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22.05.2007
 

Bilanz

Zerstobene Träume

Von Hans Hielscher

Ein langjähriger Afrika-Begeisterter blickt zurück auf seine Erfahrungen - und zieht eine Lehre.

Albert Schweitzer hielten wir jungen Leute Anfang der sechziger Jahre für einen altmodischen Patron. Der würdige Herr hatte zwar sicher seine historischen Verdienste, mutete uns aber wie eine anachronistische Erscheinung an: Wer sich wie er weigerte, sein Krankenhaus mit den Errungenschaften der Technik auszurüsten, es andererseits aber Angehörigen seiner Patienten erlaubte, neben diesen zu kampieren und auf dem Hof auf offenem Feuer Fufu zu kochen - der war nicht auf der Höhe der Zeit. Schweitzers Lambarene-Hospital konnte doch bestimmt Geld für eine moderne Küche und eine Klimaanlage auftreiben, sagten wir uns. Weshalb passierte nichts? Wollte der "Urwald-Doktor" den "Eingeborenen" die Segnungen der Moderne vorenthalten?

Autor Hielscher war von 1969 bis 2002 Auslandsredakteur und Afrika-Spezialist des SPIEGEL - hier 1992 mit dem Präsidenten von Benin, Nicéphore Soglo (r.), und Weltbank-Mann Akin Fatoyinbo
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DER SPIEGEL

Autor Hielscher war von 1969 bis 2002 Auslandsredakteur und Afrika-Spezialist des SPIEGEL - hier 1992 mit dem Präsidenten von Benin, Nicéphore Soglo (r.), und Weltbank-Mann Akin Fatoyinbo

Für das aufstrebende Afrika sollte das Beste gerade gut genug sein. So wie ich dachten 1962 auch meine nigerianischen Kommilitonen an der Universität von Ibadan. Auf dem Campus aus neuen Gebäuden und gepflegten Grünanlagen herrschte der Fortschrittsglaube der damaligen Zeit. Afrika wollte die Entwicklung Europas im Sturmschritt nachholen. Das Gestern sollte - sanft unterstützt von den Industriestaaten - mit dem Morgen verschmelzen. In den Szenarien wohlmeinender Intellektueller wurden Dorfgesellschaften in die Moderne katapultiert. Man müsse nur Traktoren statt Schaufeln und Motorpflüge statt Hacken einführen und dabei die Werte der traditionellen Solidargemeinschaft erhalten: die familiäre Sorge für Waisen und die Achtung vor den Alten.

Marxistische und christliche Träumer malten Afrika als Modell für eine bessere Welt aus. Und sogar knallharte Kapitalisten glaubten an den unaufhaltsamen Aufstieg des Erdteils: Handelskammern und Industrieverbände von New York bis Hamburg schwärmten damals von Afrikas "Märkten von morgen".

Wir Afrika-Begeisterten aller Couleur übersahen großzügig kleine Ärgernisse. So fanden wir es zwar übertrieben, wenn sich neue Kleinstaaten zu ihrer Flagge und Hymne und zu den obligaten Regierungsbauten auch noch Jets für eine eigene nationale Fluggesellschaft zulegten. Aber schnell fanden wir entschuldigende Erklärungen: Symbole wie die Flugzeuge oder ein überdimensioniertes Nationalstadion seien notwendig, wo unterschiedliche Stämme zu einer Nation zusammenwachsen sollen. Also sollten unsere Länder liefern, was die neuen Regierungen wünschten. Außerdem würde der Ostblock einspringen, wenn der Westen Forderungen der Afrikaner ablehnte.

Denn die Unabhängigkeitswelle rollte über Afrika, als der Kalte Krieg die Welt spaltete. Amerika und die Sowjetunion buhlten um die Sympathien der neuen Staaten. Afrika war als Rohstofflieferant und strategische Weltregion immens wichtig. Wem würden sich die neuen Regime zuwenden? In Deutschland erschienen Bücher mit Titeln wie "Schwarze Haut im roten Griff" und "Afrika - schwarz oder rot". Nach der historischen Rauferei um Afrika, die die europäischen Kolonialmächte im 19. Jahrhundert inszeniert hatten ("scramble for Africa") balgten sich diesmal die entgegengesetzten politischen Lager um den Schwarzen Kontinent.

Ich erlebte den Wettkampf der Systeme hautnah, als ich ein paar Wochen in der Presseabteilung der westdeutschen Botschaft in Lagos aushelfen durfte. Die Arbeit bestand im Wesentlichen darin, Artikel über die Bundesrepublik in nigerianischen Publikationen zu plazieren und die DDR-Konkurrenz herauszuhalten. Einheimische Journalisten wurden mit Geschenken und Einladungen beeinflusst - und hatten Mühe, sich im deutsch-deutschen Palaver zurechtzufinden.

Ich erinnere mich, wie ein Botschaftsmensch am Telefon einem afrikanischen Redakteur verzweifelt etwas klarmachen wollte: Der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund FDGB sei - anders als sein Name suggeriert - die staatlich gelenkte Einheitsgewerkschaft der Kommunisten im Osten. Eine freie Arbeitnehmervertretung sei nur der Deutsche Gewerkschaftsbund DGB in der Bundesrepublik. Die Belehrung wurde nicht verstanden. Denn zwei Tage später stand in der Zeitung ein reich bebildeter Bericht über heitere Werktätige in Gewerkschaftsheimen auf der Insel Rügen. Eins zu null für den Arbeiter-und-Bauern-Staat.

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