AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 17/2018

Prozess gegen Hundebesitzer Ein Mops macht den Hitlergruß

Ein Schotte wurde zum YouTube-Star, weil sein Hund die Pfote hebt, sobald man "Sieg Heil" sagt. Nun ging der Fall vor Gericht.

Mops Buddha
The Quester / Youtube

Mops Buddha

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Vor zwei Jahren fasste Mark Meechan, damals ein unbescholtener Mann aus Schottland, einen Entschluss, der mit Sicherheit nicht der klügste seines Lebens gewesen ist. Es ging um seine Freundin oder, genauer gesagt, um den Hund seiner Freundin, einen Mops, der auf den Namen Buddha hört. Seine Freundin hatte eine innige Beziehung zu diesem Tier. Es war ganz egal, was der Hund machte, ob er lief, fraß oder schlief. Immer sagte sie: "Ist der nicht süß?"

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Heft 17/2018
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Meechan hatte nichts gegen diesen Mops. Er ertrug nur das Verhältnis der Freundin zu dem Tier immer weniger. Süß, süß, süß. Dieses ewige "Süß" nervte ihn. Er dachte nach. Die Frage war: Könnte man dem Hund nicht etwas beibringen, was garantiert nicht süß ist? Irgendetwas, was jeder verabscheut, sogar seine Freundin?

Mark Meechan war zu diesem Zeitpunkt ein ehrgeiziger, aber erfolgloser YouTuber. Er stellte Videos her, die kaum jemand sehen wollte. Vielleicht, weil er Sachen witzig findet, über die niemand lachen kann, außer ihm. Sehr wahrscheinlich dachte er: Vielleicht kann man beides auf einen Schlag ändern, die Sache mit dem Hund und die Sache mit YouTube. Dann hatte er die Idee.

Er wollte Buddha heimlich beibringen, die rechte Pfote zu heben. Und zwar immer dann, wenn der Hund das Kommando "Sieg Heil" hört.

Außerdem sollte Buddha seinen Kopf zur Seite legen und sein Herrchen skeptisch anschauen, wenn er den Satz "Vergas die Juden" hört. Späße mit dem Nationalsozialismus waren offenbar Späße, über die Mark Meechan lachen konnte.

Es war nicht besonders schwer, den Hund zu trainieren. Meechan brauchte nur Geduld und Leckerchen, und aus dem Heben der rechten Pfote wurde ein Hitlergruß. Als das verlässlich funktionierte und als Buddha auch fehlerfrei seinen Kopf zur Seite legen konnte, sobald er den Befehl "Vergas die Juden" hörte, lud Meechan seine Freundin zur Uraufführung ein. Sie war mäßig amüsiert.

Mark Meechan ließ sich nicht beirren. Er filmte den Mops bei seinen neu erlernten Kunststücken und veröffentlichte das Video auf YouTube, auf seinem Kanal, den er unter dem Namen Count Dankula führt. Meechan war offensichtlich ganz hingerissen von dem Hund, womöglich auch von sich selbst. Jedenfalls ließ er Buddha in dem Zweieinhalb-Minuten-Clip neunmal die rechte Pfote zum Gruß heben.

Bevor Meechan das Video ins Internet stellte, zählte sein YouTube-Kanal 8 Abonnenten. Heute sind es 180.000, seine Videos wurden über 13 Millionen Mal aufgerufen. Meechan ist nun kein dahergelaufener Comedian mehr, man kennt ihn in Schottland, im Rest Großbritanniens, in den USA. Seine Karriere hat einen unerwarteten Schub bekommen, die Frage ist nur, wo der ihn hinführt.

Kurz nachdem das Video veröffentlicht war, klopften Polizisten an die Haustür des Produzenten, durchsuchten seine Wohnung, führten ihn in Handschellen aus dem Haus, wo seltsamerweise schon Journalisten warteten, und sperrten ihn dann für eine Nacht in eine Zelle. Es gibt ein Foto, geschossen in dem Moment, in dem Meechan von einem Polizisten und einer Polizistin abgeführt wird. Er lächelt auf diesem Foto, triumphal, als habe er einen Sieg errungen.

Im März musste Meechan mit seinem Anwalt vor Gericht erscheinen. Grundlage der Anklage ist das Kommunikationsgesetz von 2003, dessen Paragraf 127 besagt, dass man sich strafbar macht, wenn man über das Internet eine Nachricht sendet, die "grob beleidigend, unanständig, obszön oder bedrohlich" ist.

Es ist ein umstrittenes Gesetz, mit ihm lassen sich Volksverhetzer und Hassprediger ebenso verurteilen wie normale Bürger. Der Brite Paul Chambers beispielsweise wurde damit berühmt, ein Mann, der einfach nur genervt war, dass sein Flug Verspätung hatte und der deswegen die Flughafenmanager über Twitter hatte wissen lassen: "Ich gebe euch eine Woche, euren Kram geregelt zu kriegen, sonst sprenge ich den Flughafen in die Luft." Er wurde verhaftet, angeklagt, zu einer Geldstrafe verurteilt und verlor deshalb seinen Job. Erst in der dritten Instanz wurde das Urteil aufgehoben.

Im Fall von Mark Meechan rief die Staatsanwaltschaft als Zeugen Ephraim Borowski auf, Vorsitzender der Schottischen Vereinigung Jüdischer Gemeinden, der Familienmitglieder während des Holocaust verloren hat. Er sah sich das Video an und sagte: "Das ist grob beleidigend, und ich verstehe nicht, wie jemand das lustig finden kann."

Meechans Anwalt warf der Staatsanwaltschaft vor, das Video nicht in seinem Kontext zu beurteilen. Es gebe keinen Hinweis darauf, dass Meechan ein Antisemit sei. Das Video sei aus privaten Gründen hergestellt worden, nicht aus ideologischen. Wenn man sich durch Meechans YouTube-Kanal klickt, sieht man Filme, in denen er Veganer veralbert, weiße und schwarze Rassisten, den Kommunismus und Steven Spielberg. Manchmal tanzt Meechan auch, manchmal singt er. Die meisten Aufrufe hat ein kurzer Musikclip, der nach Ansicht von YouTube nicht jugendfrei ist und in dem Meechan die Nationalisten der Welt schmäht. Antisemitische Spuren finden sich nicht. Aber ist das wirklich wichtig?

Richter Derek O'Caroll jedenfalls kümmerte das alles nicht. Er sprach Meechan schuldig, weil das Video grob beleidigend sei, vertagte aber dann die Verkündigung des Strafmaßes.

Das Urteil soll noch im April gesprochen werden, das Höchstmaß wären sechs Monate Gefängnis. Mark Meechan scheint das nicht weiter zu kümmern. Auf seinem Twitter-Account nimmt er das Urteil vorweg, er schreibt: "Professional Shitposter. Going to jail for a Joke."

Dann folgt eine Mailadresse. Laut Meechan für geschäftliche Anfragen.



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