AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 45/2017

US-Hauptstadt Washington, ein Jahr danach Trumps Spielplatz, Trumps Schlachtfeld

Vor einem Jahr wurde Donald Trump zum Präsidenten gewählt. Seither leidet er unter Washington, und Washington leidet unter Trump. Erkundung einer Stadt in permanenter Aufregung.

Kapitol in Washington
Stephen Voss / DER SPIEGEL

Kapitol in Washington

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Washington ist kein Ort der Demut und Bescheidenheit, eigentlich passt Donald Trump ganz gut hierher. Es ist die Stadt der gigantischen Egos und Spesenbelege, der Polizeieskorten und gepanzerten Limousinen, immer geht es um Status und um Macht, auch abends auf Partys. Die Stadt fordert ihre Bewohner heraus, sie zieht die Ehrgeizigen an, und das hat nicht nur Gutes, wie man sieht. Großes entsteht aus ihr, Gewaltiges, oft Gewalttätiges, seit George Washington vor gut zwei Jahrhunderten das Herz einer jungen Demokratie in einen von Stechmücken geplagten Sumpf hineinpflanzte.

Zu breit sind die Straßen und Avenues geraten, zu riesig die Treppen am Kapitol, zu gewaltig die Gebäude, Statuen und Monumente. Es gibt kein Zentrum, keinen Kern. Nur Weite, Größe, Symmetrie. Dieses Schachbrett wurde für Riesen gebaut. Für Präsidenten wie Abraham Lincoln, den guten alten Lincoln, der in einem zugigen Tempel an der National Mall sitzt, viermal, fünfmal größer als Normalsterbliche, auf einem Stuhl aus Stein.

Keine Stadt wird vom Rest des Landes mehr gehasst als diese. Trump trat an, den Sumpf trockenzulegen, das Konglomerat aus Politik, Lobbyismus, Thinktanks und Industrie, das sich hier angesiedelt hat. Sein Plan war, dieses Washington zu zerstören. Die Verachtung zwischen der Stadt und ihm basiert auf Gegenseitigkeit, 91 Prozent hier wollten Hillary Clinton. Ein Jahr ist seit der Wahl vergangen, die den liberalen Westen in eine Krise gestürzt hat. Im Weißen Haus sitzt ein Mann, der immer neue Lawinen lostritt, der zornig ist, irrlichternd, fahrig, ein bedrängter, unsicherer König, shakespearehaft.

Unter Trump wurde die Hauptstadt zur Kulisse einer Realityshow. Der alte Lincoln scheint in diesen Tagen noch besorgter von seinem Stuhl zu blicken als sonst. Erst versorgte Trump Mitglieder seiner Familie mit Posten, seine Tochter Ivanka und seinen Schwiegersohn Jared Kushner. Schon das fanden die meisten in dieser Stadt unerträglich - eine Sippe von Immobilienunternehmern an der Spitze, die Kardashians der Politik.

Jüngst drohte er Nordkorea mit einem Nuklearkrieg, griff seine eigenen Senatoren an und verteidigte Nazis und Rassisten. Es war nicht nur chaotisch, was Trump tat, sondern gefährlich. Außenminister Rex Tillerson soll seinen Chef einen "verfluchten Schwachkopf" genannt haben, "fucking moron", weil Trump angeblich vorschlug, das Atomwaffenarsenal zu verzehnfachen.

Präsident Trump in gepanzerter Limousine
AFP

Präsident Trump in gepanzerter Limousine

Und dann ist da noch die Ursünde dieser Präsidentschaft: Im Mai feuerte Trump FBI-Chef James Comey, weil der in "dieser Russlandsache" nicht lockerließ. Seither befasst sich Sonderermittler Robert Mueller mit der Frage, welchen Einfluss Wladimir Putin auf die US-Wahl hatte und ob Trumps Team Hilfe von außen bekam, um gegen Hillary Clinton zu gewinnen.

Es geht um viel, womöglich gar um Trumps Präsidentschaft. Am Montag legte Mueller die ersten Anklagen gegen Trumps Ex-Wahlkampfchef Paul Manafort und dessen Geschäftspartner Richard Gates vor. Manafort und Gates müssen sich unter anderem gegen den Vorwurf der Landesverschwörung, der Steuerhinterziehung und der Geldwäsche wehren. Beide hatten über Jahre hinweg die damals Putin-freundliche ukrainische Regierung beraten.

Noch heikler ist die Geschichte von George Papadopoulos, der ebenfalls angeklagt ist. Er soll sich mit Wissen des Wahlkampfteams um Kontakte nach Moskau bemüht und die Ermittler belogen haben. Jetzt kooperiert er mit dem FBI. Mueller rückt dem Präsidenten näher, was das liberale Washington in Euphorie versetzt.

Das Weiße Haus wirkt derzeit wie eine belagerte Burg. "Hier drehen alle durch", erzählte ein Republikaner der "Washington Post". Trump wachte am Montag vor Morgengrauen auf und verfolgte im Fernsehen, wie Manafort sich im Washingtoner FBI-Büro den Behörden stellte. Frustriert und angewidert sei der Präsident, sagten Mitarbeiter. Um 10.28 Uhr twitterte er: "There is NO COLLUSION!" - es gebe keine Absprache mit den Russen.

Dann aber, wenige Minuten später, wurde die Anklage gegen Papadopoulos öffentlich. Und Trump wurde stiller.

An solchen Tagen wirkt Washington noch zittriger als sonst. Seit zwölf Monaten kochen hier Zorn, Verschwörung, Unglaube, Atemlosigkeit. Bei jeder Twitter-Nachricht, die Trump losjagt, vibrieren Tausende Mobiltelefone. Jede Pressekonferenz im Weißen Haus bringt "breaking news", die meisten US-Medien haben eine Frühschicht eingeführt, um Trumps morgendliche Tweets zu Eilmeldungen zu verarbeiten. Viele Bewohner fühlen sich, als stünden sie stets einen Millimeter von einer Katastrophe entfernt. Mit Trump ist alles denkbar, ein Atomkrieg, die Amtsenthebung, ein gewaltiger, dreckiger Untergang.

Im Frühjahr beschrieb Autor David Frum im Magazin "Atlantic", wie die Vereinigten Staaten in ein autoritäres Regime abgleiten könnten. In ein zynisches, gespaltenes Land mit einem fast allmächtigen Präsidenten, der sich durch Aggressivität und populistische Entscheidungen eine zweite Amtszeit sichert. Frums Artikel fand großen Widerhall, eine Form von Diktatur schien möglich. Diese Dystopie ist bisher nicht wahr geworden, Trumps Zustimmungswerte fallen. Zwar fehlt ihm offenkundig der Respekt vor den Institutionen des Landes, aber er regiert zu kurzsichtig, um ihnen wirklich gefährlich zu werden.

Die großen Fragen bleiben: Welchen Schaden kann dieser Präsident in seinem Amt anrichten, wie geht es weiter? Kann ein Mann die Demokratie gefährden?

Die Orte, an denen dieses Drama spielt, liegen nah beisammen, in einem Umkreis von drei, vier Kilometern. Vom Weißen Haus sind es über die Pennsylvania Avenue mit dem Auto zehn Minuten bis zum Kapitol. Auf dem Weg links steht das FBI-Hauptquartier und gleich gegenüber das Trump-Hotel, das neue Nervenzentrum von Macht und Geld.

Washington ist nicht auf Liebe gebaut wie Paris, auf Kapital wie London oder für das Abenteuer wie New York. Es ist ein Ort der Disziplin, preußisch tugendhaft. Ein Sieg des Willens. Die Wecker klingeln morgens um halb sechs, dann kurz zum Sport, nirgends gibt es so viele gut trainierte Körper auf Bürostühlen wie hier.

I. Goldene Gardinen: Das Weiße Haus, 1600 Pennsylvania Avenue

Das Oval Office ist der Nukleus der amerikanischen Demokratie, das bekannteste Büro der Welt, hier laufen die Fäden einer globalen Macht zusammen. Franklin D. Roosevelt arbeitete hier während des Zweiten Weltkriegs, John F. Kennedy unterrichtete die Nation über die Kubakrise, Richard Nixon sprach mit den "Apollo"-Astronauten bei ihrem Mondspaziergang. Unter Trump wurde das Oval Office zum Epizentrum einer Zerstörungswut. Jener Mann, der gegen das System angetreten war, fand sich eines Morgens in dessen Zentrum wieder.

Trumps erste Mission war, die Spuren seines direkten Vorgängers auszulöschen. Er wollte das Gesundheitssystem zerstören, mit dem Barack Obama rund zwölf Millionen US-Bürgern eine Krankenversicherung verschafft hatte. Er wollte Handelsverträge mit Mexiko und Kanada kündigen, er stellte Allianzen infrage, Organisationen wie die Nato. Zuerst aber machte er sich an sein Amtszimmer.

Jeder Neuling dekoriert das Oval Office nach seinem Geschmack, aber kaum einer hat das so radikal getan wie Trump. Der Mann, der eigentlich kein Geschichtsbewusstsein hat, beschloss, sein Büro mit Historie aufzuladen. Er räumte die Büste von Martin Luther King beiseite und hängte ein Porträt von Andrew Jackson auf, einem Haudegen und Volkstribun, der Anfang des 19. Jahrhunderts zum Präsidenten aufstieg. So sieht sich Trump, als glorreicher Außenseiter, vom Volk an die Macht gehoben.

Hinter dem massiven Holzschreibtisch, den einst Jackie Kennedy ins Zimmer gebracht hatte, ließ er sechs zusätzliche Fahnen aufstellen. Obamas graue Sitzgruppe ersetzte er mit Brokatsofas, die Vorhänge tauschte er gegen goldfarbene Gardinen, statt gelb gestreifter Tapeten wählte er Damastdruck. Es wirkte, als wollte er eine Luxussuite in einem Hotel einrichten, eine "Presidential Suite", die für ein paar Tausend Dollar vermietet werden kann.

Einen großen Teil seiner Zeit verbringt der Präsident in einem kleinen Zimmer nebenan, wo ein Flachbildschirm hängt. Meist läuft Fox News, Trumps Lieblingssender, wo die Kommentatoren nach wie vor ähnlich obsessiv mit Hillary Clinton beschäftigt sind wie er selbst.

Stabschef John Kelly im Oval Office
Mark Wilson / Getty Images

Stabschef John Kelly im Oval Office

Das Weltgeschehen landete anfangs unkontrolliert auf Trumps Tisch. Da er den Geheimdiensten misstraute, glaubte er Fox-Journalisten und Freunden mehr als den Beamten von der CIA und dem Pentagon. Er las Texte, die ihm Getreue empfahlen, etwa Breitbart-Artikel über angebliche Abhörmaßnahmen der Obama-Regierung im Trump Tower in New York. Prompt twitterte er darüber und löste einen absurden Skandal aus.

Im August berichtete "Vice", Trump erhalte zweimal täglich einen Hefter mit ausschließlich positiven Zeitungsausschnitten. Sein früherer Stabschef Reince Priebus versuchte vergebens, den Informations- und Besucherfluss einzudämmen.

Inzwischen hat Priebus' Nachfolger John Kelly ein strikteres Besuchsregime eingeführt. Er überwacht, wer und was zum Präsidenten vordringt, aber er muss vorsichtig sein. Wenig hasst Trump so sehr wie das Gefühl, bevormundet zu werden.

Kelly ist der zweitmächtigste Mann im Weißen Haus und der Gewinner dieser ersten Zeit, neben dem Nationalen Sicherheitsberater Herbert Raymond McMaster und Verteidigungsminister James Mattis. Drei Militärs, alle im Rang von Generälen, kontrollieren den Zugang zum Oberbefehlshaber. Nachdem Stephen Bannon, Trumps Chefideologe, das Weiße Haus verlassen hat, sind sie unangefochten an der Macht.

Man kann ihren Einfluss auf den Präsidenten nicht überschätzen. Sie waren es, die Trump im April davon überzeugten, 59 "Tomahawk"-Marschflugkörper gegen syrische Luftwaffenstellungen abzufeuern, nach einem Nervengiftangriff. Sie waren es auch, die dem Präsidenten rieten, die Zahl der US-Truppen in Afghanistan um 4000 Mann aufzustocken, gegen den Willen Bannons. Beide Entscheidungen kosteten Trump Sympathien bei den Isolationisten. Bis heute sprechen Bannons Anhänger von einem "Coup der Generäle".

Trump hat mit wenigen Ausnahmen Respekt vor Männern, die sich im Kampf bewährt haben. Der Einfluss der Generäle zeigt, wie real die Furcht im Weißen Haus vor einem Präsidenten ist, der außer Kontrolle gerät. Angeblich sollen Kelly und Mattis verabredet haben, dass sich einer von ihnen stets im Land aufhalte, um notfalls Trumps Befehle zu stoppen.

Es gab eine Phase in dieser Präsidentschaft vor wenigen Monaten, da übernahmen Trumps Tochter Ivanka und ihr Mann Jared die Rolle der wohlmeinenden Einflüsterer. Sie waren die sogenannten Globalisten, die Guten in dem Drama, wenn man dieser Erzählung glaubt. Der mittlerweile gefeuerte Bannon und Trumps Redenschreiber Stephen Miller waren die Isolationisten, die Gegenspieler.

Diese zugeschriebenen Rollen sagten aber mehr über die Hoffnungen aus, die viele in Washington mit Ivanka und Jared verbanden, als über deren tatsächlichen Einfluss. Sie konnten den Alten nicht zähmen. Es bleiben merkwürdige Bilder von Kushner mit Sonnenbrille und einem etwas knappen Schutzwestchen im Irak.

Trump verbindet Geschäft und Familie wie ein Mafiapate, er hat das sein Leben lang gemacht. Mit ihm wurde das Weiße Haus wieder zum Herrschaftsgebiet eines Patriarchen. Alte, reiche, wütende Männer sind das Personaltableau. Die meisten, die Trump in sein Kabinett holte, sind politische Neulinge wie er, Alphatiere, die an Privatjets gewöhnt sind. "Forbes" schätzte das Gesamtvermögen dieses vermeintlich populistischen Kabinetts im Juli auf 4,3 Milliarden Dollar.

Donald Trump mit seiner Tochter Ivanka
AFP

Donald Trump mit seiner Tochter Ivanka

Wie am Hof Heinrichs VIII. buhlen sie um die Gunst des Präsidenten. Trump genießt das. Es verschafft ihm Macht über die zerstrittenen Parteien, so hat er in New York sein Immobilienimperium geführt. Es spiegelt seine Sicht auf eine Welt wider, in der brutaler Sozialdarwinismus herrscht.

II. Das Sumpf-Hotel: Trump International Hotel, 1100 Pennsylvania Avenue

Im Gegensatz zu den meisten seiner Vorgänger kennt sich Trump in Washington kaum aus. Er sieht die Stadt meist nur vom Rücksitz des "beast" aus, seiner gepanzerten Limousine. Trumps Lieblingsort in der Stadt ist sein eigenes Hotel. Die Fahrtzeit vom Weißen Haus aus dauert drei Minuten.

Das Erste, was im Trump-Hotel auffällt, sind die schwarzen Angestellten, die den Autoschlüssel von Gästen in Empfang nehmen, die schwarzen Kofferträger und schwarzen Portiers. Die Mitarbeiter an der Rezeption sind weiblich, jung und weiß. Als wäre die Zeit stehen geblieben.

Die Lobby ist unaufdringlich, luftig und groß, eine Mischung aus Marmor, hellem Teppich und blauem Samt, ein Hauch ottomanisches Reich. Von Eisenträgern hängen schwere Kristallleuchter, darüber wölbt sich die gläserne Kuppel des alten Postgebäudes, in dem das Hotel untergebracht ist. Die wenigen Gäste an diesem Mittag sind Männer im Anzug, die Weißwein trinken. Im Steakhouse bezahlt man für das billigste Steak 55 Dollar.

So sieht der neue Mittelpunkt der Stadt aus. Sean Spicer kam hierher, als er noch Trumps Sprecher war, im Juni aß der Präsident Rumäniens in der Lounge Croissants mit seiner Gattin, während Trumps Finanzminister im Ballsaal vor Bankern sprach. Jeder Kaffee, der getrunken wird, erhöht den Umsatz der Familie. Trumps Beraterin Kellyanne Conway kommt gelegentlich vorbei, und Corey Lewandowski, Trumps Ex-Wahlkampfmanager. Vorigen Samstag war der Präsident wieder persönlich hier, mit seiner Ehefrau Melania.

Das Hotel wurde zur Luxuserweiterung des Weißen Hauses, ein inoffizieller Amtssitz. Viele, die hier essen oder übernachten, hoffen auf die Gunst des Präsidenten. Trump, der Patriarch, sieht darin nichts Anrüchiges, aber in der Geschichte der Stadt ist das unerhört - ein Präsident, dessen Name in großen, goldenen Buchstaben für die eigene Firma wirbt. Trump und das Hotel sind eins, seine Marketingabteilung hat das begriffen. Das Management gibt zu, vor allem konservative Kunden anzusprechen, den weiteren Unterstützerkreis des Präsidenten. Zugegeben, das 55-Dollar-Steak schmeckt wirklich gut.

Vor einem Jahr, nur eine Woche nach der Wahl, lud das Hotel hundert Diplomaten aus aller Welt zum Champagnerempfang ein, sie sollten die Vorzüge des Hauses kennenlernen. In Washington arbeiten Vertreter von 180 Nationen, deren Botschaften jedes Jahr Millionen für Hotelzimmer und Konferenzräume ausgeben. Warum nicht die Firma des Präsidenten in Anspruch nehmen, wenn das den Zugang erleichtert?

Das "Time"-Magazin nannte es das "Sumpf-Hotel", es zeigt, wie sehr die Grenzen zwischen Politik und Business verwischen. Trump ist in erster Linie Unternehmer, das ist ein Geburtsfehler dieser Regierung. Deshalb hat er sich bislang auch nicht völlig aus seiner Firma zurückgezogen, sondern nur das Tagesgeschäft seinen Söhnen übertragen. Wenn er wollte, könnte er morgen wieder einsteigen.

Derzeit sind drei verschiedene Verfahren gegen ihn anhängig, alle wegen seiner Nebeneinkünfte. Im ersten gehen Citizens for Responsibility and Ethics gegen ihn vor, eine Organisation von Juristen. Im zweiten die Generalstaatsanwälte von Maryland und vom District of Columbia, im dritten fast 200 demokratische Abgeordnete. Trump wird vorgehalten, er verstoße gegen die Verfassung, wenn er als Präsident Geld von ausländischen Regierungen annimmt, wenn Diplomaten in seinen Hotels übernachten. Letztlich stellt sich die Frage, ob Trump, der Unternehmer, die Entscheidungen beeinflusst, die Trump, der Präsident, trifft.

III. Der Ermittler: FBI-Hauptquartier, 935 Pennsylvania Avenue

Das J. Edgar Hoover Building, schräg gegenüber dem Trump-Hotel, nimmt einen ganzen Straßenblock in Anspruch, als hätte es das verdammte Recht dazu. Das Gebäude stammt aus den Sechzigerjahren, trotzig, dunkel, bunkerhaft. Robert Swan Mueller III. ist ein Geschöpf dieses Hauses, von hier aus jagte er als FBI-Chef Terrorverdächtige nach dem 11. September. Im Hoover Building nennen sie ihn Bob.

Mueller ist die stille Eminenz in diesem Drama. Ein hagerer Kerl von 73 Jahren, asketisch, mit einer Vorliebe für dunkle Anzüge, zu denen er entweder eine rote oder eine blaue Krawatte wählt. Sein graues Haar wirkt wie mit dem Beil gescheitelt, sein Wecker klingelt morgens um fünf.

Der größte Fehler wäre es, ihn zu unterschätzen. Zwölf Jahre lang führte er das FBI durch die Terrorjahre. Nach seinem Ausscheiden arbeitete er für WilmerHale, eine der profiliertesten Anwaltskanzleien, bevor ihn das Justizministerium im Mai zum Sonderermittler ernannte.

Mueller gibt kaum Interviews, taucht ungern vor Kameras auf und besucht keine Partys. Er ist schwer zu finden, nur wenige wissen, wo sein Büro liegt. Der Autor Garrett Graff sprach mit ihm ausführlich für sein Buch "The Threat Matrix", das den FBI-Mann als unerbittlichen Wühler beschreibt, der schon zu Anfang fünf Stabschefs auslaugte. Mueller sei nicht ungerecht oder unfreundlich, ganz im Gegenteil, schreibt Graff, "nur gnadenlos und anspruchsvoll".

Es hat eine gewisse Ironie, dass Trumps Gegenspieler der Prototyp eines Hauptstadtbürokraten ist, der sein ganzes Leben im Sumpf verbracht hat, ohne schmutzig zu werden. Mueller verkörpert das ideale Washington, aufrichtig, patriotisch, ein bisschen langweilig. Man könnte Trump keinen besseren Feind wünschen.

Muellers Team besteht aus zwei Dutzend Juristen, Geldwäsche- und Finanzexperten, Steuerfahndern und Ermittlern mit Erfahrung in Mafiaverfahren. Von Anfang an war sein Mandat weit gefasst, er kann auch Straftaten verfolgen, die nur am Rande mit Russland zu tun haben, wie bei Paul Manafort. Es gibt kein besseres Druckmittel als eine langjährige Haftstrafe, um Verdächtige weichzukochen.

Trump kann Mueller feuern lassen, oder er kann ihn sabotieren. Viele Unterstützer drängen in diese Richtung, auch Stephen Bannon. Richard Nixon tat das Gleiche, als er 1973 den Sonderermittler entließ, der den Einbruch im Watergate-Hotel untersuchte. Ein Rauswurf wäre das letzte Mittel, um Mueller zu bremsen. Zugleich wäre es ein Schuldgeständnis, so würde es die Öffentlichkeit sehen. Es wäre der Anfang vom Ende, vielleicht.

Im Moment bleibt dem Weißen Haus nur die Option, Muellers Spielraum einzuschränken, so gut es geht. Trumps Stabschef John Kelly sagt seit Tagen, Muellers Untersuchung werde bald enden. Bannon schlägt vor, dem Büro des Sonderermittlers die Mittel zu kürzen.

Nixon verlor rapide an Zustimmung, nachdem er den Sonderermittler entlassen hatte. Ein Jahr später trat er zurück, um einer Amtsenthebung zu entgehen. Aber wäre das im heutigen, tief gespaltenen Washington noch immer so? Trumps Anwalt Jay Sekulow sagt, sein Mandant denke nicht darüber nach, Mueller zu entlassen.

IV. Goldrausch: Ein Lobbyistenbüro in Georgetown, im Westen der Stadt

Robert Stryk kam Anfang des Jahrtausends nach Washington, als Praktikant bei einem republikanischen Abgeordneten. Später machte er sich als Lobbyist selbstständig, einer von vielen Glückssuchern. Ein kleiner Fisch, den niemand kannte. Das änderte sich im Januar.

Stryk lässt sich in seinem Büro in Georgetown, im Westen der Stadt, auf ein Sofa fallen und sagt, Donald Trump sei der Größte. Stryk wird bald 42, hat rosige Wangen und trägt Jeans und Cowboystiefel. Keine Krawatte, keinen Anzug. Hin und wieder hält er inne und lacht, als könnte er sein Glück selbst nicht glauben. "Das hier ist mein erstes richtiges Büro, Mann."

Es fing an, als er den Wahlkampf der Republikaner an der kalifornischen Westküste unterstützte. Stryk lernte Spender kennen, Wahlkämpfer, Trump-Unterstützer. Er bekam Telefonnummern. Schon das verschaffte ihm später einen Wettbewerbsvorteil. Selbst die Nummer von Trumps Putzfrau hätte Geld gebracht.

Alle Lobbyisten wollten Kontakte ins Weiße Haus, niemand hatte welche. Außer Stryk. Er besorgte dem Premierminister von Neuseeland einen Kontakt zum Übergangsteam von Trump. Der Regierungschef eines kleinen Landes konnte dem US-Präsidenten zum Wahlsieg gratulieren. Dann, im Januar, organisierte er eine Feier für die Botschaft von Neuseeland. Es war die größte Party der Stadt während Trumps Amtseinführung. So machte Stryk sich einen Namen.

Man kann seinen Aufstieg in die Liga der Raubtiere nur verstehen, wenn man sich anschaut, was nach der Wahl parallel im Außenministerium geschah. Trumps Ideologen waren davon überzeugt, dass das State Department ein Nest ultraliberaler Gutmenschen sei, die alles daransetzten, der Regierung zu schaden. Die Heimat des "deep state", den es zu roden galt. Rex Tillerson, der neue Außenminister, verbarrikadierte sich in seinem Büro auf der siebten Etage, und wenn er sich zeigte, dann feuerte er Leute. Die US-Diplomatie bekam Löcher, in diese Lücke wollte Stryk vordringen.

Es ist traurig, wenn man das Außenministerium in diesen Tagen besucht. Die Flure sind verwaist im Hauptquartier der westlichen Diplomatie, viele Posten bleiben auch neun Monate nach Einführung der Regierung unbesetzt. Es gibt keinen US-Botschafter für Südkorea, es fehlt ein Zuständiger für Ostasiatische und Pazifische Angelegenheiten. Hochrangige Diplomaten haben frustriert gekündigt, darunter der Spitzendiplomat David Rank, der in der US-Vertretung von Peking tätig war.

Robert Stryk will ersetzen, was das Außenministerium nicht mehr leisten kann. Er will Regierungen unterstützen, ihre Länder zu modernisieren. In seinem Büro schwärmt er von der "Privatisierung der Diplomatie". Er hat Verträge mit Kenia, Afghanistan, Neuseeland, Tschechien abgeschlossen. Saudi-Arabien zahlt ihm 5,4 Millionen Dollar für seine Dienste.

In Washington sind knapp 11.000 Lobbyisten registriert, ein Markt von drei Milliarden Dollar. Trump hatte angekündigt, sie aus der Stadt zu jagen, aber das Gegenteil ist eingetreten. Seine Regierung hat allein in den ersten sechs Monaten mehr als hundert Leute eingestellt, die zuvor für Unternehmen oder Verbände tätig waren. Eine frühere Landwirtschaftsberaterin arbeitet jetzt im Agrarministerium, ein Bildungslobbyist für das Bildungsministerium.

Der Goldrausch geht weiter, nur profitieren jetzt andere. Jungs in Cowboystiefeln. Wer effizient regieren will, braucht gutes Personal, aber das hatte Trump nie. In Washington tummeln sich Talente in den Warmhaltebecken von Thinktanks und Universitäten, um auf die Seite der Macht zu wechseln, sobald der richtige Anruf kommt. Doch selbst Republikaner wollten nicht mit Trumps Regierung assoziiert werden. Viele sagten ab. Der Regierung fehlt es schlicht an Profis.

V. Flüchtlinge: United States Capitol

Man stelle sich den Kongress auf dem Capitol Hill wie ein riesiges, steinernes Gehirn vor, die unzähligen Flure, Durchgänge und Verbindungswege zwischen den Büros und Sitzungsräumen als Synapsen. Jeder Abgeordnete, jeder Senator, der über die langen Gänge eilt, ist ein Signal, ein Blitzlicht, das durch eine graue Masse fliegt. Informationen reisen hier im Laufschritt. Alles ist vernetzt, verbunden. Wie ein Labyrinth, scheinbar chaotisch, einer höheren Ordnung folgend, idealerweise.

Der Kongress hat die Aufgabe, Gesetze zu entwickeln und zu verabschieden, gleichzeitig soll er den Präsidenten einbinden, die Exekutive, sozusagen die Gliedmaßen. Im besten Fall arbeiten Gehirn und Gliedmaßen halbwegs koordiniert zusammen, um ein gutes, für alle Seiten akzeptables Ergebnis zu erzielen. Was im Moment geschieht, ist Folgendes: Der Körper bewegt sich unkontrolliert, während das Gehirn heißläuft und nicht in der Lage ist, Entscheidungen zu fällen.

Ein Beispiel ist die Gesundheitsreform. Seit Jahren schimpfen Republikaner über Obamacare, geschlossen hatten sie die Krankenversicherung abgelehnt, als Obama versuchte, sie durch den Kongress zu peitschen. Trump hatte angekündigt, das Gesetzespaket rückgängig zu machen und durch eine neue, bessere Variante zu ersetzen. Wie diese Variante aussehen sollte, war ihm gleichgültig, das war sein erster Fehler. Sein zweiter Fehler war, dass er seine eigenen Leute falsch einschätzte.

Das Hirn, der republikanische Teil zumindest, steckt in einem Dilemma. Konservative Senatoren wie Rand Paul, der den Staatshaushalt am liebsten auf null kürzen würde, möchte die Krankenversicherung gern ersatzlos streichen. Gemäßigte Kollegen wie Susan Collins aus Maine dagegen wollen Obamacare lieber reformieren und verbessern. Trump interessiert sich nicht für Kompromisse, er will handeln, er will Siege. Womöglich hätte ein Präsident mehr Erfolg gehabt, der sich in das Thema eingelesen hätte. Am Ende stimmten drei seiner Senatoren gegen den Entwurf.

Der Streit um die Gesundheitsreform zeigt, wie verfahren die Lage auf dem Hügel ist. Gehirn und Gliedmaßen arbeiten nicht mehr koordiniert. Die alten Regeln, nach denen die amerikanische Demokratie funktionierte, sind außer Kraft gesetzt.

Es ist ein Mittwoch im Oktober, als Jeff Flake die Tür eines Besprechungsraums auf dem Capitol Hill öffnet und auf den Flur tritt. Hinter ihm tagt der Justizausschuss des Senats und befragt Jeff Sessions, den Justizminister, zur Russlandaffäre, was Flakes Laune weiter hebt. Sessions und Flake könnten nicht verschiedener sein, obwohl beide Republikaner sind. Flake hat Trump seit dessen Kandidatur kritisiert, während Sessions mit wehenden Fahnen ins Trump-Lager überlief, als erster Senator überhaupt. Sessions bekam das Justizministerium, Flake zornige Tweets.

Herr Senator, hat sich die Stadt verändert seit der Wahl? Jeff Flake hält kurz inne und sagt: "Lesen Sie mein Buch."

140 Seiten ist es dünn, erschienen im August und trägt den Titel "Das Gewissen eines Konservativen". Es könnte auch heißen: Warum ich Trump hasse, von Jeff Flake. Darin zeichnet er den Präsidenten als zynischen Demokratiefeind, es ist ein Plädoyer für die Rückkehr zu Anstand und auch eine Stilkritik an Trump. Ist Flake ein Held? Oder sind die anderen zu feige?

Die nächsten Zwischenwahlen zum Abgeordnetenhaus und zum Senat finden in zwölf Monaten statt. 435 Abgeordnete werden gewählt, 33 Senatoren. Jeder Republikaner, der sich gegen Trump positioniert, läuft Gefahr, dass die Partei oder mächtige Spender Gegenkandidaten aufstellen, die dem Präsidenten wohlgesinnt sind.

Bob Corker wirkt heiter, als er über den Flur läuft, der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses. Corker begann seine Anti-Trump-Offensive im August, als er dem Präsidenten die Stabilität und Kompetenz absprach, die das Amt erfordere. Seitdem findet man ihn meist inmitten eines Mikrofonknäuels. Anfang Oktober nannte er das Weiße Haus eine "Betreuungseinrichtung für Erwachsene". So sarkastisch hatte sich bis dahin kein führender Republikaner Trump entgegengeworfen.

Es gibt hier nicht viele Männer, die freier sind als Flake und Corker. Man könnte sie für Idealisten halten, aber solche Leute überleben auf dem Hügel nicht lange. Bob Corker wusste aus Meinungsumfragen, dass er seinen Senatssitz wohl an einen Trump-Loyalisten verlieren würde. Besser, man verlässt den Zirkus mit Gebrüll.

Jeff Flake steigt in einen Fahrstuhl und sagt: "Ich hoffe, das wird ein kurzes Intermezzo bleiben." Eine Woche später wird auch er ankündigen, nächstes Jahr nicht mehr zu kandidieren.

VI. Godzillas Rache: BLT Steakhouse, 1625 I Street

Mark Leibovich zog vor 20 Jahren an den Potomac, erst als Politikreporter für die "Washington Post", inzwischen für das "New York Times Magazine". Kaum jemand kennt die Stadt und das Establishment besser. In seinem Buch "This Town" fächert er den Gesamtkatalog von Figuren auf, die sich am Ufer des Potomac finden lassen: Mächtige, Verzweifelte, Aufsteiger, Absteiger, Partytiere, alle ausnahmslos von Macht beeinflusst und deformiert - "der goldene, inzestuöse Karneval von Washington zu Beginn des 21. Jahrhunderts". Es ist das Washington vor Trump.

Leibovich tritt ins BLT Steakhouse, wenige Meter vom Weißen Haus entfernt. Kellner balancieren Teller mit halb rohem Fleisch zu den Tischen, mit Steakmessern wie Kampfwaffen. Es ist eines dieser Restaurants, die häufig auf Spesenquittungen auftauchen, ein Treffpunkt für die Raubtiere. Wer mit wem wo beim Essen gesichtet wurde, darüber berichten die Hauptstadtjournalisten von Axios oder "Politico" in ihren täglichen Morgennewslettern.

Autor Mark Leibovich
Stephen Voss / DER SPIEGEL

Autor Mark Leibovich

Leibovich nennt Trump einen "Godzilla", nach dem Monster aus dem Film. Er sagt, unter Trump habe sich vieles in dieser Stadt grundlegend geändert. Es sei, erstens, sehr viel einfacher zu erfahren, was den Präsidenten in den Untiefen seines Herzens bewegt. Man müsse ihm nur in den sozialen Medien folgen. Godzilla schüttet sein Herz auf seinem Twitter-Konto aus.

Zweitens sei der Zugang relativ geworden. Trump ist überall, was nicht heißt, dass man ihn notwendigerweise persönlich treffen kann. Aber man kann ihm, wenn man möchte, eine Nachricht senden, man kann ihm näherkommen, indem man sich vom Fernsehen buchen lässt, idealerweise von der Morgensendung "Fox & Friends" auf Fox News, der Lieblingssendung des Präsidenten. Das geht leicht in Washington, man muss nur jemanden kennen, der die Gäste für die Sendung bucht.

Drittens müsse man einfach die Ohren offen halten und im richtigen Restaurant sitzen, im BLT Steakhouse zum Beispiel. Einige Tische weiter belauschte einer von Leibovichs Kollegen vor Kurzem zwei Anwälte, die den Präsidenten in der Russlandaffäre beraten, Ty Cobb und John Dowd. Die Juristen diskutierten über den Umgang mit Robert Mueller und seinen Ermittlungen in der "Russlandsache". Wen sie nicht sahen, war Leibovichs Kollege. Der Scoop folgte wenig später. So funktioniert das im neuen Washington.

Leibovich bestellt einen Riesengarnelen-Cocktail und sagt, er liebe diese Stadt. Sie hat ihn von Anfang an fasziniert, dieses Hollywood der Hässlichen. All die Figuren, die hier täglich über die Bühne laufen, großartig. Als er im Juli im Weißen Haus recherchierte, fragte ihn Trumps Beraterin Hope Hicks, ob er "ihn" sehen wolle. Wenig später stand Leibovich Trump gegenüber, im Fernsehzimmer neben dem Oval Office. Wie gesagt, Regel zwei. Zugang ist wirklich nicht sehr schwer.

VII. Lügen: Pressezentrum, West Wing, Weißes Haus

Der "Briefing Room" ist eine schlauchartige Höhle, er liegt im Erdgeschoss des West Wing, jenes Teils des Weißen Hauses, in dem auch der Präsident arbeitet, er bietet 49 Sitzplätze, die für die profiliertesten Medien des Landes reserviert sind, so war es einmal. Trump hat auch hier die Ordnung durcheinandergewirbelt. Seine Leute öffneten die Tür für rechte Provokateure wie den twitternden Verschwörungstheoretiker Mike Cernovich, für Propagandaseiten wie Breitbart, Gateway Pundit und den Daily Caller.

Kurz nach Mittag findet hier meist eine Pressekonferenz statt. Trumps neue Sprecherin Sarah Huckabee Sanders beginnt ihr tägliches Ablenkungsmanöver gern mit einem kleinen Witz. Am Montag, als die Welt über die neuesten Russlandermittlungen diskutierte, redete sie zehn Minuten lang über eine Steuerreform. Am Dienstag, zu Halloween, sagte sie, sie habe die Reporter kostümiert erwartet.

Meistens bleibt es beim Versuch von Humor. Von allen, die im Weißen Haus arbeiten, machte sie in den vergangenen Monaten die seltsamste Metamorphose durch, von einer offenen, heiteren Frau zu einer sarkastischen, stark geschminkten Wutbürgerin am Stehpult. Es ist nicht ganz klar, was sie so dramatisch verändert hat. Vielleicht liegt es an dem Zuschauer ein paar Zimmer weiter, der sich in seinem präsidialen Terminkalender oft die Zeit mittags freihält, um Sanders zu beobachten.

Es ist erstaunlich, wie rasch Sanders gelernt hat, von ihrem Pult Aussagen zu verbreiten, die offenkundig irreführend oder falsch sind. Nach den Mueller-Anklagen am Montag sagte sie: "Das hat mit dem Präsidenten nichts zu tun." Es gehe vielmehr um Hillary Clinton.

Die halbe Regierung hat sich schon für Trump verbogen, selbst Leute, die als integer galten. Jeder, der unter diesem Präsidenten arbeitet, wird irgendwann zum Lügner. Es ist, als färbe Trumps Charakter auf seine Mitarbeiter ab.

Trump hat ein obsessives Verhältnis zu Medien. Er braucht sie zur Bestätigung, kaum etwas ist ihm wichtiger als Aufmerksamkeit. Gleichzeitig hasst er sie, weil sie ihm in seinen Augen nie gerecht werden. Im Oktober drohte er damit, den größten Fernsehsendern die Lizenz zu entziehen, angeblich weil sie unfair berichteten.

Die Folge ist, dass viele Amerikaner den Glauben an Tatsachen aufgegeben haben. Das Land ist zynischer geworden, Sanders' Pressekonferenz ist ein Beispiel dafür, wie schwer es geworden ist, sich auf eine Faktenbasis zu verständigen. Ist ein Apfel wirklich ein Apfel? Alles ist Meinung, alles ist Gebrüll.

Selbst amerikanische Institutionen wie CNN und die "New York Times" sind für Trumps Anhänger zu Symbolen der Parteilichkeit geworden. Kein Wunder, dass Verschwörungstheorien gerade eine Renaissance erleben. Nur ein Drittel aller Amerikaner vertraut noch uneingeschränkt den Medien, Trump hatte auch hier den richtigen Instinkt.

Ein Jahr ist seit der Wahl Donald Trumps vergangen. Erst ein Jahr. In der Zeit ist so viel passiert, dass es sich mindestens doppelt so lang anfühlt. Aber auch unter Trump ist Washington noch immer Washington.

Ein einzelner Mann kann eine Demokratie nicht zerstören, nicht wenn sie noch halbwegs intakt ist. Aber er kann sie beschädigen, er kann Spaltungen in der Gesellschaft vorantreiben und kann sie dadurch mürbemachen, krank. Schon seine Wahl war ja ein Zeichen dafür, dass etwas im System nicht mehr funktioniert, und dieses Gefühl der Krise hat sich seit seiner Wahl nur noch verstärkt.

Seine Regierung hat bis jetzt fast nichts von dem erreicht, was sie erreichen wollte, und das ist nicht nur eine schlechte Nachricht. Denn das bedeutet auch: Die nutzlose Mauer zu Mexiko wird bislang nicht gebaut, die Nato ist noch intakt, das Handelsabkommen mit Kanada und Mexiko ebenfalls, selbst Obamacare existiert noch.

Wie sich zeigt, funktionieren die "checks and balances" noch, aber die Schutzmechanismen werden strapaziert. Teile von Trumps Partei hindern ihn daran, allzu viel Geld auszugeben, und das wäre eine notwendige Voraussetzung für einen erfolgreichen Populisten. Der Sonderermittler ist noch im Amt, das FBI arbeitet weiterhin unabhängig, die Presse ebenso.

Außerdem hat sich Trump zu viele Fehler in zu kurzer Zeit erlaubt und sich zu viele Feinde geschaffen, vor allem unter Konservativen. Es sieht so aus, als sei er einfach zu dilettantisch, um die Stadt in die Luft zu jagen. Von der Opposition der Demokraten ist dagegen wenig zu spüren, Washington besteht fast nur aus Trump.

Dieser Präsident hat dazu beigetragen, dass Politik vulgärer wurde, dass das Amt des Präsidenten abgewertet wurde und dass Washington zunehmend nach den Regeln des Realityfernsehens funktioniert. Er hat rechten Spinnern und Neonazis Mut gemacht, das ist vielleicht der gefährlichste Effekt. Und er hat die Tür zu einer Kleptokratie aufgestoßen, indem er seine Familie ins Weiße Haus mitnahm, die von der Marke Trump profitiert.

Für Washington war es ein fürchterliches Jahr. Die Stadt kommt aus dem Wahlkampf nicht heraus, sie versucht, Trump auszustoßen wie einen Fremdkörper.

Vermutlich muss sie einfach nur geduldig sein. Sie hat noch jeden geschafft.

Im Video: Washington - "Jeden Tag ein Spektakel"

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Im Video: Trump vs. Reality





© DER SPIEGEL 45/2017
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