AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 46/2017

Saudi-Arabien "Bevor ich antworten konnte, war der Prinz schon verhaftet"

In Saudi-Arabien tobt ein Kampf um die Macht. Hier berichtet der Publizist Jamal Khashoggi von den Repressionen und der Angst, die der Thronfolger verbreitet.

Militärparade vor Porträts von König Salman (M.), Kronprinz Mohammed bin Salman (l.)
AFP

Militärparade vor Porträts von König Salman (M.), Kronprinz Mohammed bin Salman (l.)


Jamal Khashoggi wurde 1958 in Medina geboren, er ist ein bekannter Publizist und gefragter politischer Kommentator. Er hat Saudi-Arabien inzwischen verlassen und lebt in den USA.


Zwei Tage vor seiner Verhaftung schickte mir Prinz Alwaleed Bin Talal eine lange Textnachricht, in der er mich für meine Meinungsartikel in der "Washington Post" und der "Financial Times" tadelte. Ich hatte es gewagt, Saudi-Arabiens neuen Kronprinzen Mohammed bin Salman, meist nur MbS genannt, zu kritisieren. Für, nun ja ... Verhaftungen!

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Heft 46/2017
*AUFWACHEN! Warum China schon jetzt Weltmacht Nr. 1 ist - ein Weckruf für den Westen

Alwaleed ist ein Neffe des saudischen Königs, ein milliardenschwerer Investor und Hotelbesitzer. Ihm gehörte der Nachrichtensender Al-Arab mit Sitz in Bahrain, den ich einst leitete. Nach drei Jahren der Vorbereitung gingen wir im Februar 2015 auf Sendung. Doch nach gerade mal elf Stunden beendete Bahrain unsere Übertragung, das war das Aus für den Sender. Warum? Vermutlich weil wir schiitischen Aktivisten genauso viel Sendezeit gewidmet hatten wie der sunnitischen Regierung.

In den vergangenen zwölf Monaten habe ich nur unregelmäßig von Alwaleed gehört, aber das hat mich kaum überrascht. Denn mir war inzwischen verboten worden, meine Kolumne in der saudi-arabischen Tageszeitung "al-Watan" zu veröffentlichen, danach durfte ich auch nicht mehr für die Zeitung "Al Hayat" schreiben, die ebenfalls saudi-arabische Besitzer hat. Ebenso wurde ich angewiesen, nicht mehr zu twittern, nachdem ich meine Regierung mehrfach dafür kritisiert hatte, dass sie sich so klar auf die Seite von Präsident Donald Trump geschlagen hatte.

Immer wieder werde ich gefragt: "Wer sagt das?" Nun, es sind Leute aus der Regierung und ihre Verbündeten, und sie senden eine klare Botschaft, die alle, die die Linie der erlaubten Kritik schon mal überschritten haben, nur zu gut kennen. Diese Botschaft lautet: Entweder du hörst auf und stellst deine Kritik ein - oder du riskierst Konsequenzen.

Erst darfst du nicht mehr reisen, dann folgt Hausarrest, womöglich sogar Gefängnis.

Aus den Jahrzehnten, in denen ich diese Linie immer wieder überschritten habe, weiß ich, dass heute keine Diskrepanz mehr erlaubt ist zwischen der offiziellen Regierungsposition und dem, was die Bürger sagen. Früher hatten wir einen erheblich größeren Spielraum. Keine wirkliche Meinungsfreiheit, natürlich nicht. Aber es war eben auch kein von oben verordneter blinder Gehorsam.

Und oft war es auch nicht so sehr die Regierung, die ein Problem damit hatte, was einer sagte oder schrieb, sondern die Ulama, die muslimischen Rechtsgelehrten, die sehr empfindlich auf Kritik reagieren. Jetzt allerdings ist es die Regierung, die keine Form von Kritik toleriert. Nichts ist mehr erlaubt, weder die politische Satire des nun verhafteten Unternehmers Jamil Farsi noch die Forderung nach mehr Demokratie durch den Gelehrten Salman Al Odah, der seit September im Gefängnis sitzt. Seit Mohammed bin Salman Kronprinz ist, folgt die Vergeltung für jede Kritik prompt. Als ich also gewarnt wurde, hielt ich mich zurück. Ich war verstummt, ja, aber natürlich nicht taub, und meine Besorgnis wuchs seither mehr und mehr.

Dass Alwaleed Bin Talal sich von mir fernhielt, störte mich nicht weiter. Die Nachricht, die er mir kurz vor seiner Verhaftung schickte, hätte nicht loyaler gegenüber dem Thronfolger sein können. Er schrieb, ich sollte mich dessen Projekt anschließen: "Unter Führung meines Bruders, Prinz Mohammed bin Salman, wird der vierte saudi-arabische Staat errichtet. Unser Land braucht kluge Köpfe wie dich. Du musst zurückkehren und mitmachen."

Bevor ich antworten konnte, war er schon verhaftet worden, zusammen mit zehn weiteren Prinzen und mehreren Dutzend Beamten. Ihnen werden Korruption, Bestechung und Geldwäsche vorgeworfen. Doch auch wenn diese Verhaftungen weltweit Schlagzeilen machten - sie sind beileibe nicht die einzigen. In den vergangenen drei Monaten wurden mehr als 70 angesehene Intellektuelle, Geschäftsleute und Geistliche weggesperrt - mit Beschuldigungen, die darauf abzielen, jede Form von Kritik zu unterdrücken. Die meisten von ihnen sind außerhalb Saudi-Arabiens unbekannt, anders als die nun "Verhafteten" im Ritz-Carlton. Die meisten sind keine Radikalen, viele unterstützen Reformen, zum Beispiel dass Frauen Auto fahren dürfen.

Saudi-arabische Frau hinterm Steuer
AFP

Saudi-arabische Frau hinterm Steuer

Wie die Stimmung im Land ist, zeigt eine Onlinekampagne, die die Bürger dazu aufruft, sich gegenseitig zu melden. So soll eine schwarze Liste von Kritikern erstellt werden. Die Initiative geht aus von einem hohen Beamten am Königshof, Saud Al-Qahtani. Das sind verabscheuungswürdige Methoden, sie erinnern mich an die Stasi damals in der DDR. Das ist auch der Grund, warum man heute nur noch die Leute hört, die Mohammed bin Salman unterstützen. Niemand anderes wagt es, sich zu äußern.

Was dieser Tage in Riad geschieht, sind grundlegende Umwälzungen, die vielleicht zu einem gerechteren Regierungssystem führen könnten. Doch danach sieht es leider nicht aus, zumindest bislang. Wir haben stattdessen nun einen Anführer, der noch nicht einmal der offizielle Staatschef ist - aber der sich mit seiner Verhaftungswelle die absolute Macht gesichert hat, zivil wie militärisch.

Ein Freund rief mich vor ein paar Wochen an und fragte, warum ich MbS so kritisch sehe, ob ich nicht seine Vision für Saudi-Arabien verstünde, den Hunger nach Veränderung. Ich erwiderte mit einer Gegenfrage: Warum dürfen wir heute nicht mehr sagen, was wir denken, wie wir es bisher getan haben? Ein anderer Freund, ein im Westen ausgebildeter Saudi-Araber, der Teil des Machtapparats des Kronprinzen ist, sagte mir, wir müssten diese Verhaftungswelle tolerieren. Das sei der notwendige Preis für das große Ziel: Reform und Wohlstand.

Tatsächlich? Muss ich wirklich dabei zusehen, wie Freunde verhaftet werden, die nichts anderes getan haben, als zu sagen, was sie denken? Muss ich wirklich ausnahmslos alles gut und edel finden, was unsere Regierung tut? In was für einer Zeit wollen wir denn leben, im 21. oder im 17. Jahrhundert?

Im Jahr 2011 erhoben sich nach dem Selbstmord des tunesischen Gemüsehändlers Mohammed Bouazizi Millionen junge Araber. Sie forderten Jobs, ja - sie verlangten aber auch, dass man ihnen zuhört, anstatt sie zum Schweigen zu bringen. Jobs ohne Mitspracherecht, das mag vielleicht das Modell von Präsident Xi Jinping für China sein. Doch die meisten Araber bevorzugen eher den Weg einer Angela Merkel. Immer wieder höre ich von jungen Saudi-Arabern, dass sie zutiefst besorgt über den Kurs des Kronprinzen sind. Sie wünschen sich zwar Veränderungen, aber sie wollen an diesem Prozess teilhaben. Es ist ihnen wichtig, die Initiative zu ergreifen, eine Stimme zu haben.

Seit 1979 gab es keine solche Paranoia wie derzeit. MbS ist nicht nur dabei, seinem Vater nachzufolgen, er inszeniert sich gerade so, als wäre er unserem Staatsgründer und erstem König Abdulaziz Ibn Saud ebenbürtig. Seine Unterstützer nennen ihn sogar den "zweiten Staatsgründer". Wenn er eine Konferenz oder eine Sitzung besucht, dann geht er stets allein voraus, alle anderen folgen ihm. Er wird lediglich mit seinem Vater, dem 81 Jahre alten König Salman, abgebildet. Ohne dessen Unterstützung könnte der Kronprinz seine waghalsigen - manche sagen sogar: gefährlichen - Vorhaben nicht durchführen.

Zwar hat der Kronprinz das königliche Protokoll auf den Kopf gestellt, doch die Grundlagen des Patronagesystems hat er nicht angetastet. Nachdem er im Juni zum Kronprinzen gekürt worden war - und damit seinen Cousin Mohammad bin Naif verdrängte -, beförderte er 40 junge Mitglieder der königlichen Familie in wichtige Positionen. Zuvor hatte er bereits 30 junge Mitglieder in wichtige Ämter berufen. Er stellte dabei sicher, dass die Ernannten alle Flügel der Familie repräsentieren. Seine Partner sind diese Leute nicht, eher Gefolgsleute. Sie fürchten ihn, keiner will ihn verärgern oder angreifen. Sie setzen alle darauf, dass sie, wenn sie als standfeste Getreue gesehen werden, noch weiter aufsteigen können. Diese jungen Prinzen sitzen nun an den Hebeln der Macht, die früher nur den Älteren vorbehalten waren.

Doch absolute Herrschaft ist der falsche Weg, egal wie klug der Herrscher ist, wie ernst er es meint mit seinem Reformkurs, egal wie sehr das Land sich nach Rettung sehnt. Wir Araber haben schon zu oft schlechte Erfahrungen mit vermeintlich ehrlichen, patriotischen Anführern gemacht, die sich allzu schnell in Diktatoren verwandelt haben. Sie sind verantwortlich für unser Leid, unsere missliche Lage, unsere Niederlagen und Bürgerkriege.

Der Kampf gegen die Korruption in Saudi-Arabien mag nun im Gange sein, gewiss, aber es ist eher so, als schlüge man der Medusa einen Kopf ab, während ständig neue nachwachsen. Deshalb fordere ich einen echten, ernst gemeinten Kampf gegen die Korruption, keinen, der nur auf einige wenige zielt - was lediglich das Vertrauen der Investoren erschüttert und die Wirtschaft schwächt. Ich will den Extremismus stoppen - aber ich möchte nicht religiöse Fanatiker durch Faschisten ersetzen, die die Tugenden des "großen Führers" in den Himmel loben und jede abweichende Meinung gnadenlos unterdrücken. Ich wünsche mir, dass mein Land Irans Einflussnahme in Syrien, im Jemen und im Libanon entgegentritt und sie beendet - aber ohne einen Krieg anzufangen, der beide Länder zerstören könnte. Ich wünsche mir ein Saudi-Arabien, das Einfluss in der Region hat - aber ohne die kleinen Länder zu drangsalieren, mit denen wir uns verbünden sollten.

Wir müssen den Geist des Arabischen Frühlings annehmen, statt ihn zu bekämpfen.



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