AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 18/2017

Kampf gegen radikale Islamisten Salam aleikum, Bruder Staat

Eine Gruppe deutscher Muslime kämpft dagegen, dass aus Islamisten Terroristen werden. Sie arbeiten im Auftrag des Staates. Bis der Staat sie verdächtigt, selbst radikal zu sein. Eine Geschichte aus einem hysterischen Land.

Projektkoordinator Çelik, Mitarbeiter Taknsoy (l.) in der Beratungsstelle in Frankfurt: Verzweifelte Eltern, ratlose Lehrer, wehrhafte Bürger
Milos Djuric/ DER SPIEGEL

Projektkoordinator Çelik, Mitarbeiter Taknsoy (l.) in der Beratungsstelle in Frankfurt: Verzweifelte Eltern, ratlose Lehrer, wehrhafte Bürger

Von  und Milos Djuric (Fotos)


Hakan Çelik will verhindern, dass ein junges Mädchen aus Mainz in den Krieg nach Syrien zieht, er klappt seinen Laptop auf und tippt das Wort "Vermerk" in die Betreffzeile einer E-Mail. Çelik sitzt an einem leer geräumten Schreibtisch, er ist ein großer Mann, er muss den Kopf zu seinem Bildschirm hinunterbeugen, als würde er sich verneigen. Durch die Jalousien fallen Sonnenstrahlen auf sein Gesicht, sein schwarzer Bart ist dicht, seine Augen haben tiefe Ränder, er wirkt müde an diesem Montagmorgen in Frankfurt am Main, leise spricht er Satzfetzen vor sich hin; "Beratungsdynamik abgebrochen", "Verantwortung", "es herrscht akuter Handlungsbedarf".

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Heft 18/2017
Der große SPIEGEL-Vergleich: Deutschlands ungerechte Schulen

Das Mädchen, um das es in seinen Zeilen geht, ist 17 Jahre alt, eine Schülerin, die gegen vieles kämpft. Gegen ihre Mutter, die ihr sagt, zieh dein Kopftuch ab; und die zuschlägt, weil ihre Tochter das nicht tut. Gegen die Polizei, die zum Verhör lädt und sie fragt, du hast doch Verbindungen zum "Islamischen Staat", oder? Gegen ihre beste Freundin, die sie zur Hidschra drängt, zur Ausreise nach Syrien, am besten bald. Bei Hakan Çelik läuft dieses junge Mädchen unter "Klientin 118".

Er will Klientin 118 nicht verlieren, auch er kämpft jeden Tag, um junge Menschen wie sie. Er liest ein letztes Mal über seine Zeilen, klickt auf Senden. Der Empfänger seiner E-Mail ist der deutsche Sicherheitsapparat.

Hakan Çelik ist 37 Jahre alt, er trägt karierte Hemden, weil seine Frau sie liebt, und eine Gebetskette aus weißen Perlen, weil sie ihn beruhigt. Çelik ist Islamwissenschaftler, hat Jura studiert ohne Abschluss und war früher Sozialarbeiter, Tellerwäscher in Hotels, Anzugverkäufer, Gabelstaplerfahrer. Heute ist er einer der gefragtesten Deradikalisierer des Landes.

Er soll verhindern, dass aus Islamisten Terroristen werden. Er soll junge Mädchen, wie Klientin 118, davon abhalten, in den Krieg nach Syrien zu reisen. Er besucht IS-Kämpfer, wie den Klienten 37, die aus Syrien nach Deutschland zurückgekehrt sind, hinter deutschen Gefängnismauern und erzählt ihnen, was sie Gott sagen sollen, damit der ihnen den Treueschwur an den Kalifen des "Islamischen Staats" verzeiht. Er will junge Männer, wie Klient 89, einen minderjährigen Flüchtling aus Afghanistan, nicht den Extremisten in Fußgängerzonen überlassen.

Seine Beratungsstelle trägt einen Namen, der das Motto einer Friedensdemo sein könnte, "Religiöse Toleranz statt Extremismus". Sie wurde vor drei Jahren von einem Berliner Verein gegründet, der jahrelang an der Deradikalisierung von Rechtsextremen arbeitete, heute kümmert er sich fast nur noch um Islamisten. Die Beratungsstelle in Frankfurt ist dem hessischen Innenministerium unterstellt und kostet den Staat 1,2 Millionen Euro im Jahr. Wenn man wollte, könnte man Hakan Çelik und seine Leute als Deutschlands Vorzeigemuslime bezeichnen.

Bevor der Tunesier Anis Amri vergangenen Dezember mit einem Lkw in den Berliner Weihnachtsmarkt raste, konnten sie in Ruhe arbeiten. Sie beobachteten ihre Szene, ohne selbst beobachtet zu werden. Nach diesem Attentat war alles anders. Der amtliche Begriff des "Gefährders" kehrte in die Überschriften zurück, es gab ein Maßnahmenpaket von Innen- und Justizministerium, bei dem es um Abschiebung geht und um Absicherung, nicht um Vorsorge, nicht um Prävention, nicht um das Geschäft von Hakan Çelik. Seit Anis Amri beobachtet der Staat so gründlich, wie es eben geht. Er beobachtet sogar die, die beobachten sollen. Wenn man wiederum selbst ein paar Wochen lang die Arbeit von Hakan Çelik und seinen Leuten beobachtet, kann man erleben, wie es ist, wenn die Grenzen unscharf werden, wenn Islam und Islamismus eins werden, wenn Leute, die für Deradikalisierung zuständig sind, plötzlich selbst in den Verdacht geraten, radikal zu sein. Wenn aus Gutem Böses wird.

Das Büro der Beratungsstelle liegt in der Leipziger Straße in Frankfurt, zwischen einer Dönerbude und einem Laden für Goldankauf. Am Eingang der Beratungsstelle hängt in einem silbernen Rahmen die Unterschrift von Bundespräsident Gauck, sie macht die Beratungsstelle zu einem der "ausgezeichneten Orte im Land der Ideen 2016". Çelik ist stolz auf diese Unterschrift, sie gibt ihm das Gefühl, dass der Staat, den er schützen will, sieht, was er tut.

Orientalische Teppiche bedecken den Boden, Koransuren die Wände, es erinnert an den Vorraum einer Moschee. Hakan Çelik kniet sich hin, drei Männer knien neben ihm, mit dem Gesicht zur Wand gedreht, ein "Allahu akbar" erklingt, "Gott ist groß". Hakan Çelik, ihr Projektkoordinator, wird im Gebetsraum zum Vorbeter. Im Büro nennen sie ihn "abi", das ist türkisch und heißt "großer Bruder".

Çeliks Quartett in Frankfurt: Gott war schon immer da
Milos Djuric/ DER SPIEGEL

Çeliks Quartett in Frankfurt: Gott war schon immer da

An einem Montagmorgen Anfang März, gleich nach dem Gebet, laufen die vier Männer über den schmalen Flur nach hinten in ihren Konferenzraum, sie setzen sich an einen langen Tisch und klappen ihre Laptops auf. Çelik verteilt Fälle, die über das Wochenende auf der Mailbox aufgelaufen sind:

"Ich rufe an, weil ich von Schülern gehört habe, die in der Moschee von Leuten angesprochen wurden, die vom IS sind und dort auf Akquise waren. Können Sie uns bitte helfen, uns schnell zurückrufen?"

Çelik sagt, jemand soll da anrufen und die Sachlage klären, nächster Fall:

"Ort Grundschule: Junge sagt anderen Kindern, sie sollen das Fleisch nicht essen, ist nicht halal, die essen es trotzdem, er macht sie fertig, Kinder weinen. Er sagt, Frauen, die sich nicht bedecken, sind Schlampen. Der Sicherheitsleiter des örtlichen Schulamts hat den Staatsschutz informiert, mit dem Hinweis: 'Wir haben hier so ein auffälliges Kind, Eltern vielleicht Schläferzelle.' Lehrer verzweifelt."

"Der Lehrer sieht in dem kleinen Jungen schon einen Erwachsenen vor sich, der mit der Kalaschnikow in der Hand in Syrien kämpft. Ruft ihn einer zurück und sagt ihm bitte, wir können gerne vorbeikommen und ein Gespräch mit ihm führen, und auch mit den Eltern. Aber wir werden bestimmt keinen Islamismus-Workshop mit Grundschülern machen, das sind noch kleine Kinder, das geht nicht", sagt Çelik.

"In meinem Viertel hören genug Leute auf mich, soll ich jetzt sagen, ich bin der Kalif von Offenbach?"

Er kennt den Typ Lehrer, der Angst hat, etwas falsch zu machen, den richtigen Moment zu verpassen. Çelik und seine Mitarbeiter gehen oft an Schulen, sie reden mit Schülern, damit sie die Maschen von Extremisten erkennen, sie reden mit Lehrern, damit die anfangen, ihren Schülern die richtigen Fragen zu stellen.

Sie landen alle bei ihnen, verzweifelte Eltern, ratlose Lehrer, wehrhafte Bürger. Wer in Hessen meint, einen potenziellen Terroristen entdeckt zu haben, wählt die Nummer der Hotline. 15 Leute arbeiten inzwischen hier, aber die Kerntruppe, "das Quartett", wie sie sich selbst nennen, sind Çelik und drei andere Männer, die gemeinsam Islamwissenschaften studiert haben.

Zum Quartett gehört Hakan Çelik, ihr Anführer, schon als Teenager sammelte er Unterschriften gegen den Verkauf von Coca-Cola in der Moschee, gegen die Eröffnung einer Spielothek in seinem Viertel. Çelik war schon immer der große Bruder.

Zum Quartett gehören, neben Çelik:

Cuma Ülger, 29 Jahre alt. Er führt die Statistiken, er weiß genau, wer welchen der 137 Fälle gerade betreut. Çelik nennt ihn seine Festplatte, den "Generalsekretär". Ülger zitiert gern Kant, spielt Tischtennis und Fußball, er mag Regeln und Ordnung.

Talha Taknsoy, 28 Jahre alt, er trägt einen langen Bart, er macht gerade eine Low-Carb-Diät und achtet auf den Fluoridgehalt in seinem Wasser. Çelik sagt, ihm vertraue einfach jeder, er nennt Talha Taknsoy seinen "Familienminister".

Tark Gürleyen, 28 Jahre alt, er spricht das beste Englisch unter ihnen, vielleicht ist er deshalb im Quartett der "Außenminister".

Die Männer des Quartetts kommen aus einer Hochhaussiedlung in Offenbach, aus Zechenhäusern in Dinslaken, aus einem kleinen Vorort von Bremen. Sie kennen sich aus mit den Maschen der Radikalen. Schon als sie Kinder waren, begegneten sie den Seelenfängern, ohne anfällig zu sein für sie. Für die vier war Gott schon immer da, ihre Identität geklärt, ihre Wurzeln stark, ihre Väter streng. Sie wurden Imame und Sozialarbeiter, spazierten mit jungen Muslimen durch den Palmengarten in Frankfurt, führten sie auf Kulturreisen durch Istanbul, Geld gab es nie dafür. Die islamischen Verbände interessierten sich damals kaum für Jugendarbeit in Moscheen, der deutsche Staat noch weniger.

Wenn diese vier Männer gemeinsam durch die Straßen von Frankfurt ziehen, dann sehen sie für Leute, die hinter allem Fremden mutmaßlichen Terror vermuten, wahrscheinlich aus wie Terroristen kurz vor der Tat. Sie tragen dunkle Haare, lange Bärte und Gebetskappen.

Tark Gürleyens Handy klingelt, er geht in einen Nebenraum und redet abwechselnd deutsch und türkisch, in beiden Sprachen redet er extrem schnell. Am anderen Ende der Leitung ist Klientin 118, das junge Mädchen aus Mainz: "Wir beruhigen uns jetzt erst mal, o.k.? Wir chillen. Wenn du angespannt bist, kannst du keine guten Entscheidungen treffen", sagt Tark Gürleyen. Knapp 40 Minuten dauert das Gespräch. "Gott soll dich behüten", sagt er zum Abschied und legt auf. Hakan Çelik kommt in den Raum, er will wissen, was los ist mit Klientin 118.

Zu seinem Team, das jetzt wegen Klientin 118 zu einer Krisensitzung zusammenkommt, gehört auch eine Frau, die anonym bleiben möchte. Sie sagt, sie sei die Einzige gewesen, die einen Zugang zu Klientin 118 bekommen habe.

Es habe mit dem Anruf einer Lehrerin begonnen, die sich bei Çeliks Truppe gemeldet habe, weil sich eine ihrer Schülerinnen merkwürdig verändert habe. Sie hätten es dann gemacht wie immer, sagt Çeliks Mitarbeiterin, sie seien zu zweit in die Schule gegangen und hätten erst mal ganz allgemein einen Workshop über die deutsche Salafistenszene gegeben. Daraus habe sich dann der persönliche Kontakt zu der Schülerin ergeben, die später zur Klientin 118 wurde. In vielen Einzelgesprächen kam heraus, dass Klientin 118 ein typischer Fall war, ein Trennungskind auf Sinnsuche. Ein Mädchen, das in einer McDonald's-Filiale auf ein anderes Mädchen traf, das einen Gesichtsschleier trug. Klientin 118 freundete sich schließlich mit dieser Frau an, die schon damals tief in der deutschen Islamistenszene steckte und bis heute junge Frauen für den Gotteskrieg anwirbt.

Çeliks Mitarbeiterin war eigentlich auf einem guten Weg mit Klientin 118. Sie glaubte, dass sie die junge Frau aus dem Strudel befreien könnte. Aber dann geriet sie selbst in einen Strudel, erzeugt von selbst ernannten Muslimjägern, eifernden Journalisten und Behörden, die Angst haben, Fehler zu machen. Am Ende war Hakan Çeliks Frauenbeauftragte kaltgestellt. Sie darf nicht mehr an ihr Diensttelefon gehen. Sie sieht zu, wie Klientin 118 ihren Kollegen langsam entgleitet und kann nichts dagegen tun. Seit Wochen steht sie selbst unter Verdacht, eine Extremistin zu sein. Sie ist vom Dienst suspendiert.

Es begann ganz klein, mit einem Blogeintrag, in dem sie zum ersten Mal mit vollem Namen erwähnt und beschuldigt wurde, mit "Hardcore-Islamisten" zu verkehren. Der Grund dafür war, dass sie als Vorsitzende eines Frauenvereins gemeinsam mit einem anderen Verein einen Islamprediger zu einem Vortrag eingeladen hatte. Dieser zweite Verein allerdings wurde vom Verfassungsschutz beobachtet, genauso wie der Prediger. Hakan Çelik hatte gesagt, wenn sie nur mit Leuten reden würden, die so tickten wie sie selbst, dann wären sie überflüssig. Das bedeute aber auch, dass sie manchmal mit Leuten reden müssten, die für andere Radikale sind.

Den Blogeintrag hatte Sigrid Herrmann-Marschall geschrieben. Çelik nennt die Frau nur "Siggi", sie bezeichnet sich selbst als Islamismusexpertin, hält Vorträge zum Thema Salafismus und betreibt ein Blog mit dem Namen "Vorwärts und nicht vergessen". Sie ist der Typ Mensch, den man seit einiger Zeit unter dem Begriff "besorgter Bürger" kennt.

Sie verabredet sich zum Gespräch am Frankfurter Hauptbahnhof, sitzt bei Burger King und bestellt einen Doppel-Whopper und eine Cola light. Sie ist eine groß gewachsene Frau Anfang fünfzig, trägt rotes Haar und hat lange, lackierte Fingernägel. Sie wischt über ihr Telefon und sagt, es sei ein sehr spannender Tag heute. Sie zitiert aus Meldungen, die "gerade bei ihr einlaufen", über einen Verein, der verboten wurde und auf den sie die Staatsschützer schon "lange vorher" aufmerksam gemacht habe. Wenn sie so redet, könnte man den Eindruck bekommen, sie sei die Chefin einer Sonderkommission. "Ich würde auch lieber auf dem Sofa sitzen und Kakao trinken", sagt sie, aber das gehe nicht. In den vergangenen Wochen habe sie nie mehr als fünf Stunden Schlaf pro Nacht gehabt, weil so viel zu tun sei.

Auf den Verein der Frau, die für Çeliks Team arbeitet, habe sie bereits letzten Sommer hingewiesen. Wenn man ihr entgegnet, dass Dialog mit Extremisten nützlich sein kann, sagt sie: Da halte ich nichts von. Sie hält überhaupt wenig von Hakan Çeliks Team, und deshalb war es eigentlich logisch, dass sie da genauer hinsehen musste. Sehr schnell geriet dann auch Çeliks Familienminister Talha Taknsoy in Siggis Visier und damit in ihr Blog. Er war nach Abu Dhabi zu einer Friedenskonferenz geflogen, hatte Bilder davon auf seinem Facebook-Account hochgeladen und Prediger "geliebte Gelehrte" genannt.

Geliebte Gelehrte? Prediger? Davon hält Sigrid Herrmann-Marschall nichts. Diese Prediger sind für sie "große antisemitische Problembären", die Konferenz, die der Familienminister besuchte, nennt sie in ihrem Blog nur "Muslimbruder-Kungel-Treff". Sie postete Bilder von Talha Taknsoy, veröffentlichte seinen Namen und ordnete ihren Blogeinträgen folgende Suchbegriffe zu: "Muslimbrüder", "Antisemitismus", "Unterwanderungsstrategien".

Krisensitzung in der Beratungsstelle: Wie viel Muslim darf es sein?
Milos Djuric/ DER SPIEGEL

Krisensitzung in der Beratungsstelle: Wie viel Muslim darf es sein?

Sie arbeite bei ihren Blogeinträgen sehr systematisch, sagt sie. Sie filze Facebook-Seiten von "der Salafistenszene", schaue nach, wer welche Texte teile, sie verfolge dann Profile, decke Verbindungen auf, streue ein wenig ihre Meinung darüber, stelle es auf ihr Blog und poste den Link dazu auf ihrer Facebook-Seite, auf der sie knapp 2000 Freunde hat.

Sigrid Herrmann-Marschall hat sich damit einen Namen als Salafistenjägerin gemacht. Ihr Name stand oft in der Zeitung, es gab Beiträge über sie im Fernsehen, damals kämpfte sie gegen die Koranverteiler, die in deutschen Fußgängerzonen Jugendliche fischten. Siggi stellte sich im kurzen Rock vor die Salafisten und hielt Plakate in die Luft, auf denen stand: "Ihr Kind könnte das Nächste sein."

Der Klient 37 redet jetzt nicht mehr vom Höllenfeuer, sondern vom Arbeitsamt.

Sigrid Herrmann-Marschall hat viel zu erzählen, sie sagt, sie kenne sie alle: die Fußfessel-Islamisten, die Caritas-Islamisten, den islamistisch-radikalisierten Buben, den sie wiedererkenne, wenn er später mit abgehackten Köpfen in Syrien posiere. Wo sie auch hinsieht, überall erkennt sie Problembären: europäische Problembären, internationale Problembären, regionale Problembären, ebensolche wie die im Team von Hakan Çelik.

Wenn Sigrid Herrmann-Marschall allein leben würde in ihrer Welt, dann könnte es Hakan Çelik egal sein, was sie denkt, was sie schreibt, wen sie versorgt mit ihren Hinweisen. Aber so ist es ja nicht.

Mitte Januar kamen zwei Staatsschützer in Çeliks Büro in der Leipziger Straße. Sie führten eine Art Gefährderansprache mit den beiden Mitarbeitern, die Herrmann-Marschall ins Visier genommen hatte. Die Staatsschützer sagten ihnen, sie sollten jetzt mal eine Zeit lang "die Füße still halten", keine Vorträge mehr in "falschen Moscheen", keine "falschen Gäste" einladen, keine missverständlichen Posts auf Facebook. Çelik sagt, es seien lange Gespräche gewesen, die Beamten hätten zufrieden gewirkt beim Abschied, von einer Suspendierung habe damals keiner gesprochen.

Ein paar Wochen später schickte ein Journalist für den Hessischen Rundfunk Fragen zu der Reise des Familienministers nach Abu Dhabi, und er wollte noch viel mehr wissen: Wie der Mitarbeiter Talha Taknsoy sich bei seiner Arbeit an Schulen von der Mission abgrenze? Wie seine Sicht auf eine mögliche Totengedenkfeier für einen IS-Kämpfer sei? Ob er die ideologische und organisatorische Nähe der in Abu Dhabi besuchten Prediger zur Muslimbruderschaft teile und welchen Einfluss die Ideologie dieser Prediger auf seine Arbeit in der Demokratie-Pädagogik hätte?

Zum Abschluss seiner Mail merkt der Journalist an, dass die gleichen Fragen natürlich auch an das Innenministerium gegangen seien, da die Tätigkeiten der Mitarbeiter ja schließlich aus der "öffentlichen Hand" bezahlt werden.

Ein paar Tage später rief jemand vom hessischen Innenministerium bei Hakan Çeliks Chef in Berlin an. Er sagte ihm, eine "Freistellung der beiden Mitarbeiter sei jetzt dringend angeraten".

Es war Ende Februar, Hakan Çelik saß in seinem Arbeitszimmer, als die Nachricht aus Berlin kam, er zog seine Gebetskette aus der Hose und begann damit, sich selbst Fragen zu stellen. Was ist los mit dem Staat, für den ich jeden Tag durch die Straßen ziehe, für den ich kämpfe, dessen Verfassung ich auswendig aufsagen kann?

Es waren die Tage, in denen er damit begann, im Internet nach seiner eigenen Beratungsstelle zu suchen. "Waren Salafismus-Berater selbst Extremisten?", das fand er bei Focus Online. "Salafismus-Experten unter Verdacht", das fand er bei Faz.net. Auf Twitter fand er Bilder seiner beiden suspendierten Mitarbeiter, "RADIKALISIERUNG" stand in roten Druckbuchstaben darunter. Die Geschichten über seine Leute waren aufgemacht mit Bildern von Mainstream-Salafisten wie Sven Lau, manchmal sah man auch Fotos von Koranverteilern. Vom Innenministerium hörte er nur, dass Sicherheitsprüfungen gegen "alle" Mitarbeiter liefen. Justizvollzugsanstalten ließen mitteilen, dass seine Mitarbeiter erst mal nicht mehr kommen sollten, um mit Gefangenen zu reden. Lehrer sagten Workshops an Schulen ab.

Auf YouTube fand Çelik ein Video, in dem sprach einer jener Extremisten, gegen die er jahrelang gekämpft hatte. Der Extremist sagte: "Wer selbst gestern noch vermeintlich Radikale bekämpfte, steht heute selbst am Pranger der Behörden, wir haben keine Schadenfreude, wir wollen solidarisch sein, beten für die Brüder." Beistand vom Gegner? Hakan Çelik war wütend, als er das sah.

Çelik und seine Leute saßen am Konferenztisch und waren damit beschäftigt, Journalistenanfragen zu beantworten, Rechtfertigungen zu schreiben, Anwälte mit dem Themenschwerpunkt "Rufmord im Netz" herauszusuchen, ihre privaten Rechtsschutzversicherungen zu kontaktieren. Sie saßen in Hintergrundgesprächen mit Lokalpolitikern und Richtern und hörten sie sagen, "dass doch alle faule Äpfel in den eigenen Reihen hätten". Sie wurden gefragt, ob es nicht besser wäre, wenn sie weniger mit den Betroffenen über das Kalifat sprechen würden, mehr über "unsere Demokratie"?

Die grundsätzliche Frage dahinter war: Wie viel Muslim darf es sein? Wie viel verträgt dieses nervöse Land gerade? Die Antwort in diesen Tagen hieß: Nichts, nicht mal ihre Vorzeigemuslime von gestern.

In diesen Tagen saß Cuma Ülger, der Generalsekretär, über Stunden stumm vor seinem Computer und listete die ehrenamtlichen Tätigkeiten der 15 Mitarbeiter auf, weil inzwischen Sicherheitsprüfungen gegen alle Mitarbeiter der Beratungsstelle liefen. Ülger schrieb dem Innenministerium, was seine Kollegen in ihrer Freizeit so alles machen: "Vegan Connection Gelnhausen, Mitglied bei Kaleidoskop e.V., Reit- und Fahrverein Düdelsheim-Stockheim e.V., Tischtennis bei SV Blaugelb".

Er schickte die E-Mail ab und überprüfte eine Powerpoint-Präsentation, die sie über ihre Arbeit erstellt hatten. Er wollte wissen, ob dabei irgendetwas missverständlich sei. Er fand eine Stelle, in der sie einen Klienten mit "Salam aleikum Bruder" begrüßen. "Soll ich das Salam aleikum jetzt rauslöschen?", fragte er in die Runde. Eine muslimische Begrüßung, die so viel bedeutet wie "Grüß Gott"? "Klar, Mann, sie werfen uns vor, dass wir an Schulen missionieren, dann kannst du doch nicht eine Präsentation rausschicken, wo Salam aleikum drin steht", antwortete ihr Außenminister.

"Warum nicht?", fragte der Generalsekretär. "Wir sagen doch aber immer Salam aleikum".

"Lass es stehen, wenn ich nicht mehr Salam aleikum sagen darf, dann kündige ich", sagte Hakan Çelik.

Vier Wochen lang ging es so weiter, jeden Tag Krisensitzung im Konferenzraum der Leipziger Straße, dann bekam Hakan Çelik einen Anruf von seinen Chefs aus Berlin, sie sagten ihm, dass das Innenministerium Entwarnung gegeben habe. Die Suspendierung sei aufgehoben. Sie könnten die Arbeit wieder aufnehmen.

Sonst, so erinnert sich Hakan Çelik, sagten sie nicht viel. Es ging um ihre Existenz, aber dieses Telefonat war so, als hätte die Autowerkstatt angerufen und gesagt: Motor läuft wieder.

Es gibt keine Pressemitteilung vom Innenministerium, keine Entschuldigungen, keine Erklärungen. Niemand sagt: Tut uns leid, aber wir sind eben auch nur Teil einer Gesellschaft, die nicht mehr richtig unterscheiden kann. Zwischen böse und gut, zwischen Fake und Wirklichkeit. Die nichts mehr falsch machen will und dabei viele Fehler macht.

Hakan Çelik sagt, die Entwarnung sei so leise gewesen, dass er bis heute nicht ganz begriffen habe, dass es wirklich vorbei ist. Er gibt den Namen seiner Beratungsstelle bei Google ein, auf der Suche nach Richtigstellungen. Er findet eine Spaltenmeldung im "Wiesbadener Kurier", in der vom Innenminister mitgeteilt wird, dass "die sicherheitsbehördliche Zuverlässigkeitsüberprüfung" der Mitarbeiter keine "tatsächlichen Anhaltspunkte für extremistische Bestrebungen" ergeben habe. Er hat die Spalte fotografiert und auf seine Facebook-Seite hochgeladen. Das Bild ist verzerrt, kaum lesbar, aber es sind bis heute die einzigen offiziellen Zeilen, die belegen, dass man Team Çelik wieder trauen kann.

Es ist schon weit nach 18 Uhr, Dienstschluss eigentlich, aber in der Sitzecke des Gebetsraums sitzt noch immer Klient 37, er kommt oft vorbei, will Tee trinken und reden. Klient 37 war der erste IS-Rückkehrer auf einer deutschen Anklagebank, er wurde zu dreieinhalb Jahre Haft verurteilt.

Bei ihrer ersten Begegnung saß Klient 37 in einer Frankfurter Zelle und fürchtete das Höllenfeuer. Knapp ein halbes Jahr trug Hakan Çelik Bücher über das islamische Recht in seine Zelle, jede Woche lasen sie drei Stunden in der Literatur. Klient 37 sollte verstehen, wie komplex die Heilige Schrift ist, verstehen, dass man nicht eine halbe Sure aus dem Koran lesen und dann in den Krieg nach Syrien ziehen kann.

Hakan Çelik sagte ihm: Gott verzeiht, entschuldige dich einfach bei ihm. Er sagte ihm, das Kalifat des IS sei kein echtes Kalifat, der selbst ernannte Kalif Baghdadi kein Kalif, dein Treueschwur also nichts wert, das Höllenfeuer dir fern. Eines Tages wurde Çelik konkreter. "Hey, in meinem Viertel in Offenbach hören auch genug Leute auf mich, soll ich jetzt sagen, ich bin der Kalif von Offenbach? 2000 Idioten folgen einem Hochstapler in Syrien, und du denkst, da ist das wahre Kalifat für Millionen Muslime auf dieser Welt?"

Seit Klient 37 aus der Haft entlassen ist, redet er nicht mehr übers Höllenfeuer. Er sitzt in der Gebetsecke, auf dem Tisch steht Kamillentee, neben ihm sitzt Hakan Çelik und arbeitet daran, dass Klient 37 nicht noch mal entgleist.

Çelik: "Wir müssen jetzt mal Bewerbungen für dich rausschicken, du hast doch Lust auf was mit Computer, oder?"

Klient 37: "Ich habe mir überlegt, Hakan, ich will lieber das durchziehen, was ich im Knast angefangen habe. Nur ein Jahr, dann habe ich meine Maler-Ausbildung fertig."

Çelik: "Ok, dann lass doch mal reden mit deiner Sachbearbeiterin."

Klient 37: "Ich kläre das selbst mit Arbeitsamt, ich sage denen, ich will Maler machen. Ich kann es ja mal versuchen."

Solange Klient 37 nicht mehr vom Höllenfeuer redet, sondern vom Arbeitsamt, solange es Geschichten gibt wie seine, müssen diese Geschichten erzählt werden. Damit Hakan Çelik weitermachen kann, wenn er mal wieder Probleme hat mit dem Land, das er liebt.



insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
aka-d-miker 01.05.2017
1. Beruhigend...
Beruhigend dass es diese Organisation(en) gibt! Muslime wie sie sind zum Glück in der Mehrheit. Die Aufklärung, die sie betreiben ist unendlich wichtig, nicht nur für sich im Beginn einer Radikalisierung befindenden Muslime (oder bereits Radikalisierte sowie Rückkehrer), auch für Angstbürger und Problembär-JägerInnen. Die meisten Islamgegner kennen doch nur diesen radikalen Islam, den diese vier durch Aufklärung und Argumentation bekämpfen u d letzteres ist der einzig richtige Weg!
marcojl 01.05.2017
2.
Endlich mal ein wirklicher Lösungsansatz. Wahrschenlich gehts nur so -kleine Schritte und nicht aufgeben. Hoffentlich können sie weitermachen. Wieviele solcher Beratungsstellen könnte es noch geben für einen Bruchteil des Geldes, welches Behörden für Berater verpulvern.
anne4215 01.05.2017
3.
Das ist schon ein Armutszeugnis des Staats, dass er der Organisation so wenig Rückendeckung gibt. Motiviert Nachahmer wirklich nicht. Natürlich müssen sie religiös sein, einen Atheisten würden die Möchtegern-IS-Kämpfer ja wohl kaum Gesprächspartner akzeptieren, und sie brauchen auch eine religiöse Alternative. Warum ist der Artikel eigentlich nur hinter der Bezahlschranke zu lesen? - Wäre nicht eine kleinere Version auch auf dem offenen Forum sinnvoll? Die besorgten Bürger, die hier eigentlich Empfänger wären, zahlen ja für Journalismus nicht. Ich finde es super, was die Organisation macht. Weiter so!
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