AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 20/2018

Diskussionskultur Als ich einmal wagte, die #MeToo-Debatte zu kritisieren

Dürfen Männer den modernen Feminismus hinterfragen? Unser Autor hat es versucht. Es ging nicht gut für ihn aus.

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Ich habe neulich den Fehler gemacht, mich in die #MeToo-Debatte einzumischen. Anlass war der Fall des WDR-Korrespondenten, der es zu einer gewissen Bekanntheit gebracht hat, weil er sich einer Reihe von Praktikantinnen unsittlich genähert haben soll. In der "Süddeutschen Zeitung" war ich über einen Artikel gestolpert, in dem eine Frau, die vor fünf Jahren als Praktikantin für den Mann gearbeitet hatte, von ihrer Begegnung berichtete.

Die Praktikantin schilderte ausführlich, wie der Korrespondent schnell von der Arbeitsebene ins Private gewechselt sei. Auf gemeinsam verbrachte Drehtage folgten Abende im Restaurant und in der Kneipe, bei denen er seine Vorliebe für Fesselsex und Pornos offenbart und die Vorzüge einer "offenen Ehe" gepriesen habe. In der Schlüsselszene des Textes lädt der Mann die junge Frau nachts per SMS auf sein Zimmer ein, man müsse noch über den Dreh am nächsten Morgen reden. Wie sie schrieb, sei sie völlig verdattert gewesen, als er dann nicht über den Drehtermin habe reden wollen, sondern erkennbar anderes im Sinn gehabt habe.

Was hatte die Frau erwartet, als sie sich auf den Weg in das Hotelzimmer machte?, fragte ich in meiner Kolumne auf SPIEGEL ONLINE. Wenn es vorher keine Anzeichen gegeben hätte, dass der Korrespondent sich trotz des Altersunterschieds von 30 Jahren anscheinend für unwiderstehlich hielt, dann hätte ich sie verstanden. Aber woher kam diese Überraschung bei einem Mann, von dem sie sagt, dass er zuvor bei jeder Gelegenheit auf das Thema Sex zugesteuert sei? Sollte man von einer 25-Jährigen nicht erwarten dürfen, dass sie eine nächtliche SMS einfach ignoriert, wenn sie kein Interesse an einer Affäre hat? Ich hielt das für eine berechtigte Frage.

Wie nicht anders zu erwarten, rief mein Einwurf mehr Ablehnung als Zustimmung hervor. Was mich überraschte, war die Heftigkeit der Reaktionen. "Selten so etwas Widerliches gelesen", schrieb eine Frau auf Twitter. "Geht gar nicht", hieß es an anderer Stelle, was ich so verstand, dass es besser gewesen wäre, mein Text wäre nie erschienen. Ich bin Ablehnung gewohnt, das bringt das Geschäft des Kolumnisten mit sich. Aber dass Leute mir vorwerfen, Widerliches geschrieben zu haben, kommt eher selten vor.

Die Vorwürfe gipfelten darin, dass mir geschrieben wurde, Leute wie ich würden den Sexismus in Deutschland zementieren. Indem ich die Berichte von Belästigungsopfern infrage stellte, würde ich dafür sorgen, dass sich Frauen beim nächsten Mal zweimal überlegten, über sexuelle Übergriffe zu berichten. Der Begriff dafür heißt Victim Blaming: Statt den Geschichten der Opfer Raum zu geben, wird der Spieß umgedreht und das Opfer der Anstiftung zur Tat bezichtigt. Mein Text galt als besonders abscheuliches Beispiel für Victim Blaming.

Ich glaube, dass die #MeToo-Debatte bei vielen Menschen solche Widerstände auslöst, weil in ihr grundlegende Standards der Diskussionskultur außer Kraft gesetzt sind. Unsere Diskursregeln sehen vor, dass kein Argument per se für sich beanspruchen kann, als wahr zu gelten. Wer einen Missstand beklagt, muss damit rechnen, dass die Belege, die er anführt, auf Stichhaltigkeit überprüft werden. Die Skepsis ist ein wesentliches Prinzip der Wahrheitsfindung. Umgekehrt gilt es als unlauter, wenn man die Integrität von Leuten infrage stellt, nur weil sie anderer Meinung sind.

In der #MeToo-Debatte stimmt das alles so nicht mehr. An die Stelle des Rechts auf Kritik ist das Zustimmungsgebot getreten. Wer Vorbehalte äußert, macht sich offenbar verdächtig, insgeheim mit den Belästigern zu sympathisieren. Oder, schlimmer noch, selbst ein Belästiger zu sein. Da jede Kritik potenziell den falschen Leuten in die Hände spielt, gilt bereits der Zweifel als deplatziert. Man kann schließlich nie ganz verhindern, dass sich jemand entmutigt fühlt, den Kampf gegen den Sexismus aufzunehmen, weil denjenigen, die das schon getan haben, zu viele Fragen gestellt werden.

In der Konsequenz bedeutet das, dass man jeden Erfahrungsbericht zum Nennwert nehmen muss. Das ist genau das, was einige Feministinnen fordern. Dem Opfer sei grundsätzlich Glauben zu schenken, schrieb Zerlina Maxwell in der "Washington Post". Auf den Einwand, dass dies Falschbeschuldigungen Tür und Tor öffnen würde, heißt es, Frauen hätten keinen Grund, sich Anschuldigungen auszudenken, weil jede Schilderung einer Missetat auch unangenehm für das Opfer sei, das diese öffentlich mache. Ein interessanter Zirkelschluss: Wer Kritik äußert, liefert damit den Beweis, dass man als Frau nicht gefahrlos über sexuelle Belästigung berichten kann, womit gezeigt wäre, dass diejenigen Recht haben, die fordern, dass Frauen immer zu glauben sei.

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Denke ich, dass Frauen eine Mitschuld tragen, wenn Männer übergriffig werden? Nein, das denke ich nicht. Ich bin davon überzeugt, dass es heilsam ist, Männern vor Augen zu führen, dass es für sie gravierende Konsequenzen haben kann, wenn sie meinen, sie könnten ihre Position ausnutzen, um sich sexuelle Vorteile zu verschaffen. Aber solange intime Beziehungen am Arbeitsplatz nicht grundsätzlich verboten sind, kommt man nicht umhin, von Menschen zu verlangen, dass sie zu erkennen geben, wenn ihnen etwas unangenehm ist. Alles andere würde bedeuten, Frauen wie Kinder zu behandeln, weil man ihnen nicht zutraut, für sich selber zu sprechen. Auch die "Nein heißt nein"-Gesetzgebung kommt nicht ohne Nein aus. Erst wenn man eine Grenze setzt, existiert diese auch.

Ein anderer Weg, sich Kritik vom Hals zu halten, ist die Psychologisierung des Kritikers. Wer Einwände äußert, dem wird attestiert, dass er von Abstiegsängsten geplagt sei und nicht verwinden könne, dass er seine besten Tage hinter sich habe. Die Reduktion eines Textes auf das beschädigte Ego seines Autors wurde gerade eindrucksvoll am Beispiel des "Zeit"-Redakteurs Jens Jessen vorgeführt, der sich seinen Ärger über die seiner Ansicht nach latente Männerfeindlichkeit im modernen Feminismus von der Seele geschrieben hatte.

"Peinliches Elaborat", "weinerliche Ausführungen", "ehrloses Geflenne", "hysterische Heulsuse", das sind nur ein paar der Beschimpfungen, mit denen Jessen belegt wurde. Wer als Journalist so delegitimiert ist, mit dessen Argumenten muss man sich nicht mehr auseinandersetzen. Das ist wie mit dem Universalkampfwort "rechts". Mit "Rechten" diskutiert man nicht, die verachtet man nur.

Im Gegensatz zu Jessen glaube ich nicht, dass wir auf dem Weg in eine Art bolschewistisches Feminat sind. In Wahrheit bleibt die #MeToo-Debatte auf einen relativ überschaubaren Kreis der Gesellschaft beschränkt. Sie kommt über Kultur und Medien kaum hinaus, weshalb auch fast alle Beispiele aus diesem Milieu stammen. Einem Mann allerdings Weinerlichkeit zu unterstellen, wenn er sich beklagt, ist eine eigenartige Form der Schmähung. Hatte es gerade eben nicht noch geheißen, Männer müssten insgesamt weicher werden und mehr Gefühle zulassen?

Vieles erinnert mich an die K-Gruppen der Siebzigerjahre. Wo jede Kritik als Verrat an der guten Sache empfunden wird, ist man nicht weit von der Selbstabschottung der Sekte entfernt. Begründet wird der heilige Ernst mit der Wichtigkeit des Anliegens. Weil es den #MeToo-Anhängern um nicht weniger als die Abschaffung jeder Form des Sexismus geht, erscheinen auch Mittel erlaubt, die nach den habermasschen Diskursregeln eigentlich indiskutabel wären. Das ist die Krux jeder heiligen Bewegung: Leichthin akzeptiert sie für sich selbst, was sie dem Gegner niemals zugestehen würde.



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