AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 16/2018

Propaganda im Nahostkonflikt Wie der Tod eines palästinensischen Journalisten missbraucht wird

Der palästinensische Kameramann Yasser Murtaja wollte mit seinen Aufnahmen die Geschichte mitschreiben. Nun sind die Bilder seines Leichnams die stärkste Geschichte.

Trauerzug mit dem getöteten Journalisten Murtaja: Die einen brauchen einen Heiligen, die anderen einen Terroristen
Khalil Hamra/ AP

Trauerzug mit dem getöteten Journalisten Murtaja: Die einen brauchen einen Heiligen, die anderen einen Terroristen


Anderthalb Tage bevor Yasser Murtaja, eingehüllt in eine palästinensische Flagge, als Märtyrer vom Krankenhaushof getragen wird, versucht Dr. Alsahbani, seine Intensivstation zu räumen. Es ist der Vorabend des zweiten Protestmarsches, und er hat es fast geschafft. Die Betten sind frei, die Station ist bereit für neue Verletzte. Nur ganz hinten in der Ecke liegt noch jemand. Ayman Alsahbani ist ein kleiner Mann mit traurigen Augen und einem dünnen Oberlippenbärtchen, das man in einem anderen Gesicht verwegen nennen würde. Er ist der Chef der Notaufnahme des Shifa-Hospitals, des größten Krankenhauses von Gaza. Sein Kittel ist blütenweiß.

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Heft 16/2018
Berechtigte Sorge, übertriebene Angst - die Fakten zur Debatte um Islam und Heimat

Er läuft zum letzten belegten Bett seiner Intensivstation, auf dem ein bewusstloser Mann liegt, der mit Schläuchen und Drähten an verschiedenen Geräten hängt. Alsahbani hebt die Bettdecke, man sieht dick bandagierte Beine, aus einem Oberschenkel ragt ein Stahlgestell.

Im Video: SPIEGEL-Korrespondent Alexander Osang über die Märtyrisierung des Kameramanns Jasser Murtadscha.

"Die Israelis schießen meist auf die unteren Extremitäten. Teilweise mit Munition, die alles zerstört", sagt der Arzt. Er schaut kurz in die Akte.

"Der hier ist bereits hirntot", sagt er.

Er wirft die Akte aufs Bett, schüttelt den Kopf und sagt drei weitere Male "hirntot". Dann schickt er fünf Fragen hinterher. Warum? Warum? Warum? Warum? Warum?

Man kann sich nicht vorstellen, dass ein Mann trauriger schauen kann als dieser Arzt.

Alsahbani ist 48 Jahre alt und seit 16 Jahren an diesem Krankenhaus beschäftigt. Er hat zwei Kinder, die seit einigen Jahren in Odessa leben, weil es dort sicherer ist. Er hat sie seitdem nicht gesehen. Er kann nicht reisen. Am vorigen Freitag haben sie hier 40 Verletzte operiert, obwohl sie nur 20 Betten auf der Intensivstation haben. Er weine manchmal am OP-Tisch. Als Arzt empfehle er allen, sich von der Grenze fernzuhalten, sagt er, als Bürger von Gaza verstehe er die jungen Leute, die in ihrem Leben nichts weiter erlebt haben als die Blockade. Er versteht nicht, wieso man sie nicht in die Welt lässt. Er versteht nicht, wie man auf Zivilisten schießen kann. Es gibt jede Menge "Warum?" in seinem Kopf.

Vermutlich kennt er auch ein paar Antworten. Im Foyer des Gesundheitsministeriums, bei dem man sich die Erlaubnis abholen muss, ihn zu interviewen, hängt eine große, blaue Fliese, auf der steht: Von hier sind es 79,36 Kilometer bis nach Jerusalem.

Darum geht es. Im Kern.

Am nächsten Morgen ist dann auch das letzte Bett frei. Sie lösen den hirntoten Mann von den Geräten. Er wurde 30 Jahre alt. Er ist der erste Tote dieses Freitags, an dem neun Menschen sterben werden. Verglichen mit dem letzten Toten des Tages ging er leise und ohne eine Botschaft an die Welt zu hinterlassen.

Der letzte Tote des Tages heißt Yasser Murtaja und ist ein palästinensischer Journalist, der mit einem Kollegen an einer Dokumentation über die Freitagsmärsche arbeitete, die bis zum 14. Mai fortgesetzt werden. Dem Tag, an dem Israel den 70. Jahrestag seiner Staatsgründung feiert und der für die Palästinenser das Datum ihrer großen Tragödie bedeutet, Nakba, die Vertreibung aus ihrer Heimat. Yasser ist Gründer und Betreiber einer kleinen Filmproduktionsfirma, die Nachrichtensender aus aller Welt mit Bildern aus Gaza versorgt, dem geschundenen Landstück, in dem er geboren wurde und sein ganzes Leben verbracht hat.

Vor ein paar Wochen hat Yasser Murtaja das Foto einer Drohne, mit der er manchmal arbeitet, auf Facebook gestellt. Es war eine Luftaufnahme des Hafens von Gaza. Dazu schrieb er: "Ich wünschte, ich könnte dieses Foto aus der Luft machen und nicht von der Erde. Mein Name ist Yasser Murtaja. Ich bin 30 Jahre alt. Und ich bin noch nie gereist."

Es klang wie die Nachricht eines sehnsüchtigen jungen Mannes, der darauf hofft, irgendwann die Welt zu sehen. In ein paar Stunden wird es wie ein Vermächtnis klingen. Ein Schrei. Eine Botschaft an die Welt. Im israelischen Verteidigungsministerium wird es wahrscheinlich Leute geben, die es als Bekennerschreiben lesen.

Yasser wird am frühen Nachmittag getroffen. Er ist mit seinem Bruder und einem Kollegen nach Khuzaa gefahren, zu einem Camp im südlichen Teil des Gazastreifens. Alle drei tragen blaue Schutzwesten, auf denen "Press" steht. Die Kugel trifft Yasser in den Bauch. Sie waren etwa 200 Meter vom Zaun entfernt, sagt sein Kollege Rushdi Sarraj.

Yasser habe ihm zugerufen: "Ich bin getroffen."

Rushdi ist sich sicher, dass die Scharfschützen bewusst auf seinen Freund geschossen haben.

Die Demonstranten haben im Verlauf der Woche unzählige alte Reifen in die Camps geschleppt, die an der Grenze aufgebaut wurden. Sie rollen sie so dicht es geht an die Zäune und setzen sie in Brand. Der Rauch soll den israelischen Scharfschützen, die auf Sandwällen hinterm Zaun liegen, die Arbeit erschweren. In den Mittagsstunden ist der Grenzbereich in schwarzen Rauch gehüllt. In den Camps herrscht Picknickstimmung, Frauen und Kinder essen unter Zeltdächern, die Demonstranten wagen sich weiter als noch vor einer Woche, begleitet von kleinen Trucks, die frisch gepressten Saft, Nüsse und Eis anbieten. Junge Männer rasen auf Motorrädern an die Front. Jemand reitet auf einem weißen Pferd durchs Camp, im Himmel fliegen selbst gebastelte kleine Drachen in den Nationalfarben der Palästinenser. Fernsehkorrespondenten stellen sich so, dass man die schwarze Rauchwand in ihrem Rücken gut sehen kann. Auch die Demonstranten selbst filmen sich mit ihren Handys. Kleinkindern werden für Schnappschüsse palästinensische Fahnen in die Hand gedrückt. Jungen im Grundschulalter schreien in Handykameras: Jerusalem gehört uns!

Es ist, das hört man immer wieder, auch ein Krieg der Bilder. Israelische Websites stellen Fotos, die die blühenden Landschaften auf ihrer Seite des Zaunes zeigen, den qualmenden Reifen von Gaza gegenüber und erinnern an die Umweltverschmutzung. Al-Aqsa TV dagegen, der Fernsehsender der Hamas, steigt in die schwarzen Rauchwolken wie in ein warmes Bad. Den ganzen Tag über laufen hier Bilder von der Front.

Ganz vorn stehen die Mutigsten, die Wütendsten. Manchmal wagt sich einer dicht an den Zaun heran und rennt schnell wieder weg. Es erinnert an ein Katz-und-Maus-Spiel. Der ehemalige Brigadegeneral Nitzan Nuriel, der lange Zeit Antiterrorberater des israelischen Premierministers war, erklärt die Spielregeln: "Sie machen es, solange sie wollen, denn auf der Seite Gazas spielen Opfer keine Rolle."

Ab und zu fällt eine Gasgranate in die Menge, dann rennen alle durcheinander und schleppen am Ende mit viel Geschrei Männer, die zu viel Gas abbekommen haben, in die Sanitätszelte. Manche werden erst nach 20 Minuten wieder wach. Ein Arzt vermutet, es sei Nervengas, weil sich viele übergeben müssen und Krämpfe bekommen. Dennoch hat man lange Zeit die Hoffnung, dass es nicht so blutig wird, wie beide Seiten angekündigt haben.

Palästinensische Demonstranten im Gazastreifen
Ibraheem Abu Mustafa/ REUTERS

Palästinensische Demonstranten im Gazastreifen

Lange Zeit scheint der Mann, den Dr. Alsahbanis Team am Morgen von den Geräten getrennt hat, der einzige Tote dieses Tages zu sein.

Irgendwann am frühen Nachmittag fallen wieder Schüsse. Warum, weiß man auf dieser Seite des Zaunes nicht. Die Motive der Scharfschützen, ihre Strategie, wenn es denn eine gibt, sind rätselhaft. Israels Verteidigungsminister sagt, es gebe keine unschuldigen Menschen in Gaza. Das ist natürlich ein Ansatz. Hier und da erklärt ein israelischer Militär, man schieße nur auf Terroristen.

Yasser Murtaja aber ist Kameramann. Er hat eine blaue Weste an, auf der "Press" steht.

Sie tragen ihn in das Rettungszelt, das im Hintergrund des Camps steht. Hier arbeiten Freiwillige, ein Arzt, ein paar Medizinstudenten und Krankenpfleger. Das Verbandszeug, das sie benutzen, haben sie selbst gekauft, sagen sie. Es ist nicht viel. Sie leisten Erste Hilfe. Gasopfern waschen sie die Augen aus, spülen die Gesichter, bei Schussverletzungen versuchen sie, die Blutung zu stillen, so gut es geht. Bis die Ambulanz da ist. Einer der Pfleger trägt eine kleine Kamera auf der Stirn. Um zu dokumentieren, was passiert, wie er sagt.

Man kann sich die Notversorgung des verwundeten Kameramanns inzwischen auf YouTube ansehen.

Palästinensische Demonstranten mit Murtaja-Fotos im Gazastreifen": Nicht wir tragen dich - du trägst uns"
Said Khatib/ AFP

Palästinensische Demonstranten mit Murtaja-Fotos im Gazastreifen": Nicht wir tragen dich - du trägst uns"

Yasser wird in ein nahe gelegenes Krankenhaus gefahren. Sein Bruder sitzt mit im Krankenwagen, sein Kollege folgt. Sie setzen sich in den Wartesaal. Sie hören Nachrichten von weiteren verletzten Journalisten. Das Gesundheitsministerium zählt die Toten. Zwölf Stunden lang kämpfen die Ärzte um Yassers Leben. Eine Weile sieht es so aus, als könnten sie die Blutung stoppen, sagt sein Freund Rushdi, aber die Kugel hat zu viel im Leib von Yasser zerstört. Er stirbt in der Nacht gegen halb zwei. Er ist der vorläufig letzte Tote des Freitagsmarsches. Die Zahl der Getöteten der Märsche ist nun auf insgesamt 30 gestiegen. Über 3000 Menschen sind verletzt.

Sie fahren Yasser noch in der Nacht nach Gaza City in die Shifa-Klinik von Dr. Alshabani. Yasser Murtaja benötigt kein Bett auf der Intensivstation. Er kommt als toter Mann.

Am Samstagmorgen haben sich im Hof des Krankenhauses Kollegen versammelt, Kollegen, die Yasser betrauern, Kollegen, die über den Toten berichten, man kann das kaum voneinander trennen. Es gibt ein paar Reden, in denen die Unmenschlichkeit der israelischen Aggressoren beklagt, die Freiheit des palästinensischen Volkes beschworen und eine Reaktion der Weltgemeinschaft eingefordert wird. In der Leichenhalle im Rücken der Redner wird der Körper des Kameramannes für seine letze Reise vorbereitet. Er wird in eine palästinensische Fahne gehüllt, obenauf legen sie die blaue Presseweste. Die Ersten halten bereits kleine Bilder Yassers in die Luft. Er lächelt auf den Fotos.

"Wir werden die Geschichte mit seinem Blut weiterschreiben", ruft einer der Redner.

"Seid vorsichtig dort draußen, aber berichtet weiter vom Schicksal unserer Leute", ruft ein anderer.

Dann öffnet sich die Tür zur Leichenhalle. Zehn oder zwölf Männer balancieren den Toten auf ihren Schultern durch die Menge. Es beginnt Gerangel, um die Nähe zum Helden und um die Bilder. Auf Mauern und Toren stehen Fotografen und Kameraleute und schauen von oben in das Gesicht des Märtyrers. Er sieht friedlich aus, sanft. Auf der Straße wartet bereits ein Kleintransporter, ein Berg aus Lautsprechern auf der Pritsche, auf dem ein Mann mit einem Mikrofon hockt und Losungen in den Zug ruft, der sich hinter den Leichenträgern versammelt hat.

"Nicht wir tragen dich - du trägst uns, Yasser. Wir folgen dir auf deinem endgültigen Weg", ruft der Mann.

Dann kommen die Lieder, manche kämpferischer, manche trauriger.

Eines der traurigen heißt "Testament":
Mutter, weine nicht um mich.
Ich bin ein Märtyrer
Erinnere dich an mich in deinen Gebeten für die Freiheit
Ich habe dich als Märtyrer verlassen.

Der Zug bewegt sich zum Haus des Verstorbenen, wo sich die Familie von ihm verabschieden kann. Sie wohnt im Erdgeschoss einer Baustelle in Gaza City, die oberen Geschosse sind noch nicht fertig. Der Vater ist verstorben, Yasser war der älteste Mann in der Familie. Er hinterlässt seine Mutter, seine Frau und einen zweijährigen Sohn, Abid, sowie drei jüngere Brüder und eine Schwester. Sie haben alle zusammengewohnt. Mutter, Schwester und die Ehefrau von Yasser warten in der Wohnung.

Vor dem Haus wird ein Zelt aufgebaut, in dem die dreitägige Trauerfeier stattfinden soll. Auf den umliegenden Häusern erscheint von Zeit zu Zeit ein vermummter Mann mit Sturmgewehr und feuert eine Salve in den Himmel über Gaza. Ein paar Männer weinen, ein paar Männer schießen. Tränen und Trommelfeuer.

Nach einer Stunde zieht der Trauerzug weiter zur Moschee, wo für den Verstorbenen gebetet wird. Im vorausfahrenden Krankenwagen befindet sich der Leichnam, es folgen Lautsprecherwagen. Es gibt jetzt deutlich mehr Plakate, die den Kameramann zeigen. Musik bläst durch die engen Straßen. Die Palästinenser haben Hunderte Revolutionssongs, immer neuen Stoff, und viel Gelegenheit, sie zu singen. Sie laufen seit Tagen im Radio. Die Stimme des Mannes auf dem Lautsprecherberg kippelt inzwischen heiser.

Unser Freund Yasser hat uns verlassen,
Aber wir sind stark.
Es gibt tausend Yassers.

Vom Straßenrand schauen Leute in den Zug, manche wirke müde, manche interessiert, manche schließen sich an. Der Trauermarsch verwandelt sich in eine mittelgroße Demonstration. Jemand verbreitet die Nachricht, ein enger Freund Yassers habe sein Baby, das heute geboren wurde, nach dem Toten benannt. Klingt märchenhaft, aber diese Dinge passieren jetzt natürlich. Sie müssen passieren.

Sie haben die Omari-Moschee für den Trauergottesdienst ausgesucht. Es ist die größte und eine der ältesten Moscheen in Gaza. Sie legen den Toten ganz nach vorn neben die Bühne, auf der der Imam spricht, direkt unter ein großes Plakat vom Tempelberg in Jerusalem, in dessen Mitte die goldene Kuppel des Felsendoms leuchtet wie die Sonne. Um den Platz drängen die Fotografen. Es ist das perfekte Motiv. Der Märtyrer auf dem Weg nach Jerusalem. Die Moschee füllt sich schnell. Über den Rücken der Betenden schweben Drohnen mit Kameras, die das Gesicht des Toten filmen, der jetzt fast ein Heiliger ist.

Im Kampf um die Bilder liegen sie in diesem Moment weit vorn.

Irgendwann erscheint, umringt von Sicherheitsleuten, Ismail Hanija, Führer der Hamas, in der Moschee und küsst den Toten auf die Stirn.

"Yasser hielt seine Kamera, um die Pfeile in Richtung der Wahrheit über die geknechteten Menschen des palästinensischen Volkes zu schießen. Durch den Mord an Yasser haben die Israelis vor der ganzen Welt ihr wahres Gesicht gezeigt. Sie töten mit Vorsatz", sagt Hanija ins Mikrofon. Ein Trauerredner, der in diesem Jahr von den USA in die Liste der internationalen Topterroristen aufgenommen worden ist.

Spätestens in diesem Moment beginnt sich die Legende des toten Kameramannes Yasser Murtaja von dem zu lösen, wofür der Mann bislang zu stehen schien. Er schwebt jetzt. Sein Bild wird unscharf. Die, die ihn kannten, sagen, er sei kein Teil einer politischen Strömung gewesen. Er habe schon als Junge gefilmt, Tiere, Kinder, den Strand und das Meer, sagt seine Schwester. Es war seine Leidenschaft. Er hat einen Beruf daraus gemacht. Vor sechs Jahren hat er mit seinem Schulfreund Rushdie Sarraj die Produktionsfirma Ain Media gegründet, für die heute 15 Leute arbeiten. Sie haben für nationale und ausländische Fernsehstationen gefilmt, unter anderem für die BBC und die englische Ausgabe von Al Jazeera, sie haben Werbung gedreht, für NGOs gearbeitet und waren an kulturellen Projekten beteiligt, zum Beispiel an denen des chinesischen Künstlerstars Ai Weiwei.

Jetzt aber ist Yasser Murtaja Material in einer ideologischen Schlacht, die wahrscheinlich nur noch wenig mit der Dokumentation zu tun hat, die er drehen wollte.

Drei Tage später wird der israelische Verteidigungsminister Avigdor Lieberman behaupten, Yasser Murtaja habe auf der Payroll der Hamas gestanden, ohne Beweise dafür vorlegen zu können. Murtaja habe mit seiner Kameradrohne die israelische Verteidigungslinie ausspionieren wollen. Auch dafür gibt es bislang keine Beweise. Lieberman sagt es einfach. Kurz darauf erklärt das US-Außenministerium, Murtajas Filmproduktionsfirma Ain Media habe ein Stipendium über 11.700 Dollar von der US-Regierung erhalten, aus einem Programm, das private Initiativen fördern soll. Sein Freund und Kollege Rushdi erklärt, Yasser habe keine Feinde gehabt. Eine konservative Website vermeldet, er habe regelmäßige Kontakte zur Hamas-Führung unterhalten. Je nach Interessenlage beginnen die Parteien sofort um sein Vermächtnis zu streiten. Die einen brauchen einen Heiligen, die anderen einen Terroristen.

Und noch ist er gar nicht unter der Erde.

Nach dem Gebet bewegt sich der Trauerzug zu einem Friedhof am Rande der Stadt. Sie ziehen an Häuserfassaden vorbei, die noch vernarbt sind vom letzten Gazakrieg. Im Zug laufen junge Männer, die ihr M16-Gewehr über der Schulter tragen wie eine Kuriertasche. Der Friedhof liegt im Osten der Stadt Gaza, am Rande einer Plantage von Zitronenbäumen. Gewehrsalven, die Ansprache eines Geistlichen, der auf einen Grabstein steigt, um gesehen zu werden, Fotografen auf den Schultern anderer Fotografen und über allem zwei Drohnen, die verfolgen, wie Freunde und Verwandte den Körper des Märtyrers in der Erde versenken. Eine Drohne ist schwarz, eine weiß, der Himmel milchigblau. Alles Bilder.

Vermutlich kann man sie gerade live auf Al-Aqsa TV verfolgen.

Vorm Wohnhaus des Verstorbenen werden inzwischen die letzten Arbeiten am Trauerzelt beendet. Zwei Jungs sprengen den Sandweg vor dem Zelt mit einem Wasserschlauch. Ein anderer hängt ein Losungsband mit dem lächelnden Gesicht von Yasser Arafat und zwei Fatah-Funktionären auf, und zehn Minuten später, nach einer Anweisung, wieder ab. Die politischen Bewegungen in Gaza sind verfeindet. Man weiß nie, wer zu Besuch kommt. Überall hängen Spruchbänder, Blumengebinde, Porträts. Ein Kleinlaster bringt ein Plakat von der Größe einer Werbetafel, das den toten Fotografen zeigt, lächelnd neben einem riesigen Teleobjektiv. Es gibt Wasserknappheit in Gaza, es gibt eine Arbeitslosenquote von über 40 Prozent, es gibt einen Mangel an Arzneimitteln, Lebensmitteln und Benzin, ständig fällt der Strom aus - aber die Öffentlichkeitsarbeit im Märtyrerwesen funktioniert einwandfrei.

Bevor die nahen Verwandten vom Friedhof eintreffen, steht der palästinensische Minister für Bauwesen bereits im faltenfreien blauen Anzug unterm Dach des Trauerzeltes und spricht in die Kamera eines Fernsehsenders. Er redet von israelischen Aggressoren, dem geschundenen palästinensischen Volk und der Weltöffentlichkeit. Er ist zwar nur der Bauminister, aber in Gaza ist man schnell beim Großen und Ganzen. Im Hintergrund sieht man das Bild des Toten.

Immer mehr Leute erscheinen, um ihr Beileid zu bekunden. Nachbarn, Freunde, Funktionäre. Es gibt Kaffee und Feigen und Huhn mit Reis als Leichenschmaus. Die Kollegen von Ain Media stehen an der Seite, sie haben verweinte Gesichter und keinen Hunger.

Wenn man mit ihnen spricht, bittet sie eine Art Öffentlichkeitsarbeiter vor das Porträt des Toten. Damit das Bild stimmt.

Moaastem Murtaja ist groß und schlank und sieht dem Mann auf dem Plakat hinter ihm ähnlich, er ist der Bruder des Toten. Er ist 24 Jahre alt, er ist Mitarbeiter bei Ain Media und stand nur ein paar Meter neben seinem Bruder, als der getroffen wurde. Man sieht ihn auf dem Video, das den Verwundeten zeigt. Die Kamera schwenkt kurz in sein Gesicht. Sein Bruder scheint irgendetwas zu sagen.

"Ja", sagt Moaastem. "Er hat gesagt: 'Hör auf zu weinen.'" Aber er kann nicht. Er steht vor dem riesigen Heldenbild seines großen Bruders. Yasser strahlt, Moaastem weint. Er ist am Leben.

Rushdie Sarraj, der 2012 mit Yasser die Firma gegründet hat, trägt immer noch das hellblaue Hemd von gestern. Man sieht die verblichenen großen Blutflecken im Stoff. Und auch sein Blick hängt irgendwo in der Vergangenheit fest. Er redet Sachen, die er heute wahrscheinlich schon oft gesagt hat. Dass sie Schulfreunde waren. Dass er Ingenieurwesen studiert habe und Yasser Wirtschaft. Dass immer der Traum blieb, einmal Filme zu machen. Dass Yasser ein Mann ohne Feinde war. Dass die Scharfschützen auf ihn gezielt haben müssen. Dass er, Rushdi, weitermachen wird. In Yassers Sinne. Dass sie vor ein paar Tagen noch darüber gescherzt haben, auf wen es die israelischen Sniper wohl eher abgesehen hätten.

"Yasser hat gesagt: 'Natürlich auf dich.' Ich hab gesagt: 'Quatsch. Sie holen dich'", sagt er. "Es war ein Witz."

Aber er lacht nicht.

Vor zehn Minuten hat er mit Ai Weiwei telefoniert. Der will Material von Yasser haben, um irgendetwas daraus zu machen.

Ai Weiwei. Avigdor Lieberman. Die Hamas. Wir. Jeder bedient sich beim Märtyrer.

Vor ein paar Tagen, als Yasser Murtaja noch ein vielversprechender Kameramann war, dessen Firma ein amerikanisches Stipendium erwartete, stand der traurige Dr. Ayman Alsahbani aus der Shifa-Klinik an seinem Bürofenster und beobachtete, wie ein paar schreiende Männer den Leichnam eines anderen Opfers der Gazaproteste über seinen Krankenhaushof trugen. Der Tote war in ein weißes Tuch gehüllt und wogte auf den Schultern der erregten Träger, als triebe er auf hoher See. Als sie verschwunden waren, drehte sich der Doktor vom Fenster und sagte: "Wieder ein Märtyrer".

Es klang, als stellte er eine Diagnose. Dann wäre das Märtyrertum eine Krankheit. Wohl eher eine schwere Krankheit, etwas, gegen das man sich nicht wehren kann.

Rushdi Sarraj sagt, dass er zusammen mit seinen Kollegen weiter an der Dokumentation über den Marsch der Freiheit arbeiten wolle. Sie werden auch an den nächsten Freitagen wieder hinausgehen. Der Tod seines Freundes soll jetzt ein wesentlicher Teil ihres Filmprojekts werden. Yasser Murtaja hat die Seiten gewechselt. Er steht nicht mehr hinter der Kamera, er ist vor die Kamera getreten. Dort, wo Märtyrer hingehören.



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