AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 19/2017

RAF Wie sich Rudolf Augstein und Ulrike Meinhof näherkamen

Es geht um Geld, Franz Josef Strauß und die RAF: Bislang unveröffentlichte Briefe zwischen Rudolf Augstein und Ulrike Meinhof zeigen, wie sich der SPIEGEL-Herausgeber und die Terroristin näherkamen und wieder entfremdeten.

Journalistin Meinhof in Westberlin 1970
Klaus Mehner/Berlinpressservices.de

Journalistin Meinhof in Westberlin 1970

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"Lieber Rudolf", schreibt Ulrike Meinhof 1970 an den Herausgeber des SPIEGEL. Seit Mai ist die Hamburger Journalistin wegen versuchten Mordes zur Fahndung ausgeschrieben. Zusammen mit vier Genossinnen und zwei Genossen hatte sie in Westberlin den Strafgefangenen Andreas Baader befreit; ein Mann wurde dabei angeschossen. Gemeinsam mit ihren Gefährten gründete sie daraufhin die RAF.

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Heft 19/2017
Der eitle Kampf der Verteidigungsministerin gegen ihre skandalreiche Truppe

Meinhof will der breiten Öffentlichkeit erklären, warum sie geschossen haben und ihren Kampf jetzt bewaffnet führen wollen. Deshalb bietet sie ihrem Duzfreund und Kollegen Rudolf Augstein ein Manuskript an, ein Manifest mit dem Titel: "Den bewaffneten Widerstand organisieren - Die Klassenkämpfe entfalten - Die Rote Armee aufbauen". Um mögliche Zweifel an der Authentizität des Textes zu zerstreuen, legt Meinhof ein Tonband bei, auf dem sie zu hören ist. Die eigene Stimme, schreibt sie, "kann man nicht verstellen".

Es ist ein ungewöhnlicher Brief an den SPIEGEL, versehen mit einer für linke Revolutionäre überraschend geschäftstüchtigen Forderung: "Als Honorar schlage ich 2000 Dollar vor", so Meinhof, "zu überweisen als Spende auf das Konto der Roten Hilfe in Berlin." Vorsorglich fügt sie hinzu: "Die Tatsache, daß ich zZt nicht als Vertragspartner auftreten kann, sollte kein Hinderungsgrund sein, mich so zu behandeln."

Das Manifest auf Augsteins Schreibtisch war einer der ersten Texte, den die Gründungsmitglieder der RAF verfasst hatten. Eine wichtige Schrift, die den radikalen Bruch einer kleinen Fraktion der Studentenbewegung mit dem westdeutschen Staat dokumentiert. Augstein und Meinhof kennen sich seit Jahren, sie schätzen sich. Aber soll er einen Text veröffentlichen, der zur Gewalt aufruft? Und dafür auch noch bezahlen?

Der Brief ist Teil einer Korrespondenz mit Augstein, die Hauke Janssen, der Leiter der SPIEGEL-Dokumentation, bei Recherchen für ein Buch zum 70. SPIEGEL-Jubiläum im Hausarchiv ausgegraben hat. Der noch nie veröffentlichte Briefwechsel zeigt, wie sich zwei Menschen vorsichtig näherkommen, hier der einflussreiche Herausgeber, da eine viel beachtete Kolumnistin, elf Jahre jünger als er.

Jahrelang schreiben sich die beiden so unterschiedlichen Journalisten. Zunächst verbindet sie ihre Feindschaft zu Franz Josef Strauß, dem mächtigen CSU-Politiker. Später kühlt ihre Freundschaft ab, in dem Maße, in dem sich Meinhof radikalisiert.

Ulrike Meinhof war 1959 von Münster, wo sie ihre Dissertation über den Pädagogen Pestalozzi vorbereitete, nach Hamburg gezogen. Im Jahr darauf arbeitete sie als Chefredakteurin für die linke Studentenzeitschrift "konkret" und heiratete 1961 Klaus Rainer Röhl, den Eigentümer des phasenweise von der DDR finanzierten Blattes.

Sie konzentrierte sich auf heikle, kontroverse Themen wie die Wiederaufrüstung der Bundeswehr und das Beschweigen der Nazivergangenheit. Sie lernte schnell, eindringlich zu moralisieren, und attackierte rechte Politiker mit großer Schärfe.

Anfang März 1962 brachte der Leitende Oberstaatsanwalt beim Landgericht Hamburg eine Anklageschrift gegen "Ulrike Marie Röhl geb. Meinhof, ... unbestraft", zu Papier. Er warf ihr vor, "durch Verbreitung von Druckschriften den Bundesminister für Verteidigung beleidigt zu haben". Meinhof hatte zu verantworten, dass unter dem Titel "Hitler in Euch" unter anderem geschrieben wurde: "Wie wir unsere Eltern nach Hitler fragen, so werden wir eines Tages nach Herrn Strauß gefragt werden."

Meinhof schickte die Anklageschrift des Oberstaatsanwalts an Augstein, der ihr Ende April 1962 antwortete: "Liebe Frau Röhl! Ich habe mit Herrn Heinemann und mit einem anderen recht einflußreichen Herrn über Ihre Sache gesprochen. Es besteht kein Grund zu irgendeiner Art von Beunruhigung."

Meinhofs Anwalt war der spätere Bundespräsident Gustav Heinemann. Er konnte erreichen, dass das Amtsgericht Hamburg die Anklage nicht zuließ und das Verfahren eingestellt wurde.

Herausgeber Augstein in Hamburg 1965
DER SPIEGEL

Herausgeber Augstein in Hamburg 1965

Wenige Monate später begann die SPIEGEL-Affäre: Das Magazin veröffentlichte die Bundeswehr-kritische Titelgeschichte "Bedingt abwehrbereit", der Herausgeber landete für 103 Tage in Untersuchungshaft. Die Ermittlungen wegen angeblichen Landesverrats hatte Franz Josef Strauß tatkräftig unterstützt.

Augsteins Solidarität mit Meinhof beeinflusste seinen Geschäftssinn allerdings nicht. Im April 1964 schlug Meinhof ein Tauschgeschäft vor: Der SPIEGEL solle Anzeigen für "konkret" drucken und umgekehrt. Sie grüßte als "Ihre sehr ergebene Ulrike Marie Röhl geb. Meinhof", doch Augstein lehnte ab: "Unsere Verlags-Herren versprechen sich von einer Insertion in ,konkret' nicht allzuviel, und ich glaube, bei nüchterner Betrachtung muß man ihnen zustimmen."

Im Frühjahr 1965 war es Franz Josef Strauß dann doch gelungen, seine Hamburger Gegnerin vor Gericht zu bringen. Vor dem Amtsgericht München hatte Meinhof sich wegen Beleidigung des CSU-Vorsitzenden zu verantworten. In ihrer Kolumne hatte sie eigentlich die "Stern"-Redaktion angegriffen, weil diese "gesinnungslos und geschäftstüchtig" die Spalten der Illustrierten "dem infamsten deutschen Politiker" geöffnet habe: Franz Josef Strauß.

Der Bayer stellte Strafantrag. Und Augstein riet Meinhof: "Ich sehe nur eine Möglichkeit, eine Verurteilung zu vermeiden: Sie werden krank und bitten um Vertagung." In der Zwischenzeit solle man Fälle recherchieren, in denen sich Politiker untereinander einer "infamen Handlungsweise" bezichtigt hätten.

Die Angeklagte folgte diesem Rat nicht, erschien vor dem Amtsgericht München und wurde zu 600 Mark Geldstrafe verurteilt. Immerhin hatte ihr Augstein geschrieben: "Wir übernehmen die bisher aufgelaufenen Kosten. Machen Sie sich über die Begleichung keine Gedanken. Sehr freundliche Grüße Ihr Rudolf Augstein".

Am 17. Mai 1966 ließ Meinhof Augstein wissen: "Das Urteil ist noch nicht da, dafür die Rechnung. Ich erlaube mir sie zu schicken. ... Dankbar natürlich, aber auch herzlich". Sieben Tage später antwortete Augstein: "Die Rechnung ist behandelt worden."

Es blieb nicht die letzte Justizrechnung, die der wohlhabende Herausgeber für die Kollegin beglich. Noch 1967 schrieb Meinhof: "Ich erlaube mir, anliegend wieder einmal eine Rechnung zu präsentieren, die längst überfällig ist, nur zögerte ich damit, weil einem dergleichen eben doch nicht glatt von der Hand geht." Der letzte Satz des Briefes: "Vielleicht sieht man sich mal, dies und das zu bereden, wenngleich nicht nur das."

"Liebe Ulrike!", antwortete Augstein. "Ich bin für vier Wochen weg. Aber ich finde längst, wir sollten das und dies bereden."

Es ist nicht klar, wie oft sich Augstein und Meinhof trafen, beide besuchten sie jedenfalls die Partys der linksliberalen Hamburger Szene. Ab Mitte der Sechzigerjahre duzten sie sich. Nachdem Meinhof Anfang 1968 ihren Mann Klaus Rainer Röhl endgültig verlassen hatte und mit ihren Zwillingstöchtern nach Westberlin gezogen war, dürfte sie Augstein nicht mehr gesehen haben.

Am 9. Februar 1968 um 21.44 Uhr bekam Augstein ein Telegramm von Meinhof aus Berlin. Sie schrieb: "In Berlin herrscht gegenwaertig ein absoluter und kaum schlimmer vorstellbarer Terror gegenueber den Studenten." Ein Hearing, das sich mit der Hetze der Springer-Presse gegen die Studenten beschäftigen sollte, könne nicht mehr in der vorgesehenen Form stattfinden.

"Im Zusammenspiel von Senat Polizei Springerpresse und bedingt auch Universitaet-Administration werden und sollen", so Meinhof, "den Studenten noch alle Veranstaltungen und Demonstrationen verboten werden Es gab in dieser Woche keine Studentenveranstaltung vor der nicht Wasserwerfer und Polizei-Hundertschaften postiert worden waeren Es herrscht dringend, um nicht zu sagen verzweifelt der Wunsch, dass an den Regierenden Bürgermeister Klaus Schuetz Protesttelegramme geschickt werden und zwar per Adresse Republikanischer Club 1/Berlin/15, Wielandstr 27 Es besteht der dringende Wunsch dass diese Bitte an Andere im In- und Ausland weitergegeben wird Gruss = Ulrike Meinhof zur Zeit Berlin"

Meinhof-Telegramm an Augstein 1968

Meinhof-Telegramm an Augstein 1968

Es ist unklar, ob Augstein dieser Bitte entsprochen hat. Er war damals Mitglied der FDP und fand, dass die radikalen Studenten, mit denen er anfangs sympathisiert hatte, inzwischen zu weit gingen.

Auch Meinhof mochte wohl nicht mehr freundschaftlich "dies und das" mit dem Herausgeber besprechen. Als sie Anfang 1970 in einem TV-Interview nach dem SPIEGEL-Gründer gefragt wurde, antwortete sie: "Die Linken haben von den falschen Leuten das Richtige erwartet. Von Augstein das Richtige zu erwarten heißt vom Ochs was anderes als ein Stück Rindfleisch."

Ulrike Meinhof war auf dem Weg in die Finsternis der RAF. Nach dem Attentat auf Rudi Dutschke, den Kopf der Studentenbewegung, an Ostern 1968 hatte Meinhof programmatisch in der "konkret" geschrieben: "Protest ist, wenn ich sage, das und das paßt mir nicht. Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, daß das, was mir nicht paßt, nicht länger geschieht."

Zwei Jahre später, im Mai 1970, sollten ihren Worten Taten folgen. Andreas Baader saß damals in Berlin im Gefängnis, weil er mit Gudrun Ensslin und zwei Genossen in Frankfurt zwei Kaufhäuser angezündet hatte. Meinhof organisierte ein angebliches Arbeitstreffen für ein gemeinsames Buchprojekt mit Baader, der dafür unter Bewachung Ausgang bekam. Beim Gesprächstermin im Institut für Soziale Fragen schlugen Meinhof und ihre Genossen zu, Baader wurde nach einer Schießerei befreit, gemeinsam tauchten sie ab. Es war die Geburtsstunde der Roten Armee Fraktion.

Das Manifest, das Meinhof wenig später an den "lieben Rudolf" schickte, gab den RAF-Sound der Siebzigerjahre vor: "Die Frage, ob es richtig ist, bewaffnete dh illegale Widerstandsgruppen in der Bundesrepublik und Westberlin zu organisieren, ist die Frage, ob es möglich ist. Die Antwort darauf ist nur praktisch zu ermitteln."

Meinhof hatte die Brücken zur bürgerlichen Welt, zur Welt der linksliberalen Hamburger Journalisten von "Zeit", "Stern" und SPIEGEL endgültig abgebrochen. Diese spekulierten auf Partys nicht ohne wohliges Schaudern darüber, was sie wohl tun würden, wenn eines Nachts plötzlich Ulrike Meinhof vor der Tür stünde. Marion Gräfin Dönhoff, die damalige Chefredakteurin der "Zeit", soll gesagt haben: "Ich würde ihr Geld geben und sie wegschicken."

SPIEGEL TV

Über die Linken der Achtundsechziger-Bewegung, die die gewaltsame Befreiung Andreas Baaders ablehnen, lästerte Meinhof in dem Manifest: "Um ihr bißchen privilegiertes Sein nicht in Frage stellen zu müssen, ihren Trödelkram und bunt bemalte Küchenmöbel, greifen sie - wie die Springerpresse - nach psychoanalytischen Interpretationsmustern zur Erklärung revolutionärer Entschlossenheit."

Sie wirft Genossen, die nicht den bewaffneten Kampf aufnehmen, vor: "Sie gehen davon aus, daß die Linke von Spitzeln durchsetzt ist, aber sie quatschen wo sie gehen und stehen über alles und jeden mit jedem. Sie vermuten, daß es überall Abhörgeräte gibt und sabbeln die Tonbänder voll."

Das Manifest schließt mit dem Satz: "Schickt den Genossen im Knast Rothändle-Zigaretten, Milchschokolade mit Nuß, Obst, Vitamintabletten, Zeitungen, Bücher und Geld."

Rudolf Augstein verzichtete auf den Abdruck des Aufrufs, er wurde bis heute nicht veröffentlicht. Der Kontakt zwischen den beiden brach ab.

Meinhof wurde im Juni 1972 in Hannover verhaftet und acht Monate lang in Köln-Ossendorf der Isolationshaft unterworfen. Vor 41 Jahren, in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1976, erhängte sie sich am Fenstergitter ihrer Zelle im Gefängnis Stuttgart-Stammheim.

Zur Chronologie: Die SPIEGEL-Affäre



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hiddensen 15.05.2017
1. RAF - Spiegel - Bad Kleinen - Der Todesschuss - Das traurigste Kapitel deutschen Journalismus !!
Lügen verbreiten um die RAF zu fördern. Leider gab es nie eine vernünftige Aufarbeitung. Es gibt/gab keine Zeitung in DE die jemals Terrorismus so direkt geförder hat, wie der Spiegel.
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