AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 34/2017

Rassismus in den USA Was wurde aus Dorothy Counts?

Vor fast 60 Jahren wurde ein 15-jähriges Mädchen auf dem Weg zur Highschool von einem weißen Mob drangsaliert. Wie geht es ihr heute - in Zeiten von Donald Trump? Und was sagen ihre damaligen Peiniger?

Schülerin Counts 1957: Egal was passiert, halte deinen Kopf hoch, hatte ihr Vater ihr gesagt
Douglas Martin / Bettmann Archive

Schülerin Counts 1957: Egal was passiert, halte deinen Kopf hoch, hatte ihr Vater ihr gesagt

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Es ist ein Dokument von offenkundigem Rassismus, ein Schwarz-Weiß-Foto, fast auf den Tag 60 Jahre alt, es sieht aus, als käme es aus einer anderen Zeit, aus einem anderen Amerika.

Es zeigt die damals 15-jährige Dorothy Counts. Sie ist auf dem Weg zur Schule, ihr erster Tag an der Harding Highschool, Dorothy soll die erste schwarze Schülerin werden. Doch als ihr Vater Dorothy vor der Schule absetzt, warten dort Hunderte ihrer neuen Mitschüler auf sie, weiße Jungen und Mädchen, die meisten zwischen 15 und 17 Jahre alt. Sie machen Grimassen, sie beschimpfen, bespucken und bewerfen Dorothy.

Ein Fotograf der Lokalzeitung hielt die widerwärtigen Szenen fest, eine seiner Aufnahmen wurde als World Press Photo 1957 ausgezeichnet. Das Foto ging um die Welt, in Paris sah es der afroamerikanische Schriftsteller James Baldwin auf den Titelseiten und beschloss daraufhin, Frankreich nach neun Jahren wieder zu verlassen und in seine Heimat zurückzukehren. Sie brauchten ihn dort. Die Abscheulichkeiten auf dem Bild zeigten deutlich, das Land war moralisch in Not.

Und heute?

Wieder gehen Fotos aus Amerika um die Welt. Wieder geht es um Rassismus. Fackelzüge, Nazisymbole, Schlagstöcke und ein Auto, gelenkt von einem 20-jährigen Weißen, das in eine Menge aus Menschen rast, die gekommen sind, um gegen Rassismus zu demonstrieren.

Seniorin Counts vor ihrer alten Schule 2017: Zum ersten Mal Angst
Travis Dove / DER SPIEGEL

Seniorin Counts vor ihrer alten Schule 2017: Zum ersten Mal Angst

Und dann gibt es das Bild eines Präsidenten in der Marmorlobby seines eigenen Luxustowers in New York, der sich auf einer Pressekonferenz weigert oder ob seiner moralischen Ausstattung nicht in der Lage ist, Neonazis und Rassisten klar als Schuldige zu benennen - und somit der Nation jenen Seelenfrieden verwehrt, für den ein Präsident in den USA vor allem gewählt wird.

Welche Entwicklung liegt zwischen diesen Bildern, was wurde erreicht in all den Jahrzehnten, all den Generationen seit den Fünfzigerjahren?

Dorothy Counts ist in diesen Tagen ein wenig ratlos.

Es ist ja auch ihr Leben, das sich zwischen diesen beiden Ereignissen abgespielt hat. Soll alles umsonst gewesen sein?

Zwei Tage nach Charlottesville, am vergangenen Montag, steht sie wieder vor ihrer alten Schule. Sie ist heute 75 Jahre alt, das Schulgebäude am Rande von Charlottes Innenstadt hat sich kaum verändert, auch nicht die Straße, an deren Ende es steht. In dem Gebäude ist heute eine Grundschule untergebracht. Counts sagt, es sehe alles aus wie früher.

Aber sonst, was hat sich verändert?

"Damals haben die Leute zu mir gesagt: Wir wollen dich hier nicht. Geh nach Hause. Heute sagen sie zu mir: Ich möchte, dass Sie wissen, dass ich keinerlei Vorurteile gegenüber Ihrer Hautfarbe habe." Sie denkt kurz nach. "Was ist schlimmer?"

Seit Donald Trump Präsident ist, hat sie zum ersten Mal Angst. Sie sagt, sie habe gewusst, dass sie in einer nach Hautfarben getrennten Welt lebt, seit sie zehn Jahre alt ist. Doch sie wusste immer damit umzugehen. Die Dinge würden eher besser als schlechter, das war ihr Gefühl. Doch jetzt, spätestens seit der verheerenden Reaktion des Präsidenten, befürchtet sie, dass die Stimmung gegenüber der farbigen Bevölkerung wieder und endgültig kippen könnte. Es erinnert sie an jenen Tag, als sie 1957 auf ihre neue Schule zulief.

Insgesamt vier Tage lang hatte sie dort durchgehalten, dann nahm ihr Vater sie herunter. Das Projekt, dass eine einzige schwarze Schülerin an einer weißen Schule aufgenommen wurde, war gescheitert. Am dritten Tag war Counts in der Mensa angegriffen worden, am vierten hatte einer die Heckscheibe des Autos eingeschmissen, als ihr Bruder sie abholen wollte.

Mitschüler Wilson, 1957 (l.)
Don Sturkey / Univ. of N.C. Library at Chapel Hill

Mitschüler Wilson, 1957 (l.)

Dorothy Counts nennt sich heute Dot Counts-Scoggins, aber sie wird immer die junge Frau von dem Foto bleiben. Es hat den weiteren Verlauf ihres Lebens bestimmt, sie ist Lehrerin geworden, hat später beim Schulamt gearbeitet, sich dafür eingesetzt, dass Kinder verschiedener Ethnien und sozialer Schichten gemeinsam lernen. Eine Zeit lang, in den Achtziger- und Neunzigerjahren, war ihre Stadt dabei erfolgreich, sogar landesweit führend. Heute sind die meisten Schulen wieder ethnisch getrennt, weil jeder Schüler dort zur Schule gehen soll, wo er wohnt - und die Wohngegenden sich immer noch nach Hautfarben trennen.

Auf dem Foto von 1957 ist unter all den Menschen eine einzige Person zu sehen, die Würde ausstrahlt, deren Schönheit in einem merkwürdigen Gegensatz zu dem Abscheulichen der Szene steht, das ist Dorothy Counts. Sie war damals schon 1,78 Meter groß, das rote Kleid mit der langen, gelben Schleife hatte ihre Großmutter eigens für den ersten Schultag genäht. Die Polizei hatte die Straße gesperrt, der Vater konnte nicht bis an die Schule heranfahren, Dorothy musste die letzten hundert Meter zu Fuß gehen.

Ihr Vater, ein Professor für Theologie, sagte ihr zum Abschied: Dorothy, egal was passiert, halte immer deinen Kopf hoch, und das hatte sie getan. Er sagte ihr nicht, dass es schon Drohanrufe gegeben hatte und Autos ums Haus herumfuhren, nachts, wenn Dorothy schlief.

Drei Jahre zuvor hatte der Supreme Court die Rassentrennung an Schulen verboten. Doch hier im Süden der USA, in North Carolina, hatte niemand daran gedacht, die Anordnung des Gerichts aus Washington zu befolgen. Dorothy und drei weitere Schüler waren die ersten vier Schwarzen, die auf eine bisher weiße Schule gehen sollten, jeder von ihnen auf eine andere. Der Vater hatte Dorothy für das Pilotprojekt angemeldet. Eigentlich sollten es 20 Schüler sein, doch 16 hatte das Schulamt unter fadenscheinigen Gründen abgelehnt. Dorothy wurde genommen.

Als sie aus dem Auto stieg und all die Menschen sah, verstand sie nicht sofort, dass die Menge da draußen ihr galt. Die Sommerferien hatte sie in einem Feriencamp in Iowa verbracht. Sie teilte das Zimmer mit einem anderen Mädchen, der ersten Weißen, die sie richtig kennenlernte, sie waren Freundinnen geworden. Dorothy machte sich keine Sorgen.

Ihr Vater schon. Er hatte einen Freund mitgenommen, der Dorothy auf dem Weg begleiten sollte. Er läuft auf dem Foto neben ihr, zu zweit gingen sie auf die Menge zu, da erst begriff Dorothy, dass die Schüler nur auf sie warteten. Eine Frau vom White Citizens Council, einer Rassistenorganisation, rief: "Spuckt sie an, Mädels, spuckt sie an!"

Die Polizisten am Ende der Straße taten nichts. Kein Lehrer war zu sehen, auch der Schuldirektor ließ sich nicht blicken. Die Jungs riefen: "Geh zurück nach Afrika!"

Einer von ihnen war Marty Wilson. Auf einem Foto ist er in der ersten Reihe ganz links zu sehen, kurzärmliges Hemd, Baumwollhose, die rechte Hand vor der Brust. Er scheint Spaß zu haben.

Heute sagt Marty Wilson zu Beginn des Gesprächs, er werde über jenen Morgen vor 60 Jahren Auskunft geben, aber er wolle bitte nicht als Rassist dargestellt werden.

Ja, aber geht das? Rassismus ist nicht einfach eine politische Ansicht. Rassismus ist möglicherweise eher ein Gefühl. Tief empfunden und stark verankert in den Niederungen des Bewusstseins.

Es sei eine andere Zeit gewesen damals, sagt Marty. Für ihn als 15-Jährigen fühlte es sich falsch und nahezu unvorstellbar an, dass eine "person of color", wie er heute sagt, an seine Schule kommen wollte. Schwarze mussten in Bussen hinten sitzen, Schwarze mussten in bestimmte Restaurants gehen. Sie hatten ihre eigenen Wasserspender, aus denen sie tranken, ihre eigenen Toiletten.

"Das war die Welt, die wir kannten."

Wie diese Welt ausgesehen hat, lässt sich in Raoul Pecks neuer Dokumentation "I Am Not Your Negro" über James Baldwin auf schmerzhafte Weise nacherleben.

Marty empfängt in einer Mercedes-Niederlassung etwas außerhalb von Charlotte. Er trägt ein hellblaues Polohemd mit dem Mercedesstern auf der Brust, dazu eine Anzughose und lederne Bommelslipper, sein Schnurrbart ist penibel auf schmal getrimmt, Goldschmuck an Handgelenk und Fingern. Er sieht aus, wie Amerikaner in den Achtzigerjahren bei "Dallas" ausgesehen haben.

Seit Marty als Handelsreisender für Schleifmaschinen vor zehn Jahren in Rente ging, arbeitete er hier bei Mercedes als Mädchen für alles. Man muss sagen, dass Marty einer der wenigen auf dem Foto ist, die später bereit waren, über ihr Verhalten an jenem Tag vor 60 Jahren zu sprechen.

Bei einer Veranstaltung zum 50. Jahrestags des Fotos kam er spontan auf die Bühne und entschuldigte sich bei Dorothy Counts. Er hatte damals auch andere gefragt, die 1957 dabei gewesen waren, ob sie mitkommen wollten. Keiner wollte. Einer war inzwischen Captain bei der Polizei. Er erklärte Marty, er könne es sich nicht leisten, dass sein Verhalten von damals öffentlich werde. Er fürchtete um seinen Job als Polizist.

Das hat Marty schockiert.

Natürlich war unser Verhalten aus heutiger Sicht falsch, sagt er. Aber damals habe eben jeder so gefühlt wie er.

Mitschüler Wilson, 2017: Das war die Welt, die wir kannten
Travis Dove / DER SPIEGEL

Mitschüler Wilson, 2017: Das war die Welt, die wir kannten

Es ist eine Position des fast dialektischen Relativismus, auf die er sich zurückzieht und nach der ein und dasselbe Verhalten beides sein kann, richtig und falsch: aus damaliger Sicht richtig, oder zumindest schlüssig, während es aus heutiger Betrachtung falsch erscheint.

Er habe persönlich nichts gegen Dorothy Counts gehabt, sagt Marty, er kannte sie ja gar nicht. Aber sie habe ihm auch nicht leidgetan. Er habe sich damals nicht geschämt, weil es niemanden gab, der es anders gesehen hätte, seine Eltern nicht, genauso wenig die Freunde.

Kam es ihm wirklich nicht in den Sinn, dem Mädchen beizustehen?

Marty schaut einen an. "Oh, das wäre ganz furchtbar gewesen. Niemand hätte mich mehr gemocht." Als Dorothy nach vier Tagen wieder weg war, habe sich das wie ein Sieg angefühlt.

Der Zweite Weltkrieg war damals erst zwölf Jahre vorbei, Amerika hatte die Welt von den Nazis befreit, jetzt boomte die Wirtschaft, die Autos und ihre Motoren wurden immer größer, der Rock 'n' Roll kam und wurde von einer schwarzen zu einer weißen Kultur, abends wurde Twist getanzt oder im Autokino geknutscht.

Es war ein Aufbruch nicht nur in wirtschaftliche Glückseligkeit, sondern auch in ein freies, offenes Amerika. Prohibition, Depression, McCarthy-Ära schienen überwunden, in wenigen Jahren würde ein junger, optimistischer Präsident das Land regieren.

Nur der Rassismus blieb, was er war seit den Tagen der Sklaverei, der dunkle Fleck der Nation, der nie aufgearbeitet wurde. Der nach und nach durch Gesetze verboten werden sollte, der aber die Köpfe mancher Menschen nie verließ. Und immer wenn die Umstände es zuließen, wenn eine Umgebung geschaffen war, in der der Rassismus sich sicher fühlte, kroch er wieder hervor aus dem Bewusstsein.

Marty Wilson sagt, damals habe es einen Gruppenzwang gegeben, dem er sich nicht entziehen konnte. Das ist die negative Formulierung. Positiv ausgedrückt, könnte man es einen Zustand der immanenten Zustimmung nennen: Was wir tun, nämlich ein schutzloses 15-jähriges Mädchen zu Hunderten zu drangsalieren, ist okay, weil es keine relevante Autorität gibt, die das Verhalten sanktioniert.

Der Rassismus im Menschen hat sich wahrscheinlich bis heute allenfalls graduell verändert. Es kommt bloß auf die Umstände an, ob er sich entfaltet oder nicht. Marty sagt, dass er, als das Foto überall erschien, sogar ein bisschen stolz gewesen sei.

Alt-Right-Demonstranten in Charlottesville: Sie vereint nicht viel, außer dass sie alle Trump für ihren Präsidenten halten
Edu Bayer / The New York Times / Laif

Alt-Right-Demonstranten in Charlottesville: Sie vereint nicht viel, außer dass sie alle Trump für ihren Präsidenten halten

Etwas Ähnliches ist am vergangenen Wochenende in Charlottesville eingetreten. Nach sieben Monaten Trump hat sich in den USA ein Gefühl moralischer Zermürbung eingestellt. Eine Grundstimmung, die es jungen Menschen ermöglicht, mit Motorradhelmen, Nazifahnen und Fantasie-Schutzschilden durch die Straßen zu ziehen und sich dabei im Recht zu wähnen.

Seit dem Tag von Trumps Amtsübernahme fühlen sich amerikanische Rechtsradikale im Aufwind. Antifeministen, Einwanderungsgegner, Libertäre, Nationalisten, Rassisten bis hin zu Neonazis, allesamt oft unter dem Begriff Alt-Right zusammengefasst, haben nicht immer viel gemein - außer der Tatsache, dass sie Trump für ihren Präsidenten halten.

Die Pressekonferenz am vergangenen Dienstag, bei der Trump die rassistischen Demonstranten in Schutz nahm, hat sie in dieser Annahme bestätigt. Richard Spencer, der Neonazi-Anführer, und David Duke, der ehemalige Ku-Klux-Klan-Chef, bedankten sich beide auf Twitter beim Präsidenten für seine "Wahrhaftigkeit" beziehungsweise seine "Courage".

Schließlich waren sie es, so die Überzeugung innerhalb der Alt-Right-Bewegung, die Trump überhaupt ins Amt verholfen haben. Stephen Bannon, ehemals Chef der rechtsradikalen Website Breitbart und heute einer der engsten Berater des Präsidenten, ist der Alt-Right-Statthalter im Weißen Haus. Bannon, so hatte es Milo Yiannopoulos, eine der schillernden Figuren von Alt-Right, berichtet, habe immer gesagt, Trump sei zwar nicht das perfekte, aber das einzige Vehikel, das der nationalen Bewegung zur Verfügung stehe: Man müsse auf ihn setzen.

Was denn "Alt-Right" überhaupt sein solle, fragte Trump wütend die Journalisten am Dienstag, als sie ihn mit der Bewegung konfrontierten. Der Präsident benutzte damit exakt die gleiche rhetorische Figur der Ahnungslosigkeit, auf die auch die Alt-Right-Protagonisten zurückgreifen, wenn sie Farbe bekennen sollen. Alt-Right, das sind stets die anderen.

Tatsächlich ist der Begriff unscharf und trägt nur zur weiteren Verwirrung bei. Doch die Alt-Right-Welt verbindet die krude Überzeugung, dass die Eliten des Landes, darunter die führenden Medien gemeinsam mit den akademischen Institutionen und dem Silicon Valley, daran arbeiten, die amerikanische Gesellschaft in eine Diktatur des guten Geschmacks und der Minderheitenrechte umzubauen. In ein Land also, das seine Denkmäler abbaut, wie das des Südstaaten-Generals Robert Lee in Charlottesville, weil sie nicht mehr in die Zeit passen. Weil sie an etwas erinnern, das zur dunklen Vergangenheit des Landes gehört.

Die Alt-Right-Aktivisten glauben, dass ihnen damit etwas genommen werde. Sie fühlen sich nicht nur von Einwanderern bedroht, sondern auch von einem politisch korrekten, linksliberalen Justemilieu. Dieser vermeintlich asymmetrische Kampf, in dem die Rechte von vornherein benachteiligt ist, dient ihnen als Rechtfertigung für ihre schrillen Auftritte und für die Gewalt.

Auch dies ist ein ur-rechter, aber auch ur-amerikanischer Topos: aus der Position des Underdogs das System zu attackieren, sich Uniformen überzustreifen, sich zu bewaffnen und das Land zurückzuerobern. Während sich die Gewalt von Alt-Right in den ersten Jahren vor allem auf Internet-Trolling beschränkte, sieht es nun so aus, als wären die Trolle dem Netz entstiegen. Da standen sie mitten in Charlottesville mit ihren hässlichen Fratzen und Flaggen von "Kekistan", einem faschistischen Fantasieland. Sie nannten sich "Proud Boys" oder "Southern Nationalists".

Marty Wilson will mit den Rassisten von heute nichts zu tun haben. Andererseits fragt er sich schon, warum in Charlottesville das Reiterdenkmal eines Südstaatengenerals, das bald hundert Jahre lang dort gestanden hat, nun auf einmal abgebaut werden müsse. Aber er sei eben nicht schwarz und könne sich da vielleicht nicht hineinversetzen.

Die Zeiten hätten sich geändert, das müssten die Rassisten begreifen, sagt er. "Afroamerikaner genießen heute komplette Freiheit und sind gleichgestellt. Sie können tun und lassen, was sie wollen." Marty sagt diese Sätze, als erwartete er für sie jeden Moment den Friedensnobelpreis.

Als er vor zehn Jahren Dorothy Counts zum ersten Mal seit dem Tag 1957 traf, umarmte er sie. Dabei musste er anfangen zu weinen.

Heute habe er sogar schwarze Freunde, sagt er.

Das, so wird es Dorothy Counts später an diesem Nachmittag sagen, sei der andere Satz neben "Seien Sie versichert, ich habe keine Vorurteile", den sie von latenten Rassisten immer wieder zu hören bekomme.



insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
Maverlized 24.08.2017
1. Guter Artikel! Genauso ist es ...
... und zwar nicht nur da drüben, weit weg, in Amerika.
h.hass 24.08.2017
2.
Was müssen das für Menschen sein, die das Mädchen damals verspottet und beschimpft haben? Es gibt doch ein natürliches Gefühl für Anstand und Moral, welches einem auch 1957 sagen musste, dass ein solches Verhalten unanständig und abscheulich ist. Immerhin sind die Untaten dieser Leute dauerhaft dokumentiert, sodass sie bis zu ihrem Tod mit ihrer Schande leben müssen. Diese Strafe ist wohl größer als jede Verurteilung durch ein Gericht.
DasRotkaeppchen 24.08.2017
3. Gerüst der Zivilisation
Jeder Mensch sucht sich seine Bedeutung, seinen Mythos, dass er nicht der Schlechteste ist. Das basiert auf Abgrenzung - und es gibt in vielen Gesellschaften akzeptierte Kriterien der Abgrenzung. Rassismus ist eine der Häufigeren - nicht nur in den USA. Es funktioniert einfach sehr gut, da der Andere offenkundig und sichtbar anders ist. Solche Mechaniken stehen auch hinter dem Mobbing gegenüber dem Dicken, Kleinen, dem, der keine Markenklamotten trägt und so weiter. Und wir brauchen ein festes Gerüst aus verantwortlicher, sicherer, auch durch Sanktionen für Fehlverhalten gestützten Gegenposition zu diesem Verhalten, sonst werden wir stets Menschen ausgrenzen und die lokalen Vertreter der Autoritäten schauen weg, weil ihr gesellschaftlich geprägtes Gefühl sagt, die Ausgrenzung ist richtig (um sich gut, einig, abgegrenzt, überlegen zu fühlen), auch wenn ihr Auftrag was anderes sagt. Letztlich sind das Gefühle und das Ausleben dieser Gefühle ist ein Affekt. Unsere Zivilisation basiert auf Affektkontrolle - aber die muss man den Leuten immer neu beibringen. Auch sich selbst.
grüne-biene 24.08.2017
4. Aktualisieren
Wenn ein Printmedium zum Redaktionsschluss am Abend etwas schreibt und in den Druck gibt, das auf Grund der Ereignisse am nächsten Morgen nicht mehr aktuell ist, ist das kein Problem. Aber fast eine Woche, nachdem Bannon entlassen wurde und umgehend wieder bei Breitbart angefangen hat noch von dem ehem. Breitbartchef und aktuellen Berater im Weißen Haus zu schreiben ist peinlich. Wenn man für einen Online-Artikel Geld verlangt ist es doch das mindeste was man verlangen kann, dass er noch einmal kurz aktualisiert wird, bevor man ihn veröffentlicht und nicht für veraltete Texte Gebühren erhebt.
syracusa 24.08.2017
5.
"Was wir tun, nämlich ein schutzloses 15-jähriges Mädchen zu Hunderten zu drangsalieren, ist okay, weil es keine relevante Autorität gibt, die das Verhalten sanktioniert." Die herrschende Ethik der Gesellschaft muss diese Autorität sein. Und sie ist es ja auch geworden. Natürlich hat v.a. durch die 68er Bewegung in Europa oder durch die Bürgerrechtsbewegung in den USA vollzogene Kulturrevolution dadurch die rassistischen und sozialmobbenden Positionen der Rechten nicht abgeschafft, aber sie hat sie diskreditiert. Die neue Rechte in Europa wie in den USA ist der restliche Bodensatz der alten Mainstream-Rechten. Derzeit fühlen sie Oberwasser, weil sie durch die neuen sozialen Medien in Filterblasen stecken und nur noch die eigene, verabscheuenswürdige Meinung lesen, hören und sehen. Dadurch denken sie, sie seien "das Volk", dem die"linksgrünversifften" Medien Sprechverbote erteilten. Das, was der Mob von AfD/NPD/Pegida bei uns bis zur Alt-Right in den USA als Sprechverbot empfindet, ist nichts anderes als die herrschende Ethik. Diese Ethik der Aufklärung lehnt der Mob ab, findet aber keine Argumente gegen die Vernunft dieser Ethik. Jeder Mitläufer bei AfD/NPD/Pegida spürt den Widerspruch zwischen seiner Meinung und dem Druck der Ethik. Der erste Rechte, der die kognitive Dissonanz zwischen seinem unvernünftigen Denken und der öffentlichen Ethik laut als Sprechverbot reklamierte, war Thilo Sarrazin. Er ist der geistige Vater von AfD/NPD/Pegida.
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