Ortstermin: Tüchtig auf alt getrimmt

Von Hans-Ulrich Stoldt

2. Teil: Folterkeller und Verlies gibt es nicht

Als Architekten beauftragte er Friedrich August Stüler, einen Schüler des Baumeisters Karl Friedrich Schinkel. Das Werk gelang, zumal viele Angehörige der hohenzollerschen Linien nach der gescheiterten Revolution von 1848/49 wieder enger zusammenrückten und so die Finanzierung ermöglichten. Die Einweihung der Burg 1867 erlebte der König indes nicht mehr - sechs Jahre zuvor war er in Sanssouci gestorben.

Sein eher romantisch geprägter Bezug zum Schloss war inzwischen politisch überlagert: Nun sollte das Bauwerk Aufstieg und Herkunft des Hauses Hohenzollern verkörpern, "von der mittelalterlichen Burg zum national-dynastischen Denkmal", wie der Kunsthistoriker Rolf Bothe sagt. Ziel sei gewesen, "die Bedeutung Preußens, seine Bindungen an das alte Reich und seinen Anspruch auf die Führung des neu zu schaffenden Reichs" zur Geltung zu bringen.

Die symbolische Bedeutung der Burg als Stammsitz des Kaisers nahm nach der Reichsgründung 1871 weiter zu, obwohl er selbst dort nicht residierte. Allerdings wuchs zugleich die Kritik an der eher exzentrischen Architektur.

Spott und Hohn entluden sich aber erst nach dem Ende der Monarchie in Deutschland über Erfinder und Eigentümer der Festung: "Wenn man glaubt, der Abstieg der Hohenzollern habe erst mit Wilhelm II. begonnen, so erscheint der letzte Kaiser hier nur als Vollender dieses auf ihrem Stammschlosse zu Stein gewordenen romantischen Größenwahns", notierte 1929 eine Berliner Zeitung.

Den Besuchern anno 2007 fällt derlei Fundamentalkritik kaum mehr ein. Sie schlurfen in Filzpantoffeln durch einige der nach dem Zweiten Weltkrieg mit viel Nippes und wertvollen Kunstgegenständen ausgestatteten 140 Räume der Burg, durch Bibliothek und Grafensaal, das Schlafzimmer der Königin oder den Blauen Salon. Sie drängen sich durch erst 2001 freigelegte Kellergänge und Kasematten, bestaunen Uniformrock und Tabakdose Friedrichs des Großen sowie eine mit Korallengriff gefertigte Kinderrassel Seiner Majestät Wilhelms II. und betreten andachtsvoll die Christus-Kapelle, in der nach dem Krieg die Särge mit den Gebeinen von Friedrich dem Großen und dessen Vater Friedrich Wilhelm I. lagerten, bevor sie 1991 nach Potsdam überführt wurden.

Was eine wirklich gruselige alte Burg ausmacht, fehlt indes: Folterkeller und Verlies gibt es nicht. Ist die Festung etwa eine Mogelpackung? "Nein", sagt Geschäftsführer Alisch, "die meisten wissen genau, was sie hier erwartet, je weiter die Anreise ist, desto besser sind die Leute informiert."

Gäste aus Nippon zum Beispiel. Ihnen bietet Alisch noch einen besonderen Service an: eine japanische Hochzeitszeremonie im festlichen Burgsaal. "Da erzähle ich dann von dicken Mauern als guter Grundlage einer Ehe, vom Kaiser und vom Tenno - das hören die Japaner immer gerne." Natürlich gibt's das nicht umsonst.

Verwalter Alisch muss im Auftrag des jetzigen Burginhabers und Chefs des Hauses Hohenzollern, Georg Friedrich Ferdinand Prinz von Preußen, 31, sehen, wie er den Laden am Laufen hält: "Unsere Hauptaufgabe ist es, dieses Bauwerk zu erhalten", sagt Alisch, "seit mehr als zehn Jahren schon schaffen wir das ganz ohne öffentliche Zuschüsse."

Mal gibt eine englische Theatergruppe im Burghof William Shakespeares "Hamlet" , mal spielt die Popgruppe Die Prinzen auf, um zusätzliche Besucher anzulocken, oder es werden mittelalterliche Feste oder Märchen-Wochenenden veranstaltet. Dazu kommen Falkner-Vorführungen und im Winter ein Weihnachtsmarkt. Und wer privat mal mit Freunden im hohenzollerschen Ambiente feiern möchte, kann Räumlichkeiten anmieten.

Alles friedlich also derzeit rund um den Zollern, wenn da nicht eine latente Bedrohung wäre. Die liegt in der Tiefe, etwa sechs bis sieben Kilometer direkt unter der Burg. Dort lauert seit Millionen Jahren ein tektonisches Monster: Die Reibung zwischen Afrikanischer Kontinental- und Eurasischer Platte hat hier eine Schwachstelle gefunden, aus der sich bisweilen Spannungen in Beben eruptiv entladen. Oben, auf der Burg, fallen dann Türme zusammen. Wie am 3. September 1978, als die Messgeräte eine Erdbebenstärke von 5,7 registrierten. Knapp sechs Millionen Euro kosteten die Renovierungsarbeiten. Das soll nicht noch einmal passieren, und deshalb sind rund um die Burg kleine, rote Vermessungspunkte angebracht, die untereinander und mit Satelliten im All in Kontakt stehen. "Jede kleinste Veränderung wird vermerkt", sagt Verwalter Alisch, "nun können wir sehen, wohin sich der Berg bewegt, und rechtzeitig baulich gegensteuern."

So scheint die Burg Hohenzollern - nicht nur bei Tiefnebel - ein wenig zwischen den Welten zu schweben.

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  • Datum: Dienstag 21.08.2007 | 00:00 Uhr
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