AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 11/2018

Gescheitertes Investment Die merkwürdigen Geschäfte des Wolfgang Kubicki

Ein Pleitier, ein Insolvenzverwalter und eine diskrete Firma: Gewagte Privatgeschäfte von FDP-Vize Wolfgang Kubicki werfen Fragen auf.

Geschäftspartner Schmid-Sindram, Kubicki 2007: "Viele Nerven und vor allem Geld"
Foto Pollex / Action Press

Geschäftspartner Schmid-Sindram, Kubicki 2007: "Viele Nerven und vor allem Geld"

Von und


Der 18. Oktober 2017 hätte für den frisch gewählten Bundestagsabgeordneten Wolfgang Kubicki kaum besser beginnen können. Die "Bild"-Zeitung begrüßte den FDP-Vize an jenem Morgen mit einer geradezu liebestrunkenen Eloge. "Für mich sind Sie der coolste, lässigste Politiker Deutschlands", säuselte "Bild"-Kolumnist Franz Josef Wagner. "Sie sind nicht angewiesen auf Politik, Sie sind erfolgreicher Rechtsanwalt."

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Heft 11/2018
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Auch das Amtsgericht Kiel äußerte sich an jenem Morgen zu Wolfgang Kubickis Geschäftstüchtigkeit, allerdings nicht ganz so euphorisch. Punkt 10.13 Uhr veröffentlichte das Gericht unter dem Aktenzeichen HRB 7339 KI eine knappe Mitteilung. Sie betraf Kubickis Firma Alwareis GmbH, die nach einem jahrelangen Insolvenzverfahren nun beerdigt wurde. "Die vermögenslose Gesellschaft", so hieß es in der Nachricht, sei soeben "von Amts wegen gelöscht" worden.

Der nüchterne Dreizeiler besiegelte das Ende eines unternehmerischen Abenteuers, auf das sich Kubicki vor gut 13 Jahren eingelassen hatte und das eng mit einem der größten Skandale der deutschen New Economy verknüpft ist: der spektakulären Pleite des Börsenmilliardärs Gerhard Schmid, des Gründers des Mobilfunkanbieters Mobilcom.

Es ist eine Geschichte über Vermögen und Unvermögen, über Liechtensteiner Gelddepots, fragwürdige Finanztransfers und milliardenschwere Schadensersatzverfahren. Mittendrin: Kubicki und seine Alwareis GmbH.

Dass der Politiker neben seinen Parteiämtern und seiner umtriebigen Rechtsanwaltskanzlei ein kleines Wirtschaftsunternehmen in Kiel betrieb, war nur wenigen bekannt. Auch der Geschäftszweck der Alwareis (ein Akronym für "Alles, was recht ist") erschloss sich nicht auf Anhieb. Die Angaben im Handelsregister jedenfalls waren äußerst allgemein gehalten: "die Verwaltung eigenen Vermögens, Geschäftsführung und Beteiligung an Unternehmen".

In Wahrheit diente Kubickis Firma nur einer einzigen Aufgabe. Über die unscheinbare GmbH sollten millionenschwere Geldflüsse abgewickelt werden, mit denen Gerhard Schmid kostspielige Gerichtsprozesse finanzieren wollte.

Schmid selbst fehlten damals die Mittel für die juristischen Auseinandersetzungen. Der Unternehmer hatte 1991 im schleswig-holsteinischen Büdelsdorf den Mobilcom-Konzern gegründet und ihn 1997 an die Börse gebracht. Im heiß umkämpften Mobilfunkmarkt jener Jahre pokerte er um Milliarden - und verzockte sich kräftig. 2003 musste Schmid Privatinsolvenz anmelden, von einem Gericht wurde er unter die Kuratel des Insolvenzverwalters Jan H. Wilhelm gestellt.

Schmid wollte verlorenes Vermögen zurückerobern und träumte von umfangreichen Schadensersatzklagen gegen Banken und frühere Geschäftspartner. Dafür suchte er einen Investor, der die Prozesskosten vorfinanzieren und im Gegenzug an den erhofften Schadensersatzerlösen beteiligt werden sollte.

Es dauerte nicht lange, bis sich eine kleine Firma fand, die dazu bereit war - Kubickis Alwareis GmbH.

Das Unternehmen, das Kubicki Ende 2004, offenbar in aller Eile, als "Vorratsgesellschaft" von einer Hamburger Firmenhändlerin übernommen hatte, schloss eine Reihe von Prozessfinanzierungsvereinbarungen mit Schmids Insolvenzverwalter. Als alleiniger Gesellschafter und Geschäftsführer der Alwareis trat offiziell Kubicki auf.

Doch brachte ihm das Investment anscheinend nur rote Zahlen: 2012, so ist es im letzten veröffentlichten Jahresabschluss der Alwareis nachzulesen, schuldete die GmbH ihrem Eigentümer bereits rund 4,2 Millionen Euro.

Viel Geld für einen Politiker - aber stammte es tatsächlich von Kubicki? Oder fungierte er nur als Strohmann? Schon früh gab es Spekulationen, dass das Kapital für die Schadensersatzverfahren in Wahrheit aus verschwiegenen Gelddepots im Fürstentum Liechtenstein floss; diese wurden der damaligen Ehefrau des insolventen Mobilcom-Gründers, Sybille Schmid-Sindram, zugerechnet.

So berichtete der "Stern" seinerzeit über einen seltsamen Transfer von 900.000 Euro, die Ende 2004 auf ein Konto Kubickis bei der Liechtensteiner VP-Bank geflossen seien. Damit, so das Blatt, sollte ein Schadensersatzprozess gegen den Mobilcom-Aktionär France Télécom vorfinanziert werden, mit dem sich Schmid überworfen hatte. Woher die 900.000 Euro stammten, wollte Kubicki damals nicht verraten.

Unternehmer Schmid in seinem Reitstall in Büdelsdorf 2000: Aktien und Turnierpferde in lichtenstein
David Ausserhofer

Unternehmer Schmid in seinem Reitstall in Büdelsdorf 2000: Aktien und Turnierpferde in lichtenstein

Zu jener Zeit ging die Staatsanwaltschaft Kiel dem Verdacht nach, dass Sybille Schmid-Sindram im Zuge des Insolvenzverfahrens gegen ihren Gatten geholfen haben könnte, üppige Vermögenswerte in Liechtenstein zu verstecken. Unter anderem interessierten sich die Ermittler für den Verkauf wertvoller Turnierpferde, der über eine Briefkastenfirma namens Leoncavallo Trust Reg. in Vaduz abgewickelt worden war. Und für ein millionenschweres Aktienpaket, ebenfalls in Vaduz deponiert und laut "Stern" von Kubicki kontrolliert.

Gleichzeitig fungierte der FDP-Politiker damals als Strafverteidiger für Schmid-Sindram. Erst im Sommer 2016 stellte die Kieler Justiz die Ermittlungen gegen sie ein - nach Zahlung einer Geldbuße von 50.000 Euro.

Zu seinen Alwareis-Geschäften wollte sich Kubicki auf Anfrage nicht im Detail äußern. Nur so viel: "Alleiniger Zweck" der GmbH sei die "Finanzierung von Rechtsstreitigkeiten im weiteren Zusammenhang um die Privatinsolvenz von Gerhard Schmid" gewesen. "Die Mittel hierfür", so räumt Kubicki erstmals ein, seien "sämtlich von Frau Schmid-Sindram aufgebracht und ordnungsgemäß abgerechnet worden".

Ob und warum die Abwicklung der Millionen über Konten und Aktiendepots im Steuerparadies Liechtenstein erfolgte, wollte Kubicki nicht verraten. Derartige "tatsächliche oder angenommene Sachverhalte" habe er schon früher "nicht bzw. nur in geringem Maße kommentiert", daran werde "sich auch heute nichts ändern". Auch zur Frage, ob seine Alwareis Zweigniederlassungen in Liechtenstein hatte, schwieg Kubicki.

Im Übrigen, so teilte er mit, bestehe noch immer ein "umfassendes Mandatsverhältnis" zwischen Sybille Schmid-Sindram und seiner Anwaltskanzlei. Deshalb könne er wegen "der anwaltlichen Schweigepflicht keine weiteren Auskünfte" erteilen.

Schmids früherer Insolvenzverwalter Wilhelm wollte sich ebenfalls nicht zu Details äußern. Immerhin bestätigte er die Geschäftsverbindung zu Kubicki und Alwareis. Bei der Firma habe es sich um ein Unternehmen gehandelt, "welches mir in meiner Eigenschaft als Insolvenzverwalter über das Vermögen des Herrn Gerhard Schmid Prozessfinanzierungen angeboten und übernommen hat".

Unter anderem sollten offenbar die damalige Sachsen LB sowie ein Hamburger Bankenkonsortium auf Schadensersatz verklagt werden.

Im August 2010, nach mehreren offenbar erfolglosen Jahren, beendeten Schmids Insolvenzverwalter und die Alwareis GmbH ihre Zusammenarbeit. Doch nur wenige Tage nachdem der glücklose Investor Kubicki den Aufhebungsvertrag unterschrieben hatte, konnte Insolvenzverwalter Wilhelm plötzlich einen reichen Geldsegen in seiner Kasse verbuchen: Mit dem Rechtsnachfolger der Sachsen LB hatte Wilhelm einen außergerichtlichen Vergleich ausgehandelt - und 11,5 Millionen Euro zugesprochen bekommen.

Kubicki fühlte sich offenbar übervorteilt; seine GmbH verklagte Insolvenzverwalter Wilhelm vor dem Hamburger Landgericht. Ohne die Finanzierung durch Alwareis, so seine Argumentation, wäre der Vergleich nie zustande gekommen. Von den 11,5 Millionen stünden der Alwareis 5,6 Millionen Euro zu.

Ein Sprecher des Hamburger Landgerichts bestätigte den Vorgang auf Anfrage. Kubicki und Wilhelm wollten sich nicht zu dem Rechtsstreit äußern.

Nach Angaben des Gerichts wurde die Klage der Alwareis abgewiesen, die Berufung vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht später zurückgenommen. Im Juni 2014 endete das Verfahren, gut ein Jahr später stellte Alwareis-Geschäftsführer Kubicki beim Kieler Amtsgericht Insolvenzantrag für seine Firma.

Auch die Wege des verarmten Gerhard Schmid und seiner vermögenden Gattin trennten sich, sie ließen sich scheiden. "Ich habe mit dem Komplex Gerhard Schmid, der mich in den letzten Jahren unendlich viele Nerven und vor allem Geld gekostet hat, abgeschlossen", schrieb Sybille Schmid-Sindram dem SPIEGEL. Forderungen gegen die Alwareis oder ihren Geschäftsführer habe sie keine, weitere Fragen gedenke sie nicht zu beantworten.

Wer letztlich für die Pleite der Alwareis GmbH zahlen musste, bleibt also vorerst ein Geheimnis. Ob Kubicki die möglichen Verluste abschreiben und damit kräftig Steuern sparen konnte, mochte er ebenso wenig beantworten wie Fragen zu weiteren Eigentümern der Alwareis oder seinem Gehalt als deren Geschäftsführer.

Auf eine detaillierte SPIEGEL-Anfrage reagierte der Norddeutsche höflich-zurückhaltend. "Ich bin mir sicher", antwortete Kubicki, "dass ich Ihr Interesse nur in geringem Maße befriedigen kann."



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