AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 13/2018

Kommentar zur Daten-Affäre Wie Facebook die Demokratie gefährdet

Jeder Nutzer mag selbst entscheiden, ob er die Werbemaschine mit Daten füttert. Doch die Politik muss Regeln setzen, was dann damit geschehen darf.

AP


Es ist nicht lange her, da galten soziale Netzwerke als Wunderwaffe, um freiheitliche Werte zu verbreiten. Den Arabischen Frühling feierten viele als "Facebook-Revolution". In Deutschland versprühten die Piraten fröhlichen Techno-Optimismus und versprachen mehr politische Teilhabe und eine direktere Demokratie. Doch der lauteste Trommler für die Idee einer besseren Welt dank digitaler Technologien saß in Kalifornien. Wie ein Mantra wiederholte Facebook-Chef Mark Zuckerberg die Mission seines Unternehmens, die er uns glauben machen wollte: die Welt offener werden zu lassen, Menschen zueinanderzubringen. Welch schöne, naive Utopie.

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Heft 13/2018
Wie der allmächtige Konzern noch zu stoppen ist - und wie sich die Nutzer schützen können

Nun kommen selbst Zuckerberg Zweifel. Diese Woche räumte der Facebook-Gründer "Fehler" ein, er entschuldigte sich sogar. Auslöser war der Skandal um die Datenfirma Cambridge Analytica, der jüngste einer langen Reihe. Dieser war womöglich einer zu viel, er könnte zum Wendepunkt im Umgang mit den mächtigen Netzwerken werden.

Die Wende ist überfällig. Denn das Unbehagen über politische Einflussnahme durch die Internetgiganten zieht sich vom Brexit über den Trump-Wahlkampf und die Bundestagswahl bis zum jüngsten Votum in Italien. Facebook und Co. erscheinen darin nicht mehr als Förderer der Demokratie, sondern als Werkzeuge destabilisierender Mächte - als zunehmend unheimliche Orte, wo sinistre Strippenzieher insgeheim Meinungen beeinflussen, Desinformation verbreiten, Zwietracht säen und demokratische Wahlen manipulieren. Eine Wunderwaffe eben, nur diesmal eine zerstörerische.

Der Fall der obskuren Datenfirma Cambridge Analytica entfaltet so große Wucht, weil er zeigt, wo die Macht und das eigentliche Problem liegen: im Geschäftsmodell dieser "Dual-use"-Netzwerke. Ausgerechnet beim wichtigsten sozialen Medium unserer Zeit ist Verantwortung für die Folgen des eigenen Tuns, das, was man in der Sprache Zuckerbergs "Corporate Social Responsibility" nennt, bislang ein Fremdwort. Seit mehr als zwei Jahren wusste man dort, dass 50 Millionen Nutzerdaten in unberechtigte Hände gelangt waren, aber niemand hielt es für notwendig, die Betroffenen zu informieren oder die Missetäter von der Plattform zu werfen.

Ein solcher Vertrauensbruch wäre bei jedem Konzern verwerflich. Aber Facebook ist mehr als ein Wirtschaftsunternehmen, für viele seiner mehr als zwei Milliarden Nutzer ist das Netzwerk die wichtigste Informationsquelle. Sie debattieren und streiten auf der Plattform, hier findet politische Willensbildung statt. Facebook hat zuletzt eindrücklich vorgeführt, wie gefährlich das ist. Desinformationen erreichen dort teilweise mehr Nutzer als wahrhaftige Nachrichten. Inhalte, die das eigene Weltbild bestätigen, werden bevorzugt angezeigt.

Propagandisten und Populisten aller Couleur haben das Potenzial der datenbasierten Werbe- und Manipulationsmaschine zuerst erkannt. Pegida, Alt-Right, AfD oder die Lega in Italien - sie alle bespielen die Plattformen virtuos, sie kultivieren dort ihre "Gegenöffentlichkeit". Auch die Trump-Kampagne erklärte ihren Erfolg mit Facebook und Twitter. Da war noch nicht bekannt, dass russische Akteure im Wahlkampf Anzeigen geschaltet hatten und dazu aufriefen, Trump-Auftritte zu besuchen.

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Zuckerberg mühte sich zunächst, mit den üblichen Mitteln aus der Krise zu kommen: mit Versprechungen, künftig alles besser zu machen. Das darf und wird diesmal nicht reichen. Selbst Weggefährten warnen inzwischen: "Nicht weniger als unsere Demokratie ist in Gefahr", schrieb ein ehemaliger Facebook-Manager schon Ende vergangenen Jahres. Er ist einer von mehreren Insidern, denen die eigene Kreatur unheimlich geworden ist. Ein Mitgründer des von Zuckerberg übernommenen Dienstes WhatsApp unterstützt gar eine Kampagne, die unter #deletefacebook gerade dazu aufruft, das eigene Konto bei dem Netzwerk zu löschen.

Jeder Nutzer muss für sich selbst entscheiden, ob er dieses System weiter mit eigenen Daten füttern will. Die Politik sollte dafür sorgen, dass Zuckerbergs Ankündigungen nun endlich Taten folgen. Das Unternehmen hat lange genug bewiesen, dass es ohne externe Kontrolle und klare Auflagen kaum reagiert. Unbedingt und schnell braucht es mehr Transparenz bei den Anzeigen. Nutzer müssen erkennen, wer diese Anzeigen bezahlt und an welche Zielgruppen sie sich richten. Facebook hat das bis zu den amerikanischen Midterm-Wahlen im November zugesagt. "Ich bin nicht sicher, ob wir nicht reguliert werden sollten", sagte Zuckerberg diese Woche ungewöhnlich kleinlaut, es gehe nur um die "richtige Regulierung". Nun muss die Politik ihn beim Wort nehmen.



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