AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 16/2018

Wildenthal, Westerzgebirge Besuch in einem deutschen Funkloch

Digitalisierungsminister Andreas Scheuer will die deutschen Funklöcher stopfen. Dazu gehört etwa Wildenthal im Westerzgebirge - hier kommt keiner hin, weil's keiner kennt.

Museum in Morgenröthe-Rautenkranz
Alexander Smoltczyk/ DER SPIEGEL

Museum in Morgenröthe-Rautenkranz


Die "Hammerschänke" ist an diesem Morgen menschenleer, nur ein älterer Herr mit Bikerfrisur sitzt regungslos an einem Tisch, hinter sich eine antike Registrierkasse der Marke National. Klaus-Dieter Schimmel ist hier der Wirt. Ist überhaupt schon geöffnet? "Sind Sie drin? Na also." Ob man einen Kaffee trinken könnte? "Ja." Das Wort hängt eine Weile folgenlos im Raum. Dann ein Ruf in die Küche: "Christel!"

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Heft 16/2018
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Postgeschichtlich gesehen war die Hammerschänke in Wildenthal, Westerzgebirge, einmal ganz vorn. Sie ist an der Alten Poststraße gelegen, die früher mal eine Chaussee war und von Leipzig nach Karlsbad führte. Es gab Meilensteine und Distanzsäulen, die Wegstunden waren sorgfältig berechnet. Heute heißt Karlsbad Karlovy Vary und liegt hinter der tschechischen Grenze. Nur die Postkutschenzeit, die hat hier, so sieht das Klaus-Dieter Schimmel, nicht aufgehört. "384 Bits", sagt er und dann etwas lauter in Richtung Küche: "Wohl pro Sekunde, oder, Christel?"

Die Hammerschänke liegt fünf Kilometer vor der tschechischen Grenze, inmitten von Gegenden wie im Schwarzwaldfilm, nur besser. Die Gemeindehäuser sandgestrahlt wie neu, die Schulbusse leer, aber pünktlich, die Naturwanderwege mit Erzgebirgspyramiden markiert. Dennoch würde Klaus-Dieter Schimmel auch sein Lebensgefühl mit "384 Bits pro Sekunde" beschreiben, und er würde das nicht "Entschleunigung" nennen.

"So acht bis zehn Minuten, bis sich der Computer morgens aufbaut", sagt er. "Und die erste Frage von Gästen mit Kindern ist doch: Habt ihr WLAN? Haben wir aber nicht, und kriegen wir nicht."

Schimmel spricht ein ausgeprägtes Erzgebirgisch, mit ebenso angenehmen wie rätselhaften Lauten. Wer das Ohr dafür nicht hat, dem bleiben ganze Sätze dunkel, kein Empfang.

Die Hammerschänke dürfte einer jener Orte sein, die der neue Digitalisierungsminister Andreas Scheuer gemeint hat, als er dienstfertig zum Angriff auf die deutschen Funklöcher blies. Wenn es in der Hammerschänke besseres Internet gäbe, dann könnte man dort die Seite Funkloch-erz.de öffnen, eine von Bürgern betriebene Plattform, die auf flächendeckende Funkstille im Erzgebirge schließen lässt. Die Karte ist gespickt mit Beschwerdefähnchen in verschiedenen Farben, die zeigen, welches Netz wo nicht funktioniert. Es bietet sich an, einen Zusammenhang zu einer anderen Karte zu sehen, jener der Wahlergebnisse der AfD. Bei den Bundestagswahlen ist die Partei im hiesigen Wahlkreis 164 auf knapp 30 Prozent gekommen. Kein Netz - keine Stimme fürs System, das wäre die Logik.

Sonderbar ist nur, dass der Handyempfang in fast jeder Falte des Erzgebirges durchaus möglich ist, nur nicht immer vom selben Anbieter und nicht immer in surffähiger Signalstärke.

Klaus-Dieter Schimmel nimmt an, dass die Stimmen für die AfD nichts direkt mit irgendwelchen Sendemasten zu tun haben: "Da ist ein gewisses Sicherheitsdenken in der Gegend." Wegen der Grenze? "Nee, da kommt nichts rüber." Wegen der Flüchtlinge? "Die bleiben nicht lang, zu wenig los." Wegen der Arbeitslosigkeit? "Im Gegenteil, wir suchen verzweifelt nach Aushilfen."

Schimmel ist aufgestanden, stützt sich - "Arthrose, nicht reparabel" - auf die Registrierkasse National und sieht jetzt sehr nach Puhdys aus. Nein, sagt er: "Wir haben hier eigentlich alles. Nur kommt keiner und schaut sich's an. Das ist das Problem. Ich sage nur, der "Bandonion-Workshop" in Carlsfeld. Die Wurzelrudi-Erlebniswelt, unsere Saunalandschaft in Eibenstock, europaweit bekannt!"

Aber es kommt keiner, weil's keiner kennt, und das muss mit dem Netz zu tun haben, womit sonst?

In zwei Jahren soll Breitband kommen. Und bis dahin? "Im Nachbardorf haben sie die Gemeinschaftsantenne aus DDR-Zeiten ausgemottet, mit den alten Kabeln in Haushalte verteilt. Es funktioniert. Die haben jetzt guten Anschluss", sagt Gastwirt Schimmel. Es sei aber auch ein etwas spezielles Dorf, fügt er hinzu, und dass man nur die Straße weiterfahren solle bis nach - "Morgenröthe-Rautenkranz, Gemeinde Muldenhammer", so und nicht anders steht es auf dem Ortsschild.

Ein Dorf im letzten Winkel, das noch eine Gemeinschaftsantenne hatte und sich mit DDR-Technik aus dem Abseits befreit. Aber nicht deswegen liegen am Ortseingang Planeten aus Zement herum, balanciert dort ein Kosmonaut auf einer Erdkugel, daneben ein MiG-Jagdflieger im Original, das DDR-Staatswappen am Leitwerk.

Morgenröthe-Rautenkranz ist der Geburtsort von Sigmund Jähn. Dem Kosmonauten, dem Helden der Sowjetunion. Dem ersten Deutschen im All. Zu seinen Ehren steht hier im Wald eine "Raumfahrtausstellung", mit "Sojus"-Nachbauten und Tonaufnahmen von 1978, die nach 384-Bits-pro-Sekunde klingen.

Sigmund Jähn war der Held schlechthin, hat es aus dem Erzgebirge bis in den Weltraum geschafft. Sogar Kinderlieder sind auf ihn gedichtet worden: "Siggi, Siggi, halt dich fest / Siggi funkt nach Ost und West."

So war das damals, vor 40 Jahren, aber die Botschaft ist geblieben, die Funkbotschaft von Siggi und von ganz Morgenröthe-Rautenkranz: Kein Loch ist ohne Ausweg. Im Himmel und auf Erden.

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