AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 44/2017

Wolfgang Petrys neue Karriere Raus aus der Hölle

Wer ist Wolfgang Petry ohne Schlager und Karohemden? Eine Zeit lang war er ganz einfach Franz Hubert Wolfgang Remling. Jetzt möchte er ein Blues-Rock-Sänger werden und Pete Wolf heißen.

Bluesmusiker Wolf: Salztablette wegen der Aufregung
Dominik Asbach/ DER SPIEGEL

Bluesmusiker Wolf: Salztablette wegen der Aufregung

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Wenn einer wie Wolfgang Petry einen Schnitt machen will, dann fängt er - klar - am besten mit den Freundschaftsbändern an. Schere. Ratsch. Weg damit. Das war 2002.

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Heft 44/2017
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Dann steigt er während der Aufzeichnung zur "Goldenen Stimmgabel" mit Dieter Thomas Heck auf die Bühne, um zu verkünden, dass er künftig nicht mehr auftreten werde. Zapp. Weg. Das war 2006.

Dann bringt er noch ein, zwei, drei Best-of-Alben heraus oder tritt mal in einem Video mit seinem Sohn Achim auf, der ebenfalls Musik macht. Aber er ist dann eben nicht mehr der Du-spielst-mitmeinen-Gefühlen-Wolle, der Hölle-HölleHölle-Wolle, der Verlieben-verloren-vergessen-verzeih'n-Wolle, der 21 Alben veröffentlicht hat, der fünfmal den Echo gewonnen hat und zehnmal die "Goldene Stimmgabel" und der zweimal Jahressieger der "Deutschen Schlagerparade" und dreimal Jahressieger der "ZDF-Hitparade" war.

Wer aber ist Wolfgang Petry ohne die Freundschaftsbänder und ohne die Locken? Wer ist Wolfgang Petry, wenn er nicht mehr Wolfgang Petry ist?

Nun, zunächst einmal war er eine ganze Weile ganz einfach Franz Hubert Wolfgang Remling. Remling fuhr zusammen mit seiner Frau Rosie nach Neuseeland. Remling hörte mit dem Rauchen auf.

Eine Weile interessierte sich Remling für das Briefmarkensammeln. Er lernte Zähnungsarten und Papierqualitäten zu unterscheiden und japanische Wasserzeichen zu lesen. Er erinnerte sich an Erlebnisse aus seiner Kindheit, daran zum Beispiel, wie sein Vater, ein Kfz-Mechaniker und Briefmarkensammler, mit ihm zu einem Briefmarkenhändler gefahren ist, der "Lübecker Mariechen" im Sortiment hatte. Zum Anschauen, nicht zum Kaufen, denn die 70 Mark konnte sich der Vater nicht leisten. Also kaufte Remling die "Lübecker Mariechen" vom Wolfgang-Petry-Geld, die rote und die grüne, alle beide für inzwischen 450 Euro.

Remling, 66, steht um sechs Uhr morgens auf, jeden Tag. Er frühstückt Joghurt und Haferflocken, dann macht er eine Stunde Sport. Crosstrainer, Laufband, so was. Jeden zweiten Tag auch Kraftsport, aber nicht öfter; aufgepumpt möchte er schließlich auch nicht aussehen. Um Punkt halb eins isst er Salat, am liebsten mit Thunfisch. Und abends meistens weißen Fisch. Seine Frau Rosie isst jetzt auch nicht mehr so oft Currywurst.

Wenn Remling Alkohol trinkt, dann stets zwei Glas Rotwein und ein Glas Cognac. Wenn er sich aufregt, dann nimmt er eine Salztablette gegen den trockenen Hals.

Er macht viel Sport und sich noch mehr Gedanken. Nur eines macht er lange Zeit nicht: Musik. "Als ich 2006 die Karriere beendet habe, wollte ich erst mal gar keine Musik machen. Also wirklich: gar keine."

Aber nachdem es endlich still um und in Remling geworden war, passierte etwas: Er hörte im Internet das Lied einer Bluessängerin. So erinnert er sich an diesen Moment: "Ich hör da so zu und denke: meine Güte, was für ein Output. Das ist alles an dir vorbeigegangen! Und dann dachte ich wieder an die früheren Jahre."

Die früheren Jahre: Das waren die Jahre, in denen Remling Bands wie die Eagles liebte. "Das hat praktisch in meiner Jugend schon angefangen. Und so war die englische Sprache mir nie ganz fern gewesen. Aber für mich war nie die Zeit dafür gewesen, denn ich hatte ja andere Aufgaben, hier in Deutschland. Das stand in Deutschland damals überhaupt nicht zur Debatte: Wer Deutscher ist, durfte nicht englisch singen. Und es gab nur ganz wenige Ausnahmen, die das trotzdem gemacht haben."

Schlagerstar Petry 1998 Zwei Glas Rotwein, ein Cognac
Horst Galuschka / dpa

Schlagerstar Petry 1998 Zwei Glas Rotwein, ein Cognac

Wolfgang Petry hatte eine Aufgabe in Deutschland. Franz Hubert Wolfgang Remling hat keine Aufgabe mehr, aber immer noch ein Tonstudio im Haus.

Und so begann Franz Hubert Wolfgang Remling wieder zu singen, das Lied der Blues-Sängerin. "Und dann habe ich geforstet in diesem Blues-Country-Rock-Gewimmel. Eine Nummer kam zur anderen." Erst singt er für sich, dann vor seiner Frau Rosie, dann mit Band.

Irgendwann waren es genug Coverversionen für ein ganzes Album. Und nun hätte Franz Hubert Wolfgang Remling natürlich wieder zu Wolfgang Petry werden können. Aber das neue Album ist schließlich auf Englisch. Und Englisch wird schließlich überall auf der Welt gesprochen. Also stellte sich Franz Hubert Wolfgang Remling vor, wie ein Indonesier seine Musik hört. Und in seiner Vorstellung sagt der Indonesier: "What the fuck? Wolfgäng Pätry?" Und das geht natürlich nicht.

Darum ist er ab jetzt Pete Wolf.

Als Pete Wolf an einem Dienstag um die Mittagszeit für seinen Pressetermin das Restaurant in Bonn betritt, trägt er eine braune Kappe, ein T-Shirt, das genauso gut alt wie neu sein könnte, und ein Jeanshemd darüber. Den Bart hat er schon eine Weile nicht mehr rasiert.

Seine Frau Rosie sitzt mit Freunden derweil draußen auf der Terrasse. Sie hatte gewarnt, dass ihr Mann unleidlich werden könne, wenn er um halb eins keinen Salat bekomme.

Drinnen nimmt Pete Wolf eine Salztablette, wegen der Aufregung beim Termin mit dem Fotografen, und sagt, es sei schon okay, wenn er heute nicht pünktlich esse. Er habe sich schließlich darauf eingestellt. Ein Interview zum Erscheinen des neuen Albums. Das erste persönliche Interview seit Längerem. Und dann auch noch als Pete Wolf.

Seine Plattenfirma kam noch kurz auf die Idee, ob man den Namen Wolfgang Petry nicht wenigstens in Klammern dahinterschreiben solle. Eine Scheißidee, fand Wolf. "Alles, was man erklären muss, funktioniert nicht." Das ist schließlich eines seiner Erfolgsgeheimnisse: Alles muss sich von selbst verstehen. Himmel. Hölle. Liebe. Wahnsinn.

Der Albumtitel zum Beispiel. "Happy Man". Das Album heiße so, "weil ich ein glücklicher Mensch bin", sagt Pete Wolf.

Zwölf Lieder gibt es auf dem Album. Über drei Jahre lang hat er daran gearbeitet. Es war ihm wichtig, dass alles stimmt. Bei "Girl Crush" zwingt er seine Stimme einen halben Ton höher, als es ihm leichtgefallen wäre. Bei "Leave the Light On" hat er seine Stimme zu einem Chor vervielfacht.

Pete Wolf sagt, dass es schon ein großer Unterschied sei, ob man auf Deutsch oder auf Englisch singe. "Im Englischen kannst du jedes Wort singen, im Deutschen nicht", sagt er. Denn auch dies ist eines seiner Erfolgsgeheimnisse: "Du musst klingen. Das ist in der Literatur wahrscheinlich ähnlich. Das Wort Bohnerwachs kann man nicht singen. Das ist ein Unwort. Oder Thermopane-Verglasung. Das kann man nicht machen." Und dann sagt er: "Ich komm jetzt zu dem Punkt, wo ich ganz ehrlich bin, dem Moment, vor dem eine Plattenfirma immer Angst hat: Wir hatten teilweise deutsche Texte, die waren inhaltlich richtig gut. Klangen aber nicht. So war das nicht verkaufbar, und deshalb mussten wir den Text in gewissem Sinne verschlechtern." Im Englischen dagegen klingt jedes Wort. "Da konnte ich frei aufschlagen", sagt Wolf.

Es liegt eine gewisse Ironie in dieser Geschichte. Denn gerade nun, da Pete Wolfs erstes englischsprachiges Album erscheint, ist die deutsche Musikszene mit ihrer Helene Fischer für die einen und dem Rapper Kollegah für die anderen, mit Bausa und Kay One und AnnenMayKantereit in Deutschland so erfolgreich wie selten zuvor.

Pete Wolf, der all das zumindest am Rand verfolgt, manches mag, anderes nicht, muss zumindest ahnen, dass ein Wolfgang-Petry-Comeback wahrscheinlich viel verkäuflicher geworden wäre als ein Album, in dem Bluesmelodien auftauchen, die kein Betrunkener in einer Großraumdisco mitsingen wird. Was ist das also, was er da macht? Ist das mutig? Dumm? Ehrlich? Pete Wolf sind solche Überlegungen - egal.

Wolfgang Petry hat Pete Wolf Freiheit vermacht. Es ist schon eine Weile her, dass er seine Frau gefragt hat, ob das Höllen-Geld wohl bis zu ihrem Ende reichen werde. "Wir könnten bis zu unserem Tod jeden Tag zu McDonald's gehen", antwortete Rosie, und mehr wollte er nicht wissen.

Sie leben jetzt nur noch einen Teil des Jahres in Deutschland. Den Rest verbringen sie in einem sonnigeren Land. Aber Pete Wolf möchte nicht, dass überall steht, in welchem. Es ist ja nicht so, dass er die Aufmerksamkeit als Wolfgang Petry nicht zu schätzen gewusst hätte. Die Nähe, die Menschen, den Körperkontakt. "Das war Gefühl pur", sagt er, als müsste er den Erfahrungen seines Lebens einen Schlagertitel geben.

Aber er erinnert sich auch an die Flüge von Mallorca nach Deutschland, auf denen er erkannt wurde und leider nicht aussteigen konnte, er erinnert sich an die Fans vor dem Haus und die ewigen Fahrten von Auftritt zu Auftritt zu Fernsehstudio, und über all das sagt er: "Das ging nicht mehr." Für ihn fühlte sich das alles manchmal so an: "Ich stand dann da rum und wollte nur Bassist sein in der dritten Reihe. Und musste leider vorne stehen."

Im Februar wird in Duisburg ein Musical mit seiner alten Musik anlaufen, mit all den Hits, aber das ist okay, damit hat er schließlich nur indirekt zu tun. Vielleicht wird er an irgendeinem Tag dahin fahren, sich an den Rand der Bühne setzen und nach ein paar Minuten einfach wieder gehen. Bei dieser Vorstellung lacht er, als hätte er einen sehr guten Witz erzählt.

Zum Ärger seiner Plattenfirma hat Pete Wolf bisher alle Fernsehauftritte abgelehnt. Auf Facebook liest er kaum mehr als die ersten ein, zwei Kommentare. Seine Kappe nennt er seine Verkleidung. Vor allem aber gibt es zwei Personen, die Pete Wolf schützen sollen. Seine Telefonnummer hat kaum jemand außer dem Manager Chris Wolff, den er schon seit 25 Jahren kennt. Und noch wichtiger ist nur seine Frau Rosie, die nach einer Weile von der Terrasse zu dem Gespräch hinzukommt und höflich und unauffällig besorgt guckt. Es ist fast schon Nachmittag. Pete Wolf muss das Interview beenden. Franz Hubert Wolfgang Remling braucht seinen Salat.

Im Video: Wolf im Countrypelz

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