AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 12/2017

Zukunft des Menschen "Wir werden Götter sein"

Wann erreicht der Mensch die nächste Evolutionsstufe? Sehr bald, glaubt der Historiker Yuval Noah Harari. Dank neuer Technologien wird der gottgleiche Homo Deus den Homo sapiens verdrängen.

Autor Harari: " Evolution im Turbomodus"
Antonio Olmos/ Intertopics

Autor Harari: " Evolution im Turbomodus"

Ein Interview von


Es gibt keinen besseren Ort, um mit Yuval Noah Harari über sein neues Buch zu sprechen, als diesen hier, im Silicon Valley, wo angeblich die Zukunft erfunden wird. Vor Kurzem hat Mark Zuckerberg, Facebook-Chef und Tech-Visionär, in einem langen Manifest sein Weltbild umrissen, und es trug unverkennbar die Züge von Hararis letztem Buch "Eine kurze Geschichte der Menschheit". Das Werk wurde 2014 zum Weltbestseller und hat den jungen israelischen Historiker berühmt gemacht. Harari, der an Jerusalems Hebräischer Universität lehrt, zeichnete darin die Erfolgsgeschichte des Menschen seit seinen evolutionären Ursprüngen bis in die Gegenwart nach. Zuckerberg hat Hararis neues Buch vermutlich noch nicht gelesen, denn in "Homo Deus - Eine Geschichte von Morgen" entwirft der Autor ein düsteres Bild des 21. Jahrhunderts, in dem gerade die idealistischen Träume zur technischen Optimierung der Gesellschaft, an denen im Silicon Valley gearbeitet wird, schließlich zur Erschaffung eines neuen "Übermenschen" und zum möglichen Ende des Homo sapiens führen.

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Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 12/2017
Wissenschaft: Besser essen, einfach essen

Harari befindet sich auf Vortragstour für sein Buch in den USA. Mit seinem auffällig großen, spärlich behaarten Kopf und der schmächtigen Statur sieht der Mann selbst ein wenig aus wie eine künftige Evolutionsstufe des Menschen, eine mit noch größerem Gehirn. Zum Interview hat er in das Privathaus eines Freundes in Palo Alto geladen, bei dem er Gastrecht genießt, sein ungeheuer charmanter Ehemann und Assistent Itzik serviert Nüsschen und Cappuccino, mehrere Katzen des Hausherrn streunen im Wohnzimmer herum.
SPIEGEL: Herr Harari, Ihr neues Buch, "Homo Deus", ist ein Monster.
Harari: In welchem Sinne?

SPIEGEL: Erstens die Länge, 500 Seiten. Zweitens die historische Spannweite, es betrachtet die Menschheitsgeschichte seit der Steinzeit bis in die Zukunft. Drittens die monströsen Thesen und Begriffe. Manches liest man mit Grauen.

Florian Bayer/ DER SPIEGEL

Harari: Das war durchaus Absicht. Wenn Sie keinerlei Beunruhigung verspürt hätten, wäre irgendetwas schiefgelaufen.

SPIEGEL: Sie sagen, dass der Mensch sich im 21. Jahrhundert neuen Zielen zuwenden kann, weil er seine drei größten Feinde in den Griff bekommen hat, nämlich Krieg, Krankheiten und Hunger.

Harari: So sehe ich das.

SPIEGEL: Aber das ist, mit Verlaub, ein recht grob geschnitztes Bild, wenn man sich die Nachrichtenlage anschaut. Was ist mit Syrien? Jemen, Sudan? Was ist mit Malaria oder Krebs? Was ist mit dem Merksatz der Uno, dass heute noch immer einer von neun Menschen Hunger leidet?

Harari: Ich sage nicht, dass wir all diese Probleme komplett überwunden hätten. Ich sage bloß, dass Gewalt, Krankheit und Hunger für Jahrtausende omnipräsente Probleme der gesamten Menschheit waren. So gut wie niemand, der vor 300, vor 3000 oder vor 30.000 Jahren gelebt hat, wäre auf die Idee gekommen zu erwarten, dass das nächste Jahr ohne Krieg, Epidemien oder Hunger vorbeigehen könnte. Heute ist genau das für den größten Teil der Menschheit selbstverständlich. Zum ersten Mal in der Geschichte sterben mehr Menschen, weil sie zu viel essen, nicht, weil sie zu wenig essen. 2010 starben drei Millionen Menschen an den Folgen von Übergewicht - das sind mehr als durch Hunger, Kriege, Gewaltverbrechen und Terrorismus zusammen. Für einen Amerikaner oder Europäer der Gegenwart ist Coca-Cola die größere Bedrohung als al-Qaida.

SPIEGEL: Guter Satz! Sie haben ein Talent für solche Catch-Phrases. An einer anderen Stelle bezeichnen Sie den Terrorismus, dessen Gefahr Sie für überschätzt halten, als "Fliege im Porzellanladen".

Harari: Eine Fliege kann keinen Porzellanladen zerstören, sie bringt nicht einmal eine Tasse ins Wanken. Was tut sie also? Sie sucht sich einen Elefanten, fliegt in dessen Ohr, macht ihn verrückt, bis der Elefant vor Wut schäumt und das Porzellan kaputt schlägt. Das haben wir in den vergangenen 20 Jahren erlebt. Niemals hätte al-Qaida den Irak von allein destabilisieren können, also haben sie die Amerikaner in Rage gebracht, und die haben dann den Irak zerstört, in dessen Ruinen wiederum neue Terrorgruppen erblühen konnten.

SPIEGEL: Funktioniert die Metapher auch für Europas Umgang mit dem Terror?

Harari: Dem europäischen Projekt und der EU ist es seit 1945 gelungen, einem Kontinent, der über Jahrhunderte fast pausenlos in schreckliche Kriege verwickelt war, dauerhaften Frieden zu bringen. Und jetzt, 2017, zweifeln plötzlich viele der 500 Millionen Bürger Europas an dieser so erfolgreichen Union, und weshalb? Weil ein paar Terroristen ein paar Hundert Menschen umgebracht haben. Das ist die Fliege im Ohr. Und es trampeln gerade ein paar ziemlich gefährliche Elefanten durch Europas Demokratien, wie wir wissen.

SPIEGEL: Sie befinden sich auf Lesetour in den USA, dem Land, in dem seit ein paar Wochen der dickste Elefant umgeht.

Harari: Donald Trump steht für mich in erster Linie für die Krise der großen liberalen Vision des 20. Jahrhunderts. Das ist das Modell der freien Gesellschaft, der globalen Wirtschaft und der offenen Grenzen. Das hat in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts auch sehr gut funktioniert. Aber so wie jedes politische Modell der Geschichte muss sich auch der Liberalismus einer veränderten Realität anpassen, oder er verschwindet. Ich glaube, die Wähler in den USA und anderswo spüren derzeit durchaus mit Recht, dass das politische System nicht mehr funktioniert. Die Politik ist nicht mehr in der Lage, sinngebende Visionen für die Gesellschaft anzubieten.

SPIEGEL: Von Helmut Schmidt, einem ehemaligen deutschen Kanzler, ist der Satz überliefert: Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.

Harari: Der Mensch braucht Visionen. Er braucht eine sinnvolle Vorstellung der Welt, in der er lebt und leben wird, er braucht eine große gesellschaftliche Erzählung, in der er eine Rolle spielen kann. Im 20. Jahrhundert war der Stahlarbeiter aus Pennsylvania oder aus dem Ruhrpott das Zentrum des gesellschaftlichen Diskurses. In allen Zukunftsvisionen, egal ob liberal oder kommunistisch oder faschistisch, hatte der Arbeiter eine zentrale Rolle. Heute ist er weg von der Bildfläche. Die einzigen großen Entwürfe kommen aus dem Silicon Valley, und die sind voll grandioser Begriffe wie " Künstliche Intelligenz", " Big Data", "Virtuelle Realität" und "Algorithmus" - aber kein Wort vom Arbeiter. Das Einzige, was der Arbeiter noch hat, ist sein Stimmrecht.

SPIEGEL: Woher rührt denn dieser Mangel an sinngebenden Entwürfen für unsere Zukunft? Geht es uns zu gut, fehlt der Wille zur Veränderung?

"Für einen Amerikaner oder Europäer der Gegenwart ist Coca-Cola die größere Bedrohung als al-Qaida."

Harari: Das spielt auch eine Rolle. Aber der Hauptgrund liegt in der zunehmenden Unübersichtlichkeit. Die Welt verändert sich in einem immer höheren Tempo, und die Menschen sehen, dass sie nicht mehr gefragt werden, wohin es denn gehen soll. Die größte Veränderung der letzten 20 Jahre war das Internet - aber niemand hat je darüber abgestimmt. Um das Internet zu etablieren, mussten weitreichende Entscheidungen gefällt werden, die die Privatsphäre betreffen, die Arbeitswelt, die Souveränität von Staaten. All das wurde außerhalb der Politik entschieden. Und das ist erst der Anfang. Wir werden immer mehr Innovationen erleben, die unser Leben verändern, unsere Beziehungen, unsere Jobs, sogar unsere Körper. Aber nichts davon wird vom demokratischen Souverän beschlossen. Also wählen die Leute jemanden wie Trump, um dem System, Pardon, einen Tritt in den Hintern zu geben.

SPIEGEL: Aber diese Leute haben ja erst recht keine Rezepte.

Harari: Natürlich nicht. Niemand hat ein Rezept, weil alles zu schnell geht. Wir wissen heute nicht mehr, was wir unseren Kindern in der Schule beibringen sollen, um sie auf die Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte vorzubereiten. Wir haben keine Ahnung, wie die Gesellschaft und die Arbeitswelt von 2050 aussehen werden. Wir irren auf kurze Sicht im Weltnebel herum. Das ist ein historisches Novum.

SPIEGEL: Warum denn das? Schon zu früheren Zeiten konnte man sich doch nicht sicher sein, was die Zukunft bringt.

Harari: Aber sie war doch wesentlich besser einzuschätzen als heute. Angenommen, wir schrieben jetzt das Jahr 1017, nicht 2017, und Sie wären ein Bauer irgendwo in Europa, der sich fragt, wie seine Welt im Jahr 1050 aussehen wird.

SPIEGEL: Wenn ich ein erwachsener Bauer im Jahr 1017 bin, dann bin ich im Jahr 1050 wahrscheinlich tot.

Harari: Das ist schon mal der erste wichtige Punkt. Der Bauer kann davon ausgehen, dass sich seine Lebenserwartung von knapp 40 Jahren kaum erhöhen wird.

SPIEGEL: Vielleicht kommen die Wikinger vorbei und erschlagen meine Familie.

Harari: Oder die Mongolen. Oder die Pest bricht aus. Sie wissen es nicht. Aber ein paar grundlegende Dinge sind doch recht sicher für die nächsten 30 oder 40 Jahre: Sie können davon ausgehen, dass auch im Jahr 1050 die meisten Menschen von der Landwirtschaft leben werden und dass es eine gute Idee ist, dass Sie Ihren Kindern beibringen, wie man Getreide anpflanzt. Sie können sicher sein, dass die Welt im Jahr 1050 noch immer patriarchal organisiert sein wird. Sie können sich sicher sein, dass die Körper Ihrer Kinder gleich aufgebaut sein werden wie Ihr eigener.

SPIEGEL: Und das ist heute anders?

Harari: Heute fehlen uns solche grundlegenden Gewissheiten. Wir wissen nicht, womit wir im Jahr 2050 unseren Lebensunterhalt verdienen werden. Wir wissen nicht, wie sich unsere sozialen Geschlechter und die Familienstrukturen entwickeln werden. Wir wissen nicht, wie hoch die Lebenserwartung sein wird, vielleicht 150 Jahre, wir wissen nicht einmal, wie der menschliche Körper beschaffen sein wird.

SPIEGEL: Lassen Sie uns über den Homo Deus sprechen, den gottgleichen Menschen. Wann wird es so weit sein?

Harari: Es geht eher um Jahrzehnte als um Jahrhunderte. Es hat ja längst begonnen.

SPIEGEL: Was meinen Sie mit dem Begriff Homo Deus?

Florian Bayer/ DER SPIEGEL

Harari: Ganz wörtlich: einen Menschen, der Fähigkeiten erlangt, die in traditionellen Vorstellungen Göttern vorbehalten sind. Manches davon haben wir längst erreicht, insofern müsste schon der heutige Mensch seinen Vorfahren wie ein Gott vorkommen. Für den größten Teil der Geschichte erwarteten die Menschen von ihren Göttern Lösungen für praktische Probleme. Man war krank, man betete zu Gott. Es fiel kein Regen, und die Ernte war bedroht, man betete zu Gott. Heute haben die Wissenschaft und der technische Fortschritt für die meisten dieser Probleme Lösungen gefunden, die viel besser sind als die unzuverlässigen Götter. Die Konzepte, die wir im 21. Jahrhundert noch mit Religionen verbinden - das Jenseits etwa oder die moralischen "Werte" - sind nur Überreste des Göttlichen. Durch die ganze Geschichte hindurch haben die Religionen ihr Angebot angepasst, in einer steten Fluchtbewegung vor dem Fortschritt. Sobald sie merkten, dass ihre Hilfe am Krankenbett oder in der Landwirtschaft nicht mehr gefragt war, nahmen die Religionen neue Fantasieleistungen in ihr Angebot auf, die von der Wissenschaft noch nicht abgedeckt wurden, eben das "Leben nach dem Tod".

SPIEGEL: Die zentrale Fähigkeit des biblischen Schöpfergottes ist aber die Erschaffung von Leben.

Harari: Daran arbeitet der Mensch gerade. Ich glaube, dass die wichtigsten Produkte der Ökonomie des 21. Jahrhunderts nicht mehr Autos, Textilien und Esswaren sein werden, sondern Körper und Gehirn und Bewusstsein, also künstliches Leben. Und es gibt drei Wege, wie sich der Mensch zum Homo Deus "upgraden" kann: erstens Bioengineering, zweitens Cyborgs, drittens anorganisches Leben. Wenn das gelingt, werden wir Götter sein.

SPIEGEL: Der Reihe nach, bitte!

Harari: Biotechnologie bleibt auf den Bereich des organischen Lebens beschränkt, das ist wie Evolution im Turbomodus. Seit vier Milliarden Jahren bastelt die natürliche Selektion an lebenden Körpern herum, und es gibt keinen Grund zur Annahme, dass Homo sapiens die letzte Stufe ist. Doch die Bioingenieure in den USA oder in China, die schon ziemlich gut darin sind, Gencodes im Labor umzuschreiben, werden nicht die Geduld haben, darauf zu warten. Der heutige Mensch baut Raumschiffe und Computer, während sein Vorfahr vor 200.000 Jahren gerade mal ein paar Steinbeile zustande brachte - und doch unterscheiden wir uns vom Homo erectus nur durch winzige Veränderungen in der DNA. Wenn wir solche Mutationen willentlich herbeiführen können, welche grandiosen neuen Fähigkeiten könnten wir damit in kurzer Zeit erlangen? Und welchen gewaltigen Schaden könnten wir anrichten?

SPIEGEL: Zweitens...

Harari: Der zweite Weg ist radikaler und kombiniert organisches Leben mit nicht organischen Apparaten, etwa bionischen Augen, Ohren, Gliedmaßen. Klingt wie Science-Fiction, ist aber bereits Wirklichkeit. Schon heute können gelähmte Patienten mittels der Kraft ihrer Gedanken bionische Gliedmaßen bewegen. Man kann heute einen Helm kaufen, der die elektrischen Signale im Gehirn liest und so als Fernbedienung im Haushalt dient. Man muss nur noch daran denken, das Licht einzuschalten, und schon brennt es.

SPIEGEL: Das gibt es wirklich?

Harari: Online erhältlich für ein paar Hundert Dollar.

SPIEGEL: Und drittens?

Harari: Der dritte Weg lässt den Bereich des Organischen komplett hinter sich, um vollkommen nicht organische Lebewesen zu erschaffen. Intelligente Software ersetzt neuronale Netzwerke. Manche Wissenschaftler sprechen davon, dass man dereinst das menschliche Bewusstsein auf einen Computer laden kann, dass man ein Gehirn nachbauen kann. Ob das je möglich sein wird, ist eine offene Frage, ich bezweifle es. Klar ist jedoch, dass das Leben damit Formen annehmen könnte, die wir uns selbst in unseren wildesten Träumen nicht vorstellen können, denn auch unsere wildesten Träume sind noch das Produkt organischer Chemie.

SPIEGEL: Sie benutzen auch den Begriff des "Übermenschen" für die nächste Evolutionsstufe des Homo sapiens. Das sollten Sie einem deutschen Publikum erklären.

Harari: Ich rede von "superhumans".

SPIEGEL: Die deutsche Übersetzung nennt das "Übermensch".

Florian Bayer/ DER SPIEGEL

Harari: Ich weiß, dass das ein belasteter Begriff ist in Deutschland, und der Vergleich taugt auch nur aufgrund der Kontraste. Während Hitler und die Nazis vor 80 Jahren den Übermenschen durch selektive Fortpflanzung und "ethnische Säuberungen" züchten wollten, verfolgt die Wissenschaft der Gegenwart ein verwandtes Ziel mit wesentlich effizienteren Mitteln, eben mit Gen-Engineering oder Schnittstellen zwischen Computer und Gehirn. Diese Supermenschen hätten physische und kognitive Fähigkeiten, die unseren heutigen weit überlegen wären. Besseres Gedächtnis, höhere Intelligenz, stärkere, widerstandsfähigere Körper. Vielleicht bewegen wir uns auf eine Zukunft zu, in der ein kleiner Teil der Menschheit gottähnliche Fähigkeiten erlangt, während die allermeisten Menschen zurückbleiben. Und so, wie das 19. Jahrhundert und die Industrialisierung eine neue Klasse geschaffen haben, die urbane Arbeiterklasse, könnten das 21. Jahrhundert und die Digitalisierung ebenfalls zur Geburt einer neuen Klasse führen: der Klasse der Nutzlosen. Sie haben keine politische Macht mehr und keinen wirtschaftlichen Wert. Und das halte ich für eine der größten Gefahren der nahen Zukunft.

SPIEGEL: Jetzt kommen wir zum dunkelsten Teil Ihres Buches.

Harari: Erneut, das ist nicht Science-Fiction, sondern hat längst begonnen. Besonders gut lässt sich das beim Militär beobachten. Technische Entwicklungen im militärischen Bereich sind denjenigen der zivilen Wirtschaft oft ein paar Jahre oder Jahrzehnte voraus. Im 20. Jahrhundert waren die Armeen von Massen von rekrutierten Soldaten abhängig, nahezu jeder Bürger hatte einen militärischen Wert. Schon heute aber sind die allermeisten Menschen militärisch zu nichts mehr zu gebrauchen. Die höchstentwickelten Armeen verlassen sich auf eine kleine Zahl hoch entwickelter Superkrieger, wie die mit Hightech ausgerüsteten amerikanischen Spezialeinheiten. Generäle setzen heute lieber Drohnen und Cyberkrieg-Computerwürmer ein als menschliches Kanonenfutter.

SPIEGEL: Was ja begrüßenswert ist.

Harari: Richtig, aber was, wenn sich dasselbe innerhalb von 20 oder 30 Jahren in der zivilen Wirtschaft wiederholt? Die Automatisierung hat bereits viele Jobs gekostet, das wird weitergehen. Wozu braucht es Textilarbeiter, wenn es 3-D-Drucker gibt? Es ist durchaus wahrscheinlich, dass Algorithmen und Roboter nicht nur Industriejobs übernehmen, sondern auch Dienstleistungsberufe. Wozu Taxi- oder Lastwagenfahrer, wenn es selbstfahrende Autos billiger und sicherer machen? Zu den bedrohten Arten gehören auch Reisekaufleute, Börsenhändler und Bankangestellte, auch Lehrer und Ärzte sind nicht sicher.

SPIEGEL: Bislang hat jede bahnbrechende Technologie der Geschichte immer auch neue Jobs geschaffen.

Harari: Ich zweifle daran, dass sich ein arbeitsloser 50-jähriger Lastwagenfahrer mühelos zum Virtual-Reality-Designer umschulen lassen wird. Das horrende Tempo der Entwicklung ist ein Problem. Technische Innovationen früherer Zeiten wie der Buchdruck oder die Dampfmaschine verbreiteten sich nur sehr langsam, Gesellschaft und Politik hatten Zeit, sich den neuen Realitäten anzupassen.

SPIEGEL: Ein Konzept gegen das Ende der Arbeit und die drohende ökonomische Nutzlosigkeit der Massen wird bereits erprobt: das universelle Grundeinkommen. Was halten Sie davon?

Harari: Es ist gut, dass mit solchen Dingen jetzt experimentiert wird. Das Konzept des universellen Basiseinkommens hat allerdings große Schwierigkeiten. Ein Problem ist, dass es seinen Empfängern keinerlei Sinngehalt bietet, keinen Daseinszweck. Wir schuften nicht nur für Geld, sondern ziehen auch Lebenssinn aus unserer Arbeit. Da gibt es allerdings vielleicht Alternativen. Eine Idee ist, dass Menschen ohne Arbeit künftig ihre Zeit vermehrt mit Computerspielen verbringen.

SPIEGEL: Sie scherzen.

Harari: Keineswegs. Intelligente Computerspiele und virtuelle Welten werden immer elaborierter, sie könnten durchaus zum befriedigenden Lebensinhalt werden. Es gibt schon heute Menschen, die ziehen ihren Lebenssinn zu einem beträchtlichen Teil aus Fußballspielen, warum sollten also nicht auch Computerspiele zur Ersatzreligion taugen? Apropos Religion: Auch religiöse Glaubenssysteme, die den Menschen während Tausenden Jahren als Quellen von Sinn und Bedeutung dienten, funktionieren sehr ähnlich wie Computerspiele.

SPIEGEL: Ein kühner Vergleich.

Harari: Eine Religion erlässt bestimmte Spielregeln für die Wirklichkeit, für den Alltag ihrer Anhänger. Ein Christ geht mit diesen Regeln durchs Leben und kann dabei Punkte gewinnen. Wenn er betet, kriegt er Punkte, wenn er sündigt, werden ihm Punkte abgezogen. Und wenn sein Punktestand am Ende des Lebens nicht unter null liegt, dann erreicht er nach seinem Tod den nächsthöheren Level.

SPIEGEL: Wäre Homo Deus wirklich eine neue Spezies oder bloß eine verbesserte Version des Homo sapiens?

"Das 21. Jahrhundert könnte zur Geburt einer neuen sozialen Klasse führen: der Klasse der Nutzlosen."

Harari: Das ist eine Frage der Definition. Die Supermenschen, die in den nächsten hundert Jahren entstehen, werden sich vermutlich stärker von uns heutigen Menschen unterscheiden als wir vom Neandertaler oder vom Schimpansen. Insofern wäre es aus biologischer Perspektive korrekt, von einer neuen Spezies zu sprechen.

SPIEGEL: Was geschieht dann mit dem Homo sapiens? Würden wir verschwinden, aussterben? Beseitigt werden?

Harari: Falsch ist diese apokalyptische Hollywoodvorstellung von irgendwelchen martialischen Robotern, die die Macht ergreifen und alle Menschen umbringen. Viel eher werden wir Schritt für Schritt und in einer für die meisten Menschen unmerklichen Weise mit unseren eigenen Erfindungen verschmelzen, mit Computern, mit dem Internet aller Dinge, mit weltumspannenden Datenströmen. Viele Leute empfinden ja schon heute ihr Mobiltelefon als Teil ihrer selbst, von dem sie sich kaum noch trennen können. Viele Leute verbringen schon heute mehr Zeit damit, ihre Persönlichkeit auf Facebook zu gestalten als in der Wirklichkeit. Irgendwann werden diese Optimierungen uns so weit verändert haben, dass es nicht mehr sinnvoll ist, dieses Lebewesen Homo sapiens zu nennen.

SPIEGEL: Und diejenigen, die nicht mitmachen wollen oder können bei dieser Entwicklung, werden sie neben den Supermenschen weiter existieren, so wie ja der Schimpanse auch weiterlebte, als der Homo sapiens die Überholspur wählte?

Harari: Möglich. Vielleicht werden Homo Deus und Homo sapiens gleichzeitig leben. Das wäre eine Art biologisches Kastensystem, in dem die untere Kaste eine andere Spezies ist. Die Vorstellung mag man schrecklich finden, aber so ungewöhnlich ist das nicht. Vor etwa 200.000 bis 100.000 Jahren lebten verschiedene Menschenarten gleichzeitig auf der Erde, Neandertaler, Homo erectus, Homo denisova, Homo sapiens. Bis nur noch eine übrig blieb.

SPIEGEL: Vielleicht enden wir im Zoo, als Zeitvertreib für unsere Nachfolgerspezies. Komm, wir gehen Menschen gucken.

Harari: Das ist unwahrscheinlich und klingt wie ein böser Scherz, aber es führt uns zur vielleicht dringendsten ethischen Frage für die Gegenwart. Wer wissen will, wie es sein wird, wenn wir einmal nicht mehr die dominante Spezies auf dem Planeten sein sollten, muss nur unseren eigenen heutigen Umgang mit anderen, minderkomplexen Tieren betrachten, mit Schweinen, Rindern oder Hühnern. Milliarden empfindungs- und leidensfähige Lebewesen leben und sterben in den Fabriken unserer Agrarindustrie. In meinen Augen ist das eines der größten Verbrechen in der Geschichte. Es wäre schön, wenn der Gedanke, dass wir selbst dereinst der Willkür einer höheren Lebensform unterworfen sein könnten, dazu führen würde, unseren eigenen Umgang mit sogenannten Nutztieren zu überdenken.

SPIEGEL: Wir vermuten, Sie sind Vegetarier?

Harari: Ich bin Veganer. Beinahe. Auf den Kuchen meiner Mutter, der Butter enthält, möchte ich nicht verzichten.

SPIEGEL: Trotzdem ziemlich anstrengend.

Harari: Das Leben ist anstrengend. Ich bin außerdem schwul und Israeli, auch das kann anstrengend sein. Es hat mein Weltbild insofern geprägt, als ich nichts für selbstverständlich erachte. Es ist eine Identität, von der man überzeugt sein, für die man kämpfen muss.

SPIEGEL: Ein Vorwurf, der man der "Big History"-Denkschule und Ihnen machen kann, ist, dass Sie mit Ihren Argumenten einen so enorm weiten Fokus wählen, dass Sie die wahren Probleme und Widersprüche der Gegenwart überhaupt nicht mehr erkennen. Wie verteidigen Sie sich?

Harari: Ich bekenne mich schuldig. Die Art der Geschichtsforschung, wie ich sie betreibe, kann die Analyse aktueller Probleme nicht ersetzen. Wer sich mit konkreten heutigen Missständen wie dem Syrienkrieg oder der Schwulenfeindlichkeit in Russland auseinandersetzen will, muss andere Fachleute fragen. Doch wir müssen auch das große Bild im Blick haben, nicht nur die Details des Tages. Ich möchte aber betonen, dass die Szenarien, die ich entwerfe, besser als Möglichkeiten denn als Prognosen begriffen werden. Es ist wichtig, sich klarzumachen, dass solche Entwicklungen möglich sind. Das heißt nicht, dass es so weit kommen muss. Noch - noch! - liegt die Zukunft in unseren Händen.

SPIEGEL: Herr Harari, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.



insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
karstenauswerder 23.03.2017
1. Lauter Lacher am frühen Morgen
Tolle Gedanken, die der Mann hat. Der beste und zutreffendste ist der Vergleich der Religionen mit Computerspielen. Stimmen nahezu alle Komponenten. Für diese Erkenntnis hat sich der Kauf bei Spiegel-Plus schon geloht - ?
buchmann-klaus 23.03.2017
2. Guter Artikel
aber was sollen die Werbefilmchen rechts. Liebe Redaktion, planen Sie das weiterhin? Dann lohnt sich der Kauf nicht mehr, da ein konzentriertes Lesen unmöglich ist.
lequick 23.03.2017
3.
Ziemlich interessante und gruselige Vorstellungen, die zwar ihre Daseinsberechtigung haben, von denen ich aber nicht glaube, dass sie zutreffen werden. Es gab auch in Vergangenheit viele Zukunftsvisionen für die heutige Zeit, und nur ein Bruchteil dessen ist eingetreten. Heute belächeln wir diese, aber "damals" waren sie äußerst populär.
GSYBE 23.03.2017
4. Das 21. Jahrhundert könnte zur Geburt einer neuen sozialen Klasse führen: der Klasse der Nutzlosen.
So gruselig und erschreckend das ist, die Wahrheit ist erkennbar. Ein längst überfälliges und immer noch viel zuwenig diskutiertes gesellschaftliches Mittel dagegen ist die Belegung von künstlicher oder besser - nicht-menschlicher - Arbeitsleistung mit Steuern und Sozialabgaben. Arbeit gibt dem Individuum über seinen für die Gesellschaft generierten Beitrag seinen Platz in eben selber. Soll eine Maschine die Arbeit des Individuums ersetzen, so muss sie auch ërsatzweise seinen Beitrag für die Gesellschaft generieren.
GSYBE 23.03.2017
5. Vergangenheit
Zitat von lequickZiemlich interessante und gruselige Vorstellungen, die zwar ihre Daseinsberechtigung haben, von denen ich aber nicht glaube, dass sie zutreffen werden. Es gab auch in Vergangenheit viele Zukunftsvisionen für die heutige Zeit, und nur ein Bruchteil dessen ist eingetreten. Heute belächeln wir diese, aber "damals" waren sie äußerst populär.
Es gibt auch (heutige) Entwicklungen, die in der Vergangenheit niemand auf dem Radar hatte und diese sind dafür umso dramatischer. Oder erinnern Sie sich an Überlieferungen, dass jemand vor 200 Jahren eine mindestens Verzehnfachung der Weltbevölkerung vorrausgesagt hat?
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