AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 34/2017

Fußballer James Rodríguez Der neue Bayern-Star und sein Netto-Deal

Mit James Rodríguez hat der FC Bayern München einen bemerkenswerten Vertrag geschlossen: Es gilt Netto statt Brutto. Außerdem toleriert der Verein die dubiosen PR-Einnahmen des Spielers.

Neuer Bayern-Profi Rodríguez
Bongarts / Getty Images

Neuer Bayern-Profi Rodríguez

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Am Tag, an dem James Rodríguez beim FC Bayern München unterschrieb, wurde er 26 Jahre alt. Am Abend vor seinem Geburtstag war er mit einem gecharterten Privatjet eingeschwebt. Bevor der Spieler und sein Berater am 11. Juli auf dem Sonderflughafen Oberpfaffenhofen von Bord gingen, hatte der Pilot noch einmal Kurs Richtung Nordosten Münchens genommen. Er drehte eine Runde über der Allianz Arena. So konnte James, wie ihn Fußballfans meist nur nennen, von oben sehen, wo er demnächst spielen wird. Aus der Luft sieht der FC Bayern nicht kleiner aus als Real Madrid.

Die Verpflichtung des Kolumbianers, der 2014 bei der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien Torschützenkönig wurde, scheint für den FC Bayern ein exzellentes Geschäft zu sein. Die Münchner zahlen Real Madrid 13 Millionen Euro dafür, dass James zwei Jahre lang auf Leihbasis bei ihnen spielt - die erste Tranche von 6,5 Millionen Euro ist zum 15. September fällig. Sollten die Bayern den offensiven Mittelfeldspieler danach fest unter Vertrag nehmen, würden weitere 42 Millionen Euro an Real Madrid fällig, wiederum zahlbar in zwei Raten.

Gemessen an den Ablösesummen, die aktuell im Transfergeschäft aufgerufen werden, mutet der James-Deal wie ein Schnäppchen an. Selbst die 41,5 Millionen Euro, die der FC Bayern für seinen anderen Neuzugang Corentin Tolisso an Olympique Lyon hinlegt und die für den deutschen Rekordmeister der höchste jemals gezahlte Preis für einen Spieler sind, wirken angesichts der ins Monströse entglittenen Preise beinahe schon putzig. Es ist ein Sommer des Irrsinns.

Der FC Chelsea überweist für den Stürmer Álvaro Morata, der bei Real Madrid meist auf der Ersatzbank saß, 65 Millionen Euro. Manchester United lässt sich den belgischen Angreifer Romelu Lukaku vom FC Everton 85 Millionen Euro kosten.

Doch seit die Scheichs aus Katar den Brasilianer Neymar für 222 Millionen Euro vom FC Barcelona zu Paris Saint-Germain geködert haben, ist der Markt komplett aus den Fugen geraten - plötzlich soll auch ein Spieler wie der 20 Jahre alte Stürmer Ousmane Dembélé von Borussia Dortmund, dem nun der FC Barcelona nachstellt, 150 Millionen Euro wert sein.

Doch das Leihgeschäft der Bayern mit James hat seine Tücken. Die Münchner haben sich nicht nur einen ordentlichen Fußballer an die Säbener Straße geholt. Sie haben sich auch, und das wissen sie, auf einen Geschäftspartner eingelassen, der zu den umstrittensten Netzwerkern des internationalen Fußballs gehört.

James Rodríguez ist ein Klient des Spieleragenten Jorge Mendes. Der frühere Nachtklubbetreiber aus Porto hat sich zum einflussreichsten Vermittler der Welt hochgearbeitet. Zahlreiche seiner prominenten Spieler wie Radamel Falcao, Ángel Di María und Diego Costa hatten oder haben indes Probleme mit Finanzbehörden und Staatsanwälten. Gegen Cristiano Ronaldo hat die Staatsanwaltschaft Madrid Anklage wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung von 14,8 Millionen Euro erhoben.

Die Ermittlungen nahmen Fahrt auf, nachdem der SPIEGEL und das Recherchenetzwerk European Investigative Collaborations Beiträge zu diesen Affären veröffentlicht hatten. Sie basierten auf Material der Enthüllungsplattform Football Leaks. In fast all diesen Fällen geht es um obskure Briefkastenfirmen in Steueroasen, auf die Werbeeinnahmen der Spieler in Millionenhöhe am Fiskus vorbei geflossen sein sollen.

Auch der Bayern-Neuzugang James hatte sich demnach ein Geflecht für seine PR-Einnahmen zimmern lassen und steht nun im Visier der spanischen Steuerbehörden. Die Bayern-Bosse hätten das wissen können, seit einem halben Jahr berichten Medien europaweit über seinen Fall. Moralische Bedenken, die sie hätten haben können, überkamen die Münchner offenbar nicht. Sie wollten den Wunschspieler ihres Trainers Carlo Ancelotti holen, und sie fanden für sich den passenden Weg. Das belegt der Arbeitsvertrag zwischen beiden Parteien, den Football Leaks dem SPIEGEL zuspielte. Das Papier vom 12. Juli, mit Anlagen 31 Seiten stark, ist ein Meisterwerk bayerischer Realpolitik - besonders in den Passagen, in denen es um die "Eigenvermarktung des Spielers" geht.

Rodríguez bei seiner Vorstellung in München mit Moderator Dieter Nickles, Trainer Carlo Ancelotti und dem Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge am 12. Juli
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Rodríguez bei seiner Vorstellung in München mit Moderator Dieter Nickles, Trainer Carlo Ancelotti und dem Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge am 12. Juli

Bereits auf Seite sechs ("Finanzielle Vereinbarungen") wird die Handschrift von Berater Mendes erkennbar. Das monatliche Grundgehalt, das er für James ausgehandelt hat, ist eine Nettogage: 541.670 Euro "unter Ausschluss aller vorgeschriebenen deutschen Einkommensteuer- und Sozialabgaben". Damit kommt der Kolumbianer auf ein jährliches Nettogrundgehalt von 6,5 Millionen Euro - und gehört zu den bestbezahlten Spielern des deutschen Rekordmeisters.

Nettobeträge sind auch die Prämien, die Mendes für seinen Spieler herausgeholt hat: 250.000 Euro für den Fall, dass James zwölf Tore in den Pflichtspielen einer Saison erzielt, weitere 250.000 Euro, sobald er in einer Saison mindestens 20 Tore unmittelbar vorbereitet hat.

Der FC Bayern verpflichtet sich seinerseits, sämtliche Steuern und Abgaben zu übernehmen. Sollten Steuern oder Sozialabgaben für Angestellte in Deutschland steigen, würde der FC Bayern einspringen.

Normalerweise schließen deutsche Klubs keinen Nettovertrag mit einem Spieler ab. Wie für alle anderen Angestellten im Land vereinbaren sie ein Bruttogehalt. Und steigen die Steuern, sinkt eben der Reallohn.

Die Verantwortlichen des FC Bayern äußern sich auf Nachfrage nicht zu den Vertragsdetails, im Kontrakt mit dem kolumbianischen Nationalspieler ist eine Verschwiegenheitsklausel mit aufgenommen.

Mit seinem vorherigen Arbeitgeber Real Madrid hatte James eine Zahlungsvereinbarung gefunden, die nicht so einfach auf den FC Bayern zu übertragen war. Sie hätte erhebliche steuerliche Risiken für den deutschen Rekordmeister in sich geborgen. Der Grund: die Werbeeinnahmen des Spielers.

Es geht bei James, wie so häufig bei Profis der spanischen Primera División, um fragwürdige Absprachen zu ihren Bild- und Werberechten. Und es geht in seinem Fall, wie so häufig bei Spielern des Superberaters Jorge Mendes, um eigens gegründete Briefkastenfirmen in Steuerparadiesen wie den British Virgin Islands in der Karibik, an die diese Werbemillionen flossen. Und weiter fließen.

In Spanien ist es möglich, dass Profiklubs den Spielern bis zu 15 Prozent der ausgehandelten Gage für die Abtretung der Werbe- und Bildrechte überweisen. So war es auch bei James. Als der Kolumbianer am 22. Juli 2014 für eine Ablösesumme von 75 Millionen Euro vom AS Monaco zu Real Madrid wechselte, unterschrieb er mehrere Verträge, darunter einen Arbeitsvertrag sowie einen Vertrag zur Abtretung seiner Bildrechte.

In seinem Arbeitsvertrag, der bis Juni 2020 lief, war sein Grundgehalt festgeschrieben: 7.009.930 Euro für die Saison 2014/15, für die weiteren fünf Spielzeiten jeweils 7.759.380 Euro. Dieses Gehalt war ausdrücklich ein Bruttogehalt, der Steuersatz für Spitzenverdiener in Spanien lag damals bei 52 Prozent.

Für die Abtretung seiner Werbe- und Bildrechte garantierte Real James in der Saison 2014/15 weitere 1.237.030 Euro, für alle folgenden Jahre bis Ende Juni 2020 exakt 1.369.720 Euro. Dafür sicherte sich der Klub im Gegenzug 40 Prozent aller PR-Einnahmen des Spielers. Im Oktober 2015 legte Madrid noch einmal nach und verbesserte die Bezüge des Mittelfeldstrategen. Seither erhielt James vom Verein pro Saison exakt zehn Millionen Euro. Brutto.

Dass ein Verein einen Profi für die Abtretung von Werbe- und Bildrechten hierzulande gesondert vergütet, ist so gut wie ausgeschlossen. In Deutschland gelten Marketing- und Werbeleistungen für Klub oder Verband als normaler Bestandteil der Arbeit eines Fußballers, sie sind mit dem Grundgehalt abgegolten. Alle anderen Regelungen betrachtet der Fiskus als "verdeckte Gehaltszahlungen" - da kennen die Prüfer in Deutschland kein Pardon mehr.

Mendes aber nutzt meistens diese Masche: die Trennung und unterschiedliche Behandlung von Gehalt und Werbeeinnahmen. Mendes' Spielerberaterfirma Gestifute hat ihren Sitz im Ulysses House in Irlands Hauptstadt Dublin, wo die Steuerbelastung von Unternehmensgewinnen bei 12,5 Prozent liegt. Im selben Stockwerk sind zwei weitere Firmen registriert: die Polaris Sports Limited und die Multisports & Image Management. Diese Agenturen vermarkten in der Regel Mendes' Klienten. Von dort wird ein Großteil der Werbeeinnahmen an Briefkastenfirmen in Steuerparadiesen weitergeleitet, an die die Mendes-Kundschaft ihre Persönlichkeitsrechte abgetreten hat.

Den neuen Bayern-Star James haben die Finanzbehörden in Madrid auch auf dem Schirm. Mendes selbst weist jegliche Verwicklungen in die Steueraffären seiner Spieler von sich. Er ist ein Großmeister der Diskretion. Fast nie taucht seine Unterschrift in Verträgen auf. Das übernehmen Rechtsanwälte, Treuhänder, Strohmänner oder willige Gefährten wie der Ire Andrew Patrick Quinn, der für alle drei Firmen im Ulysses House zeichnungsberechtigt ist.

Er sei nur der Mann für die Verhandlungen bei Vereinswechseln und Vertragsverlängerungen, betont Mendes unablässig. Von den Firmengeflechten seiner Stars habe er nicht die geringste Ahnung. Selbst bei einer Anhörung vor einem Gericht bei Madrid im Fall seines Spielers Falcao, zu der Mendes geladen war, bestand der Agent auf dieser Version.

Doch Dokumente und Schriftstücke von Football Leaks belegen, wie tief Mendes in das Firmengeflecht und die Zahlungsströme verstrickt ist, die James nun wegen seiner PR-Einkünfte erhebliche Probleme mit den Steuerprüfern bereiten. Weder der Berater noch der Spieler äußern sich auf Anfrage zu den Vorgängen.

Anfang November 2014, wenige Monate nach seiner Verpflichtung durch Real Madrid, übertrug James demnach die Rechte an seiner weltweiten Vermarktung auf ein Unternehmen namens Kenalton Assets Limited. Die Firma ist auf den British Virgin Islands gemeldet, alle Anteile besaß damals der Mann, der von all den dubiosen Machenschaften nichts gewusst haben will: sein Spielerberater Jorge Mendes. Die Kenalton ist ganz offensichtlich eine Briefkastenfirma ohne eigenen Geschäftsbetrieb, hier sollten die Millionen gebunkert werden, die James mit seiner weltweiten Vermarktung verdient.

Noch am selben Tag, an dem James seine Werberechte an die Kenalton übertragen hatte, reichte diese den Vermarktungsauftrag an die Polaris Sports in Dublin weiter. An Polaris ist bis heute ebenfalls Jorge Mendes beteiligt.

Polaris schaffte hoch dotierte Werbeverträge an: einen 7-Millionen-Euro-Kontrakt mit Adidas; einen 800.000-Euro-Vertrag mit dem japanischen Autobauer Toyota; einen 850.000-Dollar-Vertrag mit dem US-Brausehersteller Pepsi.

In der Weihnachtszeit 2014 traf man sich zu einem ganz speziellen Deal. Laut einem Vertragsentwurf übertrug James in Genf vor einem marokkanischen Notar sämtliche Erlöse aus seiner weltweiten Vermarktung bis Ende des Jahres 2020 an die Mendes-Firma Kenalton. Dafür standen James auf einen Schlag zwölf Millionen Euro zu. Das Geld stellte der Spieler der Kenalton am 20. Dezember 2014 in Rechnung, zahlbar auf ein Konto bei einem Schweizer Kreditinstitut: der St. Galler Kantonalbank.

Aus einem Dokument eines Anwalts mit dem Kennwort "Bildrechte James Rodríguez", erstellt im April 2016, geht ein weiterer Zug zur Verschleierung der Werbeeinnahmen hervor. Demnach sollte James von den zwölf Millionen Euro, die er von Kenalton erhalten hatte, sechs Millionen zurückzahlen. Jorge Mendes wiederum sollte James diese sechs Millionen rückerstatten. "Finale Situation", heißt es in dem Memo: "JM schuldet JR nichts; JR schuldet der Kenalton nichts." Das Kürzel "JM" steht für Jorge Mendes, "JR" für James Rodríguez.

DPA

Warum diese verwinkelten Wege der Werbemillionen? Warum diese Heimlichtuerei? Dass die Gespräche zwischen Mendes und dem FC Bayern München auch wegen all dieser undurchsichtigen Transaktionen ziemlich kompliziert gewesen sein müssen, geht aus einer Nachricht hervor, die ein Anwalt der Mendes-Agentur Gestifute schickte. "Hast du die Verwicklungen in dem Vertrag mit Kenalton gesehen?", hieß es dort. Es sei "unmöglich", morgen den Vertrag mit den Münchnern zu unterschreiben.

Die Bayern lösten die Sache pragmatisch: Sie erlauben dem Spieler auch weiterhin, diese Kanäle zu nutzen. Sie selbst halten allerdings größtmöglichen Abstand. Genauso lesen sich die Passagen, in denen es um die "Vermarktung von Leistungen und Rechten des Spielers" sowie "Sonstige Vereinbarungen hinsichtlich der Vergütung" geht.

James verpflichtet sich in seinem Arbeitsvertrag mit dem FC Bayern, "unaufgefordert und unverzüglich sämtliche aus dem Einsatz in Auswahlmannschaften oder durch Vermarktungstätigkeit erzielte Einnahmen von Dritten mitzuteilen". Im Klartext: Er muss offenlegen, wer seine Sponsoren sind und wohin seine Werbemillionen fließen.

Zudem erteilen die Bayern James die "Freigabe für folgende bereits bei Vertragsschluss bestehende Aktivitäten der Eigenvermarktung". Schriftlich fixiert sind sieben hoch dotierte Werbeverträge, darunter die Vereinbarung mit Adidas. Die Klubbosse gestatten James auch neue Vermarktungsdeals unter der Voraussetzung, "keine berechtigten Interessen" des Vereins zu verletzen.

Für den deutschen Rekordmeister gibt es eine Feuertür, die den Klub von dem Firmengeflecht trennt, in das die Werbemillionen seines neuen Stars fließen. In dem Vertrag mit James halten die Münchner trocken fest, dass all seine zukünftigen PR-Aktivitäten im Namen des Vereins "angemessen vergütet sind" - und sie dem Spieler keinen Cent mehr als die garantierten 6,5 Millionen Euro netto zahlen müssen.

Mendes' Firma Gestifute bekommt von den Bayern zwei Millionen Euro für die Vermittlung des Spielers. Doch nicht der Spielerberater hat die Kommissionszahlung mit dem Klub vereinbart. Es ist Andrew Patrick Quinn, Mendes' treuer Direktor aus Dublin.



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