AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 35/2017

Zum Todestag von Diana Die Prinzessin von den sieben Schmerzen

Vor 20 Jahren starb Diana, meistfotografierte Frau der Welt. Was ist von ihr geblieben?

Von Elke Schmitter


Ikone Diana 1995
CAMERA PRESS/Kim Knott

Ikone Diana 1995

Der Jugend von heute muss man ja nun schon erklären, wer Diana überhaupt war. Bei deren Beerdigung, vor knapp 20 Jahren, über eine Million Menschen die Straßen Londons in Anteilnahme und Verzweiflung säumten und 2,5 Milliarden Menschen vor den Bildschirmen hingen (damals noch Fernsehen, für alle dieselben Szenen zur selben Zeit, archaische Epoche, geradezu Höhlenmalerei). Bei deren Tod die früher sprichwörtlich unrührbaren Briten, keep calm and carry on, das öffentliche Schluchzen praktizierten, als hätten sie von den balkanischen Klageweibern gelernt. Von deren Leben und schließlich Ableben ein ganzer Wirtschaftszweig sich mästen konnte, die sogenannte Yellow Press, damals noch ausschließlich auf Papier und gegen Geld, ganz unvorstellbare Zeiten.

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Heft 35/2017
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In dieser Vorvergangenheit war Prominenz noch stets mit irgendetwas verbunden, was nicht Prominenz war, das konnte die Modelschönheit einer Cindy Crawford sein, der Tennisarm eines Boris Becker, das crazy Schmalztalent eines Elton John. Denn man konnte sich nicht selbst bekannt machen, durch Selfies, Blogs und harte Arbeit, mit Papas Geld als Starthilfe womöglich, aber dann auf die eigenen schönen Beine gestellt. Man war gnadenlos abhängig von der Vermittlung und Verbreitung seiner Talente, oder, wenn man dergleichen nicht hatte, seiner Erfahrungen und Einsichten in das Leben. Für diese Art Prominenz war es gut, ein Schicksal sein Eigen zu nennen, und da es immer die Betrachtung der anderen ist, die ein Leben zum Schicksal macht, war man abhängig von sogenannten Reportern und Fotografen, und die machten dann eines daraus, wenn denn die Fallhöhe stimmte.

Und die stimmte bei ihr: Lady Diana Spencer, im britischen Adel so hoch geboren, dass manche sagten, sie heirate unter ihrem Stand, als sie im Jahr des Herrn 1981 dem britischen Thronfolger Charles die Ehe versprach, bei einer "Hochzeit des Jahrhunderts" (750 Millionen Zuschauer weltweit), im weißen Kleid mit Schleier. Ein nettes Mädchen aus sehr gutem Hause mit unscheinbaren Zeugnissen; ihre Intelligenz und ihre Durchsetzungskraft wurden nicht besonders hoch eingeschätzt, da sie mit der einzigen Auszeichnung für aufopferungsvolle Pflege eines Nagetiers, Hamster oder Meerschweinchen, ihre Ausbildung abschloss, doch da hatte man sich geirrt.

In den nun folgenden 16 Jahren gelang es dieser so schlicht wirkenden Blonden mit strahlend blauen Augen, die britische Monarchie in einen Abgrund zu stoßen, aus dem sie nur versehrt und allmählich wieder emporkletterte. Inzwischen ist "die Firma", wie sich das Haus Windsor im kleinen Kreis selber nennt, einigermaßen wieder flottgemacht, doch ihre Lebensläufe sind makelhaft: der Thronfolger geschieden und vielfach blamiert, die Schwiegermutter und Königin in düsteren Wochen geschmäht als Inkarnation der Hartherzigkeit, die Söhne verwaist und durch mehr Aufklärung über das Liebesleben der Eltern beschwert, als man es Kindern wünschen kann.

Wie ist es dazu gekommen? Und wäre so etwas heute noch möglich?

Im Grunde war es ganz einfach: Diana lehnte die Rollenbeschreibung ab. Sie wurde Princess of Wales, um dem Königshaus Kinder zu schenken, das war ein Job für die Dynastie, für dessen Beschreibung (jungfräulicher Zustand, aristokratische Herkunft) sie passend erschien. Sie erfüllte durchaus ihre Pflicht, indem sie gleich zwei Knaben das Leben schenkte, doch sie fühlte sich nicht geliebt, womit sie wohl recht gehabt hat: Thronfolger Charles hatte sich vorher zwar, auf den Rat nicht nur seines Vaters hin, die "Hörner ordentlich abgestoßen", trug aber eine latente Beziehung mit in die Ehe hinein, die er nach einigen Jahren auch wieder aufnahm - mit dem historisch zutreffenden, aber doch ernüchternden Verweis, dass er von der konventionellen royalen Praxis, sich eine Mätresse zu halten, keineswegs Abstand zu nehmen gedenke.

So prallten viele Jahrhunderte aristokratischer Tradition auf einen Prinzessinnentraum des 19. Jahrhunderts, in dem es um das Recht auf romantische Liebe ging. Die Sprengkraft für den Konflikt aber gab der Stand der Emanzipation in den Neunzigerjahren des vorigen Jahrhunderts, wo sie nicht avantgardistisch, sondern bürgerlich war: Eine Frau, die ihre Pflichten erfüllt, soll sich auch selbst verwirklichen dürfen. Nicht unbedingt durch ihren Geist, ihren Eigensinn oder ihre Arbeit, das war, jedenfalls in leuchtender oder unbekümmerter Weise noch Spitzenkräften und Ausnahmen vorbehalten, Susan Sontag, Erica Jong oder auch Margaret Thatcher.

Doch immerhin durch eine Vielzahl von Aktivitäten, die dem eigenen Körper und der zu entdeckenden Seele galten, gecovert von einer Konsumindustrie, die immer neue Geräte und Substitute entwickelte, um jedem Kümmernis ein Pflaster der Hoffnung oder zumindest Empathie aufzulegen: Ins Fitnessstudio mit dem Walkman im Ohr und dann zur Energieheilerin mit Kupferpyramide, nach dem Astrologentermin zur Massage, Urlaub am Mittelmeer im neuen Badedress, sie machte alles durch. Bulimie und Selbstmordversuche, Beziehungsgespräche und Therapie - sie war, in all ihrem Unglück, das sie nach einigen glücklosen Ehejahren der Boulevardpresse anvertraute, die Verkörperung einer so tristen wie dramatischen weiblichen Normalität, die lediglich exzessiv ausgestellt wurde. Millionen Frauen erkannten ihr trauriges Suchen nach wahrer Liebe und einer glücklichen Findung des Selbst als ihr eigenes Leid, nur eben im XXL-Format, und natürlich besser frisiert. So verfolgten sie in emotionaler Geiselhaft die Achterbahnfahrt dieser jungen Frau durch Betrogenwerden, Selbstbehauptung und Einsamkeit, durch Kämpfe mit den Schwiegereltern und Mutterglück, durch unselige Liebschaften mit unwürdigen Liebhabern, schließlich durch eine Trennung, die sie als Freie entließ - um 17 Millionen Pfund reicher als die durchschnittliche Geschiedene und mit einer Wohnung namens Kensington-Palast, aber, tröstlicherweise, nicht glücklicher.

Fortan bestellte Diana mit bemerkenswerter Energie ein großes Feld, das man politische Caritas nennen kann: Sie eröffnete ein Aids-Zentrum in London und schüttelte einem Infizierten unerschrocken die Hand, damals ein wichtiger Tabubruch, sie besuchte Landminenopfer in Bosnien und machte darauf aufmerksam, dass diese Region mitten in Europa eine tödliche Landschaft war auch nach der Schlacht, sie setzte sich ein für Obdachlose und verwaiste Eltern - all dies mit ungeheurer Überzeugungskraft, weil es diesem Kind geschiedener Aristokraten offenbar gegeben war, das Leiden anderer für den Moment der Begegnung zu ihrem eigenen zu machen. Was destruktiv und verstrickend war, behielt sie ihrem Privatleben vor; in ihren öffentlichen Auftritten war sie die Mater dolorosa, so eindrucksvoll wie attraktiv, eine leuchtende Projektionsfigur. Und eine noch junge Frau, auf dem Weg in eine neue Ehe, davon jedenfalls erzählten die Klatschblätter und Fotografen - und damit, bei ihrem fahrlässig herbeigeführten Tod in einer Limousine, die ein betrunkener Fahrer in einem Pariser Tunnel gegen die Betonwand fuhr, ein um sein Leben betrogener Mensch.

Vielleicht würde sie heute, wäre das nicht passiert, ein geschundenes Kind in einem Flüchtlingslager in den Armen halten und so das Gewissen Europas malträtieren. Vielleicht wäre sie, stattdessen oder außerdem, Gegenstand boulevardesker Erwägungen über plastische Chirurgie. Vielleicht würde sie Amal Clooney und Angelina Jolie mit Ämtern und Adoptivkindern in den humanitären Schatten stellen. Aber ihre Spezialität wäre Vergangenheit: Die Kombination aus waidwundem Blick und egozentrischer Energie ergibt kein Role Model mehr.

Das Scheitern, mit dem sie so glamourös erfolgreich war, ist in mehrfacher Hinsicht abgeschafft. Wer heute ein Star ist, royal oder von der Straße, geht durchweg professionell mit allem um, was die Öffentlichkeit von ihm erfahren soll; jeder Tweet, jedes Foto ist kontrolliert; die Rolle des Paparazzo übernimmt man notfalls selbst.

Auch besetzen die Monarchien, durch Lady Di's Beispiel so belehrt wie gestählt, ihre Prinzessinnenplätze nun mit disziplinierten Angestellten wie Kate und Mary, Letizia und Maxima. (Selbst ein Freak wie Mette-Marit, rauschmittelerfahren, Boheme mit unehelichem Sohn, geht skandalfrei ihren Aufgaben nach.) Hier hat die Arbeitsgesellschaft die Märchenkulisse von innen ausgehöhlt und mit ihrem Ethos ersetzt. Und wer sich scheiden lässt, als Frau unter besseren Umständen, stellt sich nicht als Opfer dar, sondern als eine wahre Diana, eine Verfolgerin von Rache, Genugtuung oder Glück.

Tim Graham / Getty Images

Schließlich hat man in fast allen Sphären der Macht begriffen - die Oligarchen hinken da noch ein bisschen nach, aber die Drogenbosse wissen das so genau wie die gekrönten Häuser -, dass ostentatives Mitgefühl und irgendein soziales Gewedel zu wahrer Herrschaft gehören; das Zeigen von Empathie ist säkularer Ablasshandel und kein Alleinstellungsmerkmal der Frau mit den sieben Schmerzen mehr.

Vor allem aber gibt es weniger frei flottierendes Erbarmen. Selbstoptimierung und Authentizität dürfen keine Gegensätze mehr sein, sondern sollen miteinander verschmelzen.

Nach wie vor allerdings sind die emotionalen weiblichen Krisen systemischer Natur, wie beispielsweise Eva Illouz in ihrem Bestseller "Warum Liebe wehtut" luzide analysiert: Der heterosexuelle Beziehungsmarkt hat sich in vielfacher Hinsicht zuungunsten der Frauen entwickelt; nicht nur, weil ihre biologische Uhr tickt, sondern auch, weil es für einen potenziellen Partner nicht mehr zum normativen Bild von Männlichkeit gehört, eine Familie zu gründen und lebenslang für sie zu sorgen. Die Freistellung der romantischen Liebe von sozialen, familiären und religiösen Schranken gilt zwar für beide Geschlechter, erhöht aber faktisch vor allem für Männer die Optionen und zugleich die Autonomie. Die sogenannte Beziehungsarbeit hingegen ist vor allem weiblich geblieben.

In der Austragung ihrer Krisen dürfen erwachsene Frauen allerdings mit weniger Faszination und Anteilnahme rechnen, als sie, exemplarisch, Lady Diana Spencer zuteilwurden. Das schöne Scheitern ist keine Chance mehr.



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
Oberleerer 30.08.2017
1.
Ich konnte mit dem Quark nie etwas anfangen. Fürsorge ist nicht Aufgabe reicher Leute, deren Vermögen durch mehr oder weniger große Verbrechen/Ungerechtigkeiten angehäuft wurde. Nein, es ist Aufgabe des Staates und der soll sich nicht aus der Verantwortung stehlen.
KatjaJohn 30.08.2017
2. ich finde
die Spiegel-Autoren sollten sich auf politische und wirtschaftliche themen beschränken - wenn es ums rein Menschliche geht, um Psychologie, Spiritualität etc. ist die kühle Schnodderichkeit, die ich sonst sehr schätze, einfach fehl am Platz und zeigt nur, dass die Autoren ahnungslos sind, wenn es um sensiblere Themen geht. Und das Frauen den Kürzeren gezogen haben, stimmt auch nur, wenn frau darauf aus war, sich ein gemütliches Leben zu machen.
Newspeak 30.08.2017
3. ...
Zitat von OberleererIch konnte mit dem Quark nie etwas anfangen. Fürsorge ist nicht Aufgabe reicher Leute, deren Vermögen durch mehr oder weniger große Verbrechen/Ungerechtigkeiten angehäuft wurde. Nein, es ist Aufgabe des Staates und der soll sich nicht aus der Verantwortung stehlen.
Sehr richtig. Mich stoert es auch, wenn Reiche, die ihr Geld zuvor durch Steuervermeidung und oft genug halbseidene Machenschaften (immer legal natuerlich) zusammengerafft haben, das Philanthropiegen in sich entdecken. Natuerlich nie im Stillen, sondern unter Aufmerksamkeit der Medien. Maezenatentum will schon was leisten fuer die persoenliche Eitelkeit. Ich weiss nur, dass damals Diana (31.8.1997) und Mutter Teresa (5.9.1997) gestorben sind und um Diana wurde ein Riesenbohei gemacht, waehrend der Tod von Mutter Teresa, die, bei aller Kritik, die man auch da vorgebracht hat, vielleicht mehr fuer ihre Mitmenschen geleistet hat, beinahe nicht vorkam.
Spiegelleserin57 31.08.2017
4. England ist nicht Deutschland!
Zitat von NewspeakSehr richtig. Mich stoert es auch, wenn Reiche, die ihr Geld zuvor durch Steuervermeidung und oft genug halbseidene Machenschaften (immer legal natuerlich) zusammengerafft haben, das Philanthropiegen in sich entdecken. Natuerlich nie im Stillen, sondern unter Aufmerksamkeit der Medien. Maezenatentum will schon was leisten fuer die persoenliche Eitelkeit. Ich weiss nur, dass damals Diana (31.8.1997) und Mutter Teresa (5.9.1997) gestorben sind und um Diana wurde ein Riesenbohei gemacht, waehrend der Tod von Mutter Teresa, die, bei aller Kritik, die man auch da vorgebracht hat, vielleicht mehr fuer ihre Mitmenschen geleistet hat, beinahe nicht vorkam.
man muss sich mit der Mentalität der Engländer beschäftigen wenn man über die Royals urteilen will. Es ist nun mal üblich dass sich hohe und auch reiche politische Persönlichkeiten sozial engagieren. Die Royals sind in England beliebt und die Engländer haben zu Adligen eine ganz andere Beziehung wir hier. Das sollte respektiert werden und man kann andere Völker und deren Regierung nicht nach deutschen Maßstäben messen. Jedes Land hat seine eigene Kultur und seine eigenen Regeln. Einfach gesagt: die Engländer ticken völlig anders als Deutsche und das ist auch gut. Dass am Todestag dieser Frau gedacht wird ist völlig korrekt da sie auch durch ihre etwas revolutionäre Art neuen Wind in die Royals gebracht hat und somit auch da eine neue Zeit angebrochen ist. Alles reichen Steuervermeidung zu unterstellen sollte erst mal durch Beweise belegt werden. Alles andere klingt sehr populistisch und der Neid lässt grüßen.
helisara 31.08.2017
5.
Stimmt. England ist nicht Deutschland. Darum sind Artikel und Reportagen über eine der meistüberschätzten Personen des letzten Jahrhunderts in deutschen Medien überflüssig. Aber Rolf Seelmann-Eggebrecht darf sich dann seine Rente aufbessern. Für ihn ist die britische Königsfamilie das was Hitler für Guido Knopp ist. Ich kenne übrigens auch Briten die schon damals von dem Rummel um Lädidi genervt waren. Nicht einmal Feinde der Königsfamilie, denen ging nur das Mädel auf die Nerven. Von einer "revolutionären Art" war bei dieser Boulevardikone nichts zu spüren. Es gibt so viele Menschen die viel mehr im Bereich der "Charity" tun als Diana, und mehr bewirken, aber um die wird nicht ein solcher Wirbel gemacht. Es gibt auch Promis die es fertigbringen, Gutes zu tun und auch hohe Summen zu spenden, ohne sich narzistisch im Glanz der Boulevardpresse zu sonnen. Charles und Camilla finde ich übrigens sehr sympathisch. Charles muß in der Ehe wirklich gelitten haben.
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