AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 1/2018

Interview zu Netflix-Serie über die Queen "Fast alles, was in 'The Crown' passiert, ist passiert"

In seiner TV-Serie "The Crown" erzählt Peter Morgan die Lebensgeschichte von Queen Elisabeth - obwohl er sie und ihre Familie im Grunde für Witzfiguren hält.

Darstellerin Claire Foy als Königin Elizabeth in "The Crown": "Ihr Interesse galt immer dem Erhalt des Commonwealth"
Coco Van Oppens / Netflix

Darstellerin Claire Foy als Königin Elizabeth in "The Crown": "Ihr Interesse galt immer dem Erhalt des Commonwealth"

Ein Interview von


Sebastian Reich

Der Brite Peter Morgan, 54, ist Autor preisgekrönter Filme wie "The Queen", "Frost/Nixon" und "Der letzte König von Schottland". Die zweite Staffel seiner Serie "The Crown" läuft seit Dezember auf Netflix.


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Heft 1/2018
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SPIEGEL: Mr Morgan, kann es sein, dass Sie insgeheim versuchen, die britische Monarchie abzuschaffen?

Morgan: Ich glaube nicht, dass ich einen Monarchisten umstimmen könnte, selbst wenn ich wollte. Ich will aber gar nicht. Wie kommen Sie darauf?

SPIEGEL: Der britische Publizist Walter Bagehot hat gesagt, nur das Geheimnisvolle halte die Monarchie am Leben: "Wir dürfen kein Tageslicht an diese Art Magie lassen." Genau das aber tun Sie.

Morgan: In den vergangenen Jahrzehnten wurde der Buckingham-Palast ja bereits mit Flutlicht ausgeleuchtet. Wobei meist schrille Boulevardschlagzeilen an die Öffentlichkeit gelangten. Wir zeigen dagegen die ganze Komplexität dieser lächerlichen Institution und machen sie dadurch vielleicht wieder geheimnisvoller.

SPIEGEL: Was ist so lächerlich daran?

Morgan: Das Sowohl-als-auch von Monarchie und Republik ist einfach dämlich. Wir nennen uns Demokratie und lassen unsere Anführer vom Volk wählen. Dann allerdings kann es logischerweise nicht so sein, dass einige vom Kontinent importierte Verwandte von Königin Viktoria, die sich mit dem Fantasienamen Windsor schmücken, plötzlich die sichtbarste und herausragende Rolle in dieser Gesellschaft spielen. Und das aufgrund eines Geburtszufalls. Das ergibt keinen Sinn und ist genauso verrückt wie Religion.

SPIEGEL: Das Königshaus hat ja de facto keine Macht.

Morgan: Das stimmt. Aber jede einzelne öffentliche Institution in diesem Land - unsere Regierung, unser Parlament, unsere Gerichte, unsere Streitkräfte - gehört zu dieser Familie oder handelt ganz offiziell in ihrem Namen.

SPIEGEL: Wenn Sie das britische Königshaus mit anderen in Europa vergleichen: Ist dieses hier besonders komisch?

Morgan: Es ist ein völlig überholtes Konzept. Das vorausgeschickt, halte ich Queen Elizabeth II. schlicht für außergewöhnlich.

SPIEGEL: Haben Sie sie nicht kürzlich erst als "Frau vom Land mit begrenzter Intelligenz" beschrieben?

Morgan: Oje, dieses Zitat schon wieder. Es läuft mir nach wie ein Dackel - dabei ist es total aus dem Zusammenhang gerissen. So habe ich es gar nicht gemeint.

SPIEGEL: Wie denn?

Morgan: Was ich damit sagen wollte, war eher, dass sie eine Frau mit begrenzter Fantasie ist. Die hat sie vielleicht mal gehabt, aber sie musste sie unterdrücken, um ihren Job als Königin ausführen zu können.

SPIEGEL: Deshalb ist "The Crown" das Porträt einer Gefangenen geworden.

Morgan: Die Fragen, die mich beschäftigt haben, waren: Wo beginnt die Krone, und wo hört Elizabeth Windsor auf? Ist sie schon so lange Königin, dass sie vergessen hat, wer sie ist? Sie hatte eigentlich nie die Chance, sie selbst zu sein. Das ist ein einzigartiges soziologisches Phänomen.

SPIEGEL: Ist ihr das vorzuwerfen?

Morgan: Nein, aber als Dramatiker stellt mich das vor erhebliche Probleme. Wer für eine Serie den idealen Charakter sucht, mit dem er Jahre seines Lebens verbringen wird, würde eher nicht auf die Idee kommen, eine mittelalte Frau vom Land mit begrenztem Sie-wissen-schon zu wählen.

SPIEGEL: Sondern?

Morgan: Tony Soprano! Der kann gewalttätig, romantisch, herrisch, verletzlich sein, und vor allem hat er das Sagen, er bestimmt die Dinge. Sie dagegen ist still, passiv, das sind nicht unbedingt die herausragenden Eigenschaften, die man für einen Hauptcharakter benötigt. Man findet nicht viele griechische Tragödien, die eine derart zurückgenommene Hauptfigur haben. Sie ist ja sogar zögerlicher als Hamlet. Sie ist eine Antiheldin.

SPIEGEL: Der Sie gleichwohl verfallen sind. Warum?

Morgan: Nun, ich habe sie mit unseren derzeitigen Politikern verglichen. Ich bin ganz sicher kein Monarchist, aber ich bin eine Art Elizabethist.

Im Video: Ausschnitte aus "The Crown"

Robert Viglasky / Netflix

SPIEGEL: Sie haben bewusst auf eine Zusammenarbeit mit dem Buckingham-Palast verzichtet, der ohnehin eher verschwiegen ist. Wie historisch korrekt ist "The Crown"?

Morgan: Also, lassen Sie uns die abendfüllende Diskussion überspringen, wo die Trennlinie zwischen Wahrheit und Fiktion verläuft. Das Gute an der königlichen Familie ist, dass es unfassbar präzise Aufzeichnungen darüber gibt, wo ihre Mitglieder zu einem bestimmten Zeitpunkt waren. Deswegen kann man sagen: Fast alles, was in "The Crown" passiert, ist passiert. Was die einzelnen Familienmitglieder dabei dachten oder fühlten, wissen wir nicht. Da kommt meine Fantasie ins Spiel.

SPIEGEL: Was fasziniert Sie so sehr an Elizabeth II.?

Morgan: Dass sie immer noch da ist. Selbst in diesem Multimediazeitalter mit seiner Hypersensibilität. Schauen Sie sich ein Staatsoberhaupt wie Donald Trump an, den kann schon nach einem Jahr kaum noch jemand ertragen. Sie dagegen hat es geschafft, über fast ein Dreivierteljahrhundert sichtbar zu bleiben, und trotzdem sind wir ihrer noch immer nicht überdrüssig. Diese Standfestigkeit ist faszinierend. Und die Demokratie ist gerade in einem derart chaotischen Zustand, dass man sagen kann, wenn die Monarchie so ist wie sie, dann sollte man sie vielleicht behalten.

SPIEGEL: Das sehen die meisten Briten auch so. Die Zustimmungsraten über die Jahrzehnte sind erstaunlich.

Morgan: Und ich würde wetten, dass ihre Zustimmungsraten jetzt gerade so hoch sind wie fast nie zuvor. Das hängt eindeutig damit zusammen, dass Politiker unser Land regieren, die erkennbar nicht im Interesse der Nation handeln und mit dem Brexit unsere Demokratie aufs Spiel setzen.

SPIEGEL: Der Prinzgemahl, der Herzog von Edinburgh, hat die Queen mal als "Therapeutin des Commonwealth" bezeichnet. Es scheint, das britische Mutterland könnte zurzeit dringlicher eine Therapeutin gebrauchen.

Morgan: Wobei ich ziemlich sicher bin, dass sie im tiefsten Herzen ebenfalls Brexit-Befürworterin ist.

SPIEGEL: Bei ihrem jüngsten Auftritt im Parlament hat sie doch für alle sichtbar einen Hut in den Farben der Europäischen Union getragen.

Morgan: Ich glaube, das war ein Unfall, man sollte da nicht zu viel hineinlesen. Das war sicher nicht ihre Art zu sagen: "Ich bin Europäerin."

SPIEGEL: Aber warum sollte sie eine Entscheidung mittragen, die Großbritannien zu Little Britain machen wird?

Morgan: Ihr Hauptinteresse galt immer dem Erhalt des Vereinigten Königreichs, dann dem Erhalt des Commonwealth. Mein Eindruck ist, dass sie über Europa einfach nicht besonders viel nachdenkt. Das ist in der jetzigen Situation nicht gerade hilfreich. Die Queen hat zwar keinen Einfluss auf unsere Gesetze oder unsere Wahlen, aber sie hat einen großen Einfluss auf unsere Seele.

SPIEGEL: Wie erklären Sie sich, dass ein Land, das über Jahrhunderte eng mit der Welt verwoben war, plötzlich so engstirnig und nationalistisch geworden ist?

Morgan: Die Mehrheit im Land sieht das nicht so. Leider. Nach den letzten Wahlen in Österreich hieß es überall: Uh, eine nationalistische Regierung. Oder nehmen Sie Marine Le Pen in Frankreich. Auf sie haben alle mit dem Finger gezeigt, als sie es in die Stichwahl schaffte. Aber in Großbritannien scheint kaum einer zu sehen, dass es hier Parallelen gibt.

SPIEGEL: Wird das Vereinigte Königreich dieses Schlamassel überleben?

Morgan: Ich weiß es nicht. Ich hoffe, wenn das so weitergeht, dass Schottland und Nordirland irgendwann nicht mehr mitmachen. Aber ich weigere mich ohnehin zu glauben, dass der Brexit wirklich passieren wird. Niemand, der in den letzten Monaten die Schlagzeilen gelesen hat, kann ernsthaft behaupten: Oh, das mit dem Brexit wird prächtig.

SPIEGEL: Außenminister Boris Johnson scheint es zu können.

Morgan: Ja, aber der ist ein Psychopath. Ein eitler Narr.

SPIEGEL: Was würde aus dem Land, wenn die Queen ausgerechnet in diesem Brexit-Chaos stürbe?

Morgan: Das glaube ich nicht.

SPIEGEL: Sie ist 91.

Morgan: Es ist unmöglich, das vorherzusehen. Was man sicher sagen kann, ist, dass es eine vollständig übertriebene Periode hysterischer Trauer geben wird. Es wird ganz sicher die wichtigste Nachricht, seit der erste Mensch den Mond betrat. Charles wird dann als Greis den Thron besteigen. Und ich glaube, die Leute werden überrascht sein, was für ein guter König er sein wird.

SPIEGEL: Sie denken, dass er dem "top job" gewachsen ist, wie es Lady Diana mal nannte?

Morgan: Ja, das glaube ich. Ich bin da wahrscheinlich Teil einer kleinen Minderheit. Seine Mutter hat ihn durch die schwierigsten Phasen seines Lebens geleitet, und je älter er wird, desto bescheidener wird er. Er wird keine allzu großen Ambitionen mehr entwickeln.

SPIEGEL: Er könnte mit der Aufgabe betraut sein, ein hoffnungslos gespaltenes Land zu vereinen.

Morgan: Aber das ist nicht sein Job. Er muss gar nichts machen. Das ist die härteste Aufgabe überhaupt. Der erste Impuls in einer schwierigen Situation ist immer, etwas zu tun. Dabei ist es manchmal einfach am besten, nichts zu tun. Charles muss sich nur bei seiner Mutter abschauen, wie das geht.



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