AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 55/2017

Gekniffene Fonds-Anleger "Da fühlt man sich schon sehr betrogen"

Manchmal kommt es dicker: Wenn geschlossene Fonds pleitegehen, werden betroffene Anleger oft noch einmal zur Kasse gebeten. Wie ist das möglich?

Containerschiff
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Warum die Wahl wohl auf ihn gefallen ist? Dietrich Mattausch weiß es nicht. Vielleicht, weil er ein prominenter Schauspieler ist. Oder weil das Geld, das es bei ihm zu holen gab, gerade genug war, um die nötigen Summen zusammenzubekommen.

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Jedenfalls ist er einer von denen, die es getroffen hat: Mattausch steckte Mitte der Neunzigerjahre über einen geschlossenen Fonds rund 50.000 Mark in ein Containerschiff, die MS "Cape Scott", benannt nach einem Landvorsprung an der Westküste Kanadas. Der Fonds ging vor einigen Jahren in die Insolvenz. Mattauschs Einsatz war weg, dafür blieben bei der Fondsgesellschaft aber noch Schulden übrig, die beglichen werden mussten.

Deshalb bat der zuständige Insolvenzverwalter die Anleger nochmals zur Kasse. Allerdings nicht alle 350 in gleichem Maße, sondern nur ein Dutzend von ihnen, so jedenfalls hat es der Anwalt von Schauspieler Mattausch recherchiert. Mattausch nämlich ist einer der Betroffenen und muss jetzt nach jahrelangem Rechtsstreit rund 14.000 Euro zahlen.

"Da fühlt man sich schon sehr betrogen", sagt der 77-Jährige. Tatsächlich ist das Vorgehen des Insolvenzverwalters "zwar nicht gerecht, aber leider legal - und in solchen Fällen durchaus üblich, wenn auf diese Weise genug Geld für die ausstehenden Forderungen zusammenkommt", sagt der Jurist Ralph Veil. Das heißt, es könnte vielen Anlegern wie dem Schauspieler ergehen.

Denn in den Neunziger- und Zweitausenderjahren war der Verkauf von geschlossenen Fonds ein Massengeschäft: Finanzberater und Banken priesen die Produkte als lukrative Möglichkeit, um auch als Kleinsparer an großen Unternehmungen teilzuhaben, an Immobilien, Ferien- und Freizeitparks, Filmproduktionen - oder eben Schiffen. Die Fonds waren steuerlich lange vorteilhaft, doch spätestens, als der Fiskus die steuerlichen Abschreibungsmöglichkeiten strich, wurden viele Investments zum finanziellen Albtraum.

Seit 2008 sind Expertenschätzungen zufolge allein Hunderte Schiffsfonds in die Pleite gerutscht, und das lag nicht nur an der Krise des weltweiten Schiffverkehrs. Die meisten Fonds waren zu riskant konstruiert, wie inzwischen bekannt ist: Bei den meisten wurden horrende Gebühren fällig für etliche teils bizarre Dienstleistungen im Rahmen der Verwaltung. Noch dazu arbeiteten viele Gesellschaften mit enormen Krediten, die häufig auch noch in Fremdwährungen wie dem Schweizer Franken finanziert waren. Wenn der Wechselkurs sich ungünstig entwickelte, explodierten die Schulden.

Von alldem hatten Anleger wie Mattausch oft keine Ahnung, als sie ihr Geld investierten. Finanzberater kassierten für den Verkauf der Produkte enorme Provisionen und spielten die Risiken herunter, verkauften die Produkte manchmal sogar als eine Art "schwimmendes Sparbuch".

Außerdem schien bei vielen Investments nach außen hin alles in Ordnung zu sein. "Das Verführerische war, dass viele Fonds anfangs super liefen", erinnert sich Schauspieler Mattausch, der insgesamt in ein halbes Dutzend solcher Anlagen investiert hatte. Viele schütteten über Jahre hinweg regelmäßig Gelder an ihn aus - so auch der "DS-Rendite Fonds Nr. 51" für die MS "Cape Scott".

Von 1999 bis 2008 überwies die Fondsgesellschaft insgesamt 13.037,94 Euro an Mattausch. Tatsächlich handelte es sich bei diesen Geldern aber nicht etwa um Mattauschs Beteiligung an den Überschüssen des Schiffes. Denn die "Cape Scott" erwirtschaftete in Wahrheit zu "keinem Zeitpunkt entnahmefähige Gewinne", wie es in den Gerichtsunterlagen heißt.

Im Video: Was sind geschlossene Fonds?

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Das Geld kam, wie so oft in solchen Fällen, aus der Substanz des Unternehmens. Deshalb ist im Fall einer Pleite ein Insolvenzverwalter unter Umständen berechtigt, diese Gelder zurückzuholen, plus Zinsen. Bei den deutschen Verbraucherzentralen sprechen noch heute regelmäßig Anleger vor, denen genau das passiert ist.

Aber selbst Verbraucherschützer wissen oft nicht, dass längst nicht immer alle Anleger eines Fonds gleichermaßen zahlen müssen. "Viele Insolvenzverwalter betreiben da eine gezielte Rosinenpickerei und suchen sich beispielsweise die zahlungskräftigsten Investoren heraus", sagt der Rechtsanwalt Volker Hey. Er muss es wissen, denn er arbeitet für zahlreiche Verwalter und besorgt für sie den Forderungseinzug.

Hey hat mit seinen Mandanten allerdings aus "einem bestimmten Gerechtigkeitsgefühl heraus" vereinbart, möglichst alle Anleger gleichermaßen in Anspruch zu nehmen. "Aber das bedeutet natürlich auch einen wesentlich größeren bürokratischen Aufwand für den Insolvenzverwalter: viel mehr Korrespondenz und unter Umständen auch eine größere Zahl von rechtlichen Auseinandersetzungen."

Der Insolvenzverwalter von Mattauschs Schiffsfonds hat sich offenbar für die einfachere Variante entschieden. Der Schauspieler wird deshalb wohl für viele andere Anleger mitbezahlen müssen.

Rein rechtlich könnte er von seinen Mitinvestoren zwar anteilige Ausgleichszahlungen verlangen - er müsste diese allerdings selbst eintreiben. Sein Anwalt Veil riet davon ab. "Zum einen brauchen Sie dafür erst einmal sämtliche Daten aller Investoren. Und zum anderen wäre das Prozessrisiko gigantisch: Denn jeder, gegen den Sie vorgehen, kann sich einen eigenen Anwalt nehmen - den Herr Mattausch dann zahlen müsste, wenn etwas schiefgeht und er ein entsprechendes Gerichtsverfahren doch verliert."

Auf dieses juristische Abenteuer will sich der Schauspieler lieber nicht einlassen. Aber er hat aus dem Desaster seine Lehren gezogen. "So etwas mache ich nie wieder", sagt er.

Wie viel er mit seinen geschlossenen Fonds insgesamt verloren hat, will er sich lieber nicht ausrechnen. "Ich will mich ja nicht unglücklich machen. Wichtig ist doch, dass man heiter alt wird", sagt er.

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