AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 37/2017

Gefälschter Kilometerstand Wie Autohändler den Tacho "justieren"

Jeder dritte Gebrauchtwagen hat einen gefälschten Kilometerstand. Der Betrug ließe sich leicht verhindern - wenn die Autokonzerne nur wollten.

Tachometer
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Versicherungsbetrug ist strafbar, keine Frage; und doch wäre es nicht übertrieben, diese Form der Kleinkriminalität als Volkssport zu bezeichnen. Mehr als 25 Millionen Anfragen der Versicherer zu zweifelhaften Schadensfällen bearbeitet die Arvato Financial Solutions im Jahr. Der badische Finanzdienstleister ist eine Art Interpol der notorisch beschubsten Branche. Björn Hinrichs, dort mit Betrugsdelikten befasst, könnte einen Almanach des Unterschleifs anlegen mit hübschen Beispielen wie dem jenes fraudulenten Fahrzeughalters, der dieselbe Delle 28-mal in 14 Monaten als Kaskoschaden begleichen ließ. Der Name bleibt hier ungenannt - Allianz und Co. regeln derlei Irritationen gern diskret und außergerichtlich.

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Heft 37/2017
Die Berliner Ruhe trügt - in Deutschland brodelt es

Arvato liefert den Versicherern Daten aus einer Unzahl von Unfallberichten, Gutachten und Werkstattrechnungen; und diese erbrachten auch - gewissermaßen als Beifang - noch eine andere Erkenntnis: Nicht minder häufig als seine Assekuranz betrügt der mobile Bürger seinesgleichen. Er stellt vor dem Verkauf seines Gebrauchtwagens den Kilometerstand zurück.

Zuweilen bis zu 50-mal am Tag stolpern die Fahnder beim Dokumentencheck über eine Ungereimtheit: Autos, die beim letzten Werkstattbesuch noch mehr als 400.000 Kilometer auf dem Zähler hatten, zeigen beim nächsten Schadensfall einen Stand von 180.000. "Das ist eine sehr verbreitete Unsitte", sagt Klaus Prochorow, Betrugsexperte bei der Signal Iduna in Dortmund. Die Recherchen der Versicherer belegen gründlich, was Polizeiermittler und Branchenexperten seit Jahren für erwiesen halten:

Jeder dritte Gebrauchtwagen, so die offizielle Schätzung, wird mit einem veränderten Tachostand verkauft. Der dazu nötige Aufwand ist gering. Es bedarf häufig nur eines Geräts, das im freien Handel für wenige Hundert Euro angeboten und an die Diagnosebuchse des Fahrzeugs angeschlossen wird. Auf Knopfdruck schaltet der Zähler um wie eine Quarzuhr. Das Auto, vermeintlich wieder jung, entpuppt sich dann bald als multimorbides Vehikel auf der Zielgerade seines Daseins.

"Der Eingriff ist erstaunlich simpel", sagt Arvato-Manager Hinrichs. Erledigt wird er von skrupellosen Gebrauchtwagenhändlern oder von ambulanten Dienstleistern, die den Service ganz offen im Internet anbieten als "Instandsetzung" oder "Justierung" von Tachos - das ist nicht verboten.

Dass hier ein Missbrauch von hoher gesellschaftlicher Relevanz vorliegt, blieb auch dem ADAC nicht verborgen. Der Autoklub beziffert den geschätzten volkswirtschaftlichen Schaden auf jährlich sechs Milliarden Euro und appelliert an die Autohersteller, endlich manipulationssichere Datenspeicher zu entwickeln. Die wiederum beteuern, dass sie das zwar täten, aber eben immer wieder von der Kriminalität überholt würden. Es sei ein "ständiger Wettlauf", beteuert deren Dachverband VDA in einem Statement zum Thema.

"Das Ganze geht schleppend voran", beklagt Mechthild Heil, die Beauftragte für Verbraucherschutz der Unionsfraktion im Bundestag. Seit Jahren hält sie Arbeitskreise zum Thema ab und zeigt sich vor allem vom ADAC "sehr enttäuscht".

Fälschungssichere Datenspeicher werden wohl eine Utopie bleiben wie einbruchssichere Schlösser. Und längst gibt es eine praktikablere Lösung, die sich in den USA und Belgien bewährt hat: Dort hat man Datenbanken eingerichtet, in die die Kilometerstände aus sämtlichen Werkstattbesuchen und technischen Prüfungen einfließen. Amerikanische Gebrauchtwagenkäufer können dann den "Carfax"-Pass einsehen, der die Vita des Fahrzeugs engmaschig dokumentiert. Größere Rückdreher von Kilometerständen fliegen auf, und ohne ein solches Dokument lässt sich ein Auto nur schwer verkaufen.

Diesem Vorbild möchte die EU-Kommission nun zaghaft folgen: Sie hat den Mitgliedstaaten vorgeschrieben, die Rechtsgrundlage zur Einrichtung solcher Datenbanken zu schaffen. Das Bundesverkehrsministerium will zur Erhöhung der Transparenz die Kilometerstände aller TÜV-Prüfungen öffentlich machen. "Ab Mai 2018", erklärt die Behörde auf Anfrage, sollen diese "für jedermann abrufbar" sein - per Onlineauskunft beim Kraftfahrt-Bundesamt. Das wäre immerhin ein Kontrollpunkt alle zwei Jahre.

Verbraucherschützerin Heil würde das Netz gern enger ziehen und alle Kilometerdaten aus dem Servicenetz der Hersteller in die Datenbank aufnehmen: "Ich gehe davon aus, dass jeder Hersteller genau weiß, wie weit seine Autos gefahren sind."

Das streiten manche Hersteller noch nicht einmal ab. Nur sehen sie sich offenbar nicht in der Pflicht, dieses Wissen auch mit dem Kunden zu teilen. Im vergangenen Oktober verweigerte die Kundenbetreuung des VW-Konzerns dem Besitzer eines Touran die Aushändigung einer gewünschten Reparaturhistorie. Diese sei "nur für den internen Gebrauch bestimmt". Das Schreiben schließt mit einer pikanten Anmerkung: "Auf eine richterliche Anordnung hin erfolgt die Herausgabe."

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
wolfi55 14.09.2017
1. Es ist nicht so einfach, wie berichtet
Also bei meinem Auto wird der Kilometerstand alle 500km im Zündschloss gespeichert. Dort kann er nur erhöht oder ausgelesen werden. Wenn man das Kombiinstrument dazwischen verändert, zeigt es zwar weniger an, aber nur bis zur nächsten Synchronisation. Nur mit einem neuen Zündschloss (ca 800€) kann er gesenkt werden. Die Synchronisation unterbleibt, wenn dort der Wert 1,6 Millionen Kilometer eingetragen ist. Ich würde mich glatt weigern, dass mein Kilometerstand an irgendwelche Behörden zu undurchsichtigen Zwecken übertragen wird.
MeinIch 14.09.2017
2. Was ein Unsinn das man die Kilometerstände nicht Fälschungssicher m k.
Beim alten Opel Senator B mit Digitaltacho ist bis heute keine Manipulation des Kilometerstandes möglich ohne das Komplette Kombiinstrument zu wechseln. Was den Gewinn entsprechend schmälert und eben auch wenig bringt wenn dan 10KM bei einem 10 Jahre alten stehen...
Stefan_G 14.09.2017
3. zu #1
Zitat von wolfi55Also bei meinem Auto wird der Kilometerstand alle 500km im Zündschloss gespeichert. Dort kann er nur erhöht oder ausgelesen werden. Wenn man das Kombiinstrument dazwischen verändert, zeigt es zwar weniger an, aber nur bis zur nächsten Synchronisation. Nur mit einem neuen Zündschloss (ca 800€) kann er gesenkt werden. Die Synchronisation unterbleibt, wenn dort der Wert 1,6 Millionen Kilometer eingetragen ist. Ich würde mich glatt weigern, dass mein Kilometerstand an irgendwelche Behörden zu undurchsichtigen Zwecken übertragen wird.
Ich nehme mal an, Sie sind kein Hacker. Wenn also sogar Sie wissen, was man tun muss, um den Tachostand zu ändern (nämlich an zwei verschiedenen Stellen den gleichen, niedrigereren Zahlenwert einzuspeichern), dann wissen das "böse Buben" schon längst.
Stefan_G 14.09.2017
4. zu #2
Zitat von MeinIchBeim alten Opel Senator B mit Digitaltacho ist bis heute keine Manipulation des Kilometerstandes möglich ohne das Komplette Kombiinstrument zu wechseln. Was den Gewinn entsprechend schmälert und eben auch wenig bringt wenn dan 10KM bei einem 10 Jahre alten stehen...
Ich habe vor 2 Jahren eine komplette Instrumenteneinheit für mein fast 19 Jahre altes Auto für'n Appel, sogar ohne Ei, ersteigert. Da ist tatsächlich ein noch niedrigerer km-Stand drin als meine (garantiert echten) 91 Tkm. Ist für mich aber belanglos, entweder fahre ich ihn, bis er auseinander fällt oder ich verschenke ihn irgendwann. Wäre dann mein drittes altes Auto, das ich verschenkt habe.
hup 14.09.2017
5. Natürlich kann man das absichern wenn man will
Da der Wert des km-Zählers nur steigen kann könnte ohne Probleme z.B. in einem in das zentrale Steuerungsystem untrennbar integrierten Chip (also in einem möglichst teures Bauteil direkt auf dem Die der zentralen Steuereinheit - oder gar an verschiedenen Stellen der Motorelektronik) dafür vorgesehene Verbindungen z.B. alle 1.000 oder 10.000 km physisch durchbrennen und somit einen nicht aenderbaren (erniedrigbaren) Zähler schaffen. Wenn eine Diskrepanz zwischen den Chips festgestellt wird, wird periodisch eine Warnmeldung in den Fehlerspeicher geschrieben und der hoechste km-Wert notiert / angezeigt. Wenn das senken der km-Zahl teurer wird (austausch diverser kompletter elektronischer Module) als der Betrug hat das automatisch ein Ende. Das waere billigst machbar und nicht (mit einem Preisvorteil) manipulierbar. Das könnte es schon lange geben.
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