AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 2/2018

Traumabewältigung Wie zwei Opfer vom Breitscheidplatz Freundinnen wurden

Marie wurde beim Terroranschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt schwer verletzt. Anna war zufällig da und hielt eine Stunde lang ihre Hand. Die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft.

Opfer Anna, Marie
Dominik Butzmann / DER SPIEGEL

Opfer Anna, Marie

Von Britta Stuff und


Marie, Mitte vierzig, 1,66 Meter groß, Angestellte, geboren in Sachsen, kinderlos, Lieblingsfilm "Die Verurteilten" mit Morgan Freeman, und Anna, Anfang vierzig, 1,71 Meter groß, Geschäftsfrau, geboren in Bayern, Mutter Deutsche, Vater Migrationshintergrund, kinderlos, liebt alle Filme von Ernst Lubitsch, stehen am 19. Dezember 2016 ein paar Meter voneinander entfernt auf dem Berliner Breitscheidplatz. Sie kennen sich nicht.

Anna: Die meisten werden ja Freunde, weil sie was Schönes erlebt haben. Bei uns war's umgekehrt.

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Heft 2/2018
Geschlechterrollen und Sexualität 2018

Marie sagt, eine ihrer Bekannten sei gerade angerempelt worden, Glühwein über die Jacke, große Sauerei. Sie versuchen, die Flecken abzuwischen, das weiß Marie noch.

Komm, ich helf dir mal.

Das Nächste, an das sie sich erinnert: Sie liegt, auf einer Budentür.

Ihre Brille ist weg, ihre Tasche auch, seitlich steht ein Lkw. Sie kann sich keinen Reim darauf machen, auch nicht darauf, was mit ihren Beinen ist, die an ihr runterhängen wie bei einer Marionette.

Ihr ist fürchterlich kalt, und es ist ganz still um sie rum.

Sie denkt: Das sieht nicht gut aus.

Neben ihr sitzt eine Frau, sie sieht sie nur verschwommen, diese Frau deckt sie zu.

Die Frau hält ihre Hand und stellt ihr Fragen.

Sie hört die Frau flüstern: Ihre Beine sind Matsch.

Sie denkt: Mein Gott, muss die so reden, ich höre sie doch.

Sie hat starke Schmerzen, aber keine Angst.

Irgendwann wird sie abgeholt und in ein Krankenhaus gebracht, aber da ist sie schon bewusstlos.

Marie: Du kannst stolz auf dich sein, dass du nicht weggelaufen bist.

Anna: Es war ein Reflex.

Anna läuft hin, vorbei an einer Frau, der der Lkw die Beine abgetrennt hat, bei ihr sitzt schon jemand, der sich kümmert. Sie ist erleichtert, geht weiter. Dann sieht sie eine blonde Frau, die eigentlich unverletzt aussieht. Doch als sie näher kommt, sieht sie, dass die schwarze Hose kaputte Beine bedeckt. Sie zieht ihre Jacke aus, deckt die Frau damit zu, sie setzt sich im Schneidersitz neben ihren Kopf, so, dass die Frau die auf dem Platz liegenden Körperteile und Organe nicht mehr sehen kann.

Ein Feuerwehrmann rennt vorbei.

Haben Sie medizinische Erfahrung?

Meine Eltern sind Ärzte, ich hab mal in der Praxis geholfen.

Bleiben Sie bei ihr.

Die Frau will wissen, wo ihre Handtasche ist, als hätte sie keine anderen Sorgen.

Anna stellt ihr Fragen, damit sie wach bleibt.

Wo kommst du her?

Wie alt bist du?

Wie heißt du?

Wo kommst du her?

Die Frau antwortet, aber irgendwann wird sie sauer.

Kannst du mal 'ne neue Platte auflegen? Du fragst immer dasselbe.

Und wo ist eigentlich meine Handtasche?

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Es ist saukalt, und sie sitzt hier in ihrer blöden Midwaisthose ohne Jacke.

Anna will weglaufen, zu spät. Die Frau will auch weglaufen, Anna drückt sie zurück auf den Boden: Du bleibst hier.

Ab und zu rennt ein Feuerwehrmann vorbei, jemand bindet der liegenden Frau ein grünes Band um den Arm, das heißt, sie muss warten, andere sind schlimmer dran.

Anna spricht weiter mit ihr.

Wo kommst du her?

Wie ist deine Telefonnummer?

Sie ruft vorbeilaufende Helfer, jemand soll doch endlich kommen, aber die schauen sie an und schütteln den Kopf. Später.

Die Zeit will nicht vergehen.

Die Frau sagt: Ich kann nicht atmen. Ich hab solche Schmerzen.

Anna hält einen vorbeilaufenden Sanitäter an der Hose fest: Geben Sie der Frau endlich eine Scheißegal-Spritze.

Sie zieht die Jacke weg, mit der sie sie zugedeckt hat, zeigt auf das, was darunter liegt. Ihre Beine sind Matsch!

Eine Stunde ist vorbei, die Frau wird abtransportiert.

Marie: Ich könnte heulen bei dem Gedanken, dass du da so lange ohne Jacke sitzen musstest.

Eine Schwester drückt Marie eine Maske auf das Gesicht, sie versucht, sie wegzuschlagen. Ihr Freund weint am Bett. Irgendwo fern ein Knall, nur wo? Schließlich wacht sie auf, und ihre Beine sind mit riesigen Eisenstangen fixiert, aus ihrem Körper kommen Schläuche.

Ärzte betreten den Raum, Visite.

Die Patientin heißt Marie Müller, Überrolltrauma durch Lkw, Opfer des Anschlags vom Breitscheidplatz.

  • Hämatopneumothorax und Lungenkontusion links bei Rippenserienfraktur Costae 5-11 links
  • Offene distale Unterschenkelfraktur rechts
  • Offene Femurfraktur und Tibiakopffraktur im Sinne einer Floating-Knee-Verletzung links
  • Becken-B-Verletzung rechts
  • Frakturen Endphalanx Dig. Ped. I und Ossa Metatarsalia II bis V rechts

Auf einer Skala von eins bis zehn, wo würden Sie den Schmerz einordnen? Zwanzig.

Nach drei Monaten kann sie zum ersten Mal wieder auf ihren Beinen stehen, im Bewegungsbad. Da wird ihr klar, wie kaputt sie sind, wie viel Metall drin ist. Ihre Beine, sagt sie, sind jetzt ein Kunstwerk.

Anna: Ich seh mich eigentlich nicht als Opfer, ich bin doch nicht verletzt.

Marie: Klar bist du ein Opfer.

Anna verlässt den Breitscheidplatz, sie geht in eine Bar und trinkt einen Wodka.

Dominik Butzmann / DER SPIEGEL

Erst ist alles fast wie immer, außer dass sie ein bisschen mehr trinkt. Sie fliegt Silvester nach Dubai, wie geplant, zurück in Deutschland fällt ihr auf, dass nichts beim Alten ist. Ihr fehlt nichts, nicht mal ein Kratzer. Und doch. Irgendwas ist anders. Es geht ihr nicht gut, und es wird nicht besser.

Marie: Ich glaube, du hast mich gerettet.

Anna: Nein, hab ich nicht.

Anna muss wissen, wie es Marie geht. Sie ruft Maries Freund an, die Nummer, die Marie ihr diktiert hat, als sie am Boden lag. Als sie sich das erste Mal sehen, ist Marie noch im Krankenhaus.

Sie müssen heulen.

Sie bestellen Sushi.

Sie trinken Sekt.

Sie reden.

Marie: Hast du gesehen, wie der Lkw mich getroffen hat?

Anna: Nein.

Marie: Wirklich nicht? Du kannst es mir sagen.

Anna: Ich hab's nicht gesehen!

Marie fehlen ein paar Sekunden, sie kann sich nicht erinnern, wie der Laster sie traf, ob er über sie rollte, wie das Wort Überrolltrauma es sagt. Geschleudert wäre ihr lieber.

Sie sucht sich auf Fotos vom Tatort, in Beschreibungen dessen, was an dem Abend geschah, aber sie findet sich nicht. Sie fragt Anna, und Anna sagt: Sei froh, dass du es nicht weißt.

Aber ich muss es wissen, sagt Marie, ich kann das sonst nicht übereinanderlegen. Ich hab das Gefühl, das ist gar nicht mir passiert.

Anna sagt: Gar nichts musst du wissen.

Anna: Würdest du mit mir tauschen wollen? Körperlich gesund und dafür einen an der Klatsche?

Marie: Ich glaub, was du hast, ist schlimmer.

Anna sieht jünger aus, als sie ist, das sind die Gene, sagt sie. Anna sagt, sie war ein Go-getter, früher, jemand, der bekommt, was er will.

Sie beriet große Firmen auf der ganzen Welt, Businessclass, super Hotels. Im Sommer 2016 nahm sie eine Auszeit, einfach aus Spaß, um mal zu überlegen, was sie will im Leben, sie dachte, wenn sie wieder arbeiten will, ist das sicher kein Problem. Ich bin doch ich.

War ein geiler Sommer, sagt sie.

Anlage zum Befundbericht:

Die Patientin zeigt sich vom Affekt sehr traurig, verunsichert, traumatisiert. Beim Bericht vom Vorfall ist eine massive psycho-vegetative Erregung wahrzunehmen. Die Patientin berichtet über folgende extreme Gefühlszustände im Traum-Gefühls-Inventar: Angst, Ärger, Hilflosigkeit, Traurigkeit, Entsetzen, Gefühl von Unwirklichkeit, emotionale Taubheit.

Es wurde eine ausführliche Anamnese aufgenommen sowie die "Internationale Diagnosen Checkliste DSM-IV" bzgl. posttraumatischer und akuter Belastungsstörung durchgeführt. Anhand dieser und im klinischen Eindruck sowie in allen Fragebögen entstand das Bild einer schweren posttraumatischen Belastungsstörung.

Annas Welt ist nun viel kleiner. Zwei Straßen von der Wohnung in jede Richtung, that's it. Dahinter beginnt sie, näher an der Wand zu gehen. Auf U-Bahnhöfen schaut sie sich um.

Würde sie hier jemand schubsen?

Sie fühlt sich so klein, und sie weiß nun, was triggern ist.

Alles kann triggern.

Eine Sirene.

Das Quietschen von Lastwagen, wenn sie bremsen.

Der Ketchupbrunnen, der auf einem der Opferempfänge auf dem Buffet steht.

Flashbacks.

Die Vorstellung, wieder arbeiten zu gehen, fühlt sich verrückt an. Sie kann sich vielleicht eine Stunde lang konzentrieren, dann geht das wieder los. Sie sieht den Laster in Technicolor.

Ihr Therapeut versucht mit ihr zusammen, die Szene schwarz-weiß zu stellen, es klappt nicht.

Sie sagt sich manchmal: Komm, stell dich nicht so an, dir fehlt doch nix. Marie hatte sieben OPs, und du? Aber sie kann nicht mehr mit sich reden wie früher.

Sie hat Tropfen, Trimipramin, drei- bis viermal 20 Tropfen, hat der Arzt gesagt, aber die hauen ein Pferd um. Sie nimmt 2, 3 Tropfen, und 10, wenn sie schlafen will. Aber eigentlich will sie wach sein, damit sie wegrennen kann, falls was passiert.

Sie hat nun einen neuen Freund, sie nennt ihn ihre "Schlaftablette". Wenn er da ist, geht's besser.

Zwei Dinge beschäftigen sie.

Nummer eins: Jemand hat Marie gesagt, dass sie Glück hatte, nicht als eine der ersten Verletzten operiert worden zu sein. Wegen des Zeitdrucks wären ihr die Beine amputiert worden. Anna, die so darauf gedrängt hatte, dass Marie als eine der Ersten drankommt, kriegt das nicht aus dem Kopf. Beinah hätte ich sie ihre Beine gekostet, denkt Anna. Marie sagt: Du hast getan, was du für richtig gehalten hast.

Nummer zwei: die Frau ohne Beine, an der sie auf dem Breitscheidplatz vorbeiging, weil sie nicht anders konnte. Dafür schämt sie sich.

Ihr Therapeut hält sich mit Prognosen zurück. Er behandelt Patienten, die bei dem Anschlag in Nizza dabei waren. Die kommen immer wieder.

Marie: Du bist manchmal sehr besitzergreifend.

Anna: Bin ich nicht.

Marie: Im Restaurant sagst du, was ich essen soll!

Anna: Du bist auch manchmal ganz schön oberlehrerinnenhaft.

Was Marie aufregt: wenn jemand sagt, sie hatte Glück im Unglück. So etwas gibt es nicht. Da war nicht ein Quäntchen Glück. Nur Pech.

Sie schaut sich jeden Tag ihre Beine an, da entdeckt sie immer wieder was Neues. Links fehlt ein Teil der Wade, an der Kniekehle fehlt auch Fleisch, überall Narben, dort steckte ein Ast drin, da ein Stück Glas.

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In der Wohnung gehts ohne Krücken, sagt Marie, draußen nicht. Was, wenn sie stolpert? Was, wenn der Junge da vorn auf dem Skateboard sie trifft? Sie will ihre Beine beschützen. Offiziell, sagt sie, ist sie jetzt eine Behinderte.

Ist sie das?

Sind das ihre Beine?

Manchmal macht sie Witze.

Ich renn dann schon mal vor.

Ich hüpf mal eben da hin.

Ist nicht so, dass alles nur traurig ist.

Marie sagt, sie will nicht rumsitzen und jammern. Sie hat Erfahrung damit, Dinge zu verarbeiten. Sie wuchs auf ohne Liebe, im Dreck, mit elf kam sie ins Heim, das sei das Beste, was ihr in ihrem Leben passiert ist. Es war ordentlich da. Marie mag es ordentlich. Ihre Vergangenheit, sagt Marie, habe sie inzwischen verarbeitet. Rundgelutscht, nennt sie das. Der Breitscheidplatz liegt in ihr, ein Ding mit Kanten, nichts ist rund.

Sie hat lange nur wenig geweint, das erste Mal so richtig im Mai, das war schrecklich, einen ganzen Tag lang wollte das nicht aufhören.

Sie hat ihren Therapeuten gefragt, ob sie sich anlügen darf. Nun sitzt sie manchmal da und überlegt, was gewesen wäre, wenn. Wenn sie an dem Tag krank gewesen wäre, zum Beispiel. Wenn ihre Bekannten sie zu spät abgeholt hätten, wenn sie noch mal aufs Klo gegangen wäre. Wenn sie ein paar Buden weiter gestanden hätte. Dann geht's ihr besser.

Der Gedanke geht auch andersrum.

Mit dem Glühwein in der Hand sterben, das wär's gewesen. Dann hätte sie sich den ganzen Mist erspart. Die Fremde, die ihre Freundin angerempelt hat, ist tot. Im Grunde ist sie an diesem Abend um den Tod betrogen worden.

Marie: Glaubst du, wir wären Freunde geworden, ohne das?

Anna: Wir wären uns nicht über den Weg gelaufen.

Anna sagt, sie seien jetzt irgendwie verbunden, da könne man nichts machen. Sie schreiben sich regelmäßig Nachrichten, sie telefonieren, manchmal gehen sie zusammen essen. Wenn es Marie schlecht geht, geht es Anna schlecht. Wenn es Marie gut geht, geht's ihr besser. Das ist irgendwie auf dem Platz passiert.

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Man wusste damals nicht, was man sich für eine an Land gezogen hat, sagt Anna. Am Telefon, noch vor dem ersten Wiedersehen, nahm sie erstmals Maries sächsischen Dialekt wahr, sie dachte: Hoffentlich ist die nett. Sie fragte: Hast du was gegen den Islam?

Wenn sie über Anis Amri, den Attentäter, reden, sagen sie: nettes Gesicht, eigentlich. Man kann gar nicht glauben, dass er das gewesen sein soll.

Sie sagen auch: Schade, dass er erschossen wurde. Zu einfach.

Sie sprechen nur mit wenigen über diesen Tag, über dieses Jahr, und dennoch haben sie noch nie so vielen Menschen sagen müssen, wie es ihnen geht.

Anna muss immer wieder aufschreiben, was an diesem Tag los war, die Berufsunfähigkeitsversicherung kann sich nicht vorstellen, dass dieser Anschlag es ihr unmöglich macht zu arbeiten, ein Jahr danach. Jeder Fragebogen ist ein Trigger.

Marie hat dafür extra einen Ordner "19.12.2016 Anschlag Breitscheidplatz". Darin hat sie die Korrespondenz abgelegt: Justizministerium. Lageso, Verkehrsopferhilfe, Krankenkasse, Weißer Ring, Virchow-Klinik, Benjamin-Franklin-Krankenhaus, Elbtalklinik Bad Wilsnack, sieben verschiedene Ärzte, Unfallversicherung, Anwalt.

Wer gut zu ihnen war: der Weiße Ring.

Was sie hassen: dass man sich vorkommt wie Bittsteller. Dass in den Briefen von einem Nachweis der "Bedürftigkeit" geredet wird. Dass es keine ausreichenden Gesetze gibt, die ihre Ansprüche regeln. Was ihnen passiert ist, hätte jedem passieren können: der Frau von der Verkehrsopferhilfe, dem Mann von der Krankenkasse, sie standen da doch stellvertretend für alle und sind nun allein mit all dem Papier.

Manchmal fragt Marie sich: Ist das schon Selbstmitleid? Sie würde gern bei den Fakten bleiben.

Marie: Manchmal denk ich, ich lieg immer noch auf dem Platz.

Anna: Und ich sitz neben dir.

Wenn man die beiden nach ihrer Zukunft fragt, sprechen sie von den Menschen, die sie waren, bevor sie Freundinnen wurden.

Marie war sportlich. Sie hat jetzt wieder eine OP, man hat ihr gesagt, dass man eine Teilfunktion des rechten Beins wiederherstellen kann. Marie sagt, sie will so viel aus ihren Beinen rausholen, wie es geht. Irgendwann, sagt sie, will sie wieder joggen. Anna möchte wieder im Ausland arbeiten.

Marie träumt, dass sie sich bei einem Treppenlauf anmeldet, und kurz vor dem Start fällt ihr ein, dass sie es nicht schaffen kann.

Anna träumt, dass sie wegrennen will. Aber es geht nicht.

Ein Jahr ist vorbei.

Gedenkstätte am Breitscheidplatz
DPA

Gedenkstätte am Breitscheidplatz

Es gab eine Einladung ins Kanzleramt, einen Empfang von Angela Merkel für die Opfer. Am Ende, der Käse wellte sich schon auf den Schnittchen, kam Merkel auch an ihren Tisch, die Zeit reiche nicht mehr aus, um mit allen zu reden, sie habe aber wirklich viel erfahren und gelernt, es werde ein weiteres Treffen geben.

Marie drückte ihr einen Brief in die Hand, in dem steht, dass die Politik die Opfer mit alldem nicht so alleinlassen sollte.

Anna sagt, als sie zum Kanzleramt kam, habe ein Polizist gefragt, wohin sie will.

Ich wurde zu dem Treffen der Opfer vom Breitscheidplatz eingeladen.

Der Polizist schlug die Hacken zusammen und salutierte.

Klingt vielleicht komisch, aber das tat gut.

Am 19. Dezember 2017, dem Tag, als das Denkmal für die Toten eingeweiht wurde, standen sie wieder auf dem Breitscheidplatz. Maries Therapeut hatte angeboten, vorher mit ihr hinzugehen, um zu testen, wie es sich anfühlt, sie wollte nicht. Einmal reicht.

Nebeneinander, Hand in Hand in der Kälte, um sie herum die anderen Opfer. Dazu Frau Merkel, Herr Gabriel, Herr Maas, Herr Steinmeier, Herr de Maizière, lauter Promis, die froren auch. Auf den Häusern standen Scharfschützen, die Straßen waren gesperrt. Alles war wieder ganz ruhig. Nur unter ihnen vibrierte der Boden, die U-Bahn, und Anna dachte: Hoffentlich jagt uns keiner in die Luft.

Heulen. Lippen zusammenpressen.

Irgendwann wurden Blumen niedergelegt, eine Frau schrie so laut auf, als wollte sie für alle schreien.

Anna zeigte Marie die Stelle, wo sie damals gelegen hatte. Marie überlegte kurz, ob sie hinspucken sollte.

Aber was bringt das schon?

Dann verließen sie zusammen den Platz, wie sie es vorher vereinbart hatten.



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