AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 28/2017

London im Zweiten Weltkrieg Keep calm - and kill your dog

In der ersten Woche des Zweiten Weltkriegs starben in London Hunderttausende Hunde und Katzen, ihre Besitzer ließen sie töten. Aus Liebe.

Hundeschau in England um 1940
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Hundeschau in England um 1940

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Zu Hunderten standen die Bürger, ordentlich aufgereiht, vor einem kleinen Tierheim im Norden Londons. Mit ihnen warteten Katzen und Hunde. Für die Tiere war das Leben hier zu Ende.

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Heft 28/2017
Vom dogmatischen Verzicht zum gesunden Genuss

Die Leute hatten ihre Lieblinge hergebracht, um sie töten zu lassen.

Überall in der Stadt starben in diesen Tagen die Haustiere. Veterinärkliniken und Tierheime waren mit einem beispiellosen Vernichtungswerk beschäftigt. Ein Großbetreiber ordnete Nachtschichten an, weil die Arbeit anders nicht zu schaffen war.

Dies geschah im September 1939, in der ersten Woche des Zweiten Weltkriegs. Mindestens 400.000 Hunde und Katzen fielen damals allein im Großraum London dem Massaker zum Opfer - ein gutes Viertel der Bestände.

Dem Hundeschutzbund NCDL ging das Chloroform zum Einschläfern aus; die Helfer mussten die Hunde mit Stromstößen töten. Viele Betriebe wussten bald nicht mehr, wohin mit den Kadavern. Die meisten wurden zu einem großen Sanatorium für Tiere geschafft, das in der Not eine Wiese auf seinem Gelände angeboten hatte.

Heute gibt es dort nicht einmal eine Plakette, die an das Massengrab erinnert. Die Episode passt den Briten wohl schlecht ins Selbstbild: eine Aufwallung kollektiver Hysterie in einem Land, das sich als tierlieb versteht. Wie konnte es zu dem Haustiermassaker kommen?

Das entfesselte Töten begann mehr oder weniger spontan, ohne dringenden Grund. Das belegt die britische Historikerin Hilda Kean in ihrem jüngsten Buch. Die Tierschutzgesellschaft RSPCA, bei der sie gleich zu Beginn der Recherche anfragte, tat zunächst ahnungslos: Von einer Massenvernichtung zu Kriegsbeginn sei nichts bekannt. Dabei hatten damals alle größeren Tageszeitungen das Töten aufgegriffen, teils auch kritisch kommentiert. Die RSPCA selbst vermerkte den Umfang der Aktion ausführlich in einem Tätigkeitsbericht über die Kriegsjahre. Die Tierschützer hatten sogar, in Erwartung der Luftangriffe, beizeiten die Vorräte an Chloroform und Munition aufgestockt. Als der Krieg jedoch mehr und mehr Menschenleben forderte, geriet das Schicksal der Haustiere bald in Vergessenheit.

Kean hat nun vielerlei Material ausgegraben, nicht nur amtliche Dokumente und Zeitungsinserate, auch Tagebücher und Briefe von Privatleuten.

Keans Befund: Die Briten zeigten im Alltag kaum Anzeichen von Panik. Die Lebensmittel waren noch nicht rationiert, und für die Tiere gab es nach wie vor genügend Fleisch, wie üblich von ausgezehrten Pferden. Auch bestand keine unmittelbare Gefahr für Leib und Leben; die Luftangriffe auf London begannen erst im Sommer 1940.

Die Halter beseitigten ihre Tiere offenbar rein vorsorglich, aus diffuser Angst vor dem, was da kommen mochte.

Es war gewiss zermürbend, nur hilflos auf den Krieg zu warten. Auch deshalb rieten die Behörden zu tatkräftiger Vorbereitung. Die Bürger hielten sich daran. "Sie schickten ihre Kinder aufs Land, nähten Vorhänge zum Verdunkeln und gruben ihre Blumenbeete für den Gemüseanbau um", schreibt Kean. "Und sie töteten ihre Haustiere."

Es gab keine Anweisungen dafür. Und die Haltung der Behörden war anfangs nicht eindeutig. Ein amtliches Handbuch empfahl jenen, die für die Sicherheit ihrer Tiere nicht sorgen könnten, das Einschläfern in Betracht zu ziehen. Andererseits kümmerte sich der Staat schon bald um Ernährung und Verbleib der überlebenden Hausgenossen.

Klare Direktiven schon zu Kriegsbeginn hätten, so glaubt die Autorin, viele Vierbeiner gerettet. Die Experten der Regierung hatten offenbar nicht bedacht, dass den Haustieren in den Städten längst eine neue Funktion zugewachsen war. Sie wurden nicht mehr, wie ehedem die Nutztiere, nüchtern nach ihrem Ertrag an Fleisch, Eiern oder Milch taxiert. Auch von Wach- und Jagddiensten waren sie weitgehend befreit. Nun lebten sie einfach bei den Menschen und wurden geliebt: Gefährten mit Familienanschluss.

Tierliebes Selbstbild: Elizabeth II. 1969 mit ihren vier Corgies
AFP

Tierliebes Selbstbild: Elizabeth II. 1969 mit ihren vier Corgies

Mit dem Wandel kamen aber auch ungewohnte Sorgen: Was tun, wenn der Hund durchdreht bei Fliegeralarm? Wenn er nicht in den Luftschutzkeller darf? Wenn die Katze in eine Giftgasattacke gerät?

Viele Tierhalter schauderte es bei der Vorstellung, ihre Schutzbefohlenen müssten halb verhungert durch zerbombte Viertel streunen. Obendrein war nicht auszuschließen, dass bald Nazitruppen die Insel überrannten. Es drohte die erste Invasion seit 1688.

In dieser Lage spielten manche Bürger sogar mit dem Gedanken, die eigenen Kinder zu töten, um ihnen solche Schrecken zu ersparen. Neu war, dass vierbeinige Kreaturen ähnlich tiefes Mitleid zu erregen vermochten.

Historikerin Kean hat allerhand Beispiele für das empathische Verhältnis zum Haustier gefunden. So musste der schwarzweiße Findlingskater Lulu sterben, weil sein Besitzer es unerträglich fand, das Tier den Risiken des Krieges aussetzen oder in andere Hände geben zu müssen - zu innig sei beider Bindung. Lulus Tod hinterließ, wie der Mann versicherte, "ein unsagbar tiefes Gefühl von Verlust und Trauer".

Bei den Menschenkindern kam so ein vermeintlicher Gnadentod am Ende nicht ernsthaft infrage - bei den Haustieren schon. Diese hatten, so gesehen, einfach Pech: Sie waren nun, fast wie Menschenwesen, qualifiziert für tiefes Mitgefühl. Sie waren aber immer noch Tier genug, dass man sie im Zweifelsfall töten konnte.

Ein bisschen Ungemach mochte da schon den Ausschlag geben. Das weiße Kaninchen Minnie etwa lebte in einem wohlhabenden Haushalt; die beiden Töchter fuhren es im Puppenwagen spazieren. Als die Familie aus Angst vor den Bomben ans Meer übersiedelte, durfte Minnie nicht mit. Ein Freund erschoss das Tier, und es kehrte in Gestalt einer Pastete auf den Esstisch zurück. Tochter Alison war ein wenig schockiert, nahm aber dann gern von Minnies Fleisch: "Wenn jemand sie essen musste, dann doch besser wir."

Aber schon im Frühjahr 1940, so scheint es, wurden viele Tierhalter von Reue geplagt. Zeitgenossen sprachen von einem "Holocaust" - nach dem altgriechischen Wort für das Brandopfer von Tieren. Für den Judenmord kam der Begriff erst ab 1942 in Gebrauch.

In den verbleibenden Kriegsjahren nahm das Schicksal der überlebenden Tiere eine erstaunliche Wende. In Briefen und Zeitungsartikeln berichteten die Leute gerührt, wie sie die schwere Zeit mit ihren Gefährten gemeinsam durchstanden. Alles wurde geteilt, auch die Nahrung, als sie knapp wurde. Mal bedienten sich hungrige Menschen verschämt bei minderwertigem Pferdefleisch, mal blieb ein delikates Filetstück übrig, das man dem Haustier zusteckte. Für Tierfutter standen die Leute oft ebenso lange an wie für ihre eigenen Lebensmittel.

Katzen mit Milch zu füttern war zwar verboten - nach amtlicher Schätzung schlappten die Leckermäuler gut 80 Millionen Liter im Jahr weg. Aber das Verbot bestand nur auf dem Papier. Die Behörden vermuteten wohl zu Recht, es sei in der Bevölkerung nicht durchsetzbar. Zudem wussten sie den patriotischen Dienst der Katzen im Kampf gegen Ratten und Mäuse zu schätzen.

Milchmann in London nach einem Luftangriff im Zweiten Weltkrieg
Getty Images

Milchmann in London nach einem Luftangriff im Zweiten Weltkrieg

Hunde wiederum machten sich beim Aufspüren von Bombenopfern nützlich. In London kursierte die Geschichte des Hundes Spot, der zwölf Stunden lang nach seiner verschütteten Menschenfamilie grub - leider vergebens, alle waren tot. Der völlig erschöpfte Hund kam in eine Tierklinik, wo seine blutigen Pfoten behandelt wurden.

Vor allem aber halfen die Tiere durch ihr lebhaftes Wesen, sie hoben Stimmung und Moral - auch und gerade die kleinsten.

Zu lokalem Ruhm kam der Spatz Clarence. Eine Witwe, die als Luftschutzhelferin diente, hatte ihn gerettet. Bei ihr lernte Clarence so manches Kunststück. Er spielte Tauziehen mit einer Haarnadel, und bei dem Wort Sirenenalarm huschte er in einen winzigen Unterstand.

Clarence war auch dabei, wenn die Witwe ihre Runde durch die Luftschutzkeller machte. Der muntere Federball verstand es, sein Publikum in aller Bedrängnis aufzuheitern. Clarence lebte zwölf Jahre, sieben Wochen und vier Tage bei der Witwe. Als es mit dem Spatzen zu Ende ging, reichte sie ihm Champagner, von dem er gern nippte.

Eine zeitgenössische Autorin beschrieb, worin der Wert der kreatürlichen Gefährten bestand: Sie wussten nichts vom Krieg und den quälenden Menschenproblemen. Sie standen für das normale Leben inmitten einer kaputten Welt.

"Es waren außergewöhnliche Zeiten", schreibt Kean, und sie meint damit nicht das Massaker. Das war für sie nur ein krasser Ausschlag auf der Skala dessen, was Haustieren eben zustoßen kann. Außergewöhnlich, so glaubt sie, war lediglich die innige Bindung während der Kriegsjahre.

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Hilda Kean:
The Great Cat and Dog Massacre

The Real Story of World War Two's Unknown Tragedy

Animal Lives; 248 Seiten; 23,99 Euro.

Im mühsamen Alltag der Nachkriegszeit dagegen sanken viele Mitgeschöpfe wieder herab zu Besitztümern, derer man sich umstandslos entledigen kann.

Das Hundeheim Battersea klagte über die zunehmende Zahl der Londoner, die ihre Vierbeiner anschleppten - und war es nur, weil ihnen das Futter zu teuer wurde. Im Jahr 1947 mussten schon wieder mehr als 15.000 Hunde, angeblich Streuner, mangels Aufnahmekapazitäten getötet werden.



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OhMyGosh 13.07.2017
1.
Da ich nie Krieg unmittelbar erleben musste, fällt es mir schwer, mich zu diesem historischen Haustiermassaker zu äußern. Es waren sicher andere Lösungen denkbar, aber, wie gesagt, ich stehe nicht an, darüber zu urteilen, auch wenn mir das eine oder andere Verhalten mehr als unverständlich ist. Allerdings sollte uns Heutigen bewusst sein, dass in Europa viele Hunde, Katzen und Kleintiere ein erbärmliches Leben fristen: Illegale Welpentransporte, Verkauf etwa von Hunden über das Internet, Tötungsstationen im benachbarten Belgien und den Niederlanden, das Horrorleben vieler Hunde in Spanien, Italien, Portugal, Bulgarien, Rumänien- die Liste ließe sich unschwer erweitern. Die Krönung von allem ist aber ein Tierschutzgesetz, das den Namen nicht verdient, da es das Tier und seine Würde eben nicht hinreichend schützt. Und deshalb krepieren täglich Tausende von Nutztieren, werden Hunde in Zwingern oder an der Kette gehalten und, wenn sie alt und krank sind, von ihren "Haltern" entsorgt- im besten Fall angebunden am Zaun eines Tierheimes, im übelsten in einen Sack gesteckt und auf eine Halde geworfen.
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