AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 46/2017

Zwischen Verehrung und Wut Wie Frauen über Trump denken

Donald Trump nennt Frauen "Hündinnen" und "Schlampen", doch bei allem Protest feiern viele ihren Präsidenten. Fünf Amerikanerinnen berichten.

Trump-Bewunderin Miller: "Kurse in Weiblichkeit"
Allison V. Smith / DER SPIEGEL

Trump-Bewunderin Miller: "Kurse in Weiblichkeit"

Von


Liebe Hillary Clinton,

ich heiße Lily Bo Holu. Ich bin 9 Jahre alt. Ich habe erfahren, dass du auch antrittst. Und zuerst habe ich lauter Girlpower in mir gespürt, aber dann träumte ich nachts, dass Trump gewonnen hat. In meinem schrecklichen Traum tötete er alle Mädchen auf der ganzen Welt und versklavte alle Tiere. Das war der Moment, in dem ich beschloss, allen Leuten klarzumachen, dass Mädchen regieren können. Wir sind mächtig. Du kannst den Leuten das beweisen. Deswegen stimmen ich und meine Mama und mein Papa für dich.
Liebe Grüße
Lily Bo


Es sind 15 Monate vergangen, seitdem die kleine Lily Bo diesen Brief an Hillary Clinton geschrieben hat, während des US-Wahlkampfs, und ein Teil ihres Albtraums ist danach Wirklichkeit geworden: Donald Trump ist Präsident der Vereinigten Staaten, vergangene Woche, am 8. November, jährte sich der Tag seiner Wahl. Die Stimmen von Lilys Eltern und die Stimmen der Frauen, auf die das Mädchen gehofft hat, haben nicht gereicht, das zu verhindern.

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Heft 46/2017
*AUFWACHEN! Warum China schon jetzt Weltmacht Nr. 1 ist - ein Weckruf für den Westen

Und so blieb der weiße Anzug der Siegerin, den Hillary Clinton in der Wahlnacht hätte tragen wollen, im Schrank, wie sie jetzt in ihrem Buch "What Happened" verriet, in dem sie im Detail nacherzählt, "was passiert ist", wie es zu ihrer Niederlage kam. Weiß, als Tribut an die Suffragetten-Bewegung, die den US-Frauen vor langer Zeit zum Stimmrecht verhalf, weiß, als Reverenz an das Weiße Haus, weiß, als Zeichen des Triumphs der Frau. Stattdessen trug Hillary Clinton in den Stunden nach der Wahl Dunkelgrau und Lila.

Die Frauen in den USA hatten vor einem Jahr Gelegenheit, Geschichte zu schreiben. Sie hätten erstmals eine Frau zur Präsidentin ihres Landes machen, erstmals eine Frau in das mächtigste politische Amt der Welt wählen können. Aber sie wollten nicht.

Viele hatten damals die Hoffnung, dass Clinton die Frauen auf ähnliche Weise mitreißen könnte wie Barack Obama acht Jahre davor die Schwarzen. Und wenn ihr das gelungen wäre, wenn die Frauen ihr beigestanden hätten, wenn sie ihrem Slogan "I'm with her" ("Ich bin für sie") gefolgt wären, hätte Clinton Trump deutlich und mühelos geschlagen. Doch während Obama 95 Prozent der schwarzen Wähler 2008 für sich gewann, stimmten nur 54 Prozent der Frauen für Clinton. Schlecht schnitt Clinton bei jenen Frauen ab, die ihr am ähnlichsten sind: den weißen und den verheirateten. Es war eine der unglaublichsten Zahlen der Nachwahlanalysen vor einem Jahr: Während 94 Prozent der schwarzen Frauen Clinton ihre Stimme gaben, hatte eine Mehrheit von 52 Prozent der weißen Amerikanerinnen - für Trump gestimmt. Für Trump, den Chauvinisten, den Grapscher, den Frauenfeind.

In den Wochen nach der Wahl, so schreibt Clinton, seien viele Frauen mit schlechtem Gewissen auf sie zugekommen, auf der Straße, im Theater, bei Auftritten. "Einmal kam eine ältere Dame zu mir, sie hatte ihre erwachsene Tochter im Schlepptau und nötigte diese, sich bei mir dafür zu entschuldigen, dass sie der Wahl ferngeblieben war. Das tat die Tochter auch, mit schamvoll gesenktem Haupt. Ich hätte ihr gern gesagt: 'Wie, Sie haben nicht gewählt? Wie konnten Sie das tun? Sie haben Ihre Bürgerpflicht zum schlimmstmöglichen Zeitpunkt vernachlässigt! Und jetzt wollen Sie, dass ich dafür sorge, dass Sie sich besser fühlen?' Natürlich habe ich nichts von alldem gesagt." Nur 63 Prozent der wahlberechtigten Frauen waren zur Urne gegangen, ein niedrigerer Wert als bei den drei Präsidentschaftswahlen davor.

Ein Jahr seit Trump also.

Ja, was ist passiert, seitdem? Wie ist es den Frauen Amerikas ergangen mit dem Mann, den sie gewählt haben? Wie lebt es sich als Frau im Lande Trump? Es gibt ungefähr 160 Millionen Frauen in den Vereinigten Staaten, und natürlich sind das 160 Millionen verschiedene Geschichten und politische Überzeugungen und Ideen. Der SPIEGEL ist deshalb durch die USA gereist, um mit ein paar dieser Frauen zu reden, in Kalifornien, in Texas, in Ohio, in New York. Mit Frauen, die Trump verachten und mit Frauen, die ihn verehren. Mit Frauen, die jetzt nach Auswegen suchen, und mit Frauen, die ihr Land endlich wieder auf dem richtigen Pfad wähnen.

Da ist zum Beispiel die ehemalige Miss Texas Dena Miller, Vorsitzende der "Trumpettes Global". Da ist Dianne Schubeck, eine Frauenärztin in Ohio, die das alles nicht für möglich gehalten hätte. Da ist Laura Loomer, eine rechtskonservative Pro-Trump-Aktivistin in New York, die jeden Feminismus als linke Lüge versteht. Da ist Kate Schatz, eine kalifornische Bestsellerautorin, die, seit Trump an der Macht ist, ihre ganze Nachbarschaft politisiert.

Pussyhat-Erfinderin Suh: Botschafterin für Spaß und die Sache der Frau
Serge Hoeltschi / DER SPIEGEL

Pussyhat-Erfinderin Suh: Botschafterin für Spaß und die Sache der Frau

Und da ist Krista Suh, die Erfinderin der Muschimütze.

Der weibliche Widerstand nach Trumps überraschendem Sieg formierte sich rasch und gewaltig. Es kam am Tag nach dessen Amtseinführung, am 21. Januar 2017, zur "vielleicht größten Protestaktion der amerikanischen Geschichte", wie das "Time"-Magazin schätzte, und der Protest war weiblich. In Washington und in nicht weniger als 400 weiteren Orten des Landes waren insgesamt mehr als drei Millionen Menschen, mehrheitlich Frauen, zum Women's March angetreten, dem Marsch der Frauen gegen Trump. Die oppositionelle Kraft, die sich hier zeigte, so glaubten damals viele, könnte ein ähnliches Potenzial entwickeln wie einige Jahre zuvor auf der anderen Seite des politischen Spektrums die erzkonservative Tea-Party-Bewegung. Und in diesen Frauenmassen auf den Straßen sah man Tausende Köpfe, die mit einer pinkfarbenen Strickmütze bedeckt waren: dem Pussyhat, der bald auf dem Cover der "Time" landete und zum Symbol des weiblichen Kampfs gegen den Mann im Weißen Haus wurde.

Als Krista Suh, 30, eine zierliche Kalifornierin mit asiatischen Wurzeln, nach der Wahl zum ersten Mal vom geplanten Women's March hörte, wusste sie sofort: "Da muss ich hin." Und genauso sofort begann sie darüber nachzudenken, was sie an diesem Tag tragen könnte. Sie steht jetzt im Wohnzimmer eines sandsteinfarbenen Häuschens in einer hügeligen Landschaft außerhalb von Los Angeles, ihre schwarzen Haare reichen ihr bis zur Taille und auf ihren Turnschuhen wackeln bei jedem Schritt zwei pinkfarbene Glitzerpompons hin und her. Sie sagt: "Kurz habe ich mit dem Gedanken gespielt, nackt zu gehen." Aber dann fiel ihr ein, dass die Idee sich unter der kalifornischen Sonne wohl besser anfühlt als bei einer Demonstration im Januar in Washington. In Washington, im Winter, wäre eine Mütze gut.

Ihre Idee hatte Pop, und sie hatte eine aggressive Ironie. Pink, die lieblich-harmlose Barbie-Prinzessinnen-Mädchen-Farbe, umgedeutet zum Kampfsignal. Pussy, weil Trump sich bekanntlich und unfassbarerweise damit brüstete, den Frauen an ebendiese fassen zu dürfen, wenn ihm danach sei. Und da Pussy im Englischen nicht nur das Slangwort für das weibliche Geschlechtsorgan ist, sondern auch "Kätzchen" bedeutet, erhielt Suhs rosarote Mütze Katzenohren obendrauf. Dass der Pussyhat gestrickt ist, passt auch, weil Stricken als urweibliche Kulturtechnik gilt und zum Klischee eines konservativen Hausfrauendaseins gehört. Die Muschimütze aber kündigte nun eine Art Strickaufstand der Frauen an - Idee und Strickmuster verbreiteten sich über Social Media rasend schnell. Der Widerstand gegen Trump, so sah es damals aus, würde weiblich sein, oder er würde nicht sein.

Krista Suh bezeichnet sich als "Ambassador of fun and the feminine", als Botschafterin für Spaß und die Sache der Frau - nicht zwingend in dieser Reihenfolge. Auf ihrer Website läuft ein Countdown unter dem entschlossenen Motto "Holen wir uns das Kongresshaus zurück!", der die Wochen, Tage, Stunden, Minuten und Sekunden bis zu den US-Kongresswahlen am 6. November 2018 herunterzählt, der Stunde der Wahrheit für Trump und die Republikaner. Und für die amerikanischen Anti-Trump-Frauen. Erst die sogenannten Midterm-Elections werden zeigen, wie nachhaltig die Kraft dieser neuen, bunten, vielgestaltigen Frauenbewegung ist. Krista Suhs Countdown steht gerade bei 51 Wochen, 5 Tagen, 16 Stunden, 3 Minuten und 40 Sekunden.

Und was macht eine Feminismusbotschafterin den ganzen Tag? Heute arbeitet Suh mit einer Freundin an ihrem Projekt "100 Bücher". Über Instagram und andere Kanäle ruft sie ihre Follower dazu auf, 100 Bücher von Frauen und von Farbigen zu lesen. Um so etwas zu promoten, braucht man erst einmal hübsche Fotos dieser Bücher, und deswegen liegt da jetzt, zum Beispiel, ein Buch von Hannah Arendt auf dem Gehweg vor dem Haus, adrett arrangiert zwischen Mangas und Konfetti, und wird abgelichtet. "Was wir machen, ist eine Lifestyle-Revolution", sagt Suh. Sie möchte die Lebensgewohnheiten junger Frauen so beeinflussen, dass diese irgendwann Instagram-Fotos von Hannah Arendt so selbstverständlich betrachten wie jene von Beyoncé.

Suhs 100-Bücher-Aktion, ihre Mütze, das sind zarte Blüten einer nirgends zentral organisierten Bewegung, die sich mal "The Resistance" nennt, Widerstand, mal "Indivisible", unteilbar, und deren bekannteste Gesichter die Politaktivistin Linda Sarsour oder die Abgeordnete Maxine Waters sind. Aber natürlich wollen sich bei Weitem nicht alle Amerikanerinnen ihren Lebensstil revolutionieren lassen, und manche Frauen, wie Trumps Pressesprecherin Sarah Huckabee Sanders oder seine Beraterin Kellyanne Conway, wurden gar zu wichtigen Wortführerinnen seiner Agenda. Unter seinen Unterstützerinnen sind Frauen, die sein Verhalten gegenüber Frauen nicht mögen, aber sich sehr für die Deregulierung der Finanzmärkte interessieren. Und es sind Frauen darunter, die Trumps Stil keineswegs als anstößig empfinden.

So wie Dena Miller.

Das Erkennungszeichen der "Trumpettes", eines Klubs vermögender Trump-Unterstützerinnen, zu denen sich Miller zählt, sind zwei aneinandergelegte Finger, die zusammen ein "T" formen, T wie Trump, und nicht selten sind diese Finger sorgfältig manikürt und mit Diamantringen geschmückt. Die Trumpettes-Frauen haben ökonomisch und kulturell mit den "angry white men", den frustrierten weißen Männern in den Rust-Belt-Staaten des amerikanischen Nordostens, mit denen zusammen sie Trump zum Präsidenten gemacht haben, nichts gemein. Aber wütend sind sie irgendwie auch. Und sie haben, wie es in einem Trumpettes-Slogan heißt, "eine Trompete erschallen" hören in ihrem Land, "für diesen Mann, für diese Mission, für diese Bewegung, um Amerika wieder großartig zu machen".

"Fieses Wetter heute", sagt Dena Miller, 54, Vorsitzende der Trumpettes in Texas, als sie in pastellfarben karierten Gummistiefeln über das Gelände des Poloklubs in Oak Point im Norden von Texas spaziert, das an diesem Tag ein einziges Schlammfeld ist. Hier soll am Wochenende eines der Pro-Trump-Wohltätigkeitsturniere stattfinden, die sie organisiert, aber alles auf der Veranda ist durchnässt und schmutzig, Tische, Stühle, der Boden. Miller hebt ihr strassbesetztes Handy ans Ohr, um ihren Mann anzurufen, damit der den Hausmeister schickt.

Sie sagt: "Man muss den Männern immer das Gefühl geben, sie zu brauchen." Nicht nur dem Hausmeister oder dem Ehemann, allen Männern. Auch wenn es gar nicht so ist.

Frauen und Männer seien zutiefst unterschiedlich, sagt Miller, und fast alles Übel komme daher, dass Frauen das Gleiche machen wollten wie Männer. Das schönste Kompliment, das ihr Mann ihr je gemacht habe, war dieses: "Du bist die weiblichste Frau, die ich jemals getroffen habe. Du solltest Kurse in Weiblichkeit geben." Und wenn man sie dann fragt, was sie in diesen Kursen unterrichten würde, dann sagt sie, dass eine weibliche Frau sich pflegen und auf ihr Äußeres achtgeben solle. Vor allem aber solle sie ihrem Mann "das Gefühl geben, auf ihn angewiesen zu sein".

Es fällt etwas leichter, Dena Miller zu verstehen, wenn man weiß, wie sie aufgewachsen ist. In einer armen Familie, in einer armen Gegend von Mississippi. Sie war White Trash, jetzt ist sie weiße Oberschicht. Der Vater hat die Essensmarken für seine Spielsucht verbraucht. Weil es in ihrem Leben so war, glaubt Miller, dass das staatliche Sozialsystem nicht funktionieren kann. Und weil Miller dann nach Texas zog und enge Oberteile trug und kellnern ging und von einem Bauunternehmer angesprochen und erwählt wurde, glaubt sie, dass auch das Land nur von einem reichen Mann gerettet werden könne. Einem Mann wie Trump.

"Eigentlich habe ich mich nie für Politik interessiert", sagt Dena Miller. Und auch wenn sie jetzt gern hymnische Trump-News in den sozialen Netzwerken weiterverbreitet¿- Mehr Jobs dank Trump! Börse auf Rekordhoch dank Trump! -, bekommt man doch das Gefühl, dass sich das nicht geändert hat. Man kann sich für Trump begeistern, ohne sich für Politik zu interessieren. Wahrscheinlich kann man sich sogar leichter für Trump begeistern, wenn man sich nicht für Politik interessiert.

Miller mag den Politiker Trump gar nicht so sehr. Aber sie mag den starken Mann, den er für sie darstellt. "Frauen mögen nun mal Alphatiere", sagt sie. Und dass dieses Tier Frauen gern angrapscht, das stört sie kein bisschen? Sie sagt nur "Männer!" und lacht.

Dann steigt Dena Miller in ihren riesigen weinroten SUV, auf dessen Rückbank ihre Tochter sitzt, Gigi. Sie ist 15 und hebt den Blick selten von ihrem Handy. Gigi sagt, sie möchte später Musik studieren und nach Europa reisen, vor allem nach Paris. Die Mutter, Gummistiefel auf dem Gaspedal, hat ein wenig Bedenken, sie hat von den islamistischen Anschlägen auf "Charlie Hebdo" und auf das Konzert im Bataclan gehört. "Ich lass dich erst nach Paris", sagt Dena Miller, "wenn Trump vorher den 'Islamischen Staat' erledigt hat."

Das Jahr mit Trump begann schlecht für Amerikas Frauen und wurde immer schlimmer. Der neue Mann im Weißen Haus vergeudete keine Zeit, um ihnen das Leben schwer zu machen.

  • Im Januar ging er gegen Abtreibungen vor und reaktivierte eine alte Verfügung. Demnach erhalten internationale Hilfsorganisationen keine Fördergelder mehr, wenn sie Schwangerschaftsabbrüche anbieten oder sich befürwortend dazu äußern.
  • Im April strich Trump Zuschüsse für den Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen, der sich weltweit unter anderem für Familienplanung und Empfängnisverhütung einsetzt.
  • Im Juni wurde öffentlich, dass Trump einen Gleichstellungsrat, den "White House Council on Women and Girls", abschaffen will.
  • Im August unterband Trump eine Maßnahme für mehr Lohngerechtigkeit zwischen Geschlechtern und Ethnien.
  • Im September nahm die Regierung eine Richtlinie für den Umgang von Hochschulen mit sexuellem Missbrauch zurück, weil sie ihr zu opferfreundlich erschien.
  • Im Oktober weichte Trump eine Regelung Obamas auf, die vorsah, dass die Kosten für Verhütungsmittel wie die Pille von der Krankenkasse übernommen werden.

Es gibt also reichlich Gründe für einen Aufstand der Frauen - und ein beliebtes Mittel des Protests ist das Telefon. Plattformen wie DailyAction.org rufen die US-Bürger dazu auf, ihre gewählten Abgeordneten anzurufen, um Druck auszuüben, um sich über Maßnahmen wie die oben aufgeführten zu beschweren oder sie zu verhindern. Was die Amerikanerinnen offenbar auch zu Zehntausenden tun. Eine Umfrage von DailyAction.org ergab im April, dass volle 86 Prozent ihrer Nutzer Frauen sind. Die Erhebung zeigte außerdem, dass es keineswegs nur junge Frauen sind, die aufbegehren, eher im Gegenteil: 50 Prozent gehören der Gruppe der 46- bis 65-Jährigen an.

So wie Dianne Schubeck.

Schubeck, Gynäkologin, ist 59 Jahre alt und lebt in Ohio zwischen Feldern und Bäumen am Rand eines kleinen Dorfes namens Garrettsville. Jeden Morgen steigt sie in ihr Auto und fährt zum nächsten Krankenhaus, ihrem Arbeitsplatz. "Mein Job", sagt sie, "ist mein Beitrag dazu, das Leben von Frauen besser zu machen." Es sieht nur so aus, als würde das allein nicht mehr ausreichen.

Frauenärztin Schubeck: Vulva, Klitoris, Vagina
Andrew Spear / DER SPIEGEL

Frauenärztin Schubeck: Vulva, Klitoris, Vagina

Sie war nicht auf dem Marsch der Frauen, weil sie das Gefühl hat, in ihrem Leben schon auf genug Demonstrationen gewesen zu sein. Sie hat, wie die meisten Amerikanerinnen, keine Zeit, den ganzen Tag die politischen Diskussionen auf Twitter oder Facebook zu lesen. Schubeck ist kein aktiver Teil des Widerstands, und sie weiß auch nicht so recht, wie sie die Muschimützen finden soll - immerhin hat sie ihr Berufsleben auch damit verbracht, Frauen beizubringen, ohne Scham und sachlich korrekt über den eigenen Körper zu sprechen. Vulva. Klitoris. Vagina.

Sie kann das bloß einfach alles nicht fassen, was jetzt passiert: die Rückschritte für die Frauen, diesen Dinosaurier in Washington, als hätte es die Emanzipation nie gegeben. Sie hat in den Siebzigern und Achtzigern für Gleichberechtigung gekämpft, als für Frauen noch der Platz am Herd und bei den Kindern vorgesehen war, und sie hat, wie Millionen andere Amerikanerinnen, gedacht, dieser Kampf sei geführt und im Großen und Ganzen gewonnen. "Und jetzt das!", sagt sie, mit immer noch ungläubigem Staunen.

Auf Frauen wie Dianne Schubeck wird es ankommen, auf die vielen, die dachten, das Rad der Zivilisation könne nicht zurückgedreht werden. Werden sie sich mobilisieren lassen? Es gibt Umfragen, die dafür sprechen. Bei den regelmäßig erhobenen Zustimmungswerten zu Trump existiert ein markanter Gender-Gap: In einer Gallup-Umfrage Anfang November gaben 45 Prozent der Männer an, mit Trumps Leistungen als Präsident zufrieden zu sein, aber nur 31 Prozent der Frauen antworteten in diesem Sinne. Ein ähnlicher Unterschied ergab sich im August in einer Untersuchung, die danach fragte, ob der Präsident seines Amtes enthoben werden sollte: Fast jede zweite Frau (47 Prozent) bejahte dies, aber nur jeder dritte Mann (32 Prozent).

Am Abend, wenn sie nach zu vielen Patientinnen an einem zu langen Tag nach Hause kommt, lässt Dianne Schubeck sich auf ihr Sofa fallen und trinkt ein Glas Wein, derzeit gern auch ein zweites. Ihr Heim gleicht einer Arche Noah. Im Hof gackern Hühner. Im Schuppen liegt eine Hündin zwischen ihren Welpen. Schubeck engagiert sich für den Tierschutz - dass auch der Frauenschutz noch mal zur dringlichen Frage werden könnte, das hat sie nicht für möglich gehalten. Sie sagt müde: "Es ist ja noch nicht einmal alles Trumps persönliche Schuld. Ich hasse nur, wofür er steht."

Wofür steht Trump? Dieser Präsident mache "die männlichste Politik, die wir jemals hatten", sagt etwa der New Yorker Soziologe Michael Kimmel. Was heißt das, männliche Politik? In Zeiten, in denen die Frage, welche Toilette Transsexuelle benutzen dürfen, zu riesigen Debatten führt, ist es keine Frage mehr, ob das Geschlecht politisch ist. Die größere Frage ist: Hat auch die Politik insgesamt ein Geschlecht?

Ein Hinweis darauf liegt im Spottbegriff des Nanny State, Kindermädchenstaat, der ein Staatswesen beklagt, das mit zu vielen Regeln das Leben seiner Bürger kontrollieren, bemuttern wolle. Der Nanny-Staat nehme hart arbeitenden, starken Männern das Geld weg, um Schwachen Zuwendungen zu geben, die ihnen nicht zustünden. Ist es Zufall, dass das Wort weiblich ist? Wenn rechtskonservative Kommentatoren die Amtszeit Obamas kritisieren, dann sagen sie manchmal, er habe den Staat verweiblicht. Bereiche wie Militär, Kohleabbau oder Infrastruktur sind männlich konnotiert, Bereiche wie Kunst, Bildung und Umweltschutz, die die Trump-Administration zurückstutzen will, gelten als irgendwie "weiblich". Trumps berühmter Slogan könnte also auch lauten: Make America Male Again.

Trotzdem gibt es Frauen, die sich mit aller Kraft für Trump einsetzen. Die für ihn auf die Straße gehen, für seine Mauer demonstrieren, für ihn in Mikrofone brüllen.

So wie Laura Loomer.

"Der Feminismus war einmal eine anerkannte Ideologie", schreit Loomer an einem Samstagmorgen auf dem New Yorker Foley Square ihrem Publikum zu, "aber er ist zu einem Kampfmittel der verlogenen Linken verkommen!" Der Applaus ist spärlich, weil das Publikum spärlich ist, 50 Leute vielleicht, mehr nicht, sind auf diese Pro-Trump-Kundgebung gekommen, ein paar Männer mit roten Trump-Kappen, dazu ihre Frauen. Es sollte, das war der Plan, Stimmung gemacht werden für Trumps restriktive Einreisepolitik und "gegen die Scharia", aber die New Yorker scheinen Besseres zu tun zu haben.

Rechte Aktivistin Loomer: Mit Burka ins Wahllokal
Serge Hoeltschi / DER SPIEGEL

Rechte Aktivistin Loomer: Mit Burka ins Wahllokal

Man darf Laura Loomer, eine blonde Frau von 24 Jahren, durchaus eine Krawallnudel nennen. Die Rechtsaktivistin jüdischer Herkunft hat sich einen Namen gemacht mit öffentlichkeitswirksamen Guerillaaktionen für die rechte Sache. Am 8. November 2016 erschien sie voll verschleiert mit einer Burka in einem Wahllokal und gab sich als Huma Abedin aus, die bekannte ehemalige persönliche Assistentin Hillary Clintons, zufällig eine Muslimin. Zuvor hatte sie versucht, Clintons Wahlkampfteam illegale Spenden anzudrehen. Dann hat sie während einer Inszenierung von Shakespeares "Julius Cäsar" eine New Yorker Bühne gestürmt, weil der Regisseur die Idee hatte, seinen Cäsar, dessen Ermordung das Stück zeigt, als Donald-Trump-Lookalike darzustellen. Ihre Auftritte lässt Loomer filmen, worauf Akteure der neurechten Alt-Right-Bewegung die Clips verbreiten. In ihrem Twitter-Feed hat sie einmal ein Foto von sich mit einem Plakat gepostet, auf dem steht: "I WANT DONALD TRUMP TO GRAB MY PUSSY!"

Tja. Was ist das? Dummheit? Antifeminismus? Bloße Provokationslust? Es zeigt zumindest erneut, dass es auch Frauen gibt, die sich an Donald Trumps übergriffigem Verhalten nicht stören. Und obwohl die Liste von Trumps diesbezüglichen Verfehlungen länger geworden ist in seinem ersten Amtsjahr, scheint das dem Präsidenten weiterhin nicht zu schaden. Selbst in den vergangenen Wochen, während im Zuge des Harvey-Weinstein-Skandals und der nachfolgenden #MeToo-Welle in den USA und anderswo immer weitere alte Herren seiner Generation als Sexisten geoutet wurden und werden, blieb Donald Trump von alldem seltsam unberührt.

Das ging so weit, dass einige der Frauen, die Missbrauchsvorwürfe gegen Trump vorgebracht hatten, sich über die Ungleichbehandlung beklagten. Eine davon, Temple Taggart, ehemalige Miss Utah, sagte, dass sie zwar erfreut sei über den Absturz des Hollywoodmoguls Weinstein, aber "traurig" darüber, dass gleichzeitig alles, was Trump betreffe, "unter den Teppich gekehrt wird". Taggart wirft Trump vor, sie mehrmals unvermittelt auf die Lippen geküsst zu haben. Es gibt mehr als ein Dutzend Frauen, die solche Vorwürfe gegen Trump erhoben haben, darunter die Journalistin Natasha Stoynoff, die er in seiner Residenz Mar-a-Lago begrapscht, die Yogalehrerin Karena Virginia, der er an den Busen gefasst, oder die Geschäftsfrau Jessica Leeds, die er während eines Fluges sexuell belästigt haben soll. Als Leeds diesen Vorfall aus den Achtzigerjahren publik machte, wies Trump alles als Fiktion zurück und verhöhnte seine Anklägerin mit den Worten: "Glaubt mir, die wäre nicht meine erste Wahl."

Er kommt mit alldem davon. Er kommt davon, wenn er Frauen "Hündinnen", "fette Schweine" oder "Schlampen" nennt. Er kommt davon, wenn er, wie in diesem Jahr geschehen, eine irische Journalistin während einer Pressekonferenz nach vorn zitiert, um sie für das "hübsche Lächeln in ihrem Gesicht" zu loben. Es passiert ihm nichts, wenn er die puerto-ricanische Bürgermeisterin Carmen Yulín Cruz als "nasty" beleidigt - eklig, fies, hässlich. Kritik an solchem Rüpeltum tut der Präsident gern ab mit Sätzen wie diesem: "Niemand hat mehr Respekt vor Frauen als ich."

Aber nicht vor Frauen wie Kate Schatz.

Schatz, 36, lebt in Alameda bei San Francisco und sagt: "Wir müssen die Verantwortung dafür übernehmen, dass wir Trump möglich gemacht haben." Sie, Autorin eines Bestsellers mit Kurzporträts großer amerikanischer Frauen, sitzt an diesem Tag in einem rot gestrichenen Gartenholzstuhl vor ihrem Haus, das aussieht, als hätte man Pippi Langstrumpf eine Polit-Zentrale entwerfen lassen. An der Hausfront ist ein Banner gespannt: "Resist", steht darauf, leiste Widerstand.

Feministin Schatz: "Wir haben Trump möglich gemacht"
Winni Wintermeyer / DER SPIEGEL

Feministin Schatz: "Wir haben Trump möglich gemacht"

Mit Schatz hat etwas Neues in der Haight Avenue Einzug gehalten. Man könnte es eine Repolitisierung des Privaten nennen, Schatz nennt es Solidarity Sundays. Es begann vor ein paar Monaten mit einer sonntäglichen Diskussionsrunde in ihrem Haus zum Thema Waffenrecht, zu dem Schatz ihre Nachbarinnen eingeladen hatte, sie offerierte Sekt, eine Freundin brachte einen Wackelpudding. Schatz brachte die Frauen dazu, bei Senatoren anzurufen, Protestbriefe zu schreiben. Es gab seither etliche Solidaritätssonntage bei Schatz, und "jedes Mal", so sagt sie, "kamen mehr Frauen dazu". Je nach Nachrichtenlage debattieren sie über Steuergerechtigkeit, Abtreibung oder den russischen Einfluss auf die Wahlen.

Wenn man mit Kate Schatz und ihren Mitkämpferinnen spricht, hat man das Gefühl, dass Donald Trump der Weckruf war, dessen es bedurfte, um dieser Bewegung Schwung zu verleihen. Aber ob das reichen wird? Werden Amerikas Frauen wirklich aufstehen, in ausreichender Zahl?

Vor ein paar Tagen taten sie es, bei den Wahlen im US-Bundesstaat Virginia, ihre Stimmen sicherten dem demokratischen Kandidaten Ralph Northam den Sieg über den republikanischen Gegner Ed Gillespie, der mit einem Trump-Programm angetreten war. 50 Prozent der Männer entschieden sich für Gillespie, aber 61 Prozent der Frauen wählten Northam.

Hillary Clinton dürfte dennoch skeptisch bleiben. Sie gab kürzlich während der Tournee für ihr Buch eine erstaunliche Antwort auf die Frage, warum ihr vor einem Jahr nicht mehr Frauen ihre Stimme gegeben haben: "Frauen", so sagte sie, "stehen unter enormem Druck. Sie stehen unter enormem Druck durch ihre Väter, ihre Ehemänner, ihre Partner, ihre männlichen Arbeitgeber, damit sie nicht für 'die Frau' stimmen." Sondern für den Kandidaten, den der Mann bevorzugt.

Die Theorie scheint allzu simpel, wird aber von amerikanischen Studien zum weiblichen Wahlverhalten bestätigt: Während alleinstehende Frauen oft im Sinne aller Frauen oder für eine abstrakte "Sache der Frau" abstimmen, wählen verheiratete Frauen viel häufiger so, wie es ihnen für ihre Familie und für ihren Ehemann am besten erscheint. Deswegen gewinnen in US-Wahlen traditionell die Republikaner eine Mehrheit der Stimmen der Ehefrauen, obwohl die Demokraten eine frauenfreundlichere Politik machen. Für die vielen Millionen Frauen, die auch heute noch ökonomisch von ihren Männern abhängig sind, ist das weniger irrational, als es klingt. Und es muss nicht unbedingt richtig sein, was Michelle Obama, die vorherige First Lady, vor ein paar Wochen auf einem Podium sagte: "Jede Frau, die gegen Hillary Clinton gestimmt hat, hat gegen ihre eigene Stimme votiert" ("voted against her own voice").

Die Wahrheit ist womöglich, dass es die Stimme der Frau gar nicht gibt. Frauen sind keine auch nur annähernd einheitliche soziale Gruppe, so wie es in den USA vielleicht die Farbigen sind, oder die Latinos, oder die Stahlarbeiter. "Die Frauen" haben nicht mehr gemeinsame Interessen, nicht mehr Loyalität untereinander als "die Männer". Frauen sind getrennt durch Wohlstand, Bildung, Religion, Kultur, Hautfarbe. Und wer auf die Stimme der amerikanischen Frauen hoffte, so schrieb die "New York Times" nach Clintons Niederlage, sei auch in der Vergangenheit immer wieder enttäuscht worden, die Stimme der Frau sei nicht mehr als ein "Traum" und ein "Mythos".

Wie geht es weiter für die Frauen mit Trump?

Kate Schatz diskutiert weiter über ihn.

Dena Miller sammelt Geld für ihn.

Krista Suh strickt Mützen gegen ihn.

Dianne Schubeck könnte kotzen wegen ihm.

Und Laura Loomer hat sich ihre Nase operieren lassen - für sich selbst.

Alle denken sie jeden Tag an ihn.

Im Video: Zwei Frauen, so unterschiedlich wie Amerika



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