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Ausgabe 16/2018

Wissenschaftler testen Quallen, das unterschätzte Schleimwunder

Als Snack oder zum Mittagessen, als Dünger oder in der Medizin: Wissenschaftler testen, wie sich Quallen für eine wachsende Weltbevölkerung nutzbar machen lassen.

Lungenqualle im Golf von Neapel. Die Krebse nutzen das Tier als Transportmittel. Kommt die Qualle dem Meeresboden nah, springen sie auf und lassen sich ein Stück mittragen.
Biosphoto/ Getty Images

Lungenqualle im Golf von Neapel. Die Krebse nutzen das Tier als Transportmittel. Kommt die Qualle dem Meeresboden nah, springen sie auf und lassen sich ein Stück mittragen.

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Als Beilage empfiehlt das Rezept Kirschtomaten, Basilikum und Rucola. "Quallen unter kaltem Wasser abspülen, Tentakel abtrennen, den Körper in dünne Scheiben schneiden", heißt es weiter. Dann noch etwas Sherryessig und Olivenöl dazu - fertig ist der "Quallensalat".

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Heft 16/2018
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Kann das schmecken? Quallen für Gourmets? Antonella Leone glaubt daran. Die Biologin des italienischen Forschungsinstituts für Nahrungsmittelproduktion testet die Eignung der Tiere als Lebensmittel. Fahnenqualle, Spiegelei-Qualle und Lungenqualle sind ihre Versuchsobjekte, im Fachjargon "gelatinöse Biomasse" genannt. Leones Ziel: Qualle à la carte.

"Eine riesige ungenutzte Ressource" seien diese Tiere, schwärmt die Italienerin. Leone und ihre Arbeitsgruppe sind Teil von "GoJelly", einem mit sechs Millionen Euro dotierten EU-Forschungsprojekt, mit dem die Qualle zum Nutztier des 21. Jahrhunderts gemacht werden soll.

Lecker, gesund, vor allem aber vielseitig verwendbar in Industrie und Landwirtschaft - so sehen die GoJelly-Forscher das gemeinhin übel beleumdete Nesseltier. 15 Forschungsstätten aus 8 Ländern arbeiten zusammen, um dessen Potenzial zu ergründen. Für Sushi, Salat und Paella sind die Tiere gut geeignet. Aber auch Dünger, Kosmetika, Mikroplastikfilter, Medizinprodukte und Fischfutter könnten daraus gewonnen werden.

"Wir haben Quallen bislang vor allem ignoriert", sagt Projektkoordinatorin Jamileh Javidpour vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel, "dabei bilden sie einen idealen Rohstoff, der uns immer wieder direkt vor die Haustür schwimmt."

Quallen sind die Nutznießer der globalen Meereskrise. Als Folge des Klimawandels werden die Ozeane wärmer. Zonen mit Sauerstoffnot weiten sich aus. Und mehr Kohlendioxid lässt das Wasser versauern.

Im Video: SPIEGEL-Redakteur Philip Bethge über Schönheit, Vielfalt und Tödlichkeit der Quallen.

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Während viele Meeresbewohner unter diesen Veränderungen leiden, profitieren Quallen sogar davon. Auch Überfischung und Überdüngung kommen ihnen zugute. Gelangen mehr Nährstoffe in die Ozeane, wächst mehr Nahrung heran. Weil es gleichzeitig weniger Fische gibt, bleibt den Tieren ein immer größerer Teil vom Planktonschmaus. Zudem haben sie weniger Fressfeinde.

Als Folge registrieren Meereskundler vielerorts eine Zunahme der stummen Schleimer. Manchmal kommt es gar zur explosiven Vermehrung. Einige Quallen können bis zu 45.000 Eier produzieren - pro Tag. Die Larven setzen sich am Meeresgrund fest und wachsen zu sogenannten Polypen heran. Schließlich entsteht eine Vielzahl von Mini-Medusen, von denen jede zu einem Gallertriesen heranwachsen kann. Keine Meeresregion ist vor ihnen sicher. Im Ballastwasser von Schiffen schippert ihre Brut um die ganze Welt.

Die ursprünglich nur im Indischen und im Pazifischen Ozean heimische Nomadenqualle beispielsweise schaffte es bereits vor Jahren ins Mittelmeer und vermehrt sich dort immer wieder explosiv. Bis zu 160.000 der Tiere wurden vor Israels Küste schon pro Quadratkilometer gesichtet.

Oder die aus dem Westatlantik eingeschleppte Meerwalnuss, eine Rippenqualle: Sie ließ Ende der Achtzigerjahre im Schwarzen Meer fast die gesamte Sardellenfischerei kollabieren. Seit 2006 erobert die Art auch die Ostsee. Ihr Gesamtgewicht in Europas Gewässern wird inzwischen auf eine Milliarde Tonnen geschätzt.

Vor Japan kenterte 2009 sogar ein Trawler durch die Macht der Gallerte. Die Crew hatte versucht, ein Netz einzuholen, in dem sich mehrere Exemplare der bis zu 200 Kilogramm schweren Nomura-Qualle verfangen hatten.

Quallen verstopfen die Zuläufe von Kraftwerken und Entsalzungsanlagen. Sie vertreiben Touristen von den Stränden und machen Fischzüchtern Ärger. Im Jahr 2014 tötete ein Schwarm Leuchtquallen rund 300.000 Lachse in einer schottischen Aquakultur. Die Quallen hatten die Fische mit ihren giftigen Nesselkapseln harpuniert.

Viel Sympathie bleibt da nicht. "Die Qualle lag am Meeresstrand, die Sonne hat sie braun gebrannt. Mit einmal war die Qualle - alle!", spottete einst der Komiker Heinz Erhardt. Und wer will es ihm verübeln. Selbst Geomar-Forscherin Javidpour zitiert den Humoristen - allerdings, um ihm zu widersprechen. Nein! Eben nicht "alle" sei die Qualle.

"Ja, die Tiere bestehen zu 98 Prozent aus Wasser", sagt sie. Aber die restlichen zwei Prozent hätten es in sich.

Ihr Schleim zum Beispiel ist eine faszinierende Substanz. Geraten die Tiere unter Stress, sondern sie eine Art Schnodder ab. Nur Biologen können auf die Idee kommen, etwas so Unerfreuliches auf Nützlichkeit zu testen. Doch siehe da: Quallenschleim eignet sich hervorragend als Nanofilter. Kleinste Partikel bleiben in der Struktur der Polysaccharide hängen, aus denen der Schleim besteht.

Die Substanz könnte dabei helfen, eines der drängendsten Probleme der Industriegesellschaft zu mildern: die Verschmutzung der Natur mit Mikroplastik.

Gerade erst kam heraus, dass über die letzten zwei Jahre ein steter Strom winziger Plastikpartikel in die Schlei in Schleswig-Holstein gerauscht ist. Die Sände des Gewässers sehen nun stellenweise aus wie Konfetti. Die Schleswiger Stadtwerke, Betreiber der verantwortlichen Kläranlage, fühlen sich daran ebenso wenig schuldig wie das Entsorgungsunternehmen ReFood, aus dessen angelieferten Abfällen der Kunststoff stammt.

Das Problem gibt es allerorten. "Acht Millionen Tonnen Plastik landen jährlich in den Gewässern", sagt Javidpour. Wird Quallenschleim die winzigen Partikel davon künftig in den Kläranlagen zurückhalten? Javidpour setzt darauf. Bald möchte die Biologin Fischer rekrutieren, um die leicht verderbliche Substanz zu sammeln. "Man hebt die Qualle hoch, dann tropft der Schleim runter", erklärt die Biologin die Erntemethode.

Die Fischer spielen ohnehin eine wichtige Rolle für das GoJelly-Projekt. In Asien, etwa in China oder Japan, werden Quallen seit Jahrhunderten gefangen. Getrocknet enden die Tiere in der Suppe oder im Meeresfrüchtesalat. Auch gesundheitlicher Nutzen wird Quallen nachgesagt, darunter Linderung bei Arthritis.

Mehr als 750.000 Tonnen jährlich ziehen Fischer für Asiens Märkte weltweit aus dem Meer. Auch US-Trawler sind an dem Geschäft beteiligt. Sie jagen Stomolophus meleagris, eine kanonenkugelförmige Qualle mit bemerkenswerter Fruchtbarkeit. Zu Tausenden dümpeln die Wesen in manchen Jahren nahe der Oberfläche im Meer. Für die Fischer ein Segen: In einer Saison können sie bis zu 10.000 Dollar verdienen - täglich.

Javidpour hofft, dass Europas Fischer künftig ebenfalls profitieren. Die Tiere als Lebensmittel zu verkaufen ist dabei nur eine Möglichkeit. Die Kieler Firma Coastal Research & Management (CRM) beispielsweise gewinnt aus Quallen Kollagen für die Kosmetikindustrie. Dem Eiweiß wird hautstraffende Wirkung nachgesagt.

Als "Ocean Collagen" wird der Stoff bereits vermarktet. Bei der Herstellung kommt ein weiterer Vorteil zum Tragen: Die wirbellosen Lebensformen im Mixer zu zerhäckseln klingt unappetitlich, wird gemeinhin jedoch als ethisch unbedenklich bewertet. Bislang setzen sich nicht einmal fanatische Tierschützer für sie ein.

Auch medizinische Anwendungen werden erforscht. Quallen-Kollagen sei ideal für Wundbehandlungen geeignet, sagt Levent Piker von CRM. Außerdem haben er und seine Kollegen den Stoff als Substrat genutzt, um menschliche Knorpelzellen zu züchten. Bislang dienen vorwiegend Schweineschwarten oder Rinderknochen als Quelle für Kollagen. "Da finde ich Qualle sauberer", sagt Piker.

Wer das Tier genau unter die Lupe nimmt, findet zudem viel Stickstoff und Phosphat in dessen Glibber. An der Universität Kiel wird deshalb erforscht, ob sich aus Quallen Dünger für die Landwirtschaft herstellen ließe. Auch an Futter für die Aquakultur denken die GoJelly-Forscher. Viele beliebte Zuchtfische werden derzeit mit Wildfisch gefüttert. Fischfutter aus Quallen wäre viel nachhaltiger.

Die Königsdisziplin der GoJelly-Forscher aber besteht darin, die Nesseltiere dem Menschen schmackhaft zu machen. Expertin Leone hofft, sie als Gesundheitssnack zu etablieren. Die Italienerin hat Antioxidantien und andere bioaktive Moleküle in der Gallerte nachgewiesen. Wenig überraschend ist der geringe Kaloriengehalt.

Quallensalat "Frisch, salzig, erinnert an Austern"

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Kommt also bald die Quallendiät? Vor allem ein Problem muss Leone zuvor noch lösen. "Quallen gelten in Europa bislang nicht als Lebensmittel", sagt sie. Bevor die Tiere auf dem EU-Markt verkauft werden dürften, müssten sie strenge Qualitätskontrollen durchlaufen.

"Was ist eine Premium-Qualle, was nur mindere Qualität?", fragt Leone. Wie können die Tiere zubereitet werden, ohne gesundheitsschädlich zu sein? Außerdem geht es der Italienerin darum, die Zubereitung und den Geschmack "der mediterranen Küche anzupassen".

Quallen, eingelegt wie Oliven, stellt sich die Forscherin vor, sonnengetrocknet wie Tomaten oder eingesalzen wie Kapern. Alsbald will sie ergründen, ob eher dampfgaren zu lukullischem Genuss führt oder die Zubereitung in der Mikrowelle.

"Die Erfahrung westlicher Köche mit Quallen ist gleich null", sagt die Forscherin. Für das Ende des Projekts hat sie den EU-Geldgebern ein Kochbuch versprochen.

Javidpour und ihre Kollegen entwickeln derweil eine Software, um Quallenblüten vorherzusagen. Mit zuverlässigen Prognosen könnten sich Fischer rechtzeitig auf die Ernte vorbereiten.

Alternativ denkt die Biologin auch schon darüber nach, wie sich die Tiere in industriellem Maßstab züchten ließen. Im Untergeschoss des Geomar in Kiel steht der Prototyp einer Quallen-Zuchtanlage. "Flow2Vortex" nennt Javidpour das runde Plastikbecken, in dem die Quallen in einer zirkulären Strömung treiben. So wird verhindert, dass sie an den Wänden kleben bleiben.

Junge Ohrenquallen dümpeln dort im eigens aus der Kieler Förde heraufgepumpten Wasser. Schön sehen sie aus, elegant, filigran - aber sind sie auch lecker? Wie schmecken sie denn nun, die Wabbelwesen?

Ohrenquallen vor Westaustralien: Nutznießer des Klimawandels
Fred Bavendam/ Picture Alliance/ Minden Pictures/ DPA

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"Nach Meer, frisch und salzig; ihr Geschmack erinnert an Austern", so schildert die Italienerin Leone den ungewöhnlichen Gaumenkitzel.

Geomar-Forscherin Javidpour findet die Textur der Meeresbewohner auffällig. Getrocknet erzeugten sie ein "knackiges, etwas knorpeliges" Mundgefühl.

"Im Wesentlichen schmeckt Qualle nach gar nichts", räumt die Biologin ein. "Aber mit der passenden Soße kann es richtig lecker werden."

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