AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 37/2017

Mnemotechniken Werden auch Sie zum Gedächtniskünstler

Neurowissenschaftler glauben herausgefunden zu haben, wie erfolgreiches Hirntraining funktioniert. Und sie versprechen: Das kann jeder!

Forscher Ajemian: "Einer der deutlichsten Effekte der gesamten Psychologie"
SHAWN G. HENRY / DER SPIEGEL

Forscher Ajemian: "Einer der deutlichsten Effekte der gesamten Psychologie"

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Das vielleicht Außergewöhnlichste an Jim Karol ist, wie gewöhnlich er bis zu seinem 49. Lebensjahr war. In der Highschool wurschtelte er sich so durch, dann arbeitete er in einem Stahlwerk. Nichts deutete auf besondere geistige Gaben hin.

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Heft 37/2017
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Das änderte sich erst, als ihm ein Arzt wegen Herzproblemen ein strenges Fitnessprogramm verordnete. Weil das Strampeln auf dem Heimtrainer langweilig war, vertrieb sich Karol die Zeit mit Gedächtnisübungen. Bald wurde eine Sucht daraus, von der er nicht mehr lassen konnte.

Der Stahlarbeiter aus Pennsylvania lernte das Scrabble-Wörterbuch auswendig, er bimste Postleitzahlen und die Titel von 10.000 Filmen. Zu jedem Datum memorierte er den zugehörigen Wochentag - rückwärts bis zu Christi Geburt. Und je mehr er lernte, desto hungriger wurde sein Gehirn nach weiterer Nahrung.

Jetzt, im Alter von 64, steht Karol im Hirnforschungsinstitut des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in einem brechend vollen Hörsaal. Angekündigt ist der Auftritt des "Mannes mit dem besten Gedächtnis der Welt". Im Publikum: einige der renommiertesten Hirnforscher der Vereinigten Staaten.

Rasend schnell blättert Karol durch einen gut gemischten Satz Spielkarten, danach kann er fehlerfrei die Abfolge wiedergeben. Er kennt alle achtstelligen Nummern auf kleinen Kärtchen, die zuvor ans Publikum ausgehändigt wurden. Und als ein Zuschauer "22030" als Postleitzahl seines Heimatorts nennt, weiß er zuverlässig: "Fairfax, Virginia." All das, beteuert Karol, sei nichts Besonderes. Möglich werde es durch eisernes Training und uralte sogenannte Mnemotechniken. "Das kann jeder", sagt er.

Eingeladen hat den Gedächtniskünstler Robert Ajemian, ein Neurowissenschaftler des MIT. Es empört ihn, dass die schon unter den Römern und Griechen gebräuchlichen Methoden, das Gedächtnis zu schulen, von der Wissenschaft systematisch ignoriert werden.

Karol habe recht, sagt Ajemian, jeder könne sein Erinnerungsvermögen steigern. "Und zwar drastisch. Es ist einer der deutlichsten Effekte der gesamten Psychologie." Trotzdem interessierten sich weder Pädagogen noch Hirnforscher dafür. Ganze drei neurowissenschaftliche Arbeiten habe er in der Literatur zu dem Thema finden können. "Ein Skandal!", findet Ajemian.

Eigentlich sind die alten Mnemotechniken denkbar simpel. Wer sich eine Liste von Gegenständen merken will, sollte die Methode der "Loci" verwenden. Dazu werden die Objekte im Geiste entlang eines vertrauten Weges platziert. Das Erinnern geschieht dann in Form eines mentalen Spaziergangs, bei dem man die Gegenstände am Wegesrand wiederfindet.

Kritiker wenden ein, solche Verfahren seien allenfalls dazu geeignet, stumpfsinnige Fakten ins Hirn zu pressen. Wer müsse schon lange Folgen von Zahlen oder Spielkarten auswendig lernen, wie es die Champions bei Gedächtnismeisterschaften tun? Die Methode betrachten sie als unnatürlich - und deshalb untauglich für den Alltag.

Ajemian regen solche Argumente auf. Früher, sagt er, als Wissen sich noch nicht in Computer oder Smartphones auslagern ließ, habe niemand den Nutzen eines guten Gedächtnisses infrage gestellt. Heute gerate in Vergessenheit, dass das Erinnern Grundlage aller anderen geistigen Tätigkeit sei.

Der Forscher verweist auf das Beispiel von Colette Silvestri. Sie ist Lehrerin an einer Highschool in Hershey im US-Bundesstaat Pennsylvania. Seit vielen Jahren schon drillt sie mithilfe der alten Mnemotechnik das Erinnerungsvermögen ihrer Schüler, acht nationale Meisterschaften hat sie mit ihnen bereits gewonnen.

Das schärfe ganz allgemein den Verstand ihrer Schüler, sagt die Lehrerin: "Die werden besser in allen Fächern." Gern würde Hirnforscher Ajemian beweisen, dass sie recht hat.

Bisher allerdings führt er einen Zweifrontenkrieg: Silvestri will nicht einsehen, dass dazu kontrollierte Studien notwendig sind. Der Nutzen des Gedächtnistrainings, meint sie, sei doch unverkennbar. Die Geldgeber wiederum verweigern Ajemian die für solche Studien nötigen Mittel. Sie finden es umgekehrt offensichtlich, dass die Mnemotechniken nichts taugen.

Ajemian will weiterkämpfen - auch deshalb, weil für ihn das Gedächtnistraining weit mehr als nur pädagogisch wertvoll ist. Er hofft, dass das Studium der antiken Erinnerungskunst ihm radikale Erkenntnisse über die Natur des Denkens selbst bescheren wird: "Diese Methoden offenbaren uns, dass alles, was wir über das Gedächtnis zu wissen glauben, falsch ist."

"Das Gehirn ist kein Computer", sagt Ajemian. Es sei ein Irrtum anzunehmen, dass neuen Informationen ein Platz in unserem Neuronenspeicher zugewiesen wird, von dem wir sie dann bei Bedarf wieder abrufen können. In Wirklichkeit habe das komplexe Gewirr der Nervenzellen keinerlei Ähnlichkeit mit dem Schaltplan eines Computers. "Unsere Erinnerungen sind nicht an bestimmten Stellen archiviert, sondern über das gesamte Netzwerk verschmiert", sagt Ajemian.

Deshalb komme es beim Lernen sehr auf die richtige Methode an. Stures Wiederholen bleibt oft vergebens, weil neue Fakten nicht so recht haften wollen. Die Mnemotechniken dagegen nutzen die Zauberkraft der Assoziation. Es geht darum, Beziehungen herzustellen, neue Informationen mit alten zu verweben. Selbst wenn die Verknüpfungen noch so sinnlos sind - etwa wenn Objekte im Geiste entlang des Schulwegs verstreut werden -, nimmt das Gehirn diese begierig auf.

Die assoziative Architektur des Nervenzellnetzwerks führt dazu, dass das Lernvermögen des Gehirns geradezu paradox anmutet. Während ein Computerspeicher vollläuft und ein Prozessor umso länger braucht, je mehr Informationen er bewältigen muss, ist es beim Netz der Neuronen genau umgekehrt: Je mehr wir wissen, desto leichter fällt es, Neues zu lernen.

Das ist die Magie, auf der das Können der Experten beruht. Ganz gleich, ob sie es im Klavierspiel, in der Medizin oder im Schach zu wahrer Meisterschaft bringen wollen: Sie müssen dazu eine exponentiell wachsende Menge an Wissen anhäufen. Das geht nur, weil ihr Gehirn umso williger neue Inhalte in die Schleier der Assoziationen webt, je dichter diese bereits gesponnen sind.

Zu gern würde Ajemian den Neuronen zusehen bei der Knüpfarbeit. Er möchte Gedächtniskünstler in den Kernspintomografen schieben, um verfolgen zu können, welche Hirnregionen aktiv sind, während sie Zahlenabfolgen oder Vokabeln memorieren.

Der Forscher weiß, dass es nicht leicht sein wird, bei den Geldgebern Interesse dafür zu wecken. Denn der Fortschritt der Technik hat die Hochachtung vor der Kunst des Erinnerns schwinden lassen: "Ich kämpfe gegen zwei der größten Errungenschaften der Menschheitsgeschichte an", sagt Ajemian: "Gegen den Computer und die Druckerpresse."



insgesamt 14 Beiträge
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schwerpunkt 12.09.2017
1.
Und so ein Beitrag hinter einer Paywall? Damit ist SPON in guter Gesellschaft all der selbsternannten Gurus, welche für viel geld die letzten Weisheiten zu "Werden Sie Ihr eigener Herr in 7 Tagen" oder "Mit nur 15 Minuten am Tag zum Millionär" ... für nur 39,95 Euro. Immerhin .. einer scheffelt dadurch tatsächlich Geld.
mustrumridcully 12.09.2017
2. Frechheit...
.... für diesen oberflächlichen Beitrag, der inhaltlich absolut nichts Neues zum Thema beiträgt, Geld zu verlangen. Abzocke !!
nils.kalle 12.09.2017
3. Frechheit und Verunsicherung
Fuer einen bezahlten Beitrag habe ich wie auch andere Leser mehr erwartet. Das ist eine Frechheit und wirklich Abzocke. Das aber wohl Schlimmste dabei: Es verunsichert mich extrem in Zukunft Geld zu zahlen fuer Artikel. Es ist immer wieder traurig zu sehen mit welcher Kurtssichtigkeit Firmen das Vertrauen ihrer Kunden verspielen.
wwicke 12.09.2017
4. Spiegel Online, quo vadis
Ich kann mich den Kommentaren vor mir nur anschließen. ich bin absolut enttäuscht darüber, was hier für einen monetären Extrabeitrag abgeliefert wird. Spiegel Plus suggeriert dem Konsumenten, dass für ihre Beiträgen umfangreiche Recherchen notwendig seien, diese Beiträge dafür detaillierter seien und mehr Informationen enthalten. Ich habe das in der Vergangenheit schon bei anderen Beiträgen als nicht zutreffend empfunden. Dieser Beitrag hier bestätigt das auf erschreckende Weise. Ich bin enttäuscht vom Spiegel.
followtheyellowbrickroad 12.09.2017
5. Irreführend statt zielführend
Headline und Content sind soweit voneinander entfernt, dass es anmutet, man nimmt an einer verkappten Feldforschung teil und ist Versuchskaninchen. Liebe SPONREDAKTION, ist das Ihr Ernst? Stilvoll/SPONlike genug gemeckert?
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