AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 10/2018

Schutzhelme aus dem Osten Wie DDR-Bürger die Studentenrevolte von 1968 unterstützten

Ostberliner spendeten 1968 für die Apo im Westen: Helme und Regenmäntel sollten gegen Polizeiknüppel und Wasserwerfer schützen.

Demonstrierende Studenten in West-Berlin 1968: "Die Straße kocht"

Demonstrierende Studenten in West-Berlin 1968: "Die Straße kocht"

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Ende April 1968 steuert eine Studentin aus West-Berlin ihren VW Käfer langsam durch die Sophienstraße in Ost-Berlin. Ihre Augen suchen die grauen Fassaden ab. Plötzlich hört sie von der Seite eine laute Stimme. "Wollen Sie auch Helme abholen?" - "Ja." -"Die kriegen Sie im Milchladen."

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Heft 10/2018
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Gewöhnlich erzählen Historiker den Aufstand von 1968 hierzulande als eine rein westdeutsche Geschichte. In der Bundesrepublik, so ihre Lesart, rebellierten die Studenten, in der DDR sorgte die Stasi für Ruhe.

Doch das ist nicht die ganze Wahrheit. Bislang unbekannte Stasiakten zeigen zum 50. Jahrestag der Revolte, dass es auch in Ost-Berlin "Achtundsechziger" gab, die mit den Studenten jenseits der Mauer sympathisierten.

Eine ausgefallene Hilfsaktion demonstriert, wie Solidarität in jenen Tagen über Systemgrenzen hinweg funktionierte: Ost-Berliner Sympathisanten sammelten Regenmäntel und Schutzhelme für West-Berliner Rebellen, damit sich diese besser gegen die Polizei schützen konnten. Der ehemalige Milchladen in der Sophienstraße 31 wurde so zu einem ungewöhnlichen Ort der Revolte.

Es begann am 11. April 1968, als Rudi Dutschke von einem Nazi angeschossen wurde. Noch am selben Abend demonstrierten Studenten in West-Berlin, sie versuchten, die Auslieferung der ihnen feindlich gesinnten Springer-Zeitungen zu verhindern.

In Ost-Berlin saß Klaus Schlesinger, ein Journalist und angehender Schriftsteller, vor dem Fernseher und ärgerte sich: "Die Straße kocht, und ich bin hinter der Mauer." Wenig später besuchte Schlesinger, damals 31 Jahre alt, einen Jugendklub in Friedrichshain, wo viele unangepasste Leute verkehrten. Er sagte zu Freunden: "Wenn wir etwas tun wollten, könnten wir Helme gegen die Gummiknüppel und Regenmäntel gegen die Wasserwerfer nach West-Berlin schicken!"

Schlesingers Freund Stephan Schnitzler erzählte seinem Vater, Karl-Eduard von Schnitzler, von der Idee. Der Chefkommentator des DDR-Fernsehens riet eher ab. Trotzdem begannen die beiden Freunde am nächsten Tag, bei Schauspielern, Künstlern und Wissenschaftlern Geld zu sammeln.

Mehr Mut als Karl-Eduard von Schnitzler hatte dessen Exfrau Inge Keller. In einem Stasibericht heißt es: "Aufgrund der von Westberlin ausgehenden Inspiration organisierte die Schauspielerin Inge Keller mithilfe ihrer privaten Verbindungen eine Sammelaktion mit dem Ziel, etwa 20.000 Mark zu sammeln, dafür in der DDR-Hauptstadt Regenmäntel und Sturzhelme zu kaufen und diese nach Westberlin zu schleusen. Am 17.4.1968 wurde am Deutschen Theater eine Sammelliste gefertigt, deren Präambel zufolge sich die Unterzeichner mit den demonstrierenden Studenten in Westberlin solidarisch erklären."

Innerhalb weniger Tage hatten Schlesinger, Schnitzler und ihre Unterstützer 8000 Mark der DDR beisammen. Nun kauften sie in Ost-Berlin alle verfügbaren Motorradhelme und Regenmäntel auf. Um an billige Bauarbeiterhelme zu kommen, gründeten sie kurzerhand eine Scheinfirma. "Wir verteilten die Berge von Helmen, die Stapel von Regenmänteln auf zwei Wohnungen", so Schlesinger, "und gaben über Besucher die Nachricht nach West-Berlin, es könne losgehen."

Am Wochenende vor dem 1. Mai 1968 lief die Helmaktion an. Der ehemalige Milchladen in der Sophienstraße 31 diente als Übergabestelle. Aktivisten der Außerparlamentarischen Opposition (Apo) kamen aus West-Berlin und nahmen pro Person drei oder vier Helme und Regenmäntel mit. Für die Rückfahrt in den Westen erhielten sie ein Dokument, wonach "die mitgeführten Gegenstände ein Solidaritätsgeschenk für die Westberliner Apo zum 1. Mai" seien. Darunter die Unterschriften von Fritz Cremer, Nationalpreisträger der DDR, und Inge Keller, ebenfalls Nationalpreisträgerin.

Doch es ging nicht nur um Regenmäntel. An jenem Wochenende diskutierten Linke aus beiden Teilen der Stadt intensiv über den Krieg in Vietnam, die Revolte in Paris, den ideologischen Frühling in Prag. "Es gab Diskussionen um die Lage hier, die Lage drüben", erinnerte sich Schlesinger, der 2001 gestorben ist.

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Er und seine Freunde mussten am 1. Mai 1968 natürlich in Ost-Berlin bleiben. Sie gingen zur Kundgebung der SED in der Nähe des Alexanderplatzes und reihten sich irgendwo zwischen den Betriebsgruppen ein. Mit einer Vietcong-Fahne liefen sie über den Marx-Engels-Platz.

Und sie waren stolz auf ihren Ost-West-Coup. "Wir hatten etwas getan, was uns nötig schien", sagte Schlesinger.



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