Alzheimer-Experte im Interview Angst vor Demenz? Was Betroffene und Angehörige wissen müssen

Woran erkennt man, ob jemand nur vergesslich ist - oder schon an Alzheimer erkrankt? Und was kommt auf Familienmitglieder und Freunde zu? Fragen an einen Demenz-Experten.

Dr. Ralf Ihl, Leiter der Gerontopsychiatrie am Krankenhaus der Alexianer in Krefeld
Matthias Jung/ DER SPIEGEL

Dr. Ralf Ihl, Leiter der Gerontopsychiatrie am Krankenhaus der Alexianer in Krefeld

Ein Gespräch von


Zur Person:
Professor Ralf Ihl ist Chefarzt am Maria-Hilf-Krankenhaus in Krefeld, und arbeitet seit 30 Jahren mit Demenz-Patienten und ihren Angehörigen zusammen.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 36/2017
Der Kampf ums Kanzleramt: Worum es geht. Wer es kann.

SPIEGEL: Beginnt eine Demenz immer gleich?

Ihl: Nein, eben nicht. Nur die Hälfte der Leute hat am Anfang Gedächtnisprobleme. Andere haben nur Gefühlsstörungen oder Schwierigkeiten, die richtigen Wörter zu finden. Die Person kann vielleicht einen Locher bedienen, aber das Gerät nicht benennen. Manchmal dauert es auch sehr lange, bis die Krankheit überhaupt zu erkennen ist.

SPIEGEL: Woran erkennt man, ob jemand einfach vergesslich wird im Alter oder wirklich eine Demenz vorliegt?

Ihl: Indem man Untersuchungen durchführt und andere Ursachen ausschließt. Es gibt eine ganze Reihe von Gründen für Symptome, die der einer Demenz gleichen: falsche Ernährung, ein Vitamin-B12-Mangel, eine Störung der Schilddrüse, eine Depression. Deshalb muss man genau hinsehen. Diese anderen Erscheinungen lassen sich ja behandeln.

SPIEGEL: Wie kann man in der Frühphase einer Demenz als Angehöriger helfen?

Ihl: Es mag seltsam klingen, aber: Alles, was auch gegen Entzündungen hilft, ist am Anfang auch bei Alzheimer nützlich. Das fängt mit der Bewegung an. Viel Wasser trinken oder Grünen Tee ist gut, und Sauna. Dann geistige Aktivität: ins Kino gehen, Theater; ein Gespräch, Kreuzworträtsel. Man sollte für den Kranken als Freund und Partner erscheinen und ihn in seiner Welt lassen, so lange er nicht sich oder anderen schadet. Man muss sich aber auch um sich selbst kümmern, darf sich nicht in den Problemen des Partners auflösen. Diese Balance zu schaffen, ist wohl die größte Herausforderung. Angehörige machen oft den Fehler und beschuldigen sich selbst dafür und nicht die Krankheit. Das ist natürlich Unsinn.

SPIEGEL: Es gibt die Phase des Misstrauens, wenn der Patient glaubt, er werde belogen. Wie geht man damit um?

Ihl: Das passiert immer dann, wenn der Erkrankte schon so stark mit den Gedanken durcheinander ist, dass er wahnhafte Vermutungen entwickelt. Wenn der Geldbeutel weg ist, kommt rasch der Gedanke: Den hat der Ehepartner weg genommen.

SPIEGEL: Aus Misstrauen entwickeln sich Aggressionen.

Ihl: Das Risiko ist da, klar. Die Kranken tun Dinge, die dem Gesunden unsinnig erscheinen. Sie kippen den Kuchen in die Blumenvase. Sie stecken den Schlüssel in die Butterdose. Darauf reagiert man normalerweise verärgert. Das würde der Kranke aber nicht verstehen.

SPIEGEL: Was tut man stattdessen in solchen Situationen?

Ihl: Man sollte sich sagen: Passiert eben. Auch Kreativität hilft. Wenn ein Kranker immer wieder spazieren gehen will, selbst dann, wenn man gerade von einem Spaziergang zurück kommt, kann man auch mal zu einer List greifen. Man geht dann vielleicht nochmal vor die Tür, stellt sich auf die Fußmatte, tritt sich kräftig die Schuhe ab und sagt: Das war ein schöner Spaziergang!

SPIEGEL: Man braucht viel Langmut.

Ihl: Auf jeden Fall. Aber wichtig ist auch: Diese Phase der Mühsal und der aggressiven Konflikte ist meist nach einem Jahr vorbei. Auch Aggression ist eine Funktion des Gehirns. Sehr vereinfacht gesagt, haben wir zwei Sorten von Nervenzellen im Kopf. Die einen geben Gas und die anderen bremsen. Das Dumme ist, dass die, die bremsen, zuerst kaputt gehen. Deswegen kommt dieses dauernde Bewegen-wollen. Sobald aber diese Nervenzellen, die den Patienten antreiben, schließlich auch von der Krankheit betroffen sind, ist diese Situation wieder vorbei. Das heißt dann aber auch, dass die Bettlägrigkeit nicht mehr weit entfernt ist.

SPIEGEL: Bis zu welchem Punkt kann man überhaupt die Pflege eines demenzkranken Partners selbst leisten?

Ihl: Dazu gibt es keine absolute Aussage, im Prinzip bis zum Ende. Andererseits kann man als Angehöriger auch sehr schnell an seine Grenzen kommen. Die Belastungen können enorm sein, man kann sich das als Außenstehender kaum vorstellen. Da hat etwa der Erkrankte den Geschirrschrank auf dem Fußboden ausgeräumt. Dann fängt man an, den Geschirrschrank wieder einzuräumen. Mittlerweile ist der Kranke aber unten im Keller und räumt die Waschmaschine oder den Mülleimer aus.

SPIEGEL: Wann sollte man die Situation ändern?

Ihl: Wenn man das Gefühl hat, ich kriege das nicht mehr hin. Für viele ist das der Zeitpunkt, wenn die Inkontinenz kommt. Das ist so fordernd, das bekommt ein einziger Mensch kaum mehr allein hin.

SPIEGEL: Was raten Sie Menschen, die ein schlechtes Gewissen haben, weil sie ihren Partner oder ihre Eltern weggegeben haben?

Ihl: Ich sehe das sehr oft, dass die Menschen mit sich hadern. Man muss sich aber immer überlegen, wie es denn andersherum aussehen würde? Was nützt es dem Kranken, wenn sich ein Angehöriger krank arbeitet? Und was nützt es ihm, wenn der Angehörige nie mehr froh ist?

SPIEGEL: Wie viel kommt gegen Ende der Krankheit beim Patienten an Worten und Zuneigung noch an?

Ihl: Man wird vielleicht nicht mehr erkannt als Mann, Frau oder Kind, aber man wird noch als eine Person erkannt, die etwas Liebes für einen bedeutet. Das Gefühl der positiven Zuwendung kommt an. Die Patienten wissen auch oft noch, was Schmerzen sind und können sie empfinden.

SPIEGEL: Welche Art von Schmerz?

Ihl: Situativen, emotionalen Schmerz. An der eigentlichen Krankheit leiden die Erkrankten nicht lange, denn das Wissen darum ist ja immer wieder vergessen. Da haben es die Angehörigen übrigens auch wieder schwerer. Die leiden meist mehr und länger.

SPIEGEL: Spüren die Kranken am Ende noch, dass sie berührt werden?

Ihl: Ja.

SPIEGEL: Bedeutet Demenz nur Vergessen? Oder gibt es etwas Tröstliches, was die Krankheit mit sich bringt?

Ihl: Es gibt ja auch sehr viele Situationen, die zum Lachen sind. Das Wichtige für Angehörige ist dann, den Unernst auch zuzulassen und einfach auch mal zu lachen. Selbst wenn eigentlich ein Malheur passiert ist.



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© DER SPIEGEL 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.