AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 21/2017

O.J. Simpson-Prozess Der Freispruch, der Amerika zerstört hat

Heute entscheidet sich, ob O.J. Simpson auf Bewährung aus der Haft entlassen wird, die er wegen eines Raubüberfalls absitzt. Vom Mordvorwurf wurde der Ex-Footballstar vor 22 Jahren trotz erdrückender Beweise freigesprochen. Wie geht es den Beteiligten heute?

Polizeifoto des festgenommenen O.J. Simpson 1994
action press

Polizeifoto des festgenommenen O.J. Simpson 1994

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Gil Garcetti wohnt immer noch nur zwei Straßenecken entfernt vom ehemaligen Grundstück des Football-Spielers O.J. Simpson. Sie waren mal Nachbarn, doch dann hat Garcetti ein Jahr lang versucht, Simpson wegen Doppelmordes lebenslang ins Gefängnis zu sperren. Garcetti war damals Bezirksstaatsanwalt von Los Angeles, Simpson ein gefallener Held auf der Anklagebank. CNN hat jede Minute des Prozesses live übertragen.

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Heft 21/2017
Wie Hacker die Welt attackieren. Wie wir uns schützen können.

Simpson hat gewonnen. Er wurde freigesprochen, Garcetti und seine Staatsanwälte waren gedemütigt.

Heute ist Gil Garcetti 75 Jahre alt und versucht immer noch, nicht an Simpsons ehemaligem Haus auf der North Rockingham Avenue vorbeizufahren.

"Ich erinnere mich", erzählt er, "wie meine Tochter am Mittag nach der Tatnacht nach Hause kam und sagte: Ich glaube, bei O.J. haben sie eingebrochen. Überall Polizei. Eine Minute später bekam ich den Anruf. Nein, kein Einbruch. Seine Exfrau war umgebracht worden, und die Polizei hatte einen blutigen Handschuh auf Simpsons Grundstück gefunden. In dem Moment hat sich mein Leben verändert."

Damals, vor 23 Jahren, im Juni 1994, war Garcetti gerade in sein Haus eingezogen, ein in die Natur eingepasster, modernistischer Bungalow aus Beton und Glas. Hier in Brentwood, einer ruhigen Gemeinde zwischen Santa Monica und Beverly Hills, wohnte man neben Stars wie O.J. Simpson, dem größten Angriffsspieler des American Football - obwohl Simpson, wie sich später herausstellen sollte, hier auch nicht wirklich hingehörte.

Das hier war West L.A., wie man sagte, und West L.A. bedeutete: weiß, distinguiert, glamourös und ein bisschen verfilzt und verlogen.

Das andere L.A., der zweite Teil der Stadt, hatte sich zu jener Zeit gerade einen Namen als "South Central" gemacht. Zwei Jahre war es bei Prozessbeginn her, dass in South Central bei den sechstägigen L.A. Riots Teile der schwarzen Bevölkerung Stadtviertel ausgeplündert und angezündet hatten. Auslöser war auch hier ein Gerichtsurteil: ein Freispruch für vier weiße Polizisten, denen auf einem Video dabei zuzusehen war, wie sie nach einer Verfolgungsjagd einen schwarzen Autofahrer halb totschlugen.

Dass Garcetti es 1995 nach acht Monaten Prozess nicht gelungen ist, Simpson lebenslang wegzusperren, hatte auch mit diesem Urteil zwei Jahre zuvor zu tun, und es hat ihn wohl die Karriere gekostet. Der Bezirksstaatsanwalt wird in den meisten Staaten der USA von den Bürgern gewählt. Nach seiner zweiten Amtsperiode wollten die Bürger nicht mehr für Garcetti stimmen. Heute fertigt er künstlerische Fotografien an und trägt gestreifte Oberteile wie Pablo Picasso.

Die Karriere, die Gil Garcetti eigentlich für sich vorgesehen hatte, hat dann sein Sohn gemacht: Eric Garcetti ist heute Bürgermeister von Los Angeles und häufig in den Schlagzeilen, weil er sich Präsident Trump entgegenstellt und sich weigert, Immigranten ohne Aufenthaltserlaubnis abzuschieben, wie sich der Präsident das wünscht.

Ursprünglich hatte Garcetti vor, über O.J. Simpson und seinen Freispruch, der damals beinahe die Nation zerrissen hat, nie wieder öffentlich zu reden. Doch dann sprach ihn der Filmemacher Ezra Edelman an, der gerade einen Dokumentarfilm für den Sportsender ESPN über den Fall Simpson drehte - nein, nicht das Übliche über die bestialischen, bis heute unaufgeklärten Morde, den Prozess und seine Skandale. Sondern die ganze Geschichte, die ganz großen Fragen.

Inwieweit O.J. Simpsons Freispruch mit der amerikanischen Geschichte des Rassismus verknüpft war, welche Rolle die in den Neunzigerjahren entstehende Celebrity-Kultur spielte und wie hier zum ersten Mal öffentlich geschah, woran man sich heute in der Trump-Welt so gewöhnt hat? Dass es weniger um Wahrheiten als um sogenannte Narrative geht, um Geschichten, die Menschen glauben wollen, obwohl sie vielleicht ahnen, dass sie nicht stimmen.

Man könnte auch sagen, "O.J.: Made in America" - so heißt Edelmans fünfteilige Dokumentation - handle acht Stunden lang von all den Problemen, die die Nation bis heute bedrücken und deren jüngste Konsequenzen der Abschied von der Vernunft und ein zerstörerischer Präsident sind. Donald Trump wurde gewählt, obwohl ihm die ganze Welt dabei zuhören konnte, wie er davon sprach, Frauen an die "Pussy" zu grapschen; er wurde gewählt, obwohl jedem klar sein musste, dass er ein Lügner und Betrüger ist und dass seine psychische Ausstattung der eines Zehnjährigen möglicherweise gar nicht so viel voraushat.

O.J. Simpson wurde von dem Mord an seiner Exfrau und einem Bekannten freigesprochen, obwohl sein Blut und seine DNA am Tatort gefunden wurden; er verließ das Gericht als freier Mann, obwohl der blutige Handschuh, der bei der Tat benutzt worden war, in seinem Garten entdeckt wurde; er wurde für nicht schuldig befunden, obwohl im Gerichtssaal Aufnahmen von Polizeinotrufen vorgespielt wurden, auf denen seine Ehefrau in Todesangst vor Simpsons Gewalt um Hilfe fleht.

Natürlich kann für alles eine alternative Erklärung hervorgebracht werden, und Simpsons sogenanntes Dream-Team aus Starverteidigern war brillant darin, diese der Jury und einem Teil der Welt plausibel erscheinen zu lassen. Genauso hat es Wege gegeben, das Verhalten des Präsidentschaftskandidaten Trump zu "normalisieren", wie es bald hieß, also mit dem eigenen Welt- und Wertebild irgendwie in Einklang zu bringen und störende Fakten zu ignorieren.

Ähnliche Faktoren, die die Wahl Trumps ermöglichten - ein relativer Wahrheitsbegriff, distanzlose Medienfaszination, eine Spaltung zwischen Privilegierten und Wütenden -, traten zum ersten Mal zutage beim Freispruch O.J. Simpsons. Damals, Mitte der Neunzigerjahre, begann mit der an Sportsendungen angelehnten CNN-Liveübertragung des "Trial of the Century", was 20 Jahre später in einem erratisch tweetenden US-Präsidenten münden sollte. So wenig die Welt auf die Wahl Trumps vorbereitet war, so wenig war sie es damals auf den Freispruch O.J. Simpsons. Vielleicht also lässt sich aus den Mechaniken des Simpson-Falls ja noch etwas lernen.

Jedenfalls hat die amerikanische Öffentlichkeit den Fall und seine merkwürdigen Umstände wiederentdeckt. Sie gucken in ihn hinein wie in ein Kaleidoskop, in dem sie Erklärungen für die Gegenwart vermuten. Gleich zwei Filme sind vergangenes Jahr erschienen: Neben Edelmans achtstündiger Dokumentation gibt es die zehnteilige Fernsehserie "The People v. O.J. Simpson", die die Ereignisse um den Prozess herum nachstellt. Ein dritter Film, "LA 92", wieder dokumentarisch, hatte kürzlich auf dem Tribeca Film Festival in New York Premiere. Er befasst sich mit der Vorgeschichte, dem Freispruch für die vier weißen Polizisten und den anschließenden Ausschreitungen in South Central.

Gil Garcetti war kurz nach den Riots ins Amt gekommen. Die Stimmung in der Stadt war nach den brennenden Vierteln angespannt, und es gab immer wieder Probleme mit dem Los Angeles Police Department (LAPD), das als rassistisch und korrupt galt und Ende der Achtzigerjahre begonnen hatte, die steigende Drogen- und Gangproblematik in South Central mit Panzern und paramilitärischer Ausrüstung zu beantworten.

Simpsons Ford Bronco auf dem Freeway
Los Angeles Times / Polaris/ laif

Simpsons Ford Bronco auf dem Freeway

Garcetti selbst ist in South Central aufgewachsen, sein Vater war aus Mexiko eingewandert. Auch deswegen wollte er, dass seine Polizisten ihr Verhalten ändern, vor allem aber weil er wusste, dass rassistische oder korrupte Cops vor Gericht schlechte Zeugen für Staatsanwälte sind.

Und Garcetti wusste noch etwas: Polizisten liebten O.J. Simpson. Er war nicht nur einer der besten Sportler der Football-Geschichte. O.J. war mehr für Amerika. Wenn er mit seinen Zickzack-Läufen über das ganze Feld stürmte, das Football-Ei unter dem Arm, mit ungeheurem Speed Gegenspieler nach Gegenspieler hinter sich lassend - dann sah es aus, als würde er durch das behelmte Chaos auf dem Platz einfach hindurchrennen. Er tat das lächelnd und mit Leichtigkeit, und viele Amerikaner behaupteten, sie fänden auf eine merkwürdige Art Trost in den Wundern, die O.J. auf dem Feld vollbrachte. Er war ein schwarzer Ausnahmesportler wie Muhammad Ali, doch im Unterschied zu Ali musste das weiße Amerika vor Simpson keine Angst haben. Sie durften ihn "Oh-Jay" oder "The Juice" nennen, während er scherzend jeden Football signierte, der ihm hingehalten wurde. Simpson war, wenn man so will, wie das weiße Amerika sich einen Schwarzen wünscht: gut aussehend, athletisch, freundlich, lustig. Sie mochten, dass Simpson sich kleidete, als käme er direkt aus dem Country Club, und dass seine Freunde und Golfpartner überwiegend weiß waren.

"I'm not black, I'm O.J.", lautete Simpsons Antwort, wenn er zu Anliegen der Afroamerikaner befragt wurde.

Gil Garcetti wusste all das. Und dennoch schienen schon wenige Tage nach der Tat die Beweise gegen Simpson erdrückend. "Wir waren uns sicher, wir hatten einen Slam-Dunk-Case, wie wir es nannten."

Die Theorie über das Geschehen, die Garcetti und seine Staatsanwälte schnell rekonstruiert hatten, ging folgendermaßen:

Am Sonntag, dem 12. Juni 1994, hatten Simpson und seine Exfrau Nicole Brown eine Tanzaufführung ihrer Tochter besucht. Simpson und Brown waren seit zwei Jahren geschieden. Brown soll Simpson bei der Tanzaufführung keines Blickes gewürdigt haben, und zu einem anschließenden Familiendinner mit Browns Eltern sei Simpson nicht eingeladen gewesen. Er war später mit einem Freund, der in seinem Gästehaus wohnte, bei McDonald's gewesen, von wo er um 21.36 Uhr zurückkehrte. Um 22.45 Uhr sollte Simpson von einer Limousine abgeholt und für einen Nachtflug nach Chicago zum Flughafen gebracht werden. In der Zwischenzeit sei er, so die Theorie der Anklage, zu dem wenige Minuten entfernten Haus seiner Exfrau gefahren. Er habe geklingelt und seine Exfrau sofort mit einem Messer attackiert, obwohl die beiden gemeinsamen Kinder im Haus schliefen. Mitten hinein in die Tat platzte Ronald Goldman, ein Kellner und Freund, der die Brille von Browns Mutter brachte, die diese im Restaurant liegen gelassen hatte. Nachdem Simpson Goldman mit rund 30 Messerstichen getötet hatte, soll er anschließend seiner Exfrau die Kehle aufgeschlitzt haben.

Währenddessen wartete wenige Autominuten entfernt vor dem Tor von Simpsons Anwesen der Chauffeur. Er war schon kurz vor halb elf angekommen, doch Simpsons Haus sei kaum erleuchtet gewesen, niemand habe die Tür geöffnet. Erst gegen zehn vor elf habe sich etwas auf dem Anwesen bewegt. Simpsons Untermieter kam aus dem Gästehaus; er hatte Geräusche gehört. Kurz danach sei eine große dunkelhäutige Gestalt, wie der Fahrer aussagte, ins Haupthaus gehuscht. Der Fahrer klingelte wieder, wenige Augenblicke später meldet sich Simpson über die Sprechanlage, er habe geschlafen, er sei gleich draußen.

Das LAPD hatte sehr brauchbare Spuren gefunden: Ein Männerlederhandschuh, der Blutspuren von Simpson, Brown und Goldman aufwies, lag am Tatort. Den dazugehörigen Handschuh, ebenfalls in Blut getränkt, fand ein Polizist auf Simpsons Grundstück hinter dem Gästehaus. Derselbe Polizist entdeckte auch Simpsons Socken in seinem Schlafzimmer, befleckt mit Blut von Nicole Brown, ebenso fand er Blutstropfen von Simpson, Brown und Goldman in Simpsons Ford Bronco.

Exstaatsanwalt Garcetti: Die Karriere gekostet
Robert Gallagher/ DER SPIEGEL

Exstaatsanwalt Garcetti: Die Karriere gekostet

Gil Garcetti wertete es als gutes Zeichen, dass Simpson den Hollywood-Anwalt Bob Shapiro anheuerte. Sein Freund Bob, wusste Garcetti, hatte seit Jahren in keinem Gerichtssaal mehr gestanden, er war kein Mann für Kreuzverhöre und Plädoyers. Er war der Strippenzieher für Deals mit den Staatsanwälten. Wer Shapiro anheuerte, wusste, dass er in Schwierigkeiten steckte.

Bevor es zum Prozess kommen konnte, mussten zwei wichtige Entscheidungen getroffen werden. Garcetti entschied sich in beiden falsch.

Zunächst musste festgelegt werden, wo der Prozess stattfinden würde. Der Tatort Brentwood gehört in die Jurisdiktion des Strandorts Santa Monica. Eine Jury in Santa Monica ist aller Wahrscheinlichkeit nach relativ wohlhabend, gebildet - und vorwiegend weiß. Doch das Gerichtsgebäude in Santa Monica war klein, die Sicherheitsvorkehrungen nicht ausreichend, kein perfekter Ort für den Prozess des Jahrhunderts. Vor allem aber war der Prozess gegen die Polizisten, die Rodney King verprügelt hatten, deswegen gescheitert, weil Garcettis Vorgänger es zugelassen hatte, dass er nach Simi Valley verlegt wurde, in einen weißen Vorort, in dem viele Cops wohnten.

Würde Garcetti auf einem Prozess in Santa Monica bestehen, würde es heißen, er wolle eine weiße Jury für die schwarze Ikone. Garcetti glaubte, er sei zu schlau, diesen Fehler zu machen.

Das Hauptgericht liegt in Downtown Los Angeles, im selben Gebäude, in dem auch Garcetti und seine Staatsanwälte ihren Sitz hatten. Downtown ist umgeben von Los Angeles' ärmsten Stadtteilen, in den meisten von ihnen leben Afroamerikaner. Bei einem Prozess hier müsste man mit einer eher schwarzen Jury rechnen, die möglicherweise größere Sympathien für Simpson hegte.

Die zweite Entscheidung betraf die Kameras im Gerichtssaal. Es gab Anfragen von Fernsehsendern. Die Verfolgungsjagd, als eine Kolonne aus Polizeiwagen Simpsons Ford Bronco auf einem Freeway hinterherfuhr, war aus Hubschraubern gefilmt live im Fernsehen gelaufen. Dies waren die Anfangstage der 24-Stunden-Medien, und es herrschte Euphorie über diese neue Gleichzeitigkeit der Ereignisse, alles überall in Echtzeit, ungefiltert und roh, die Welt vergrößerte sich plötzlich.

Garcetti glaubte, durch die Liveübertragung würde niemand an den Fakten drehen können, niemand würde alternative Szenarien entwerfen, Wahrheit käme ungefiltert an die Öffentlichkeit.

Anwalt Bailey: Was ist Wahrheit vorGericht?
Jeff Scher/ DER SPIEGEL

Anwalt Bailey: Was ist Wahrheit vorGericht?

Aber was ist Wahrheit vor Gericht? Dafür ist F. Lee Bailey Spezialist. Bailey, heute 83 Jahre alt, lebt an der Küste von Maine. Viel weiter kann man sich geografisch und geistig von Brentwood und South Central nicht entfernen. Damals, im Sommer 1994, kam er sofort nach Los Angeles, um seinem jüngeren Kollegen und Freund Bob Shapiro zu helfen, der sich den Simpson-Fall geangelt hatte, sich nun aber überfordert fühlte.

Bailey war zu der Zeit einer der schillerndsten amerikanischen Strafverteidiger. Er galt als Meister des modernen psychologischen Kreuzverhörs und ist Autor des 800-seitigen Standardwerks "Excellence in Cross-Examination".

Bis heute ist Bailey einer der wenigen, die sich in der Schuldfrage festlegen: Simpson kann es angesichts der vorliegenden Beweise schlicht nicht getan haben.

Wenn man mit ihm einen Tag lang in Maine über Simpson spricht, scheint es am Ende so, als hätte man über einen anderen Fall gesprochen. Nichts ist konsistent mit dem, was Garcetti über den Fall gesagt hatte, über die Jahrzehnte haben sich zwei Versionen der Geschichte gehalten, die beide mit gleicher Vehemenz vorgetragen werden: Erstens die Version von einem natürlich schuldigen Simpson und einem grotesken Fehlurteil, das schon vor 22 Jahren Amerika als eine kaputte Nation entlarvt habe mit ihren unüberbrückbaren Spannungen zwischen den Ethnien, die einem so bekannt vorkommen in den USA der Gegenwart. Oder die andere Version von einem hereingelegten O.J. Simpson, dem tatsächlich in rassistischer Tradition ein Mord untergeschoben werden sollte, doch die Selbstreinigungskräfte des Systems, seiner Institutionen, der Gerichte in diesem Fall, hätten funktioniert und für einen Freispruch gesorgt.

Shapiro war noch vor dem Prozess auf die Idee gekommen, dass ein möglicher Ausweg für Simpson darin bestehen könnte, die Geschichte so darzustellen, dass ein erfolgreicher schwarzer Bürger von Polizei und Strafverfolgungsbehörden mit rassistischen Tendenzen viel zu schnell vorverurteilt werde. Doch um diese Strategie wirksam verkaufen zu können, brauchte man schwarze Anwälte.

Johnnie Cochran und seine rechte Hand Carl Douglas waren zuletzt zum Dream- Team gestoßen. Cochran, ehemals Garcettis Chef bei der Staatsanwaltschaft, kurvte inzwischen im Rolls-Royce durch Beverly Hills, und wehe dem armen Polizisten, der den Fehler machte, ihn anzuhalten, weil er ihn für einen Drogendealer hielt. Im Fernsehen erzählte er der weißen Welt von Polizeiexzessen gegen Schwarze, und jeden Sonntag um zehn traf man ihn in einer Gospelkirche in South Central, und dort muss er sich auch den Stil abgeguckt haben, in dem er seine Plädoyers hielt.

Mit Cochran an Bord verselbstständigte sich die Strategie der Verteidigung schnell von Shapiros Anfangshypothese einer Vorverurteilung zu der Annahme, das LAPD habe bewusst versucht, Simpson den Mord in die Schuhe zu schieben.

In einer Stadt, die sich gerade von den übelsten Rassenunruhen ihrer Geschichte erholt hatte, hielt Shapiro die Instrumentalisierung von Simpsons Hautfarbe für verantwortungslos.

Bailey sagte dazu nichts. Reglos wie ein Raubtier saß er auf seinem Stuhl im Gerichtssaal und wusste genau, was er tun wollte. Er wartete auf den Hauptzeugen der Anklage, den er im Kreuzverhör auseinandernehmen wollte. "Und Fuhrman", so Bailey heute, "entpuppte sich als ein Geschenk des Himmels."

Mark Fuhrman war als erster LAPD Detective am Tatort erschienen. Später in der Nacht würde er alle entscheidenden Blutspuren entdecken.

Bailey hatte zwei seiner Privatdetektive auf Fuhrman angesetzt. Erste Lektion aus "Excellence in Cross-Examination": Wisse alles über dein Gegenüber.

Die Detektive hatten zwölf Jahre alte Gerichtsakten ausgegraben. Fuhrman hatte damals seinen Arbeitgeber LAPD auf Frührente verklagt. Die Einsätze in den sozial schwachen Gegenden, der Umgang mit Gangs, Drogendealern und vor allem "Minderheiten" habe ihn psychisch ausgebrannt. Auch bei O.J. Simpson war Fuhrman Jahre zuvor schon einmal gewesen, nach einem Notruf von O.J.s Frau, als der sie sichtlich misshandelt hatte. Es hatte ihn frustriert, dass Simpson damals nicht bestraft wurde. Dieser Polizist war nun ausgerechnet die wichtigste Verbindung zwischen der Tat und O.J. Simpson.

"Ich wollte ihn dazu bringen zu lügen", sagt Bailey. "Fuhrman wusste nicht, dass meine Ermittler mehr als ein Dutzend Zeugen aufgetan hatten, die bestätigten, Fuhrman benutze gern das Wort 'Nigger'."

Am zweiten Tag des Kreuzverhörs kam es zu folgendem Dialog:

Bailey: "Haben Sie jemals das Wort ,Nigger' in den letzten zehn Jahren benutzt?"

"Nicht dass ich wüsste, nein."

"Sie meinen, wenn Sie jemanden ,Nigger' genannt hätten, würden Sie sich nicht daran erinnern?"

So geht es noch weiter hin und her, bis Bailey schließlich seinen Mattzug setzt.

"Das heißt, alle, die in diesen Gerichtssaal kommen und behaupten, Sie hätten dieses Wort im Umgang mit Afroamerikanern benutzt, wären Lügner, richtig, Detective Fuhrman?"

"Ja, das wären sie."

"Jeder Einzelne von ihnen, richtig?"

"Jeder Einzelne."

Ein paar Wochen später tauchten Interviewbänder auf. Einer von Baileys Privatdetektiven hatte sie aufgetrieben. Sie gehörten einer Filmemacherin, die einen Polizeifilm drehen wollte. Die Bänder waren ein paar Jahre alt, aber Fuhrman war auf ihnen zu hören, wie er wiederholt davon berichtete, dass er als Polizist "Nigger" misshandle, wo er nur könne. Fuhrman wurde zurück in den Zeugenstand gerufen. Diesmal machte er von seinem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch.

Die Verteidigung stellte ihm nur noch eine letzte Frage: "Haben Sie bei den Ermittlungen irgendwelche Beweise manipuliert oder fingiert?"

Er berufe sich auf sein Zeugnisverweigerungsrecht, antwortete Fuhrman.

Es war alles, was die Jury hören musste.

Carl Douglas trägt immer noch Krawatten mit afrikanischem Muster, wie einst sein Vorbild und Chef Johnnie Cochran.

"Das war der Moment, an dem wir zum ersten Mal glaubten, wir könnten das gewinnen", sagt er. Seit Cochran im Jahr 2005 gestorben ist, nimmt Douglas die Leistung der Verteidigung und das Urteil der Jury in Schutz. Es sei folgerichtig und gerecht gewesen, findet er, allerdings nur zu begreifen im Kontext von Los Angeles zu jener Zeit.

Anwalt Douglas
Robert Gallagher/ DER SPIEGEL

Anwalt Douglas

"Ich bin in Los Angeles aufgewachsen. Es gibt hier eine dunkle Geschichte der Beziehung zwischen dem LAPD und der afroamerikanischen Bevölkerung." Immer wieder habe er Fälle erlebt, bei denen Polizeibeamte vor Gericht die Unwahrheit gesagt hätten, um eine Verurteilung bei einem Angeklagten zu erreichen, den sie für schuldig hielten.

Douglas empfängt in seiner Kanzlei mit Blick über Beverly Hills. Ein schwarzer Anwalt in Beverly Hills - Douglas ist diese Feststellung wichtig, es ist nicht selbstverständlich. Bis heute verteidigt er schwarze Bürger gegen Übergriffe der Polizei. Vor Gericht wird er nicht müde, von den "zwei Amerikas" zu berichten: das der Weißen, in dem eine relative Rechtssicherheit herrscht, und jenem Amerika, in dem einem als Schwarzem immer noch jedes mögliche Unrecht geschehen kann.

Und dass dies ein einziges Mal in der Geschichte nicht so war, und das auch noch bei dem prominentesten Prozess der Nation - darin liegt für Douglas die Bedeutung des Simpson-Prozesses und auch seine persönliche Lebensleistung.

Der Freispruch für O.J. Simpson hat Los Angeles und Amerika gespalten und tut es bis heute. Es war ein Rückschlag für die Beziehung zwischen Schwarzen und Weißen, unter dem die geteilte Stadt bis heute leidet. 22 Jahre später ist die Nation noch entzweiter. Inzwischen allerdings über existenziellere Fragen als jene, ob eine Football-Ikone nun ein Mörder war oder nicht; Fragen, die, wenn sie falsch beantwortet werden, die Existenz der amerikanischen Idee, für die einst auch Simpson gestanden hat, massiv gefährden.

O.J. Simpson wurde nach seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft in Brentwood nicht mehr glücklich. Bei seiner Siegesparty am selben Abend blieben die Golfpartner fern, in seinem Stammlokal bekam er keinen Tisch mehr: Das weiße Millionärsestablishment hatte seine Abstoßungskräfte aktiviert. 1997 verurteilte eine überwiegend weiße Jury in einem Zivilprozess in Santa Monica, wo ursprünglich auch der Strafprozess hätte stattfinden sollen, O.J. Simpson zu der Zahlung von 33,5 Millionen Dollar an die Familie des Opfers Ron Goldman, was einem indirekten Schuldspruch gleichkam. Das Dream-Team hatte seine Verteidigung inzwischen abgegeben, Carl Douglas und Johnnie Cochran vertraten jetzt Michael Jackson.

Simpson zog es nach Florida, dort kam er offenbar in kriminelle Kreise und an Drogen und Alkohol. Viele Jahre später, 2007, wollte er in Las Vegas Fanartikel-Händlern, von denen er sich bestohlen fühlte, Urkunden und Bälle wieder abnehmen, die Sache geriet außer Kontrolle, einer von Simpsons Begleitern zog eine Pistole, damit war es bewaffneter Raubüberfall. Eine Richterin in Nevada schöpfte das Strafmaß voll aus und verurteilte Simpson zu 33 Jahren Gefängnis. Er sitzt heute noch.

Ist das nun Gerechtigkeit? Weder Gil Garcetti noch F. Lee Bailey noch Carl Douglas haben diese Frage bejaht.


Im Video: "Es war ein Medienzirkus"
Sehen Sie hier Ausschnitte aus der Dokumentation "O. J. Made in America" von Ezra Edelman und Caroline Waterlow.

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insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
eurosinga 24.05.2017
1. Spiegel-Boulevard ???
Bisschen reisserische Überschrift: "Der Freispruch, der Amerika zerstört hat". Es gab seither mehrere andere Dinge oder Anlässe, welche vielleicht das Potential gehabt hätten, Amerika zu 'zerstören', aber es existiert immer noch ...
Maggie Mae 24.05.2017
2.
Habe jetzt nicht den ganzen Artikel gelesen. Was mir jedoch von dem Prozess in Erinnerung geblieben ist, das so 8o-90 % der weißen Bevölkerung sich 100 prozentig sicher waren das er seine Frau umgebracht hatte. Und auf der anderen Seite 80-90 % der Schwarzen Bevölkerung sich auch 100 % sicher waren das OJ Simpsen unschuldig ist und "von weißen fertiggemacht" werden sollte.
fallobst24 24.05.2017
3.
Zitat von Maggie MaeHabe jetzt nicht den ganzen Artikel gelesen. Was mir jedoch von dem Prozess in Erinnerung geblieben ist, das so 8o-90 % der weißen Bevölkerung sich 100 prozentig sicher waren das er seine Frau umgebracht hatte. Und auf der anderen Seite 80-90 % der Schwarzen Bevölkerung sich auch 100 % sicher waren das OJ Simpsen unschuldig ist und "von weißen fertiggemacht" werden sollte.
Ganz genau. Aus diesem Mordprozess wurde ein reines politisches/kulturelles Spektakel "Weiße gegen Schwarze". Für die Schwarzen ging es nicht um O.J.s Schuld oder Unschuld. Er repräsentierte hierbei praktisch alle Schwarzen in den USA. Die Schwarzen fühlten sich unfair behandelt etc. und wollten einfach, dass sie endlich mal Recht bekommen (egal ob O.J. unschuldig oder schuldig war).
Kritikfreak 24.05.2017
4.
Zitat von eurosingaBisschen reisserische Überschrift: "Der Freispruch, der Amerika zerstört hat". Es gab seither mehrere andere Dinge oder Anlässe, welche vielleicht das Potential gehabt hätten, Amerika zu 'zerstören', aber es existiert immer noch ...
"Bisschen reisserisch" ist gut. Was kommt danach? "Elvis - der Sänger, der Amerika zerstört hat", "Pulp Fiction - der Film, der Amerika zerstört hat" oder "Eggs Benedict - das Frühstück, das Amerika zerstört hat"? Zumindest in letzterem Falle kann man auf die Frage, wie es den Beteiligten heute geht, getrost antworten: vermutlich Bauchweh...
murksdoc 25.05.2017
5. Ich war da
Ich war zu dieser Zeit in den USA und habe den Prozess "live" im TV verfolgt. Die Handschuhe, die er getragen haben soll, waren zwei Nummern zu klein ("eingelaufen" sagte die Staatsanwältin) und das Blut, das man angeblich auf seinen Socken gefunden hatte, enthielt das Konservierungsmittel EDTA. Noch Fragen?
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