren, was bedeutet, dass die Computer öfters abstürzen oder gar nicht erst hochfahren."


"Die Renovierung unserer Schule wurde dreimal verschoben"

Joachim Herrmann, Spitzenkandidat der CSU, besuchte das Gymnasium Fridericianum in Erlangen, wo er 1975 Abitur machte. Gerhard Nöhring ist dort heute Schuldirektor:

"Mein größter Wunsch ist bereits in Erfüllung gegangen: die Wiedereinführung des neunjährigen Gymnasiums. Die Schülerinnen und Schüler brauchen eine angemessene Zeit für ihre Entwicklung, und die haben sie jetzt wieder. Wunschlos glücklich bin ich deswegen aber nicht. Wir haben zurzeit viele Studienreferendare bei uns, die leider immer nur kurzzeitig am Gymnasium eingesetzt werden, was Kontinuität im Unterricht erschwert. Ein anderes Problem gibt es beim Unterrichtsmaterial. Die Stadt sollte uns bei digitalen Lehrmitteln und im naturwissenschaftlichen Bereich so ausstatten, dass wir nach den Vorgaben des Lehrplans arbeiten können. Es dauert aber meist lange, bis kaputte Lehrmittel repariert sind oder neue ankommen. Das frustriert manche Lehrer. Und: Die Renovierung unserer Schule wurde schon dreimal verschoben."


Lindner 1997
Deutsche Welle TV

Lindner 1997

"Bedenken First. Digital Second"

Der FDP-Spitzenkandidat Christian Lindner machte 1998 sein Abitur am Städtischen Gymnasium Wermelskirchen in Nordrhein-Westfalen. Marc Mattiesson ist dort Lehrer für Sozialwissenschaften und Geografie:

"Die Partei unseres früheren Schülers Christian Lindner wirbt mit der Parole: ,Digital First. Bedenken Second.' Was Digitalisierung in der Schule angeht, finde ich, dass der Slogan anders lauten sollte: ,Bedenken First. Digital Second.' Ich bin selbstverständlich nicht gegen digitale Technik im Schulunterricht, wir haben auch an unserem Gymnasium interaktive Whiteboards und Tablets im Einsatz. Aber es stört mich, dass es in der Diskussion vor allem um die Ausstattung geht und weniger um die Frage: Wann sind digitale Lernmittel sinnvoll und wann nicht? Es gibt auch keine Debatte darüber, wie sich der Lehrerberuf in einer digitalen Schule verändern wird. Wir müssen den Schülern beibringen, sich verantwortlich in einer technologisierten Welt zu bewegen. Doch leider spielt das in der Lehrerausbildung noch eine sehr geringe Rolle. Andere Schulreformen wie G8 wurden zu schnell durchgepeitscht, ich wünsche mir, dass das beim Thema Digitalisierung nicht passiert."

"Unsere Schulen müssen vergleichbarer werden"

Schulleiterin Marita Bahr: "Ich wünsche mir, dass die Schulpolitik länderübergreifend organisiert wird. Es würde uns sehr helfen, wenn unsere Schulen vergleichbarer wären. Wir haben an unserem Gymnasium mehrere Schülerinnen und Schüler pro Jahr, die von Schulen aus anderen Bundesländern zu uns nach Wermelskirchen wechseln. Sie einzugliedern, stellt uns regelmäßig vor Probleme, wir müssen bei jedem neuen Schüler, jeder neuen Schülerin einzeln herausfinden, ob er oder sie nahtlos in die gymnasiale Schullaufbahn unseres Bundeslandes eingegliedert werden kann. Auch die Anforderungen an die Abiturienten und in den Abiturprüfungen unterscheiden sich je nach Bundesland zu stark. Das führt dazu, dass Studenten im ersten Unisemester ganz verschiedene Startvoraussetzungen haben."

"Ein individueller Weg zum Abi"

Alina Scheben, Schülerin in der 11. Klasse: "Ich mache gerade mein Abitur. Es stört mich, dass ich bei der Gewichtung meiner Fächer recht starre Vorgaben habe. Für mich war es zum Beispiel früh klar, dass ich Sport-Leistungskurs belegen möchte. Das bedeutet aber, dass ich dazu eine Naturwissenschaft, eine Sprache und ein gesellschaftswissenschaftliches Fach belegen muss. Obwohl ich in allen Fachbereichen gut bin, fände ich es besser, wenn wir Abiturienten mehr Wahlmöglichkeiten hätten, Fächer individueller kombinieren könnten. Damit würden die Stärken des Einzelnen besser gefördert."


"Die Integration von Flüchtlingen folgt dem falschen Ansatz"

Der AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland machte sein Abitur 1959 an der Erweiterten Oberschule in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz). Aus der Oberschule ist das Karl-Schmidt-Rottluff-Gymnasium geworden, das von Ronald Langhoff geleitet wird:

"Ein Problem für uns ist der Generationswechsel bei den Lehrern. Ich bin mit 53 Jahren noch einer der Jüngeren. Langsam kommen zwar junge Kollegen nach, doch dazwischen klafft ein Loch. Eine schwierige Aufgabe für uns ist auch die Integration von Migranten- und Flüchtlingskindern in den Unterricht. Aktuell haben wir zwei Klassen, in denen den Kindern Deutsch beigebracht wird. Unterrichtet werden sie aber nicht von Spezialisten. Bei uns übernimmt eine Französisch- und Spanischlehrerin den Deutschunterricht. Ein zusätzliches Problem: Das Deutsch, das den Kindern in den Sprachklassen beigebracht wird, hilft häufig nicht im Schulalltag. In Mathe kommen sie trotzdem nicht mit. So erleben sie ständig Versagen, was für die Integration nicht förderlich ist. Da muss sich die Diskussion im Kultusbereich ändern. Wir versuchen zum Beispiel, mit den Sprachschülern Matheaufgaben durchzurechnen, damit sie später im Regelunterricht auch zurechtkommen. So sollen sie das Gefühl bekommen, dass sie es selbstständig schaffen."



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