AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 18/2017

Seltsame Tiertode Homosexuelle Nekrophilie unter Enten

Es ist wohl eine der bizarrsten Tierschauen der Welt: Ein Holländer sammelt für ein Museum tote Vögel, Nager und Insekten, die auf ungewöhnliche Weise gestorben sind. Zum Beispiel beim Geschlechtsverkehr mit toten Artgenossen.

Biologe Moeliker: "Im Tierreich ist die Missionarsstellung nun einmal selten"
Julius Schrank/ DER SPIEGEL

Biologe Moeliker: "Im Tierreich ist die Missionarsstellung nun einmal selten"


Der Nachmittag plätscherte Richtung Feierabend, als es plötzlich an der Glasfassade des Naturhistorischen Museums Rotterdam rumste. Eine Ente war im Flug gegen eine Scheibe geklatscht. Leblos fiel sie zu Boden.

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Heft 18/2017
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Was dann geschah, beobachtete Kees Moeliker - damals Kurator, heute Direktor des Museums - fasziniert vom Fenster aus: "Ein männlicher Artgenosse näherte sich dem Entenkadaver, um den Leichnam über eine Stunde lang zu schänden", erinnert sich der Biologe.

Spöttisch kommentiert er den bizarren Sexualakt: "Im Tierreich ist die Missionarsstellung nun einmal höchst selten." Die tote Ente sollte sein Leben für immer verändern. Als er den Vorfall in einem wissenschaftlichen Aufsatz präsentierte ("Der erste Fall von homosexueller Nekrophilie bei der Stockente Anas platyrhynchos"), reagierte das Fachpublikum begeistert. Dem Holländer wurde sogar der "Ig-Nobelpreis" verliehen, jene satirische Variante des berühmtesten aller Forscherpreise, bei der die Vereinigung von Entdeckergeist und Humor gewürdigt wird.

Bei Vorträgen schleppte Moeliker seither meist eine Plastiktüte mit sich herum, aus der er zur Freude der Zuschauer die präparierte Unglücksente hervorkramt. Auch im Rotterdamer Museum hat sich das tote Tier längst zum Liebling der Besucher gemausert. "Wir beobachteten erstaunt, dass die Leute diese Schautafel besonders gründlich lasen", sagt Moeliker, "und dann kamen wir drauf: Es reicht nicht, dem Publikum einfach irgendwelche Präparate hinzustellen. Wir müssen unseren Besuchern erzählen, welches Schicksal sich hinter dem einzelnen Tier verbirgt." So entstand die Idee, die verstaubte Naturkunde auf neue, ungewöhnliche Weise zu präsentieren. Andere Museen haben nur Saurierskelette und ausgestopfte Polarfüchse - Moeliker besitzt die bizarrste Tiersammlung der Welt.

In den Vitrinen seines Museums liegen lauter Geschöpfe, die auf bemerkenswerte Weise aus dem Leben geschieden sind. Ein enthaupteter Kanarienvogel gehört ebenso dazu wie eine mumifizierte Ratte, deren Genick versehentlich von einer Schraube durchbohrt wurde, als der Nager unter einer Bodendiele campierte.

Viel Beachtung findet auch jener bedauernswerte Steinmarder, der im November vorigen Jahres auf dem Gelände des Teilchenforschungszentrum Cern bei Genf mit einem 18.000-Volt-Transformator in Berührung kam. Diese Begegnung legte einen Teil der Stromversorgung lahm - und bedeutete auch das vorzeitige Ableben des Raubtiers.

Totgeschraubt: Die Ratte fand ihr Ende unter einer Diele
Julius Schrank/ DER SPIEGEL

Totgeschraubt: Die Ratte fand ihr Ende unter einer Diele

Stets geht es um solche kleinen und großen Dramen, die sich zwischen Mensch und Tier abspielen, meist zum Nachteil unserer Mitgeschöpfe. Ein typisches Beispiel: Vor einigen Jahren brachte eine weltweit operierende Fast-Food-Kette ein neues Softeis auf den Markt - mit unerwarteten Folgen.

Immer wieder geschah es, dass Igel sich durch den Plastikdeckel von achtlos weggeworfenen Pappbechern quetschten, um die Eisreste aufzuschlecken. Für einige der Tiere erwies sich das Dessert als Henkersmahlzeit; sie blieben mit dem Kopf im Deckelloch des Bechers stecken, unfähig, sich daraus zu befreien. Blind umhertrippelnd, plumpsten die Igel entweder in eine Pfütze und ertranken - oder aber sie verhungerten.

"Wenn es irgendwo auf der Erde ein Tier gibt, das sich danebenbenimmt, weiß ich davon."

Von der Tragik ihres Überlebenskampfes legt das Ausstellungsobjekt "McFlurry-Igel" ein schauriges Zeugnis ab. Nach Protesten britischer Tierschützer änderte McDonald's übrigens das Design des Eisbecherdeckels.

Gefangen im Deckel: Der Igel blieb in einem Fast-Food-Eisbecher stecken
Julius Schrank/ DER SPIEGEL

Gefangen im Deckel: Der Igel blieb in einem Fast-Food-Eisbecher stecken

Wie der natürliche Lebensraum einer Spezies vernichtet wird, erläutert Moeliker dem Publikum in Rotterdam anhand einer Filzlaus. Ein befreundeter Arzt überließ ihm ein Exemplar des Parasiten.

Weil sich immer mehr Menschen ihre Intimbehaarung wegrasieren, sterbe der umgangssprachlich als Sackratte bekannte Schädling allmählich aus, sagt Moeliker mit bedauerndem Gesichtsausdruck: "Da wird ein ganzes Habitat zerstört." Die Begegnungen mit Tieren kann umgekehrt aber auch dem Menschen zum Verhängnis werden, wie ein anderes Exponat in Rotterdam beweist. Zur Kollektion zählt neuerdings ein Metallpanzerwels - die Schenkung eines Mannes, der durch den Fisch beinahe sein Leben eingebüßt hätte.

Stark angetrunken war der Spender eines Abends mit Freunden auf die einfältige Idee gekommen, Goldfische aus einem Aquarium zu fingern und lebend zu verspeisen. Als der Vorrat an schimmernden Zierfischen aufgebraucht war, griff der Mann zum darin schwimmenden Wels - das hätte er besser unterlassen.

"Der Typ hatte einfach keine Ahnung von Biologie", sagt Moeliker. "Goldfische haben einen ziemlich passiven Charakter, aber Welse stellen, wenn sie sich bedroht fühlen, ihre Brustflossen auf."

So blieb dem Mann der Fisch im Halse stecken. Eine zweistündige Notoperation in der Unfallchirurgie war erforderlich, um die Speiseröhre des Mannes von dem Flossentier zu befreien.

Für den Museumsdirektor belegt die Geschichte einen Trend, der sich auch in seiner Sammlung widerspiegelt: "Wenn Mensch und Tier in der Zivilisation aufeinandertreffen, geht es meist für beide Seiten böse aus", sagt Moeliker.

Endstation Glasscheibe: Der Stockente wurde die Fassade des Museums zum Verhängnis
Julius Schrank/ DER SPIEGEL

Endstation Glasscheibe: Der Stockente wurde die Fassade des Museums zum Verhängnis

Schon als Kind begeisterte er sich für das Naturhistorische Museum in seiner Heimatstadt. Als junger Biologielehrer organisierte er Führungen durch das Haus, 1995 stieg er zum Kurator auf und schließlich zum Direktor. Das Drama um die vergewaltigte Ente wurde zur Geburtsstunde einer Kunstfigur: Moeliker gab in der Folge den leicht abgedrehten Biologen, der etwas linkisch wie der Sänger Gottlieb Wendehals im Fernsehen oder auf Podien auftritt und über abseitige sexuelle Vorlieben im Tierreich referiert. "Glaubt mir", ist einer seiner Lieblingssätze, "wenn es irgendwo auf diesem Planeten ein Tier gibt, das sich danebenbenimmt, dann weiß ich davon." Gern bewegt er sich bei seinen Vorträgen unterhalb der Gürtellinie, was sich auch an den Titeln seiner Bücher ablesen lässt. Sein neues Werk heißt "Die Klöten des Spatzes".

Anfangs fragte er sich noch, ob er genug Tiere für seine Ausstellung finden würde, die auf ungewöhnliche Weise ums Leben gekommen sind. Doch die Sorge erwies sich als unbegründet. Zumindest in den Niederlanden ist der makabre Museumsdirektor inzwischen so bekannt, dass ihm laufend neue Exponate zugeschickt werden. Einmal fand er in der Post sogar eine Sendung aus dem Justizministerium. Dabei handelte es sich um eine Margarineverpackung, in die ein Spatz eingesargt war. Vorausgegangen war die öffentliche Erschießung des Vogels.

Der Spatz war auf das Gelände vorgedrungen, von dem aus der Fernsehsender RTL die Sendung "Domino Day" übertragen wollte. Helfer waren gerade dabei, dort vier Millionen Dominosteine für einen neuen Weltrekord aufzubauen. Doch der Spatz sabotierte die Vorbereitungen, indem er immer wieder Dominosteine umkippte.

Nachdem er bereits Tausende Steine umgeworfen hatte, wurde der Vogel mit einem Präzisionsluftgewehr erlegt.

Die Empörung war groß. Der Schütze erhielt Morddrohungen. Die Behörden schalteten sich ein. Ein Beamter des Justizministeriums beschlagnahmte den Kadaver des Störenfrieds. In der Öffentlichkeit entbrannte eine Grundsatzdebatte: Was zählt das Leben eines Tieres, wenn es den Bedürfnissen des Menschen in die Quere kommt? Moeliker musste derweil hart mit dem Justizministerium über die Herausgabe des Dominospatzes verhandeln. Erst nach einem Jahr rückten die Beamten das tote Tier heraus.

Das Zögern war ungewöhnlich; denn mittlerweile gilt es in den Niederlanden als große Ehre, sich mit einer Kadaverspende für einen Vitrinenplatz im Naturhistorischen Museum Rotterdam zu qualifizieren - auch wenn es dafür kaum mehr gibt als den sprichwörtlich warmen Händedruck. "Wenn Leute hier persönlich vorbeikommen, spendieren wir ihnen natürlich eine Tasse Kaffee", sagt Moeliker.

Dennoch kommt es vor, dass ihm eine Kostbarkeit entgeht. Wie ein Galerist, der nach neuen Gemälden fahndet, durchsucht Moeliker die Rubrik Vermischtes der Tageszeitungen nach geeigneten Todesfällen. Im vergangenen Winter machte er dabei einen spektakulären Fund.

In dem baden-württembergischen Städtchen Fridingen hatte ein Fuchs versucht, die zugefrorene Donau zu überqueren, war dabei aber eingebrochen und ertrunken. Jäger sägten ihn als Eisblock aus dem Fluss.

Moeliker schmiedete schon Pläne für eine technische Vorrichtung, mit der es möglich gewesen wäre, den Fuchs dauerhaft im Eis zu konservieren.

Doch er kam zu spät. Die Jäger hatten den gefrorenen Kadaver bereits auftauen lassen. "Eine Schande", empört sich Moeliker.

So bleibt eine verblichene Zwergfledermaus aus Stuttgart vorerst das einzige Exponat aus Deutschland. Deren Ende gilt den Rotterdamer Ausstellungsmachern als eindrucksvoller Beleg dafür, dass im Tierreich bereits kleine Fehlentscheidungen große Wirkungen haben können.

Die Fledermaus war in eine Packung mit Frühstücksflocken gekrochen, hatte dann aber den Ausgang nicht wiedergefunden. Da das Tier mit der kohlenhydratreichen Kost nichts anzufangen wusste, ist es in dem Karton verhungert.

Kees Moeliker sitzt zwar jetzt im Direktorenzimmer des Museums, doch der Ausblick ist immer noch der gleiche wie beim Crash der Ente, mit dem alles anfing. Und auch heute noch fliegen immer wieder Vögel gegen die Glasfassade, darunter häufig Tauben, was für die Tiere selten gut ausgeht. Eines Tages erspähte Moeliker auf dem Wiesengrundstück vor dem Gebäude mehrere enthauptete Tauben - ein rätselhafter Fund.

Durch intensive Beobachtung gelang es ihm schließlich, auch diesen Kriminalfall zu lösen. In den gegenüberliegenden Bäumen hatten sich Krähen postiert, die auf den nächsten Kollisionsflug einer arglosen Taube warteten. Unmittelbar nach einem Crash eilte ein Aasfresser herbei und hackte dem Unglücksopfer den Kopf ab - ein nur scheinbar grausames, in Wahrheit aber vernünftiges Verhalten.

"Der Kopf ist ein schnell greifbarer Snack, und das Gehirn enthält viel Fett und Proteine", sagt Moeliker. "Würden die Krähen versuchen, den ganzen Körper wegzuzerren, würden sie damit nur Nahrungskonkurrenten auf das Geschehen aufmerksam machen." Ehrensache, dass einer der geköpften Tauben jetzt eine Vitrine im Museum gewidmet wurde.

Doch Moeliker hätte es ungerecht gefunden, nicht auch die Schläue der Rabenvögel zu würdigen. Also ließ er vor dem Gebäude eine übermannshohe Krähenfigur aufstellen.



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
the_tetrarch 02.05.2017
1.
Warum bringt man keine Warn-Abziehbilder an der Glasfassade des Museums an, wenn dort so viele Vögel ums Leben kommen?
uwe_weinbrich 14.06.2018
2. Schlechtes Deutsch...
Der Artikel >>> http://www.spiegel.de/spiegel/zoologie-bizarre-sammlung-toter-tiere-im-naturkundemuseum-von-rotterdam-a-1145380.html
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