AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 11/2018

Gefühle verstehen Das Emoji in unserem Gesicht

In einer durchrationalisierten Welt entdecken die Menschen Macht und Wert von Emotionen neu. Die Wissenschaft beginnt, die Welt der Gefühle zu entschlüsseln.

Froh: 43 Muskeln machen den Unterschied aus
Jan Philip Welchering / SPIEGEL WISSEN

Froh: 43 Muskeln machen den Unterschied aus


JEDER STUHL im Theatersaal ist besetzt, die Schlange der Wartenden reicht bis auf den Gehweg hinaus. Hunderte Menschen sitzen sich paarweise gegenüber und schauen sich in die Augen, minutenlang, schweigend. Fast totale Stille, manchmal ein Lachen, hin und wieder ein lautes Seufzen, einige Augen werden wässrig vor Rührung, manche verabschieden sich mit langen Umarmungen, obwohl sich hier niemand kennt.

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Heft 11/2018
Depression: Wie gerät man hinein - wie kommt man heraus?

Das "Eye Contact"-Experiment wird in Berlin-Kreuzberg zurzeit alle paar Wochen wiederholt - wegen des großen Andrangs. "Erst dachte ich, ich könnte in den Augen und dem Gesicht des anderen nur seine Gefühle erkennen", sagt Yvonne Thoms, 32. Die Heilpraktikerin macht schon zum zweiten Mal mit: "Aber dann habe ich gemerkt: Ich spüre vor allem meine eigenen Emotionen wieder deutlicher." Regelrecht aufgelöst und schwebend sei sie an solchen Abenden: "Gefühl pur."

Die Suche nach dem verlorenen Gefühl liegt im Trend. In einer durchrationalisierten und zunehmend auch digitalisierten Welt entdecken die Menschen Macht und Wert von Emotionen neu.

Sie lernen in Seminaren für Achtsamkeit, ihre Aufmerksamkeit auf körperliche Empfindungen zu richten, erforschen in Kursen die Frage, warum sie sich in wen verlieben. Oder sie versuchen zu begreifen, wie nicht nur die großen Lebensentscheidungen, sondern auch alltägliche Abläufe vom Bauchgefühl abhängen. Viele wollen nicht nur WhatsApp-Emojis, sondern wieder "echte" Gefühle spüren und sich selbst verstehen.

Wütend
Jan Philip Welchering / SPIEGEL WISSEN

Wütend

Flankiert wird diese Entwicklung durch neue Erkenntnisse aus der Wissenschaft. Lange war die Forschung überwiegend auf den Verstand fixiert, Gefühle überließ man gern Poeten, Malern und Sängern, das Sentiment war allenfalls als hormonelle Frage interessant, verbannt ins limbische System. Doch neuere bildgebende Verfahren und statistische Methoden haben in den vergangenen Jahren die Neurowissenschaft vorangebracht. Bald könnten Forscher in der Lage sein, unsere emotionale Welt besser darzustellen und zu entschlüsseln.

Denn das Gehirn wird bei Gefühlsregungen auf eine spezifische Art aktiv, was sich mit neuen Methoden der Bildgebung zeigen und analysieren lässt: So aktiviert Traurigkeit beispielsweise andere Hirnzonen als Freude - und offenbar erfassen Emotionen mehrere Gehirnregionen.

Wozu solche Erkenntnis gut ist? Entzaubern wir damit nicht die Liebe oder Freude, das Unwägbare und Romantische? Landen wir nicht irgendwann in Aldous Huxleys schöner neuer Romanwelt, in der Liebe und Hass mittels des fiktiven Medikaments "Soma" kontrolliert wurden, damit die Menschen ungestört funktionieren, statt Zeit und Energie an Gefühle zu verschwenden?

Traurig
Jan Philip Welchering / SPIEGEL WISSEN

Traurig

NEUE VERFAHREN sollen eher das Gegenteil bewirken, nämlich künftig Menschen mit emotionalen Problemen helfen: Die Diagnose einer Depression wäre womöglich leichter, ebenso die Erfolgskontrolle von Therapien. Emotionen auf Gehirnbildern ablesen zu können wäre ein Fortschritt für Patienten, die ihre Gefühle nicht richtig wahrnehmen und beschreiben können. Diese Störung, Alexithymie genannt, betrifft bis zu zehn Prozent der erwachsenen Bevölkerung. Auch bei Menschen im Koma oder mit Demenz wäre es eventuell möglich, besser zu erfahren, was in ihrem Innern vorgeht.

Zwar wird wissenschaftlich fein unterschieden, was Emotion, Intuition, Stimmung oder Leidenschaft ist. Einig scheint man sich aber in der Bedeutung der Gefühle für die Menschheit. Und darin, dass gewisse Grundemotionen bereits in unseren Genen stecken: Auch Neugeborene zeigen Angst und Freude.

Schon Charles Darwin hatte sechs Grundemotionen definiert, bekannt als Darwins "big six". 1872 beschrieb er Freude, Überraschung, Traurigkeit, Ekel, Angst und Zorn als Basisemotionen. Der US-amerikanische Forscher Paul Ekman baute diesen Kanon aus. Die Basisemotionen werden laut Ekman kulturübergreifend in gleicher Weise erkannt und dargestellt. 43 Muskeln sind es, mit denen mehr als 10.000 Gesichtsausdrücke erzeugt werden können. Die von Ekman als elementar beschriebenen Gesichtsausdrücke, beispielsweise für Freude, Wut, Ekel, Furcht, Traurigkeit und Überraschung, sind nicht kulturell erlernt, sondern angeboren. Es hat Hunderttausende Jahre gedauert, die gesamte Palette unserer Emotionen hervorzubringen und stetig weiter zu verfeinern.

Selbst wenn Forscher noch streiten, ob zuerst die körperliche Reaktion ein Gefühl anzeigt oder aber das Gefühl eine messbare Reaktion im Körper auslöst: Die Macht der Emotionen in unserem Leben bestreitet niemand mehr. Sie verstehen zu wollen, ist eine spannende Expedition in Wissenschaft, Kultur, Ethik und vieles mehr. Ein Abend mit schweigendem Augenkontakt ist da nur ein Anfang.

Neugierig
Jan Philip Welchering / SPIEGEL WISSEN

Neugierig


"Ich, einfach besser": Unter diesem Motto stellen die drei nächsten SPIEGEL-WISSEN-Ausgaben Wege zu Gesundheit und innerem Einklang vor. Aktuell am Kiosk: "Gesund durch Fasten". Am 24. April erscheint das Heft "Bewegung im Alltag"; am 26. Juni die Ausgabe "Gefühle verstehen".



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