AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 34/2017

Islam-Debatte "Hoffentlich war es nicht wieder ein Muslim"

Acht Muslime berichten, wie sie damit umgehen, dass immer wieder Attentate im Namen Allahs verübt werden.

Aufgezeichnet von , Asia Haidar, und


Matts Mumme / DER SPIEGEL

Fatih Kaba, 30
Betreiber einer Friseurkette in Hamburg

Für mich ist es mittlerweile fast normal geworden, dass irgendwer "Allahu akbar" schreit. Man hört das ja jeden Tag, nicht nur hier in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern. Ich war auch nicht schockiert, als ich von dem Messerangriff im Edeka in Hamburg-Barmbek gehört habe. Ehrlich gesagt, hat es mich sogar kaltgelassen. Ich kannte den Attentäter flüchtig, er hat sich bei uns kurz vorher die Haare schneiden lassen. Für mich war das ein Wahnsinniger, der hat ständig irgendwelche merkwürdigen Sachen gestammelt. Seine Tat macht für mich gar keinen Sinn. Was bringt es einem Menschen, ein Attentat im Edeka zu verüben und einen Unschuldigen zu töten? Und das angeblich im Namen des Islam.

Ich bin selbst Muslim, war in Mekka auf Pilgerreise. Gott sagt, wenn du jemanden tötest, kommst du direkt in die Hölle. "Allahu akbar" kann ja jeder schreien. Es ist schade, dass alle Menschen den Islam für böse halten. Sie sollten wissen, dass unsere Religion gar nicht dazu passt. Meiner Meinung nach sollten wir Muslime deswegen Vorbilder sein. Wir sollten anderen Menschen zeigen, wie der Islam funktioniert, indem wir ihn richtig und öffentlich praktizieren. Und wir sollten andere aufklären. Am besten beginnen wir damit gleich bei unseren Nachbarn.


DER SPIEGEL

Lale Akgün, 63
Publizistin aus Köln

Für mich ist es ganz klar, dass wir in Deutschland mittlerweile ein massives Problem mit einem fundamentalistischen Islam haben. Durch ihn werden Attentäter wie in Berlin oder zuletzt in Hamburg radikalisiert. Schuld sind die Imame, die ihre Gemeinden abschotten und den Gläubigen eintrichtern, dass alle Nichtmuslime auf dem falschen Weg seien - sogar jene, die nur einer anderen Strömung ihrer eigenen Glaubensrichtung angehören. Diesen Imamen müsste doch klar sein, wie das wirken kann, nicht nur auf psychisch Kranke. Sie sind es, die den einfachen Gläubigen die Feindbilder einpflanzen und sich nicht von den problematischen Suren im Koran distanzieren, die zur Gewalt aufrufen.

Wenn der sogenannte Islamische Staat seine menschenverachtende Politik mit Koransuren rechtfertigt, dann ist das Terror im Namen des Islam. Und dann reicht es eben nicht aus, als Reaktion darauf ständig zu wiederholen, der Islam habe mit Terror nichts zu tun. Auch dem konservativsten Islamvertreter müsste mittlerweile klar sein, dass den Terroristen die theologische Grundlage entzogen werden müsste.

Wir brauchen dringend eine Reformation des Islam und eine viel größere und schonungslosere Debatte. Solange nur eine kleine Minderheit der Muslime bereit ist, sich kritisch mit ihrer Religion auseinanderzusetzen, werden wir das Terrorproblem nicht lösen können. Im Gegenteil, es wird größer werden.


Anna Schwartz / DER SPIEGEL

Sadiye Davulcu, 37
Jugendleiterin bei der Islamischen Gemeinde Herne

Ich finde, dass wir der Öffentlichkeit zeigen müssen, wie echte Muslime sind: Sie haben mit Terroristen nichts gemeinsam. Ein wahrer Muslim akzeptiert andere Religionen, für ihn ist Liebe wichtig und nicht Gewalt. Unser Prophet warnt sogar vor Extremisten. Unsere Religion lehrt uns Toleranz gegenüber Andersdenkenden. Viele Menschen wissen diese Dinge über den Islam leider nicht.

In den Medien geht es ja auch immer nur um Anschläge, Kopftücher und Gewalt. Das ist traurig. Demos gegen den Terror finde ich deshalb wichtig. Wir sind mit unseren Mädels von der Islamischen Gemeinde Herne mit drei Autos zur Friedensdemo nach Köln gefahren, um zu zeigen, dass wir alle zusammenstehen gegen diese Verbrecher.


Jesco Denzel / DER SPIEGEL

Melda Akbas, 26
Studentin und Mitglied der Jugendorganisation Young Voice der Türkischen Gemeinde Deutschland

Ich fühle mich von den weltweiten Terrorattacken mittlerweile seltsam unberührt. Es gab so viele Anschläge in so kurzer Zeit, dass man leider abstumpft. Ich glaube, das geht sehr vielen Menschen so, ob sie nun einen Migrationshintergrund haben oder nicht. Gedanken, ob das irgendetwas mit dem Islam zu tun hat, mache ich mir schon lange nicht mehr. Es gibt sehr viele unterschiedliche Strömungen im Islam, und, ja, es gibt auch Muslime, die zum Dschihad aufrufen. Aber in dem Islam, an den ich glaube, spielt Nächstenliebe eine sehr große Rolle. Ich weiß, dass jeder neue terroristische Anschlag, den ein Muslim begeht, wieder zu Ressentiments gegen Muslime führt. Aber ich versuche, das zu verdrängen. Ich habe auch längst aufgehört, mich für meinen Glauben zu rechtfertigen. Das muss ich nicht, selbst wenn es da eine gewisse Erwartungshaltung gibt. Ich habe auch nie von meinen deutschen Freunden verlangt, dass sie sich von den Taten des rechtsextremen NSU distanzieren oder eine gemeinsame Erklärung verfassen, in der sie schreiben, dass sie mit Rechtsradikalen nichts zu tun haben. Das fänden sie absurd - und ich auch. Dennoch positioniere ich mich natürlich klar gegen Terror.


Dmitrij Leltschuk / DER SPIEGEL

Awad Alghajar, 24
Medizinstudent aus Syrien, seit zwei Jahren in Hamburg

Ich komme aus der Provinz Idlib. Dort lassen IS-Terroristen ständig Autobomben explodieren. Dabei sterben immer Muslime, so wie fast überall in Syrien. Wenn man von dort kommt, weiß man, was Sache ist. Terrorismus hat keine Religion. Es geht immer um Politik und Macht.

Ein echter Muslim kann nicht einfach andere Menschen verletzen. Das steht so im Koran, zum Beispiel in Sure 5, Vers 32: "Wenn jemand einen Menschen tötet, so ist's, als töte er die Menschen allesamt. Wenn aber jemand einem Menschen das Leben bewahrt, so ist's, als würde er das Leben aller Menschen bewahren." Das ist eine klare Botschaft. Diese Verbrecher können also nicht ins Paradies kommen, auch wenn sie das behaupten. Ich weiß nicht, an was diese Leute glauben, aber jedenfalls nicht an die Lehren des Propheten.

Ich habe natürlich mitbekommen, dass es in Deutschland Diskussionen darüber gibt, ob der Islam eine gewaltverherrlichende Religion ist. Das verletzt weder meine Gefühle, noch lässt es mich an meinem Glauben zweifeln. Meine Haltung ist da klar: Der Islam ist eine friedliche Religion. Aber von mir aus können die Leute gerne darüber diskutieren oder ihre Fragen stellen. Ich finde es sogar gut, dass man öffentlich über so etwas reden kann. Das wäre in Syrien nicht möglich, da gibt es Linien, die man nicht überschreiten darf. In Deutschland hat jeder die Freiheit zu sagen, was er denkt.

Ich fühle mich als Muslim in Deutschland wohl. Klar, hier leben auch Nazis, aber es gab auch einen Politiker, der gesagt hat, dass der Islam zu Deutschland gehöre. Ich glaube, er heißt Christian Wulff.


Jesco Denzel / DER SPIEGEL

Esra Küçük, 33
Mitglied im Direktorium des Berliner Maxim Gorki Theaters

Wir können es nicht unkommentiert stehen lassen, wenn Extremisten im Namen Allahs Anschläge begehen. Ich jedenfalls fühle mich durch Ereignisse wie am Breitscheidplatz genauso herausgefordert wie durch rechtsextremistische Ausschreitungen in Clausnitz. Wenn ein Verband wie Ditib mit aller Kraft für Auftritte des türkischen Präsidenten Erdo¿an trommelt, aber Demonstrationen gegen islamistischen Terror fernbleibt, ärgert mich das. Trotzdem ist es ein gutes Zeichen, dass diese Demonstrationen stattfinden. Wir dürfen die Diskussion über unsere Religion nicht den Extremen überlassen - weder den Rechten noch den Islamisten oder sogenannten Islamkritikern. Die moderaten Stimmen müssen lauter werden.


Thomas Dashuber / DER SPIEGEL

Karim Hamed, 37
IT-Spezialist und Blogger aus München

Jedes Mal, wenn ich Nachrichten wie aus Barcelona höre, denke ich: "Hoffentlich war es nicht wieder ein Muslim." Ich weiß, es ist traurig, weil es zuerst um die Opfer gehen sollte. Aber diese Debatten nach den Anschlägen setzen mir wirklich zu. Ich habe das Gefühl, dass sich für mich als Muslim plötzlich ein Rechtfertigungsdruck aufbaut.

Man versucht, in der deutschen Gesellschaft eine positive Rolle zu spielen, und bringt sich ein, und am Ende bleibt in der öffentlichen Wahrnehmung immer nur das eine Thema: Terror und Islam. Ich sehe aber keinen vernünftigen Grund, warum ich gegen den IS demonstrieren sollte. Der schert sich doch einen Teufel darum, ob ich auf die Straße gehe oder nicht. Also, was bringt das dann? Ich muss niemandem beweisen, dass ich kein Terrorist bin. So scheint aber leider die Erwartungshaltung bei vielen zu sein. Diesen Eindruck vermitteln zumindest die Medien und auch das, was man so in den sozialen Netzwerken liest.

Ich sehe mich bei anderen Dingen in der Pflicht. Ich kümmere mich um Flüchtlinge, weil ich Arabisch spreche und weil ich als Deutscher denke, ich sollte helfen, die Flüchtlingskrise in den Griff zu bekommen. Ich erzähle in meinem Blog "Blicktausch" von den Problemen und Erfolgen in der Flüchtlingsarbeit. Ich bringe mich in der Elterninitiative im Kindergarten ein. Dadurch zeige ich, dass ich Teil dieser Gesellschaft bin - und nicht, indem ich ein Transparent auf einer Demo hochhalte.


Engin Olguner, 45
Ingenieur aus Duisburg

Ich saß mit meiner Frau vor dem Fernseher, als wir die ersten schlimmen Bilder vom Ariana-Grande-Konzert in Manchester sahen. "Oh Gott, nicht schon wieder", habe ich zu ihr gesagt. "Jetzt geht es auch noch gegen Kinder!" Wir waren uns sofort einig, dass wir auf die Straße gehen sollten. Ich war dankbar, als ich kurz darauf hörte, dass Lamya Kaddor vom Liberal-Islamischen Bund und Tarek Mohamad zu einer Friedensdemo in Köln aufgerufen haben. Ich war sofort bereit, sie zu unterstützen. Mit dem Megafon war ich unterwegs und habe gerufen: "Menschen aller Länder Hand in Hand, gemeinsam gegen den Terror in jedem Land." Ich finde es bedauerlich, dass so wenige Leute in meiner Community ihren Allerwertesten hochbekommen und auf die Straße gehen. Es geht nicht darum, sich zu distanzieren. Wir wissen alle, dass diese Verbrecher keine echten Muslime sind. Und genau das müssen wir ihnen auch vermitteln: "Wir verachten euch für diese Taten! Ihr gehört nicht zu uns." Diese Botschaft muss bei den 14- und 15-Jährigen ankommen und sich in ihrem Unterbewusstsein verankern. Wer Gewalt ausübt, wird geächtet. Dieser Konsequenz müssen sie sich bewusst sein.



© DER SPIEGEL 34/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.