AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 2/2018

Berlin Kein Herz für Tiere

Zwei Berliner, ein Haus, 32 Hunde, 20 Katzen und 300 Vögel - zwei Männer wollten ausgesetzten Tieren ihre Würde zurückgeben. Doch da begann das Problem.

Bufé, Benter
Charles Yunck

Bufé, Benter


Ronaldo hat gezittert. Die Nächte verbrachte er winselnd und angeleint an einer Leitplanke an der Autobahnraststätte, irgendwo in Ostdeutschland. Dann, zum Glück, haben die Fremden ihn gefunden, da war er ausgemergelt und halb tot. Sie haben ihn losgebunden, ihn zum Gnadenhof nach Berlin-Pankow gebracht, in eine Straße mit Einfamilienhäusern und schmiedeeisernen Gartenzäunen. Da soll er sich erholen, glücklich werden und uralt. Warum soll Ronaldo auch nicht in Würde altern dürfen, nur weil er eine Deutsche Dogge ist, zu groß und zu laut für das Leben seiner damaligen Besitzer?

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Heft 2/2018
Geschlechterrollen und Sexualität 2018

Einer der fremden Retter von jener Nacht ist Dirk Bufé. Es ist diese eine Frage, die ihn umtreibt. "Ein Tier wird doch auch in Würde sterben dürfen, wenn es so weit ist", sagt er. Da steht er, 51, zum Irokesen gezupftes Haar, in seinem Hof und pafft eine Marlboro Red. Eine andere hat ihm ein Loch in die Brusttasche seines schwarz-grünen Flanellhemdes gebrannt. Ihm gehört mit seinem Ehemann Hartmut Benter, 56, ein privates Altenheim für Tiere in Berlin. Sie führen es im eigenen Haus mit 1300 Quadratmeter Grundstücksfläche. Dort leben mit ihnen gemeinsam Ronaldo und 31 weitere Hunde, die meisten Mischlinge, 20 Katzen, 300 Vögel, für die niemand mehr Zeit gehabt hat, die Kraft oder die Geduld.

Die vielen Tiere können unmöglich leise sein. Und da beginnt schon das Problem.

In einem Vorgarten in der Nachbarschaft verschränkt eine Frau die Arme vor der Brust und schnaubt. "Abartiges Pack", sagt sie. Der Lärm von drüben sei ja nicht auszuhalten gewesen, dieses ständige Gekläffe. Fast noch schlimmer, erzählt sie, waren die Feiern mit Schlagermusik alle paar Monate. "Diese Lautstärke ist doch nicht gut für ein Tier", sagt sie. Die Nachbarin ist nicht die Einzige, immer wieder beschwerten sich andere, auch über die zugeparkten Straßen. Irgendwann rief einer die Polizei, später das Ordnungsamt. Die Partys wurden verboten, das Altenheim steht jetzt vor dem Aus.

Bufé sitzt auf einem ausrangierten Sofa unter einem Pavillon aus Plastik, Regen prasselt darauf: "Die Veranstaltungen waren wichtig für den Betrieb, 15.000 Euro haben die uns im Jahr eingebracht." Dann zeigt er auf einen Schuppen, davor hätten Musiker wie Michael Hirte oder Michelle Ryser gesungen.

Die Feiern waren die einzige Einnahmequelle, neben ein paar Tausend Euro Mitgliedsbeiträgen im Jahr und dem Geld aus eigener Tasche. Nicht viel, Bufé und Benter arbeiten als Zusteller bei der Post. Doch alternde Tiere kosten, sie werden eher krank, brauchen teure Medikamente. Eine OP für einen Hund haben sie neulich erst wieder bezahlt. "Ich kann die Armen doch nicht leiden lassen", sagt Bufé. "Einen Menschen würde man ja auch gesund pflegen."

Bufé und Benter wissen, dass es so nicht weitergehen kann, nicht hier in einem Wohngebiet, in dem das Altenheim für ihre Tiere seit Jahren nur geduldet ist. Sie suchen ein separates Heim irgendwo, wo das Bellen und Gezwitscher niemanden stört. Doch keiner will sie haben.

Vor ein paar Monaten erst hätte es fast geklappt. Der damalige Bezirksstadtrat, Jens-Holger Kirchner von den Grünen, wollte ihnen ein Grundstück beschaffen, im Bürgerpark Pankow neben Volieren und einem Gehege, in dem schon Pfauen leben. Von ihrem Scheitern las Bufé in der Zeitung, im "Berliner Abendblatt", da biss er gerade ab von seinem Käsebrötchen: "Kein Tierasyl im Bürgerpark". Wieder hatten Anwohner protestiert. Ihm wurde schlecht.

Aus dem "Berliner Kurier"

Aus dem "Berliner Kurier"

Bingo war sein erster Hund, erzählt Dirk Bufé in seinem Garten. Er war ein schwarzer Spitz und Dirks wichtigster Freund als er 16 war, damals, als seine Mutter trank. Bingo, sagt er, die Mundwinkel zucken nach oben "den werde ich nie vergessen". Mit zehn starb er, "er war sehr krank". Mehr mag Bufé nicht erzählen, aber Tiere begleiten ihn seither und die Idee, dass auch sie ein Recht auf ein würdevolles Leben haben. Mit 24 lernt er Hartmut Benter kennen, verliebt sich in ihn, der denkt genauso. Später ziehen sie auf das große Grundstück mit ein paar Hunden, Vögeln, anderen Tieren. Es werden laufend mehr.

In Deutschland leben, das schätzt der Deutsche Tierschutzbund, 94.000 Tiere in Heimen, weil sie keiner mehr haben wollte oder sie nicht mehr ins Leben ihrer Besitzer passten. Im Altenheim in Pankow laufen ausschließlich solche Schicksale herum. Kira, Mischlingshündin, 14: das Frauchen verstorben mit 70 Jahren, Verwandte gab es nicht. Russell, Terrier, 15: das Herrchen krebskrank, war zu geschwächt von der Chemotherapie. Baby, Graupapagei, Alter unbekannt: haben Fremde hergebracht, seine Federn waren ausgefallen.

Bufé steht plötzlich auf, gibt einer Frau die Hand. Jeden zweiten Donnerstag kommt Petra Müller her, Rentnerin. Sie will Julie besuchen, Yorkshire Terrier, 18 Jahre alt mit trüben Augen. Der toten Schwester hat die Hündin mal gehört. "Aber sie pinkelt überallhin", erzählt Müller, hebt Julie auf ihren Schoß, es klingt wie eine Entschuldigung. Sie bleibt, 20 Minuten, wie immer. Dann steht sie auf, ruft Benter und Bufé zu: "Bis zum nächsten Mal", dann ein "Danke" hinterher.



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