AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 12/2018

Wohlfühlmedizin vor 250 Jahren Die märchenhafte Karriere des Wellness-Pioniers Théodore Tronchin

Ein Pariser Wohlfühlarzt stieg vor über 250 Jahren zum Star der feinen Gesellschaft auf. Seine Methoden waren erstaunlich modern.

Mediziner Trochin: Weiberheld im weißen Kittel
Wellcome Library London

Mediziner Trochin: Weiberheld im weißen Kittel


Dass der Herr Doktor höchstpersönlich zur Visite bat, war bereits von Ferne zu erkennen. Seine Praxis im Zentrum von Paris sei regelrecht von Frauen belagert worden, die seinen ärztlichen Rat suchten, notierte ein Freund staunend.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 12/2018
Der Giftanschlag und der neue Kalte Krieg

Mit Noblesse, gewinnendem Lächeln und wippender Mähne empfing der Gynäkologe Théodore Tronchin die Pariser Aristokratinnen zur Sprechstunde. Aber nicht nur die Damen waren verzückt. "Er ist so weise wie Asklepios und so schön wie Apollo", schwärmte ein anderer Freund - der Philosoph Voltaire.

Bis wenige Jahre vor Ausbruch der Französischen Revolution war Tronchin als Wohlfühlarzt der feinen Gesellschaft von Paris ein umschwärmter Star. Lange bevor der Begriff erfunden wurde, praktizierte der Schönling als Wellnessguru - eine Art Müller-Wohlfahrt der Frühmoderne, der die von Korsetts und Stöckelschuhen gemarterten Adelsfrauen umsorgte.

Tronchin gehörte zweifellos zu den schillerndsten Figuren seiner Zeit. Doch der Nachruhm des Heilers hat erheblich gelitten. Erst besudelten Neider das Ansehen des Edelmediziners; dann geriet der Arzt, dem die Frauen vertrauten, beinahe gänzlich in Vergessenheit. Nun aber hat der Historiker Giacomo Lorandi damit begonnen, die märchenhafte Karriere Tronchins zu rekonstruieren - erste Forschungsergebnisse, die der Wissenschaftler in der jüngsten Ausgabe des Fachmagazins "History Today" veröffentlichte, kommen einer Rehabilitation gleich.

"Sein Erfolg führte unausweichlich zu einer Hasskampagne gegen ihn", urteilt Lorandi.

Und die hielt offenbar lange an. Noch im Jahr 1907 - lange nach dem Ableben Tronchins - veröffentlichte die Zeitschrift "Archiv für Geschichte der Medizin" eine gallebittere Abrechnung mit dem Wirken des Weiberhelden im weißen Kittel. "Durch Scheinwissenschaft, durch stattliches und vornehmes Auftreten, durch Großtun" habe der Medikus "das Zutrauen des großen Publikums an sich gezogen", spottete darin der niederländische Arzt und Medizinhistoriker Arie Geyl. Wo immer Tronchin auftauche, "weiß er die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und sich groß und wichtig zu machen", hämte der Autor - jedoch: "Medizinische Ethik sucht man bei ihm vergeblich."

Tronchin, 1709 als Sohn eines reichen Bankiers in Genf zur Welt gekommen, hatte sich früh der Frauenheilkunde verschrieben. In seiner Dissertation widmete er sich dem weiblichen Intimbereich. Eine Weile zog er danach durch Europa. In Paris angekommen, verblüffte er die feine Gesellschaft mit einer bis dahin relativ neuen Vorsorgemaßnahme gegen die gefürchteten Pocken.

Seine vornehmen Patienten ließen sich von ihm mit Pockenviren impfen, die Tronchin aus der Pustel eines Erkrankten gewonnen hatte. Die Methode verbreitete sich rasch - "auch wenn die Behandlung häufig kaum dem Bedürfnis nach Prävention entsprach, sondern eher dem Wunsch, à la mode zu sein", berichtet Lorandi.

Großen Erfolg hatte der hochbegabte Selbstvermarkter auch als Frauenversteher. Anders als die zumeist distanzierten Doktoren des 18. Jahrhunderts gefiel sich Tronchin gegenüber seinen Patientinnen in der Pose des einfühlsamen Kniestreichlers und Zuhörers, "beinahe wie ein Privattherapeut" (Lorandi).

Seine Gegner denunzierten ihn derweil als "Verführer der Frauen", als "selbst ernannten Messias" oder "medizinischen Freibeuter". War Tronchin in Wahrheit ein Schaumschläger, nahe an der Hochstapelei?

Historiker Lorandi sieht den Praktiker zu Unrecht verunglimpft. Tronchin kultivierte schon vor über 250 Jahren eine Tugend, die jeder gute Arzt der Gegenwart beherzigt: Er schenkte seinen Patienten viel Aufmerksamkeit und riet zu gesundem Essen sowie mehr Körperhygiene.

Auch in anderen Bereichen war er seiner Zeit voraus. So warnte er die häufig zum Nichtstun verurteilten Damen der feinen Gesellschaft vor einem Leben in ungesunder Schonhaltung. Die Mahnung zeigte Wirkung: Mehr als 200 Jahre vor Erfindung des Nordic Walking hasteten seine Anhängerinnen schon im Morgengrauen über die Boulevards von Paris. Ein Bestandteil dieser nach ihrem Erfinder "Tronchiner" benannten Ertüchtigungsläufe war ein langer Spazierstock, mit dessen Hilfe sich die Hobbyathletinnen im Gleichgewicht hielten.

Spaziergängerin

Spaziergängerin

Der umtriebige Doktor betätigte sich auch als Ideengeber medizinisch wertvoller Arbeitsmöbel. Ihre tägliche Korrespondenz sollten seine Jüngerinnen an einem Tisch verfassen, der auf verblüffende Weise modernen Stehpulten ähnelt. Offenbar ahnte Tronchin voraus, was sich im 21. Jahrhundert als Erkenntnis durchsetzt: Zu häufiges Sitzen ist der Gesundheit abträglich.

Zu Lebzeiten konnten die Nörgler den Ruf des Frauenschwarms ohnehin kaum schmälern. Groß war die Trauer nicht nur in der Damenwelt, als er 1781 starb. In seinem Nachruf schrieb ein Weggefährte, was in Paris alle dachten: "Herr Tronchin war angenehm großgewachsen, er hatte ein vornehmes, zartes Gesicht, eine hohe klare Stirn, und die schönen, langen Haare betonten diese Vorzüge."



© DER SPIEGEL 12/2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.