AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 20/2018

Wie ein Volkswagen-Händler in USA leidet "Es tut weh"

Kenneth Gensinger ist Autohändler in New Jersey, 6000 Kilometer von Wolfsburg entfernt. Er hat Volkwagen sein Leben gewidmet - nun leidet er mit der Marke.

VW-Händler Gensinger: Sich abzugrenzen wird wohl noch erlaubt sein
Ben Sklar/ DER SPIEGEL

VW-Händler Gensinger: Sich abzugrenzen wird wohl noch erlaubt sein

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Mit seiner Frau Betty ist Kenneth Gensinger seit 60 Jahren zusammen, in ihrer Firma sitzen sie nebeneinander, Schreibtisch an Schreibtisch im holzverkleideten Büro. Seine zweite große Liebe, die zu Volkswagen, währt sogar noch länger; zuletzt hat sie ihn, anders als Betty, eher traurig gemacht.

Gensinger ist VW-Händler in Clifton, New Jersey, sein Autohaus liegt am Stadtrand, neben der Route 46. Er hat es von seinem Vater übernommen, der seit 1950 verschiedene Marken führte und später ausschließlich Volkswagen. Seit seiner Schulzeit arbeitet Gensinger hier, unterbrochen von drei Jahren Militärdienst bei den Marines. Drei seiner vier Kinder sind bei ihm angestellt, der Chef ist mit 80 Jahren immer noch er, ein zackiger, aber höflicher Senior.

Wäre VW ein Staat, dann wäre Gensinger der ideale US-Botschafter. Er hat einen Käfer von 1950 in der Garage und gern eine Porsche-Mütze auf dem Kopf. In seinem Verkaufsraum hängt das Wappen der Stadt Wolfsburg, Stammsitz von VW, es zeigt einen Wolf auf einer Burgmauer. Gensinger war dort, mehrmals, zuletzt 1987. "Deutsche Autos sind die besten", sagt er. Er selbst ist auch ein wenig deutsch, sein Großvater war ein Auswanderer aus dem Schwarzwald.

Kenneth Gensinger ist Volkswagen, 6000 Kilometer von Wolfsburg entfernt. Umso mehr hat ihn der Dieselskandal erschüttert. Finanziell wie persönlich.

Seit im September 2015 bekannt wurde, dass VW systematisch Abgaswerte manipuliert hat, ist Gensingers Geschäft eingebrochen, um ein Drittel, wie er sagt. Ihm fehlen die Dieselkäufer. Wer ressourcenschonend fahren will, entscheidet sich jetzt vielleicht eher für einen Tesla.

Hunderte seiner Kunden haben ihren Diesel seither zurückgebracht, Gensinger hat ihnen ihr Geld erstattet. Bis heute kommen welche, manchmal drei pro Woche. Den letzten Diesel hat er im Februar vorigen Jahres verkauft, einen Touareg, er hat jetzt nur noch Benziner da.

Gensinger hätte allen Grund, auf VW zu schimpfen, auf die deutschen Manager und ihre kriminelle Energie. Vermutlich tut er es gelegentlich. Jetzt sagt er nur: "Ich bin enttäuscht. Das hätte ich nicht gedacht. Es tut weh."

Volkswagen war ein Mythos, auch in den USA. Und ein Versprechen. Mehr noch als in Deutschland wurde hier propagiert, wie umweltfreundlich Dieselautos von VW und Audi seien. Fast jeder Amerikaner kennt noch den Werbespot von vor ein paar Jahren, in dem eine Ökopolizei die Autonation Amerika drangsaliert: Alle Wagen werden von ihr gestoppt, nur ein weißer Audi nicht - weil er so sauber ist.

Die USA sind auch das Land, in dem es VW nun an den Kragen geht. Der neue Konzernchef Herbert Diess hatte vor der US-Justiz ausgesagt, sein Vorvorgänger Martin Winterkorn wurde wegen Betrugs angeklagt. Ein Artikel über Winterkorn liegt auf Gensingers Schreibtisch, er hat ihn vor ein paar Tagen aus dem "Wall Street Journal" ausgeschnitten, kopiert und das Datum draufgeschrieben. Er macht das manchmal, wenn er irgendwo etwas über VW liest, gleich ob Niederlage oder Triumph. Kommentieren will er den Text nicht. Er will nicht schlecht reden über "Dr. Winterkorn" oder das Management, "ich habe großen Respekt vor ihnen". Aber sich abzugrenzen wird wohl noch erlaubt sein. "Sie haben ihre Entscheidungen getroffen, wir kümmern uns um unsere. Wir sind nur der Händler, wir haben damit nichts zu tun." Haben sie überhaupt am selben Strang gezogen, all die Jahre, er und der Konzern?

644 VW-Händlern in den USA hat Volkswagen Schadensersatz gezahlt für die Einbußen, die sie durch den Dieselskandal erlitten haben. 1,21 Milliarden Dollar bekamen sie insgesamt. Gensinger hat von der Entschädigung sein Geschäft modernisiert. Ein neuer Tresen, ein neuer Warteraum für die Kunden, mit Kaffeemaschine. LED-Leuchten, neue Waschanlagen, die Wände frisch gestrichen. Nur das Vertrauen der Kunden, das lässt sich nicht mit Geld erwerben.

Gensinger sagt, die Zeiten seien hart. Aber das seien sie immer wieder gewesen. Etwa 1998, als die ersten New Beetles auf den Markt kamen und die Nachfrage so riesig war, dass Kunden sechs Monate auf ihren Wagen warten mussten, manche ein Jahr.

Krisen kommen, Krisen gehen. Auch diesmal? Gensinger sagt: "Wir stehen immer noch für Qualität."

Vor seinem Betrieb entsteht eine weitere Straße. Gensinger freut sich darauf, auch weil dann die Bäume weichen, die sein Autohaus verdecken. In drei Jahren soll alles fertig sein. Wenn es nach ihm ginge, hieße der Chef hier dann immer noch Kenneth Gensinger.

Was würde er "Dr. Winterkorn" gern sagen, wenn er ihn träfe? "Das wird nicht passieren", sagt Gensinger. "Käme er in die USA, würde er sofort verhaftet." Es ist nicht klar, ob es salomonisch gemeint ist. Oder sarkastisch.



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