AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 23/2017

Deutsche Einheit Wie die Schweizer den Mauerfall madig machten

Bislang unbekannte Akten zeigen: Die Schweizer Regierung war nicht erfreut über die deutsche Wiedervereinigung. Ihr damaliger Botschafter litt mit dem Honecker-Staat. Die Botschaftsbesetzung in Prag nannte er "Hausfriedensbruch".

Mauerabriss am Potsdamer Platz in Berlin am 12. November 1989: "Neue Grenzübergangsstellen geschaffen"
Thomas Imo / photothek.net

Mauerabriss am Potsdamer Platz in Berlin am 12. November 1989: "Neue Grenzübergangsstellen geschaffen"


Als am 9. November 1989 die Mauer fiel, jubelten die Deutschen, und die Welt stand kopf. Die Schweiz allerdings gab sich gleichgültig. Vergebens versuchte der Zürcher "Tages-Anzeiger" am Morgen nach dem revolutionären Ereignis eine Stellungnahme des Außenministeriums einzuholen. Außenminister René Felber ließ einen Sprecher kühl erklären, er könne schließlich nicht "zu allen politischen Ereignissen" eine Meinung äußern. Immerhin geschehe "jeden Tag etwas Wichtiges".

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Heft 23/2017
 

Der Mauerfall - eine Alltäglichkeit? Dass es sich bei der kuriosen Äußerung nicht um ein Versehen handelte, belegen bislang unbekannte Akten des Schweizer Außenministeriums aus den letzten Jahren der DDR; der münstersche Historiker Bernd Haunfelder hat sie nun veröffentlicht (Bernd Haunfelder: "Die DDR aus Sicht schweizerischer Diplomaten 1982-1990". Aschendorff; 358 Seiten; 29,90 Euro).

Die knapp hundert Dokumente stammen überwiegend von den Schweizer Botschaftern, die zwischen 1982 und 1990 ihr Land im selbst ernannten Arbeiter-und-Bauern-Staat vertraten. Insbesondere Franz Birrer, der letzte Repräsentant der Eidgenossenschaft in Ostberlin, zeigte ein irritierendes Verständnis für den SED-Staat.

So berichtete er nach Bern, die Zahl der politischen Häftlinge in der DDR sei "gering", das Kulturleben geprägt von "großer Freizügigkeit" und die alte Garde um DDR-Chef Erich Honecker "guten Glaubens und Willens, eine neue und bessere Gesellschaft aufzubauen".

Der Diplomat konnte offenbar sogar den Bau der Mauer nachvollziehen. Immerhin genössen ostdeutsche Übersiedler in der Bundesrepublik die gleichen "Rechte und Privilegien" wie die Westdeutschen und würden bei der Arbeits- und Wohnungssuche sogar bevorzugt, erklärt er in seinem Bericht vom 21. Juni 1989. "Man stelle sich vor, was geschehen würde", so Birrer, "wenn die Schweiz etwa den Italienern das Gleiche offerieren würde ... Die Schweiz könnte dies wohl nur durchhalten, wenn Italien Grenzanlagen sowie Reise- und Übersiedlungsregelungen à la DDR einführen würde." Höhepunkt der skurrilen Diplomatenpost ist ein Telegramm vom 17. November 1989. Birrer schreibt darin: "Die ,Mauer' ist nicht, wie vielfach behauptet wurde, gefallen." Vielmehr seien nur "zahlreiche neue Grenzübergangsstellen geschaffen worden, nicht mehr und nicht weniger".

Dabei galt die neutrale Schweiz während des Kalten Krieges als "geheimer Verbündeter" des Westens, so der Historiker Haunfelder. Offiziell stand zwischen Bonn und Bern alles zum Besten. Kanzler Helmut Kohl präsentierte sich als Fürsprecher der Eidgenossen in der Europäischen Gemeinschaft.

Allerdings sympathisierten manche Schweizer Sozialdemokraten mit der DDR, wie sich Tim Guldimann erinnert, selbst Genosse und bis vor Kurzem Botschafter in Berlin. Und gerade viele Deutschschweizer störten sich am Auftreten der Westdeutschen, das sie als laut und arrogant empfanden. Der SED-Staat wirkte demgegenüber bescheiden - und überhaupt nicht bedrohlich.

Auch Birrer beschreibt in seinen damaligen Rapporten die Bundesrepublik als "groß" und "schwerreich", die DDR dagegen als "klein" und dem "übermächtigen Nachbarn beinahe schutzlos ausgeliefert".

Der heute 84-jährige Jurist bestreitet, den SED-Staat mit Sympathie betrachtet zu haben. Er habe sich vielmehr "von Realismus" leiten lassen, sagt er dem SPIEGEL.

Als im Sommer 1989 Tausende Ostdeutsche in die westdeutschen Botschaften in Prag, Budapest und Warschau flohen, um ihre Ausreise zu erzwingen, klagte Birrer allerdings, eine Botschaftsbesetzung sei ein "gravierender Fall von Hausfriedensbruch", werde "in der BRD jedoch nie geahndet".

Botschafter Birrer (r.) 1987 (mit dem DDR-Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker in Ostberlin): "Beinahe schutzlos ausgeliefert"

Botschafter Birrer (r.) 1987 (mit dem DDR-Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker in Ostberlin): "Beinahe schutzlos ausgeliefert"

Die Botschaft der Alpenrepublik lag im gut abgeschirmten Diplomatenviertel Ostberlins. Der dreigeschossige Sichtbetonbau zählte zu den Standardunterkünften Typ "Pankow", die ein DDR-Architekt für internationale Vertretungen entworfen hatte. In seinen Berichten nennt Birrer zumeist andere Diplomaten und Vertreter des SED-Regimes als Quelle, nur selten scheint er sich im Herbst unter die Demonstranten gemischt zu haben.

Anfang Dezember war er Zaungast bei einer Kundgebung vor dem Zentralkomitee der SED und hörte unerkannt zu. Die Schweiz war ein großes Thema, weil sich das Gerücht hielt, die SED-Führung habe heimlich Milliarden D-Mark dorthin transferiert. Empört notierte Birrer, der "diesbezüglichen Fantasie" seien "offensichtlich keine Grenzen gesetzt". Später stellte sich heraus: Die SED hatte tatsächlich hohe Summen in die Schweiz geschafft.

Wie wenig sich der Nachbardiplomat über die Wiedervereinigung freute, kann man in seinem Bericht über die Einheitsfeier in der Nacht zum 3. Oktober 1990 in Berlin nachlesen. Von einer Feststimmung war laut Birrer "kaum etwas" zu spüren. Für bemerkenswert hielt er dagegen die angeblich neuen Pinkelgewohnheiten, für Diplomaten ein ungewöhnliches Thema.

Nach Birrers Beobachtung hatten die Männer Ostberlins inzwischen die Angewohnheit ihrer Westberliner Geschlechtsgenossen übernommen, bei Großveranstaltungen "häufig an Hauswänden oder in den Parkanlagen" zu urinieren.

Wie die Berichte Birrers in der Zentrale in Bern aufgenommen wurden, ist nicht überliefert. Er wurde 1991 nach Luxemburg versetzt, was nach einem Abstieg aussieht. Er habe den Posten frei gewählt, hält Birrer dagegen.

Außenminister Felber teilte jedenfalls nachweislich die Einheitsskepsis seines Diplomaten. Am 4. Oktober 1990 warnte er in einem Interview ausdrücklich vor einer "drohenden Germanisierung von Europa".

Die Regierung Kohl ließ damals alle Wortmeldungen aus der Schweiz abperlen. Dabei hätte ihr manche Bewertung in den jetzt frei gewordenen Akten sicher gefallen. Denn laut Birrer ging die DDR nicht an ihrer eigenen Schwäche zugrunde. Nicht etwa der "Druck der Straße", sondern Helmut Kohl war demnach der "eigentliche Motor der deutschen Einheit".

Den Altkanzler hätte dieses Urteil sicher gefreut.



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Seite 1
mitch72 19.06.2017
1. Wohl nicht falsch
Zitat: "die alte Garde um DDR-Chef Erich Honecker "guten Glaubens und Willens, eine neue und bessere Gesellschaft aufzubauen". " Wer glaubt, die damaligen Machthaber hatten dies anfangs nicht im Sinn, sollte sich darauf besinnen, dass Erich Honecker und Co nicht aus den wohlhabendsten Familien stammten und bis 1945 meist kein leichtes Leben hatten. Ich glaube schon, dass ursprünglich auch Ulbricht und weitere durchaus im Sinn hatten, der Bevölkerung ein entbehrungsärmeres Leben zu bieten. Leider jedoch scheint der Mensch allgemein - im Osten damals wie im Westen heute auch - anfällig für jede Art des Machtmissbrauchs - soweit man sie ausüben kann - zu sein. Meine Meinung ist, nur die Macht selbst hat den Sozialismus scheitern lassen.
P.Delalande 19.06.2017
2. Weinen für den "Sozialismus"...
Zitat von mitch72Zitat: "die alte Garde um DDR-Chef Erich Honecker "guten Glaubens und Willens, eine neue und bessere Gesellschaft aufzubauen". " Wer glaubt, die damaligen Machthaber hatten dies anfangs nicht im Sinn, sollte sich darauf besinnen, dass Erich Honecker und Co nicht aus den wohlhabendsten Familien stammten und bis 1945 meist kein leichtes Leben hatten. Ich glaube schon, dass ursprünglich auch Ulbricht und weitere durchaus im Sinn hatten, der Bevölkerung ein entbehrungsärmeres Leben zu bieten. Leider jedoch scheint der Mensch allgemein - im Osten damals wie im Westen heute auch - anfällig für jede Art des Machtmissbrauchs - soweit man sie ausüben kann - zu sein. Meine Meinung ist, nur die Macht selbst hat den Sozialismus scheitern lassen.
Dieser sogenannte "Sozialismus" ist vor allem daran gescheitert, dass er sich von den anderen Formen des Faschismus in keinster Weise unterschieden hat. Den Hinweis auf die unzähligen Opfer und Ermordeten dieser "Sozialisten" die die größten Völkermörder der Weltgeschichte waren, kann ich Ihnen natürlich an dieser Stelle auch nicht ersparen.
ach 19.06.2017
3. Die Botschaftsbesetzung in Prag nannte er "Hausfriedensbruch".
Das triffts nicht ganz. Die Sache lief ja mit Einverständnis der Hausherren. Rechtsbruch war es aber trotzdem, die Leute nicht einfach vom Gelände zu verweisen.
marco.motta 19.06.2017
4. Die deutsche Einheit hatte in der Schweiz keinen hohen Stellenwert...
Das war doch eine innerdeutsche Angelegenheit und man versuchte einfach, mit beiden Seiten eine gute Beziehung zu haben. Die Hallstein-Doktrin war also sicher nicht im Interesse der Schweiz, aber man respektierte diese Situation. Persönlich war ich selber überrascht, dass ich in einer DDR-Fachzeitschrift in den 80er Jahren einen unzensurierten Artikel schreiben konnte - aber zugegeben, er enthielt auch keine politische Aussage.
wettm 19.06.2017
5. Mauerfall und die Schweizer
Die Verallgemeinerung wirkt wie eine Diffamierung unserer Nachbarn. Über "die Schweizer" weiss der Autor natürlich nichts. Nicht alle Missetaten unserer eigenen Botschafter rechnen alle wir Deutsche uns zu.
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