AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 33/2017

Trotz Iran-Embargo Der Milliardär, der den fast perfekten Goldschmuggel erfand

Um das Iran-Embargo zu unterlaufen, soll Reza Zarrab tonnenweise Gold verschoben haben. Doch statt in seiner Istanbuler Luxusvilla sitzt er jetzt in einem New Yorker Gefängnis und erwartet seinen Prozess. Was hat er falsch gemacht?

Goldhändler Zarrab (r.) bei seiner Festnahme in Istanbul im Dezember 2013
Sebnem Coskun / picture alliance / DPA

Goldhändler Zarrab (r.) bei seiner Festnahme in Istanbul im Dezember 2013

Von Hauke Goos und Ralf Hoppe


Am 19. März 2016 gegen 20 Uhr Ostküstenzeit geht der Turkish-Airlines-Flug 077 über dem Flughafen von Miami in den Landeanflug. Die Maschine kommt aus Istanbul, 13 Stunden hat der Flug in die USA gedauert, die Passagiere der Economy wollen jetzt wahrscheinlich nur noch raus. Sitze werden in die senkrechte Position gebracht, das Anschnallzeichen leuchtet. Die Temperatur in Miami beträgt 26 Grad, bewölkter Himmel. Cabin crew, prepare for landing.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 33/2017
Wie sich das bedrohte Paradies wandelt

In der Businessclass ist die Luft etwas kühler. Dort sitzt, ziemlich weit vorn, eine Familie, Vater, Mutter und ihre Tochter, fünf Jahre alt. Die Mutter ist eine Schönheit mit hohen Wangenknochen und Katzenaugen: Ebru Gündes, einer der bekanntesten Popstars in der Türkei.

Der Mann an ihrer Seite ist Anfang dreißig, mittelgroß. Weiche Gesichtszüge: ihr Ehemann, ungeheuer mächtig, ungeheuer reich, noch jedenfalls. Noch sind seine Beziehungen in die Chefetage der Ministerien intakt, noch gehört ihm in Istanbul, wo er die meiste Zeit lebt, eine 72-Millionen-Dollar-Villa, mit Blick über den Bosporus. Der Mann heißt Reza Zarrab.

Geboren in Täbris, einer Millionenstadt in Iran. Er stammt aus einer Familie, die es in mehreren Generationen im Geld- und Goldgeschäft in Täbris und Teheran zu Wohlstand gebracht hat. Seit sechs Jahren sind die beiden miteinander verheiratet, die Schöne und der Milliardär. Ihre Ehe steht möglicherweise vor dem Ende, doch das können die beiden zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen.

Um 20.53 Uhr setzt Flug 077 auf, die Maschine rollt vor den South Terminal, Gate J. Die Passagiere zerren ihr Handgepäck aus den Staufächern und betreten den Boden der Vereinigten Staaten von Amerika.

Unter die US-Gerichtsbarkeit fallen sie zu diesem Zeitpunkt bereits seit drei Stunden, seitdem die Maschine sich im amerikanischen Luftraum befindet.

Die Zarrabs wollen nach Orlando, zur Disney World, der Tochter zuliebe, so werden sie es später jedenfalls erzählen.

Zarrab steht an der Passkontrolle, Level 2. Zwei Zollbeamte kommen hinzu, sie haben offenbar auf ihn gewartet. Irgendwas stimmt nicht. Die Beamten bitten Zarrab aus der Schlange und bringen ihn in einen separaten Verhörraum. Weitere Männer kommen hinzu. Sie tragen dunkle Anzüge, wie Bestatter sehen sie aus, so wird es ein Augenzeuge später schildern. Sie sind vom FBI, unterziehen Zarrab einem Verhör, ein Foto wird gemacht, dies ist jetzt die "pretrial interrogation", die Erstvernehmung.

Wie viel Bargeld er bei sich trage, wird Zarrab gefragt. Es sind 103.000 Dollar, größtenteils in Hunderterbündeln.

Dass er neben der türkischen Staatsangehörigkeit auch die mazedonische und die iranische Staatsangehörigkeit besitzt, verschweigt Zarrab den FBI-Leuten. Er wird nach seinen Einkünften gefragt.

Ungefähr 720.000 Dollar, sagt Zarrab - tatsächlich werden die Ermittler sie auf das Vielfache schätzen. Zarrab hält sich Rennpferde, ihm gehört ein halbes Dutzend Jachten, die größte ist mehr als 100 Meter lang und trägt drei Tauchboote. Eine Waffensammlung, ein Privatflugzeug, 17 Autos unter anderem der Marken Maserati und Rolls-Royce - all das angehäuft in wenigen Jahren.

Die Befragung zieht sich über mehrere Stunden, bis weit nach Mitternacht. Die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika, erfährt Reza Zarrab jetzt, hat ihn zum Feind erklärt.

Seitdem ist Zarrab in U-Haft, zunächst in Florida, inzwischen in New York. Und bald, im Oktober, soll er in Manhattan vor Gericht gestellt werden, Aktenzeichen 15-cr-867, unter Leitung des Richters Richard M. Berman, Daniel Patrick Moynihan Courthouse, Saal 17b. Die Anklagen: Geldwäsche, Verletzung der Sanktionsbestimmungen gegen Iran aufgrund des Nuklearprogramms, Behinderung des Finanzministeriums, Bankbetrug.

Unangenehmes wird zur Sprache kommen, unangenehm für Regierungen und Politiker: das iranische Atomprogramm, die Bestechlichkeit türkischer Minister, die Durchlässigkeit internationaler Sanktionen. Sorgen machen sollte sich zum Beispiel Mahmoud Ahmadinejad, ehemaliger Präsident der Islamischen Republik Iran. Oder Süleyman Aslan, ehemals Chef einer der größten Banken der Türkei. Und vielleicht auch Recep Tayyip Erdogan, Präsident der Republik Türkei.

Wie konnte das geschehen?

Und was ist eigentlich geschehen?

Dies ist die Geschichte zweier Schlawiner, Reza Zarrab und Babak Zanjani. Zwei Schlawiner mit genialischen Zügen, denen, indem sie ihre Talente, ihren Ehrgeiz und ihre Skrupellosigkeit zusammenlegten, ein beispielloser Aufstieg gelang. Sie kamen zu Macht, Ruhm und märchenhaftem Reichtum. Am Ende aber, nachdem sie aus dem Nichts emporgestiegen waren, verschwanden sie wieder im Nichts, in Zellen und Todeszellen - wenig mehr zurücklassend als einen Haufen Fragen.

Zarrab wird von dem New Yorker Strafverteidiger Ben Brafman vertreten, einem kleinen Herrn mit weißer Mähne und energischem Auftreten, einem Staranwalt, der auch Michael Jackson, den ehemaligen Chef des Weltwährungsfonds Dominique Strauss-Kahn und den Mafioso Salvatore ("Sammy the Bull") Gravano zu seinen Mandanten zählte. Brafman führt ein Team an, bestehend aus mindestens 15 Anwälten aus fünf Kanzleien, unterstützt von einem Heer aus Helfern und Ermittlern.

Prominentester Neuzugang im Team: Rudolph ("Rudy") Giuliani, ehemaliger Bürgermeister von New York, Anwalt, ein enger Vertrauter von US-Präsident Donald Trump. Im Februar flog Giuliani nach Ankara und traf sich dort sogar mit Präsident Erdogan, um den Fall Zarrab zu besprechen. Wenn nicht einmal Giuliani es schafft, mit all seinen Kontakten, seiner Schläue und Härte, Zarrab herauszuboxen, dann ist dem Mann wohl nicht zu helfen.

Der SPIEGEL hat Brafman mit den Vorwürfen ausführlich konfrontiert, ihm die Möglichkeit zu Widerspruch oder Kommentierung gegeben. Brafmans Antwort: "Sorry. I cannot help you."

Für ein Verfahren wie dieses gibt es keinen Präzedenzfall. Der Prozess könnte Karrieren beenden, er könnte das Verhältnis der Amerikaner zu Iran weiter zerrütten, er könnte aufdecken, wie Zarrab türkische Regierungsmitglieder schmierte.

Regierungschefs Ahmadinejad (m.), Erdogan (r.) 2010
AFP

Regierungschefs Ahmadinejad (m.), Erdogan (r.) 2010

Vor allem aber bietet dieser Prozess die Gelegenheit, einen kalten Blick in das Uhrwerk der internationalen Politik zu werfen. Und schließlich dürfte er ans Licht bringen, wie man heutzutage Geld wäscht. Er wird Vorgänge beleuchten, die sich nicht nur in Istanbul, Teheran und Ankara abspielten, sondern weltweit - die Organisation, in der Zarrab mutmaßlich eine Schlüsselrolle spielte, war auch in China und Dubai, in Russland und Malaysia aktiv. Die Amerikaner, die Europäer mischten mit, und Ausgangspunkt des Ganzen war Angst.

Die Angst vor der islamischen Bombe.

Alles wurde in Gang gesetzt und aufgedeckt durch die zähe Arbeit eines Mannes aus Istanbul. Ein Ermittler, ein kleiner Mann mit einem Schnurrbart, der ein Team anführte. Es gehört zu dieser Geschichte, dass dieser Ermittler inzwischen selbst im Gefängnis sitzt, wahrscheinlich sogar für lange Zeit, vermutlich in Istanbul, aber das wissen angeblich weder sein Anwalt noch seine junge Frau. Um ihn, seine Frau und seine kleine Tochter zu schützen, erhält der Ermittler hier den Namen Ö.

Ö., auch das muss gesagt werden, ist kein politisch neutraler Protagonist in dieser Geschichte. Er hat in den Gesprächen, die der SPIEGEL mit ihm führte, kein Geheimnis daraus gemacht, dass er Fethullah Gülen, dem in Pennsylvania exilierten Islamistenprediger, nahesteht. Erdogan und Gülen waren lange Jahre verbündet, haben gemeinsam säkulare, liberale Oppositionelle verfolgt. 2013 kam es zum Bruch. Die Gülenisten, denen es gelungen war, viele wichtige Positionen in Justiz, Polizei, Armee zu besetzen, wollten Erdogan loswerden, Erdogan wusste das.

Ö.s Ermittlungen gegen Erdogan waren deshalb von Beginn an auch politisch motiviert, sie sollten den Gülenisten dabei helfen, Erdogan loszuwerden - was aber nicht heißt, dass die Vorwürfe deswegen falsch sein müssen. Klar ist, dass Erdogan den gescheiterten Putsch im vergangenen Juli nutzte, um sich an den Gülenisten zu rächen und sie aus ihren Ämtern zu jagen.

Ö. erzählte an drei aufeinanderfolgenden Tagen, wie er die Ermittlungen gegen Reza Zarrab und dessen Komplizen geleitet habe; wie er Kontakte und Schmiergelder und Geschenke an Minister aus Erdogans Kabinett dokumentiert habe. Etwa zwei Dutzend Polizisten und Staatsanwälte waren in Istanbul und Ankara an den Ermittlungen beteiligt, rund 50 Personen wurden beobachtet, ihre Telefonate abgehört.

Doch Zarrab und das System, in dem er tätig war, wurden beschützt. Ö. sagt, Erdogan habe dafür gesorgt. Ziemlich schnell habe Erdogan einfach behauptet, die Ermittlungen seien nur ein verkappter Staatsstreich. "Und so fielen alle unsere Beweise unter Generalverdacht und wurden für wertlos erklärt."

Es bleibt ein Ermittlungsbericht. 504 Seiten stark, mit Telefonprotokollen, Fotos, Tabellen, Kopien von Originaldokumenten. Dieser Bericht umfasst einen Beobachtungszeitraum von mehr als acht Monaten. Er wurde abgeschlossen im Dezember 2013. Die Erkenntnisse, die aus den Dokumenten hervorgehen, decken sich mit Berichten und Hinweisen aus iranischen Quellen. Und mit Erkenntnissen, die beim Ermittlungsverfahren gegen Zarrab vor dem New Yorker Bundesgericht gewonnen wurden - wo der türkische Bericht als Beweismittel allerdings nicht zugelassen wurde.

Alles begann mit dem iranischen Nuklearprogramm", sagt Ö. "Und mit der Tatsache, dass der Westen und Israel Angst hatten vor der iranischen Bombe, der islamischen Bombe. Also beschloss man, die Ajatollahs aufzuhalten."

Raketentest in Iran
Alaei / Parspix / Abacapress.com

Raketentest in Iran

Im August 2005, Mahmoud Ahmadinejad war gerade ins Amt gekommen, begann die Atomfabrik in Isfahan wieder mit der Anreicherung von Uran. Im Februar 2010 erklärte Ahmadinejad das Land abermals zum "Atomstaat".

Der Westen musste reagieren.

Die Länder, die über eine Atombombe verfügen, sind: die USA, Russland, China, Indien, Pakistan, Frankreich, Israel, Großbritannien, Nordkorea.

Die Nuklearwaffen halten ein Gleichgewicht des Schreckens aufrecht: Die Kosten eines Krieges sollen ungleich höher sein als der mögliche Nutzen. Das Gleichgewicht funktioniert aber nur, sofern alle Beteiligten in diesen Regeln denken.

Es genügt ein einziger Beteiligter, der diese Regeln sprengt, ein Irrer, um aus dem Gleichgewicht eine Weltbedrohung zu machen. Das war das Iranrisiko.

Am 23. Januar 2012 beschließen die EU-Außenminister, erstens, ein Ölembargo. Zweitens verhängen sie Wirtschaftssanktionen, unter anderem gegen die iranische Zentralbank. Deren Guthaben in Europa werden eingefroren. Die USA ziehen wenig später nach.

SPIEGEL-Redakteur Ralf Hoppe erklärt, wie der Iran trotz Sanktionen staatliches Öl verkaufen konnte:

DER SPIEGEL

Außerdem, drittens, klemmen Amerikaner und Europäer Iran weitgehend vom internationalen Finanzsystem ab. Das ist möglich, weil alles im internationalen Zahlungsverkehr über ein und dasselbe System läuft. Das System heißt Swift, das ist die Abkürzung für "Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunication". Swift ist ein weltweites Netzwerk, es leitet Transaktionen zwischen mehr als 11.000 Banken, Brokerhäusern, Börsen und anderen Finanzinstituten in mehr als 200 Ländern weiter. Über Ländergrenzen ist juristisch abgesicherter Zahlungsverkehr heute praktisch nur mit Swift möglich.

Und davon wird Iran abgehängt. Am Samstag, dem 17. März 2012, um 17 Uhr mitteleuropäischer Zeit wird der internationale Datenverkehr zwischen Swift und iranischen Banken blockiert. Dies ist der härteste ökonomische Schlag, den der Westen gegen Iran führen kann.

Ahmadinejad gerät sofort unter Druck, er braucht Ideen. Wichtig für die Wirtschaft und ihn: Die beiden wesentlichen Produkte Irans, Öl und Gas, gelangen weiterhin auf den Markt, können verkauft werden - auch ohne Swift.

Und so betritt ein Mann namens Babak Morteza Zanjani die Bühne. Er bringt mit, was Ahmadinejad braucht - Ideen.

Zanjani ist ein kauziger Typ. Geboren am 12. März 1974 in Teheran, ein schmächtiger Mann, rothaarig, hängende Schultern, helle Stimme, vom Phänotyp her: ein Musiklehrer. Allerdings kühl, und er gilt als arrogant.

Zanjani hatte sich im An- und Verkauf von Schaffellen versucht, dann stieg er ins Geldgeschäft ein - er wollte Karriere machen, doch so leicht war das nicht.

Was ihm half, nach iranischen Quellen, die anonym bleiben müssen, war die Freundschaft zu einem Mann, der zu jener Zeit unaufhaltsam aufstieg in der schiitischen Nomenklatura: Rostam Ghasemi, Befehlshaber der Pasdaran, der Revolutionswächter, stiernackig, als brutal verschrien. Ghasemi, heißt es, war Zanjanis Verbindungsfigur zu Ahmadinejad. Dem Präsidenten bot er sich als Finanzakrobat an. Sein Plan offenbar: Umgehen wir die Sanktionen, aber unauffällig. Das Sanktionssystem musste einerseits angebohrt werden, gleichzeitig sollte die Hülle unversehrt bleiben. Von außen musste alles so aussehen, als bliebe Teheran abgeschnitten, kaltgestellt, ohne Freunde.

Angeklagter Zanjani in Teheran 2015
Hemmat Khahi / Sipa / action press

Angeklagter Zanjani in Teheran 2015

Dabei gab es durchaus noch Freunde der Iraner, und dies wollte Zanjani wohl nutzen. Vor allem war da die Türkei. Das Nachbarland bezog 2011 fast 20 Prozent seines Erdgases und mehr als 50 Prozent seines Öls aus Iran - darüber hinaus, das war das Wichtigste, war die Türkei nicht Mitglied der EU, also freier im Umgang mit irgendwelchen Embargos.

Die Türkei war perfekt.

Nach allem, was man weiß, was beim Prozess gegen ihn zur Sprache kam, hatte Zanjani einen Plan: Iran würde den Türken weiterhin Öl und Gas liefern, die Türkei würde weiterhin für Öl und Gas bezahlen, in türkischer Lira, so weit, so korrekt. Üblich war auch, dass die türkischen Gelder auf ein Konto eingezahlt würden, das wie eine Art Sperrkonto fungierte: Für Iran sollte es unmöglich sein, das Geld heimlich abzuheben, um davon beispielsweise Uran zu kaufen. Darum ja der Aufwand mit dem Embargo.

Zanjanis Plan sah vor, dieses Geld auf verwirrende Weise in Bewegung zu setzen, es so lange hin- und herzuschieben, bis es sich auf wundersame Weise verwandelt haben würde, am besten in Gold. Denn Gold hat, neben seinem Wert, noch eine andere Eigenschaft: Gold hat keine laufenden Nummern, es hinterlässt, anders als Banktransaktionen, keine Spuren, wenn man es darauf anlegt. Es ist beständig und anonym. Gold, das war Zanjanis Lösung.

Jetzt brauchte er nur noch einen Partner in der Türkei.

Die Zarrabs, Vater und Söhne, hatten zu jenem Zeitpunkt bereits einen unterwürfigen Brief an die Zentralbank und wohl auch ans Präsidentenbüro in Teheran geschrieben, in dem sie sich als Kämpfer im "ökonomischen Dschihad" empfahlen. Es war der Versuch, sich in die erste Reihe zu drängeln, dorthin, wo das große Geld gemacht wird. Aber im Umfeld der Zentralbank und des Präsidenten waren Vater Hossein und seine Söhne Mohammad und Reza zu unbekannt.

Zanjani, so die Erkenntnisse der Ermittler, zog sie aus dem Schatten. Den Ausschlag gab, dass die Zarrabs sich in der Türkei auskannten. Vor allem Reza Zarrab sprach akzentfrei Türkisch. So einen Mann brauchte Zanjani.

Sein Plan fußte auf der schlichten Erkenntnis, dass Geld in Bewegung sein will. Es will ausgegeben sein, kassiert werden, Umlauf, Austausch, Verkehr - darin liegt des Geldes Bestimmung. Jeder Finanzmann, jeder Bankier weiß: Geld einzufrieren, es aus dem Verkehr zu nehmen, ist gleichsam widernatürlich.

Hier wollte Zanjani ansetzen. Er musste dazu lediglich etwas, das starr und eingefroren war, in Bewegung bringen.

Allerdings musste diese Bewegung vielgestaltig und verwirrend sein, die Unübersichtlichkeit war notwendiger Teil des Plans. Aber selbst wer den Verästelungen nicht zu folgen vermag, wird die Schläue und Kühnheit erkennen, die darin besteht, etwas Starres in Bewegung zu setzen, um, Schritt für Schritt, die Grenze zu verschieben.

Zanjani entwarf anscheinend ein globales Hütchenspiel, bei dem die Welt nie wissen durfte, unter welchem Papphütchen die Kugel verborgen ist. Gelder und Konten, Banken, Währungen und Orte, sie wurden ständig in Bewegung gehalten. Der Plan, von dem die amerikanischen und türkischen Ermittler, jene um Ö., ausgehen, in fünf Schritten. Erster Schritt: Iran lieferte Gas und Öl an die Türkei, die Türkei bezahlte dafür. Sie überwies das Öl- und Gasgeld auf ein iranisches Konto, wohin auch sonst. Das Konto unterhielt die iranische Regierung bei der türkischen Staatsbank, der Halkbank, dies war Routine und sollte als Kulisse dienen.

Bis hierhin widersprach nichts den Sanktionsbestimmungen. Die Iraner sollten ja für ihre Öl- und Gaslieferungen Geld bekommen. Sie sollten nur kein Uran dafür kaufen können, sondern allenfalls Medikamente, Ersatzteile für Maschinen, humanitäre Güter. Amerikaner und EU hatten einem solchen Handel sogar ausdrücklich zugestimmt, weil die Türkei ohne eigene Energievorkommen ist und somit auf Öl- und Gasimporte aus Iran angewiesen war. Nur reduzieren sollte sie ihre Importe.

Zweiter Schritt: Sobald das Ölgeld, überwiesen in türkischer Lira, auf dem iranischen Regierungskonto in der Türkei festlag, trat nach Erkenntnissen der Ermittler in Teheran eine Privatbank auf, die in Zanjanis Plan eingeweiht war. Sie wolle Geld wechseln, behauptete diese Privatbank, iranische Rial gegen türkische Lira, ein simpler Währungswechsel, Routine.

Dass die Privatbank sich deswegen an eine namhafte Bank in Teheran wandte, nennen wir sie A-Bank, die solche Währungsgeschäfte in staatlichem Auftrag ausführt, fand niemand auffällig. Es gehört zur Schönheit von Zanjanis Plan, dass er das Ölgeld ausgerechnet hinter der offiziellen Fassade eines Routinedeals, kaum merklich zunächst, in Bewegung setzte.

Denn die Privatbank zahlte die iranischen Rial zwar in Teheran ein, sie erhielt den Gegenwert in türkischen Lira allerdings nicht in Teheran, sondern in der Türkei - wo die A-Bank ja praktischerweise ein Konto bei der türkischen Halkbank unterhielt. Ein Konto, auf dem bekanntlich große Mengen türkischer Lira herumlagen - das Ölgeld nämlich, das eigentlich festgefroren sein sollte.

Der dritte Schritt: Das Ölgeld lag nun also nicht länger auf dem Konto der iranischen Staatsbank in der Türkei, sondern inzwischen auf dem Konto einer iranischen Privatbank - immer noch in der Türkei, immer noch bei derselben Bank, aber bereits eine Hausnummer weiter. Und nun kam offenbar Reza Zarrab ins Spiel, beziehungsweise eine seiner Firmen. Eine von Zarrabs Firmen wurde in Istanbul bei der iranischen Privatbank vorstellig und bat um einen Kredit. Ein Darlehen, das die Privatbank gern gewährte.

Das Ölgeld wanderte also nun - laut dem Ermittler Ö. - von einer Privatbank zu einer Privatfirma, von einer iranischen Privatbank zu einer türkischen Firma, mit einem harmlosen Firmenschild, zum Beispiel ein Laden, der allem Anschein nach nur Möbel baut oder Schiffe.

Vierter Schritt: Von dem Geld kaufte der Firmenchef, Reza Zarrab, allerdings kein Holz, um etwa Kleiderschränke schreinern zu lassen, sondern Goldbarren. Die Barren importierte er in die Türkei. Schließlich war es seine Firma, er konnte tun oder lassen, was er wollte.

Jetzt hatte er Geld in Gold verwandelt. Schön! Denn Gold bietet einen gewaltigen Vorteil: Goldbarren kann man in eine Tasche packen und damit zum Beispiel nach Teheran fliegen. Und das war der fünfte Schritt, der letzte: Kuriere schafften das Gold in kleinen Portionen und in großem Stil nach Teheran. Wo die Regierung Ahmadinejads, so die Annahme der Ermittler, Zugriff bekam.

Zarrab befehligte offenbar, so Ö., ein Heer von Helfershelfern. Jeder bekam einen Rucksack oder einen Aktenkoffer. Jeder Rucksack oder Aktenkoffer enthielt 50 Kilogramm Gold. Denn das ist die erlaubte Höchstmenge, die ein Passagier mitnehmen darf. 50 Kilogramm Gold hatten 2012 einen Wert von rund zwei Millionen Euro.

Ö., der Ermittler, berichtet, sie hätten den Kofferträgern Namen gegeben: "'Smurfs', Schlümpfe, die blauen Comicwesen mit den Mützen. Zarrab hatte nämlich eine Truppe von Schlümpfen am Start, unauffällige und emsige Kerle, die, als Geschäftsleute verkleidet, zwischen Istanbul und Teheran hin- und herpendelten. Sie mussten ein Jackett mit Krawatte anziehen und einen Koffer voller Gold mitnehmen. Und diesen Koffer in Teheran oder von 2012 an vermehrt in Dubai am Flughafen jemandem in die Hand drücken. Sie erhielten dann eine Quittung, ein Rückflugticket."

Im gesamten Jahr 2011 betrugen die Goldexporte von der Türkei nach Iran 54 Millionen Dollar, so die Handelsbilanz der Türkei. Allein in den ersten neun Monaten 2012 lag das Volumen bei 6,4 Milliarden Dollar, dem 119-Fachen.

Nichts verschwindet, alles verwandelt sich nur. Falls es so war, wie es aussieht, muss Zanjani das Gefühl gehabt haben, das perfekte System ersonnen zu haben, ein Illusionstheater in fünf Akten.

Der Kurierdienst bot einen großen Vorteil: Die Kuriere konnten offen auftreten. An ihrem Tun war nichts Illegales. Und auch die Türkei profitierte davon. Denn die Türkei verbuchte die Transporte ganz nebenbei als Ausfuhren, als wäre die Türkei - irrigerweise - ein großer Goldproduzent wie Ghana oder Südafrika. Die Exportbilanz wurde dadurch poliert, das Rating, das unter Druck geraten war, erholte sich - wohl dank der Goldexporte.

"Und Zarrabs Job bestand darin, an Ort und Stelle den Motor zu schmieren, mit Geld um sich zu werfen", sagt Ö., der Ermittler.

War er gut darin?

"Ein Naturtalent", sagt Ö., "und das war das Problem - er überzog, er übertrieb."

Zarrab, erzählt Ö., musste sich Politiker zu Freunden machen. Denn Nachforschungen und neugierige Fragen mussten abgebogen oder gestoppt werden, bevor sie überhaupt gestellt wurden. Zollinspektoren, Polizisten, Journalisten waren die natürlichen Feinde, man musste sie täuschen, wie ein Zauberkünstler sein Publikum ablenkt, mit Bewegung und Blitzen und Qualm.

Für diesen Rauchvorhang sei es nützlich gewesen, mit vielen Firmen spielen zu können. Zarrab allein besaß mindestens 43 Firmen, Zanjani weitere 60 - eine Bank in Malaysia, eine Werft, eine Möbelfabrik, Royal Mobilya, war darunter, wo man angeblich Küchentische zusammenschraubte. Zusammen hatten Zarrab und Zanjani also etwa hundert Firmen.

Um ungestört damit zu spielen, brauchte Zarrab Kontrolle, politische Macht. Folglich soll er sich türkische Regierungsmitglieder zu Freunden gemacht haben, so erzählt es Ö., und so wird es wohl auch die Anklage in New York darlegen. Politische Freundschaft war in der Türkei nicht selten käuflich. Aber Zarrab und seine Truppe drangen, folgt man dem Bericht und den Erkenntnissen der Anklage, in völlig neue Dimensionen vor.

Die Anklageschrift enthält unter anderem eine Excel-Tabelle über die Ausgaben des Zarrab-Imperiums. Der Wirtschaftsminister Zafer Caglayan soll demnach am meisten Bestechungsgeld kassiert haben: insgesamt 32 Millionen in Euro, dazu 10 Millionen in Dollar, dazu 300.000 Schweizer Franken, als Zugabe einen Konzertflügel. Uhren tauchen auf, eine für 464.100 Euro, eine andere für 729.850 Dollar. Ein Edelstein für mehr als 4 Millionen Dollar.

Muammer Güler, der Innenminister, soll mit immer noch rund 6 Millionen Dollar geschmiert worden sein. Alles in allem, so sehen es die Ermittler, waren es mehr als 50 Millionen Euro, was Zarrab in Sachen Übergabe einigen Einfallsreichtum abverlangt haben dürfte - schließlich konnte er keinen Dauerauftrag einrichten.

Zarrab, so schildert es Ö., war damals bester Dinge. Er ging in Ministerien ein und aus, er konnte Tauchboote und edle Pferde kaufen, wie es ihm gefiel, seine Frau, schön und berühmt, sang mit Erdogan ein Duett ("Ich gehe mit dir durch den Regen"). Und die letzten Kleinigkeiten im Leben, die Zarrab noch nervten?

Es gab da was. Im März 2014 entdeckte Zarrab, dass man im Straßenverkehr oft Zeit verliert. Unschön. Man steht an Ampeln, es gibt Staus, andere Autofahrer wollen auch irgendwohin. Zum Glück gibt es in Istanbul eine Sonderfahrspur, deren Benutzung normalen Menschen bei hohen Strafen verboten ist.

Am 13. April 2013 zahlt Zarrab laut Ermittlungsbericht an Baris Güler, den Sohn des Innenministers, anderthalb Millionen Dollar für das Privileg, diese Spur nutzen zu können. Seine Unterschrift aus jenen Tagen ist eine Schnörkelwolke, ein Ornament der Eitelkeit. Geldgier und Geltungssucht, damit kann man weit kommen.

Nur - dumm sollte man nicht sein.

Und hieran scheiterte Zarrab. Denn er war auf gerissene Art dumm. Die Summen, mit denen er offenbar um sich warf, waren absurd hoch, selbst für ein an Schmiergeld gewöhntes Milieu. Zarrab erregte Aufmerksamkeit. Er fachte die Gier an.

Und seine Leute wurden schludrig. Da wurde für ein fiktives Geschäft Weizen aus Dubai gekauft - wo man doch wissen könnte, dass in der Wüste kein Weizen gedeiht. Das waren noch vergleichsweise kleine Macken.

Der gravierendste Fehler, den Zarrab und Zanjani machten: Ihr Plan war offenbar nicht zu Ende gedacht. Denn ein oder zwei Notausgänge sollte man bei solchen Geschäften wahrscheinlich einbauen. Zanjani und Zarrab benahmen sich wie Bankräuber, die sich im Tresorraum die Taschen vollstopfen, den Champagner öffnen und völlig vergessen, dass draußen kein Fluchtauto wartet. Weil sie keines bestellt haben.

Wäre es auch einfacher gegangen? Vielleicht. Wäre es ungefährlicher gegangen? Gewiss. Allerdings hatte der Umweg über die Türkei, über das Gold und die vielen Firmen den Vorteil, dass er Zarrab und Zanjani unverzichtbar machte - und reich.

Am Ende waren es zwei Zufälle, die alles zerstörten, fast gleichzeitig.

Flughafen IST
Paul Hahn / laif

Flughafen IST

Auf dem Istanbuler Atatürk-Flughafen landete am 1. Januar 2013 um 6.40 Uhr morgens eine türkische Frachtmaschine. Eigentlich sollte die Maschine einen anderen Flughafen anfliegen, wegen Nebel wurde sie umgeleitet. An Bord der Maschine, die aus Ghana kam, war eine Ladung, anderthalb Tonnen Gold, im Wert von 65 Millionen Dollar. Empfänger war die Firma Sorinet. Die Firma gehört Babak Zanjani.

Die Papiere waren offenbar nicht in Ordnung. Die Maschine und ihre Fracht wurden festgesetzt. Zarrab musste in den kommenden Tagen und Wochen viel und auch zunehmend genervt herumtelefonieren. Er brauchte mehrere Tage, bis er die Maschine losgeeist hatte.

Doch er hatte für Aufsehen gesorgt. Nun kam eine Ermittlung in Gang, mit Ö. als einem der Chefs. Zur offiziellen Ermittlungsnummer 47909374-59351 kam später noch ein Name: "Operation Midas".

Manchmal arbeiteten die Ermittler rund um die Uhr, ihre Arbeit mündete schließlich in jenen Korruptionsskandal, der im Dezember 2013 die Türkei erschüttert, mehr als 50 Menschen werden festgenommen, darunter die Söhne dreier Minister, auch Reza Zarrab muss ins Gefängnis. Bis Erdogan, damals Ministerpräsident, es gelang, die Vorwürfe zu entkräften und sich gleichzeitig aus allem herauszuhalten.

Diverse Minister, darunter Caglayan, Güler, Bagis, traten Ende Dezember 2013 von ihren Ämtern zurück oder wurden ausgewechselt. Ein Untersuchungsausschuss des Parlaments wurde eingerichtet - er befand im Januar 2015, dass die Beweise für eine Anklage nicht ausreichten.

Türkische Minister Güler (zw.v.l.), Caglayan (zw.v.r.) 2013
REUTERS

Türkische Minister Güler (zw.v.l.), Caglayan (zw.v.r.) 2013

Auch das Parlament stimmte Anfang 2015 mehrheitlich dafür, dass die Minister sich nicht vor dem Verfassungsgericht verantworten müssten. Nach 74 Tagen kam auch Zarrab frei.

Währenddessen wurden Ö. und sein Team, so erzählt dieser es, einer nach dem anderen verhaftet. Zarrab schien in Sicherheit, zunächst. Doch dann kam der nächste Schlag - aus Teheran.

In Iran kommt mit Hassan Rohani ein neuer Präsident an die Macht. Seine Leute unterziehen das System des Vorgängers Ahmadinejad und damit Zanjanis einer strengen Buchprüfung. Und siehe da: In der Staatskasse fehlen offenbar ein paar Milliarden, das ist nicht schön.

Am 30. Dezember 2013 wird in Teheran Babak Zanjani als der Erfinder des Ganzen verhaftet. Ihm wird in Teheran der Prozess gemacht. Zwei Jahre und zwei Monate nach der Festnahme, am 6. März 2016, verurteilt das Revolutionsgericht Babak Morteza Zanjani wegen "Verderbenstiften auf Erden" zum Tode.

Zwei Wochen nach dem Todesurteil gegen Zanjani besteigt Zarrab mit Frau und Tochter die Turkish-Airlines-Maschine - ausgerechnet nach Miami, in jenes Land, das er in den vergangenen Jahren mutmaßlich hintergangen hat, warum auch immer. Wahrscheinlich aus Überheblichkeit, Dummheit.

Reza Zarrab wartet im Metropolitan Correctional Center in New York auf den Beginn des Prozesses. Die Vorverhandlungen haben bereits stattgefunden, im Daniel Patrick Moynihan Courthouse, Saal 17b, vor holzgetäfelten Wänden.

Zarrab trug während der Vorverhandlungen blaue Gefängniskluft, er folgte steif, mit brüchiger Miene, gelegentlich machte er sich Notizen. Er war abgemagert. Oft machte er einen irritierten Eindruck, sagen Beobachter. Als säße er da und versuchte zu verstehen, was geschehen war.



insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
lequick 18.08.2017
1.
Durchaus interessanter Artikel. Verstehe aber nicht was an dem Plan genial sein sollte? Das gleiche macht auch Nordkorea schon seit einer Ewigkeit, nur, dass die kein Erdöl und Ergas exportieren sondern Arbeitskräfte, Informationen etc. Das gleiche haben auch immer wieder andere Länder getan gegen die ein Embargo verhängt wurde. Aber, das muss man zugeben, die Ausmaße sind sehr groß. Interessant wäre es zu erfahren seit wann die Amerikaner davon wussten. Vermutlich schon sehr lange.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© DER SPIEGEL 33/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.