AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 12/2018

Sexuelle Gewalt beim Weißen Ring in Lübeck? "Da hat eine ganze Stadt den Mund gehalten"

Ausgerechnet beim Opferhilfeverein Weißer Ring sollen in Lübeck hilfesuchende Frauen sexuell bedrängt worden sein. Hinweise darauf kursierten schon seit Jahren - warum schritt niemand ein?

Lübecker Weißer-Ring-Chef Hardt (M.)
Rüdiger Jacob

Lübecker Weißer-Ring-Chef Hardt (M.)

Von , , und


Ihr Mann war weg. Konnte nicht mehr, wollte nicht mehr, hatte das Auto mitgenommen, das letzte Geld, hatte sie sitzen lassen. Im vierten Monat schwanger, mit drei Kindern, in einer verschimmelten Bude. Ihr Leben war schon länger eine Kettenreaktion immer neuer Katastrophen gewesen. Aber so schlimm wie jetzt war es noch nie. Der Kühlschrank war leer.

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Heft 12/2018
Der Giftanschlag und der neue Kalte Krieg

Damals, im April 2016, schien alles hoffnungslos. Verloren. Wer half jetzt noch? Sie ging ins Netz, suchte nach: Weißer Ring, dem Verein, der sich um Verbrechensopfer kümmert. Sie fand in Lübeck Detlef Hardt, den Mann, der in der Stadt der Weiße Ring in Person war. Der Leiter der Außenstelle, früher Polizist, vor seiner Pensionierung Sprecher der Lübecker Polizei. Und seit Jahren die starke, entschiedene Stimme derjenigen, die aus Angst oder Scham ihre Stimme verloren haben.

Sie wählte die Nummer. Hatte ihr Mann sie nicht bestohlen, war sie nicht auch ein Opfer? Sie hatte sonst keinen, den sie hätte anrufen können. Hardt nahm gleich ab.

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Aus dem Erlebnisbericht der Diana M., protokolliert beim Frauennotruf Lübeck:

"Er war sehr nett und ... gab uns ... unaufgefordert eine Soforthilfe vom Weißen Ring von 250 Euro, und da waren wir sehr, sehr glücklich ... Wir konnten also Lebensmittel kaufen, und das Leben ging weiter irgendwie ... Er hat mich dann ... noch ins Gewerkschaftshaus reinbestellt, in sein Büro, abends um halb sieben ... ohne Kinder ... Mir ging's psychisch ganz, ganz dreckig ... Er ... hätte da so ne Idee, wie ich am allerschnellsten aus der ganzen Misere rauskommen könnte ... Ob ich schon mal als Prostituierte gearbeitet hätte. Nein, hab ich nicht. Ja, das wäre die Lösung, nach Hamburg zu fahren, ein-, zweimal die Woche würde genügen, und dann könnte ich Geschäftsmänner ... verwöhnen, bis 1000Euro und mehr wären an einem Abend zu verdienen ... Irgendwann stand er auf von seinem Platz und kam zu mir auf meine linke Seite."

Der Weiße Ring, rund 50.000 Mitglieder, Zentrale in Mainz, 420 Außenstellen im ganzen Land, ist so etwas wie das Gute an sich. Wie die Welthungerhilfe, die Bahnhofsmission. Ein Verein, der Menschen hilft, die in Not geraten sind, unschuldig, als Opfer eines Verbrechens. Viele Tausend hat der Weiße Ring im vergangenen Jahr gestützt, mit Geld, mit Therapiegutscheinen oder einfach: durch Zuhören, Mitleiden. Durch Worte, die heilen, was an Selbstvertrauen kaputtgegangen ist.

Der Verein füllt eine Lücke, die der Staat lässt, und der Staat ist dankbar dafür: Wenn Richter Geldbußen zu verteilen haben, denken sie gern an den Weißen Ring. Und wenn der Verein zu seinen Jahrestreffen ruft, dann sind sie da: Minister, Abgeordnete, Gerichtspräsidenten, Polizeichefs, alles Verbündete, Freunde im Namen der guten Sache.

Und genau das ist anscheinend nun das Problem: Was, wenn die gute Sache plötzlich böse wird? Wenn der makellose Ruf auf dem Spiel steht - wen schützt man dann? Den Verein und sein Image? Oder Frauen, die dort in die Hände eines Mannes geraten sind, der sie offenbar für Freiwild hielt?

Mutmaßlicher Tatort Gewerkschaftshaus Lübeck
Maria Feck / DER SPIEGEL

Mutmaßlicher Tatort Gewerkschaftshaus Lübeck

In Lübeck, dafür sprechen fünf Verdachtsfälle, die der SPIEGEL und die "Lübecker Nachrichten" recherchiert haben, wurden beim Opferhilfeverein Weißer Ring die Opfer offenbar erneut zu Opfern. Sie fühlten sich ausgeliefert - den Fantasien eines Mannes und seiner Macht, darüber zu entscheiden, ob der Weiße Ring hilft. Oder nicht.

Detlef Hardt, 73, hat deshalb seinen Posten Anfang des Jahres räumen müssen, aber das Warum, das sollte keiner erfahren. Erst als der Druck der Opferfrauen zu groß wurde, setzte der Weiße Ring eine "Presse-Handreichung" auf. Sorgfältig durchformuliert in der Bundesgeschäftsstelle in Mainz, abgestimmt mit dem Landesvorsitzenden Uwe Döring, früher Justizminister von Schleswig-Holstein.

Darin heißt es, mehrere vom Verein betreute Menschen hätten unabhängig voneinander von "Grenzüberschreitungen" durch den Leiter der Außenstelle berichtet. Kein Wort davon, dass es Frauen waren, kein Wort, dass sie Hardt sexuelle Übergriffe vorwarfen.

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Aus dem Erlebnisbericht der Diana M., protokolliert beim Frauennotruf Lübeck:

"Irgendwann stand er auf von seinem Platz und kam zu mir auf meine linke Seite und sagt, verdammt, Sie haben so, wie hat er gesagt, magische, nee, tolle Augen ... Er könnte jetzt nicht mehr widerstehen ... und er kam dann zu mir und zog seinen Hosenlatz runter, ich war ganz geschockt. Er meinte ... ob er meine Brüste anfassen dürfte, da hab ich gesagt, nee, und ich solle ihm bitte ... (Genitalteil -Red.) zeigen. Das war so wortwörtlich, und er zog seinen hängenden, widerlich stinkenden ... (Genitalteil -Red.) raus, Entschuldigung, ich hab den Geruch heut noch in der Nase ... Ich fing an zu weinen, bin heulend zusammengebrochen. Ich ... merkte, es war nichts mit Freundschaft oder mit väterlicher Hilfe ... sondern wieder mal ein Arschloch, was einfach nur in der Notsituation ... seinen Nutzen daraus ziehen wollte."

Das also war es, was der Weiße Ring mit seiner "Presse-Handreichung" kaschiert hat. Das und andere mutmaßliche Fälle. Frauen, die erzählen, Hardt habe auch sie gefragt, ob er ihre Brüste anfassen dürfe. Und ob sie als Hure gutes Geld verdienen wollten.

Mit dieser Heimlichtuerei hatte der Verein bis in die Spitze der Bundeszentrale offensichtlich eines im Sinn: seinen guten Ruf, nicht die Frauen. Dabei kam gelegen, dass die #MeToo-Frauen in diesem Fall keine Filmstars waren, nur Frauen in einer prekären Lage. Vorbestrafte Frauen, Frauen in der Privatpleite, Frauen, die nicht um die nächste große Rolle kämpfen, sondern um einen vollen Kühlschrank. Frauen, die reden, sogar schreien könnten, ohne dass ihnen einer wirklich zuhörte.

Opfer Diana M.: "Den Geruch heut noch in der Nase"
Jürgen Dahlkamp / DER SPIEGEL

Opfer Diana M.: "Den Geruch heut noch in der Nase"

Aber es geht nicht nur um den Weißen Ring: Viele in der Stadt haben geschwiegen, nach Hardts Abschied, weil nicht wahr sein sollte, was nicht wahr sein durfte. Dass der Mann, der die Honoratioren bei den Empfängen des Weißen Rings im Rathaus begrüßt hatte, im Audienzsaal, der mit jedem von ihnen auf Pressefotos posierte - dass so einer Frauen in seiner Obhut belästigt haben soll: wenn das öffentlich würde?

Wie peinlich für alle, die sich die Ehre gaben, wenn Hardt sie in seinen zwölf Jahren als Außenstellenleiter gerufen hatte: der frühere BKA-Chef Jörg Ziercke, geboren in Lübeck und Bundesvize des Weißen Rings, Ex-Landesvater Björn Engholm, die Bundestagsabgeordnete Gabriele Hiller-Ohm, Landtagspräsident Klaus Schlie, der Ex-Innenminister Stefan Studt.

Was, wenn sich jetzt herausstellt, dass der Mann, den sie hofiert hatten, schmutzige Geheimnisse hatte, die aber so geheim gar nicht waren? Denn schon seit Jahren wurde in Lübeck geflüstert, dass sich Hardt angeblich an Opfer heranmache, sie belästige. Die Staatsanwaltschaft hat seit 2006 drei Hinweise bekommen; es reichte aber nie für ein Ermittlungsverfahren. Auch die Polizeiführung erfuhr schon 2012, dass Hardt sich bei Frauen nicht immer im Griff gehabt haben soll.

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Aussage eines Lübecker Polizisten gegenüber dem SPIEGEL:

"Da hat eine ganze Stadt den Mund gehalten bis hinein ins Rathaus. Diese Leute schämen sich natürlich, dass sie so lange mit ihm zusammengekungelt haben, dass sie ihm eine Plattform gegeben haben. Es ist schon schäbig, dass jetzt das große Schweigen einsetzt. Die haben alle Angst."

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Aussage eines anderen Lübecker Polizisten gegenüber dem SPIEGEL:

"Es gab einige Polizisten, die wie ich aus dem Weißen Ring ausgetreten sind, als wir hörten, was Hardt mit Opfern gemacht haben soll. Das war schon, bevor er gehen musste."

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Aus einem Schreiben des Frauennotrufs Lübeck an den Weißen Ring vom 18. Januar 2018:

"Innerhalb der vergangenen Wochen haben sich mehrere Frauen persönlich und telefonisch bei uns gemeldet. Die Frauen haben Kenntnis davon, dass sowohl Mitarbeiterinnen der Geschäftsstelle in Lübeck als auch der Landesverband Weißer Ring seit Längerem von diesen Vorkommnissen wussten; durch das Nichthandeln und Verschleiern fühlen sie sich erneut gedemütigt. Auch wir hatten im Laufe der Jahre Beschwerden von Frauen gegen Herrn Hardt, die sich auf sexuell grenzverletzendes Verhalten und verbale sexuelle Belästigungen bezogen. Wir haben daher 2012 den Ortsverein und Herrn Hardt anonymisiert mit den Beschwerden konfrontiert."

2012. Damals stand Hardt also schon in Verdacht. Aber auch der Frauennotruf, die Organisation, die sich in Lübeck wie keine andere für geschlagene und missbrauchte Frauen einsetzt, hat die Sache weiterlaufen lassen. In der Hoffnung, dass schon alles gut wird? Oder weil der Frauennotruf vor allem am Geldtropf von Stadt und Land hängt und sich lieber nicht mit einem Mann anlegen wollte, der beste Drähte ins Rathaus und nach Kiel hatte?

Diana M. hat jetzt, im Februar, noch einmal eidesstattlich versichert, was ihr mit Hardt passiert sein soll. Aber schon im November 2016 war sie damit zum Frauennotruf gegangen; am 20. Juni 2017 ließ sie dort ihre Aussage protokollieren. Alles: der offene Hosenlatz, der Vorschlag, sie könne doch als Hure arbeiten. Auch dass Hardt gesagt haben soll, die Männer, die beim Umzug geholfen hatten, könne sie ganz einfach bezahlen, indem sie sich vor ihnen niederknie und es ihnen "besorge".

Danach blieb Hardt trotzdem noch ein halbes Jahr im Amt.

Lübecker Altstadt mit Holstentor
Maria Feck / DER SPIEGEL

Lübecker Altstadt mit Holstentor

Es gibt, um das klar zu sagen, keine Anklage; es gibt Protokolle, Aussagen, und es gibt den Lübecker Anwalt Jens Hülsebusch, der in dieser Woche für zwei Frauen Anzeige erstattet hat, wegen des Verdachts der sexuellen Nötigung. Wie immer gilt auch im Fall Hardt die Unschuldsvermutung. Und nicht alles, was "widerlich" ist - ein Lieblingswort von Hardt, wenn er früher über Sexualtaten redete -, ist auch strafbar.

Hardt sagt, nichts von dem, was ihm Frauen nun vorwürfen, sei wahr. Alles nur Missverständnisse. Oder noch schlimmer: Lügen. Sein Anwalt hat selbst Strafantrag gegen unbekannt gestellt - Verdacht auf üble Nachrede, falsche Verdächtigung, Verleumdung. Aussage steht gegen Aussage; Hardt war allein mit den Frauen, als passiert sein soll, was sie beschreiben.

In einigen Fällen mag es auch Gründe geben, generell an der Glaubwürdigkeit einer Zeugin zu zweifeln, wegen ihres Vorlebens und weil sie es mit der Wahrheit nicht immer ernst genommen hat, um durchzukommen. Das gilt auch für Diana M., 40, eine Frau mit der fatalen Neigung, sich in Schwierigkeiten zu bringen. Manchmal auch mit dem Gesetz. Doch es gibt zu viele Einzelfälle und die eine Frage, die am Ende auch der Weiße Ring nicht mehr so beantworten konnte wie Hardt: Wenn mehrere Frauen, die sich nicht kannten, über sexuelle Übergriffe klagten, wie glaubwürdig ist dann sein Dementi?

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Aus dem Erlebnisbericht der Petra K., 50, gegenüber dem SPIEGEL:

"Ich habe Krebs, die Ärzte geben mir nur noch Wochen, aber zwei Sachen will ich noch: mein Enkelkind sehen. Und jeder soll wissen, was der Hardt mit mir gemacht hat. Ich bin als Kind missbraucht worden; 2015 habe ich mich an den Weißen Ring gewandt, denn ich hatte gehört, dass es ein neues Gesetz gibt, eine Opferrente. Hardt tat erst fürsorglich, aber als er hörte, dass ich allein lebe, sagte er: eine Frau mit Ihrem Dekolleté, und dann kein Mann, unvorstellbar ... Schlimmer als seine Worte war aber sein Blick, den kannte ich, diesen Schlange-Kaninchen-Blick.
Das hat bei mir alte Dinge wieder aufgerissen, etwa die Unfähigkeit, mich zu waschen, unter der ich als Kind nach dem Missbrauch wochenlang gelitten hatte. Das habe ich Hardt auch am Telefon gesagt. Und er meinte, ich hätte Glück, er könne gleich da sein und mir beim Duschen helfen. Aber vorher müsste ich ihn duschen. Da habe ich ihn angeschrien, dass ich schon meinen Therapeuten angezeigt habe, als er mir auch so kam. Der hat seine Zulassung verloren. Da hat Hardt ganz kalt geantwortet, er würde mich unter Betreuung stellen lassen. Danach habe ich aufgelegt und mich wochenlang in meiner Wohnung verkrochen."

Schon 2012 hatte sich eine Frau bei der Polizei gemeldet, Opfer eines Einbruchs, und behauptet, Hardt sei ein Stalker, lasse sie nicht in Ruhe. Damals gab es noch eine Beschwerde: Eine Frau, die zuvor vergewaltigt worden war, sagte, Hardt habe sie so merkwürdig angesprochen; es sei unangenehm mit ihm geworden. Eine Polizistin machte einen internen Vermerk, schickte ihn an ihre Behördenleitung.

Das Ergebnis? Zwei Gespräche mit dem Lübecker Polizeichef. Der hieß damals Heiko Hüttmann. Aber kein Problem, sagt Hardt heute, der Polizeichef sei "sehr freundlich" gewesen. "Mit Herrn Hüttmann wurde vereinbart, noch sensibler vorzugehen." Hüttmann, inzwischen pensioniert, will mit dem SPIEGEL nicht reden, dafür hat die Polizei Lübeck eine Überraschung parat: Hüttmann habe nicht nur mit Hardt geredet, sondern auch mit der Landesspitze des Weißen Rings, mit Döring. Der Polizeichef habe darauf gepocht, dass "Herr Hardt zukünftig unbedingt die notwendige Distanz bei der Betreuung von Opfern einhält". Döring war also schon 2012 gewarnt.

Was die Polizistin damals notiert hatte, scheint aber auch beim Lübecker Frauennotruf gelandet zu sein. Eine Mitarbeiterin rief die Beamtin an und wollte wissen, was sie tun sollten, wenn sich wieder mal jemand beim Frauennotruf über Hardt beschwere. Die Polizistin, so heißt es unter Kollegen, habe geraten: alles schriftlich machen, Anzeige erstatten, die Polizeiführung informieren.

Polizeichef Hüttmann 2012
Olaf Malzahn / Presse Foto Nord

Polizeichef Hüttmann 2012

Vorher schon, im September 2012, schrieb der Frauennotruf einen bösen Brief an Hardt, der sich wie eine Vorladung liest. Frauen hätten seine Art "unangemessen" gefunden, "grenzverletzend", es gehe "nicht um Einzelfälle". Deshalb hätten Frauen "zunehmend Bedenken", noch zum Weißen Ring zu gehen. Hardt musste beim Frauennotruf antreten. "Ergebnis der Konfrontation", wie das der Frauennotruf heute nennt: Hardt habe versprochen, Frauen beim Weißen Ring nicht mehr allein zu treffen. Das meldete der Frauennotruf auch der Lübecker Polizei. Hardt sagt dagegen, gar nichts habe er zugesagt.

So oder so: Das Misstrauen gegen ihn war schon massiv. Intern. Nach außen aber sah es weiter so aus, als wäre das Vertrauen unerschütterlich. Hochachtung, überall. Leute wie Hardt sind es schließlich, die eine Stadt zusammenhalten, ihr sozialer Kitt, der aus dem Nebeneinander- ein Zusammenleben macht. Die Gesellschaft schließt einen Pakt mit ihnen: Sie geben ihre Zeit, ihre Kraft, dafür hebt das Engagement solche Leute aus der Masse heraus. Lässt sie strahlen, mit Fotos in der Zeitung, einem Schulterklopfer vom Minister. Hardt, sagen viele, habe sein Amt genossen.

Der Weiße Ring machte Hardt in Lübeck groß. Dafür machte der aber auch den Weißen Ring in Lübeck groß: Auf 500 Mitglieder kam der Verein in der Hansestadt, viermal so viel wie im Durchschnitt. Auch die Stadt selbst ist Mitglied. Und Hardt wusste genau, was man von ihm hören wollte, wenn er zum Empfang einlud. Worte, die in der gediegenen Backsteinbürgerlichkeit Lübecks wohlig widerhallten. Seine vielleicht flammendste Rede hielt er 2009 - auf die Zivilcourage. "Dieses Leid der Opfer hat Ohren. Es gibt viele Menschen, Nachbarn, Verwandte, Freunde, die von diesem Unrecht wissen und schweigen. Dieses Wegsehen ist der eigentliche Skandal in unserer Gesellschaft." Aus heutiger Sicht nahm ausgerechnet Hardt damals vorweg, wie man mit seinen mutmaßlichen Eskapaden umging.

Opfer Wiebke R.: Etwas lieb sein zu älteren Männern
Maria Feck / DER SPIEGEL

Opfer Wiebke R.: Etwas lieb sein zu älteren Männern

Schon Ende 2016 erzählte ein Mitarbeiter des Weißen Rings beim Adventskränzchen, im Rathaus pfiffen es doch "die Spatzen von den Dächern, dass der Hardt sich an Opfern beim Weißen Ring vergeht".

Im November 2016 wusste auch Landeschef Döring Bescheid. Er behauptet: erst da. Dabei hatte ihn ja schon vier Jahre vorher Polizeichef Hüttmann ins Gebet genommen. Was genau Döring 2016 hörte, will er heute nicht sagen. Aber es muss so gravierend gewesen sein, dass Hardt danach "prinzipiell keine weiblichen Opferfälle" mehr betreuen durfte, wie Döring sagt, und wenn ausnahmsweise doch, dann nicht allein. Das hat "Herr Hardt gegenüber dem Landesvorstand schriftlich bestätigt". Auch die Bundeszentrale in Mainz kannte den seltsamen Deal, Döring hatte sie informiert.

Ihm blieb auch kaum noch etwas anderes übrig, denn am 21. Dezember schrieb ihm der neue Lübecker Polizeichef Norbert Trabs, dass die Polizei mit dem Weißen Ring nur noch zusammenarbeite, wenn sicher sei, dass Hardt keine Opfer sexualisierter Gewalt mehr betreue. Anschließend wies Trabs sein zuständiges Kommissariat an, solche Opfer nicht mehr zum Weißen Ring in Lübeck zu schicken.

Nicht allein mit Frauen zu reden, genau das hatte Hardt aber angeblich schon 2012 versprochen, dem Frauennotruf. Und auch jetzt sollte er sich nicht darum scheren. Man habe das nicht kontrollieren können, sagt Döring, "Herr Hardt hat wiederholt erklärt, dass er sich an die Vereinbarung hält". Während also getuschelt, getratscht, nichts getan wurde, kamen weiter Frauen zu ihm. "Auf dem goldenen Tablett serviert", wie ein Therapeut des Weißen Rings heute sagt.

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Aus der eidesstattlichen Versicherung der Wiebke R. vom 13. März 2018:

"Der Weiße Ring sollte mir bei dem Gerichtsverfahren helfen ... Dann kam der Herr Hardt ... Er sagte: Machen Sie sich mal ein bisschen locker, er zupfte mir über der Brust an der Bluse, da war ich schon etwas geschockt ... Beim zweiten Treffen, da war ein Bekannter von mir dabei ... fragte mich Herr Hardt hinterher, ob ich Sex mit dem Herrn hätte. Kurz vor dem Prozess sagte er, er würde mir schon gern helfen, aber vorher wolle er mit mir ins Hotel ... Und noch etwas später hat er mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, etwas lieb zu älteren Männern zu sein ... Damit könnte ich Geld verdienen. Ich dann: Nein, ich mache so was nicht. Und er: Anders kann ich Ihnen da nicht helfen. Im Sommer 2017 war ich mit ihm in der Stadtbäckerei ... verabredet, da sagte er, wenn ich lieb und nett bin, mit Anfassen ... würde er mir helfen."

2017 soll Hardt mit einer Frau im Auto gesessen und sie gefragt haben, ob er ihre Brüste anfassen dürfe, er sei so erregt. Eine andere soll nach ein paar Gesprächen beim Weißen Ring im Prestige gelandet sein, einem Lübecker Bordell. Und auch eine Mitarbeiterin der Polizei erzählte, Hardt habe sie im Auto sexuell bedrängt, 2017.

Damit ging es aber nicht um eine Frau mit angekratztem Ruf und angeknackster Seele; jetzt wurde es ernst für Hardt. Die Kripo machte ein Protokoll und schrieb Döring im Juli 2017, Hardt müsse raus aus dem Amt. Nun endlich drängte auch Döring seinen Lübecker Statthalter zum Rückzug, aber geordnet, nur nichts überstürzen. Hardt konnte sich damit noch ein halbes Jahr Zeit lassen.

Heute, nach Hardts Abgang, hat sich der Frauennotruf an einer Erklärung versucht, warum der Mann nicht früher gestoppt wurde. "Die Frage war und ist stets: Wem wird geglaubt, einem Opfer, das möglicherweise auch andere schwierige Lebensverhältnisse vorzuweisen hat, oder einem ehemaligen Polizisten und Außendienststellenleiter, der Verbindungen bis in die Politik hat? Es sind immer wieder dieselben Mechanismen, die Opfer hindern zu sprechen."

Allerdings, das nur zur Erinnerung, kannte auch der Frauennotruf schon 2012 Beschwerden über Hardt. Er ließ sich von ihm einlullen, statt auf seinen Rauswurf zu drängen oder wenigstens die Spitze des Weißen Rings zu informieren. Es sagt zudem viel über die Frauensolidarität des Frauennotrufs, wie es im Fall Diana M. offenbar weiterging.

Der Verein hatte ein halbes Jahr gebraucht, bis ihre Aussage im Juni 2017 protokolliert war. Eine Anwältin, die der Frauennotruf dazuholte, soll gesagt haben, es sei schlauer, damit nicht gleich zur Polizei zu gehen, sonst drohe eine Anzeige von Hardt, wegen Verleumdung. Besser also, das Protokoll anonym der Mainzer Zentrale des Weißen Rings zuzuspielen. Diana M. war einverstanden, der Frauennotruf sollte das erledigen.

Als Diana M. Monate später erleichtert nachfragte, ob Hardt über sie gestürzt sei, soll die Antwort des Frauennotrufs frostig ausgefallen sein. Nein, das habe mit ihr nichts zu tun. Aber das Protokoll? Oh, das sei nicht nach Mainz geschickt worden; man habe aufs letzte Okay von ihr gewartet. Welches letzte Okay? Die Anwältin - eine ausgewiesene Frauenschutz-Aktivistin - habe ihren Fall auch nicht mehr weiterführen wollen.

Der Frauennotruf will dazu heute nichts sagen - die Schweigepflicht. Dafür redet Diana M.: "Ich habe mir gedacht, der Hardt ist weg, jetzt soll das also vertuscht werden, damit der Frauennotruf und der Weiße Ring sauber dastehen ... Ich war denen egal."

Lübecker Prestige Club: "Damit könnte ich Geld verdienen"
Maria Feck / DER SPIEGEL

Lübecker Prestige Club: "Damit könnte ich Geld verdienen"

Das änderte sich spätestens im Januar. Da nämlich versuchte der Frauennotruf immer wieder, sie zu erreichen. War es die Angst, Dinge könnten nun doch an die Öffentlichkeit kommen und der Frauennotruf könnte schlecht aussehen? Ein paar Tage vorher hatte sich Hardt in einem Zeitungsinterview zum Abschied noch mal als Mann der großen Gefühle inszeniert, hatte gebarmt, dass "jedes Opfer entsetzlich leiden kann". Und Landeschef Döring hatte ihm bescheinigt, "viel für den Verein geleistet zu haben".

Danach meldeten sich empörte Frauen beim Frauennotruf, die erzählten, was sie mit Hardt angeblich erlebt hatten. Auch der Weiße Ring bekam Anrufe, bis heute haben sich gut ein Dutzend Frauen beklagt. In einem Brief forderte der Frauennotruf deshalb vom Weißen Ring eine "Distanzierung von Herrn Hardt". Das war der Auslöser jener verdrucksten "Presse-Handreichung", die der Weiße Ring aufsetzte.

Jetzt, da jeder erst mal an sich selbst denkt, zerbröselt auch die Solidarität der Opferschützer untereinander. Landeschef Döring keilte in einem Brief an seine Außenstellen gegen den Frauennotruf: Wenn die Beratungsstelle, wie sie schreibe, schon 2012 Hinweise erhalten habe, dann "bedauere ich es außerordentlich, dass dem Weißen Ring als Landesverband diese Vorwürfe nicht sofort mitgeteilt wurden. Dann wären wir möglicherweise nicht in die jetzige Situation gekommen". Erste Hinweise? Die hatte Döring 2012 schon selbst.

Am Ende seines Schreibens glaubte der Landeschef aber noch, wieder zur Routine übergehen zu können: "Ich hoffe, dass wir diese Krise nun bald überstanden haben!"

Dabei hat Detlef Hardt angekündigt, künftig Musikstudenten zu fördern. Der Frauennotruf hat den Weißen Ring schon gewarnt: Es gebe die Sorge, dass an der Lübecker Musikhochschule "Studentinnen gefährdet" seien. Der Weiße Ring solle öffentlich erklären, warum Hardt sein Amt niederlegen musste.

Frage des SPIEGEL an Landeschef Döring: Haben Sie die Musikhochschule unterrichtet? Antwort Döring: "Nein."



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