Von Hans Hielscher
Die manchmal lächerliche, manchmal ärgerliche Ost-West-Rivalität bescherte mir meine erste feste Anstellung. Weil der Wettkampf um Afrikas Seelen auch im Äther geführt wurde, baute die Deutsche Welle in Köln eine riesige Afrika-Redaktion auf. Ich wurde engagiert. In Englisch, Französisch und mehreren afrikanischen Sprachen sendeten wir auf Kurzwelle Programme Richtung Afrika - so, wie die britische BBC, das Vorbild aller Rundfunkleute, und die Voice of America sowie, auf der anderen Seite, Radio Moskau und der DDR-Auslandssender Radio Berlin International. Aufregung kam auf, wenn etwa die Ost-Konkurrenz plötzlich auch in Äthiopiens Amtssprache Amharisch zu hören war. Sofort musste der Westen nachziehen. Ein Triumph über die Kontrahenten wurde gefeiert, als die Deutsche Welle im zentralafrikanischen Ruanda eine Relaisstation errichten durfte, von der aus die Kölner Sendungen verstärkt ausgestrahlt werden konnten.
Ob der Radio-Wettbewerb im Kalten Krieg um Afrika viel brachte, ist schwer zu sagen. Jedenfalls lernte ich in der Redaktion in Köln und auf Reisen ins Zielgebiet viele Afrikaner kennen. Besonderen Spaß machte es, Hörer-Clubs zu besuchen und den Mitgliedern "Voice of Germany"-T-Shirts und Bücher in die Hand zu drücken oder Gewinnern von Preisausschreiben ein Transistorradio zu überreichen. Ich erlebte die Aufbruchstimmung an der Basis. Für junge Leute in den neuen Staaten bedeutete der Kontakt zu einem Sender in Europa oder Amerika die Verbindung zur Welt. Hörer schrieben zu Hunderten nach Köln; dabei hatten etliche Absender Schwierigkeiten mit dem Namen "Deutsche Welle". Doch die Briefträger wussten Bescheid und überbrachten auch Briefe mit Adressen wie "Radio Dolce Vita, Cologne".
Die Bedeutung der ausländischen Sender wuchs in Ländern, die sich von pluralistischen Gesellschaften in Einparteien-Staaten wandelten. Wo Oppositionsparteien verboten und Medien gleichgeschaltet wurden, suchten politisch Interessierte neue Informationsquellen und kamen dabei auf die Kurzwellen-Programme aus der Ferne. Deren Macher mussten, wollten sie gehört werden, nicht platte Propaganda liefern, sondern Nachrichten und Analysen.
Leider überschlugen sich nach der Euphorie der Unabhängigkeitsjahre die schlechten Nachrichten. Das goldene Bett einer ghanaischen Ministergattin wurde zum klassischen Beispiel missbrauchter Entwicklungsgelder. Helden des Freiheitskampfes wie Kwame Nkrumah verwandelten sich nach ihrer Wahl zu Präsidenten in Diktatoren. Deshalb putschten in vielen Ländern Militärs und wurden von der Bevölkerung gefeiert - bis sie sich als schlimmere Tyrannen entpuppten als die gestürzten Zivilherrscher. Bürgerkriege brachen aus. So waren negative Themen vorgegeben, als ich mich in den siebziger Jahren als Auslandsredakteur im SPIEGEL vorwiegend um Afrika kümmerte. Wie viele aus meiner Generation erklärte ich mir die enttäuschende Entwicklung vor allem mit den Folgen der kolonialen Erblast.
Ein großes Problem des neuen Afrika wurde mir klar, als ich dann in Washington als Korrespondent arbeitete und dort einen nigerianischen Freund wiedertraf: Akin Fatoyinbo war von Ibadan nach Deutschland gekommen und hatte während seines Studiums zeitweise bei der Deutschen Welle gearbeitet. Nun machte er bei der Weltbank Karriere. Akin und etliche Afrikaner seiner Altersgruppe in internationalen Organisationen waren Beispiele für einen fatalen afrikanischen Aderlass: Statt zu Hause ihre Heimatstaaten mitaufzubauen, gingen viele der fachlich und moralisch Besten ins Ausland. Doch wer wollte ihnen das angesichts der Korruption, Inkompetenz und Unsicherheit in ihren Herkunftsländern übelnehmen? Ein anderer Bekannter aus Ibadan-Tagen, Dr. Babs Oredien, kehrte zwar nach dem Studium in Deutschland zurück nach Nigeria und betreibt bis heute eine Praxis in Lagos. Aber 34 seiner 37 Geschwister und Halbgeschwister leben im Ausland. Babs hat so viele Brüder und Schwestern, weil sein verstorbener Vater - ein bekannter Yoruba-Chief und Politiker - mit vier Frauen verheiratet war.
Solche Kontakte hielten mich persönlicher auf dem Laufenden über Afrikas Entwicklung als die Nachrichten. Dennoch war ich schockiert, als ich nach meiner Rückkehr in die Hamburger Redaktion in den neunziger Jahren wieder regelmäßig den Kontinent bereiste. Wie etliche aus meiner Altersgruppe verfiel ich in tiefen Afro-Pessimismus. Sierra Leone, Liberia, Somalia - wo einst Staaten funktionierten, litt die Bevölkerung nun unter der Willkür von Kriegsherren. Statt des erwarteten Fortschritts erlebten wir einen Rückfall in archaische Barbarei.
Jetzt beklagten progressive Intellektuelle "das Ende der Dritten Welt und das Scheitern der großen Theorie". Sie schlugen vor, "besonders bedrohte Krisenregionen unter die Treuhandschaft der Länder des Nordens" zu stellen (so der Entwicklungssoziologe Ulrich Menzel). Im SPIEGEL publizierten wir im Dezember 1992 eine bis dahin kaum denkbare Titelgeschichte: "Elendskontinent Afrika - Rettung durch die Weißen?".
Zwar konnten wir 1994 aufatmen, als es dank der Jahrhundertfigur Nelson Mandela in Südafrika nicht zum befürchteten Blutbad kam. Doch die Erleichterung über den friedlichen Machtwechsel am Kap wurde durch den Völkermord in Ruanda überschattet. Im Kongo zeichnete sich ein neuer Bürgerkrieg ab, und in Nigeria herrschte mit Sani Abacha der schlimmste in einer Kette von Militärdiktatoren.
Nigeria, mein Lieblingsland aus Studententagen, hatte wieder einen gewählten Präsidenten, als ich im Dezember 2002 - nun frisch im Ruhestand - zum letzten Mal dorthin reiste. Meine Frau war mitgekommen, der Anlass traurig: Unser Freund Akin Fatoyinbo war auf seiner letzten Weltbank-Mission vor seiner Pensionierung an Herzversagen gestorben und sollte in Heimaterde beigesetzt werden. Wir reisten über Benin in Nigeria ein. Auf der Drei-Stunden-Fahrt von der Grenze bis nach Lagos passierten wir 15 Straßensperren. Polizisten oder Soldaten kassierten Wegzölle von allen Fahrzeugen - deprimierend. Einen hoffnungsvollen Kontrast zu den zerlumpten bewaffneten Männern bildeten Mädchen und Jungen in properen Schuluniformen rechts und links der Straße. Aber was für Vorbilder erleben diese Kinder. Der deutsche Slogan "Die Polizei, dein Freund und Helfer" muss für sie wie ein grimmiger Witz klingen.
Auf der Trauergesellschaft erwähnte ich, dass Nigeria 1965 Ziel unserer Hochzeitsreise gewesen war. Jüngere Gäste starrten uns daraufhin an wie Wesen aus einer anderen Welt: Das Nigeria unserer Jugend, in dem es keine illegalen Straßen-Checkpoints, stattdessen aber ein Netz von properen und preiswerten Catering Rest Houses gegeben hatte, war ihnen ganz und gar unvorstellbar geworden.
Mit einem inzwischen in den USA lebenden nigerianischen Mediziner aus meiner Generation sprach ich über unsere einstige Einstellung gegenüber Albert Schweitzer. Wir leisteten Abbitte bei ihm. Denn die meisten Hightech-Hospitäler in Afrika waren wegen Stromausfällen, mangelnden Ersatzteilen und fehlendem Wissen zu Entwicklungsruinen verkommen - zu nutzlosen "weißen Elefanten". Das Gesundheitssystem funktioniert höchstens dort, wo mit einfachen Mitteln gearbeitet wird.
Mir ging noch etwas anderes durch den Kopf: Wenn ich einmal hilflos in einem Krankenhaus liegen sollte, möchte ich lieber einen Angehörigen neben mir haben als Kabel und Schläuche am Körper.
Doktor Schweitzer, Sie hatten recht.
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