AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 16/2018

Vertrauliche Shell-Studie Wie ein Ölkonzern sein Wissen über den Klimawandel geheim hielt

Geheimdokumente zeigen: Shell wusste schon vor 30 Jahren im Detail über den Treibhauseffekt Bescheid - und entschied zu schweigen.

Erdölgewinnung in Kanada: Zu spät für Gegenmaßnahmen?
Bildagentur-online/ Tetra-Images

Erdölgewinnung in Kanada: Zu spät für Gegenmaßnahmen?

Von Marco Evers


Ist der Klimawandel real? Diese Frage ist mittlerweile leicht zu beantworten: Neun der zehn weltweit wärmsten Jahre seit Beginn der Wetteraufzeichnung fallen in die Zeit seit 2005. Die Durchschnittstemperatur auf Erden liegt jetzt knapp ein Grad Celsius höher als vor einem Jahrhundert.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 16/2018
Berechtigte Sorge, übertriebene Angst - die Fakten zur Debatte um Islam und Heimat

Vor mehr als 30 Jahren wollten auch Manager des niederländisch-britischen Mineralölriesen Shell wissen, ob der Klimawandel real sei. Zu einer Zeit, als außerhalb elitärer Forscherzirkel noch kaum jemand über dieses Thema sprach, beriefen sie sechs konzerneigene Wissenschaftler in die "Arbeitsgruppe Treibhauseffekt".

Das Gremium tauchte tief ein in die verfügbare Literatur und befragte Experten. Im April 1986 schloss es seine Untersuchung ab. Zwei Jahre später legte es intern einen knappen Bericht vor mit dem Vermerk "Vertraulich".

Jetzt ist das bemerkenswerte Werk wieder aufgetaucht (einsehbar auf der Internetplattform www.climatefiles.com). Der Shell-Report zum Klimawandel bietet 31 Seiten Schocklektüre plus Anhang. Hellsichtig und in glasklarer Sprache schildern die Konzernforscher darin ohne einen Anflug von Zweifel, wie das bei der Verbrennung von fossilen Energieträgern freigesetzte Kohlendioxid die Erde aufheizen wird - "nicht zu Lebzeiten der gegenwärtigen Entscheider", wohl aber zu denen ihrer Kinder und Enkel.

Das sind wir.

Auf den Planeten kämen Veränderungen zu, notierten die Autoren schon damals, die größer sein würden als alle anderen in den vergangenen 12000 Jahren. Eine Vielzahl der Phänomene, die heute von Klimaforschern diskutiert und teilweise auch in der Natur beobachtet werden, hatten die Shell-Forscher bereits auf dem Schirm - den steigenden Meeresspiegel, den Schwund der Korallenriffe, die Abnahme der polaren Eismassen, die wachsende Instabilität von Ökosystemen, die existenzielle Bedrohung für Länder wie Bangladesch, häufigere Extremwetterereignisse.

Für die Menschheit, so schrieben die Auguren, bedeute das alles nichts Gutes. Die Versorgung mit Trinkwasser und Nahrungsmitteln werde wohl schwieriger, der Wohlstand sei in Teilen der Welt bedroht, manchenorts seien massive Umsiedlungen unvermeidbar. "Solch relativ schnelle und dramatische Veränderungen", so raunten die Shell-Vordenker, würden "bedeutende soziale, wirtschaftliche und politische Konsequenzen" nach sich ziehen.

"Noch", hoben die Forscher hervor, sei eine Erwärmung gar nicht nachweisbar. Aber "gegen Ende des Jahrhunderts oder am Anfang des nächsten" werde der Anstieg der mittleren Temperatur weltweit auffällig werden.

Mit dieser Aussage haben sie rückblickend einen Volltreffer gelandet - mit ihrem nächsten Punkt hoffentlich nicht: "Sobald die globale Erwärmung messbar" werde, schrieben die Shell-Experten, "könnte es bereits zu spät sein, effektive Gegenmaßnahmen zu ergreifen oder die Situation auch nur zu stabilisieren".

Ihrem eigenen Konzern rechneten die Wissenschaftler vor, an der Krise nicht unschuldig zu sein. Von den weltweiten CO²-Emissionen des Jahres 1984 gingen immerhin vier Prozent auf Shell-Öl, Shell-Gas und Shell-Kohle zurück. Dezent mahnten die Forscher ihre Manager, sich dem Klimawandel zu stellen und das Problem im Zusammenspiel mit Regierungen und internationalen Organisationen konstruktiv anzupacken.

Doch die Shell-Manager entschieden sich anders.

Obwohl sie nunmehr wussten, dass ihre Branche die Menschheit in die Bredouille bringt, hat sie dieses Wissen nicht davon abgehalten, weiter in die Erschließung immer neuer Vorkommen von Öl, Kohle und Gas zu investieren. Von allem fossilen CO², das seit Beginn der Industrialisierung freigesetzt wurde, ist mehr als die Hälfte erst nach 1988 in die Atmosphäre gelangt.

In den USA tat sich Shell 1989 mit Ölmultis wie Chevron, BP und Exxon zusammen, die auch schon recht gut Bescheid wussten über den Klimawandel. Gemeinsam gründeten sie die Lobbyorganisation "Global Climate Coalition".

Mit einem Millionenetat schürte der Verband in der Öffentlichkeit systematisch Zweifel am Wahrheitsgehalt der Klimaforschung. Die Wirkung dieser und anderer Desinformationskampagnen hält bis heute an. Der Aufstieg des Klimaleugners Donald Trump und der Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimaschutzabkommen gehen auch auf das Konto von Shell & Co.

War es das Gewissen der Manager, die Geheimstudie im Giftschrank oder vielleicht der öffentliche Druck? Im Jahr 1998 entschloss sich Shell, den Klimawandel nun doch nicht länger abzustreiten. Der Konzern kündigte seine Mitgliedschaft in der Global Climate Coalition, die sich wenig später auflöste.

Seit dieser Kehrtwende erkennt Shell den von Menschen gemachten Klimawandel als Tatsache ausdrücklich an - und macht trotzdem munter weiter wie zuvor: Noch immer verdient der Konzern sein Geld damit, CO² in die Welt zu pusten. Alternative Energien spielen in seiner Bilanz bislang kaum eine Rolle.



© DER SPIEGEL 16/2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.