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Völker und Reiche der Frühzeit Die komische Scheibe

2. Teil: "Diese Inschrift kann nicht entziffert werden."

Am Abend des 3. Juli, die Arbeiter wollten gerade die Schubkarren beiseitestellen, kam in der Nordostecke ein rundes Stück Terrakotta zutage. Dem Grabungsbericht zufolge lag es in Kammer 8 des Hauses 101 inmitten einer "Schicht aus dunkler Erde, gemischt mit Asche, Kohle und Keramikfragmenten".

45 verschiedene Zeichen sind auf der Tonscheibe zu sehen, sie stellen wahrscheinlich Silben dar. Die Schrift zieht sich vom Außenrand spiralförmig nach innen. Durch Trennlinien sind 61 Symbolgruppen abgeteilt. Nur: Was bedeuten sie?

Arthur Evans wagte als einer der Ersten einen Vorschlag. Er deutete die Krakel als "Hymne an die Göttin der Erde" in einem ionischem Dialekt. Damit trat er eine nicht enden wollende Debatte los. Einer der frechsten Vorschläge stammt vom holländischen Romanautor Harry Mulisch. Der behauptet, auf der Scheibe stünden die Worte: "Diese Inschrift kann nicht entziffert werden."

Die Archäologen ließen sich von derlei Spott nicht entmutigen. Fieberhaft suchten sie Kreta nach weiteren Zeugnissen der Rätselschrift ab. Gefunden haben sie nichts.

Wurde der Diskos also vielleicht aus dem Orient mitgebracht? Schon 1914 kam die Idee auf, er sei ein "ägyptisches Dokument". Andere vermuteten seine Heimat in Libyen, Kleinasien oder Israel. Vertreter der Präastronautik sehen seinen Ursprung gar im Weltall. Eine der Glyphen würde die "Wasserung oder Landung einer Raumkapsel" darstellen.

Auch der Fälschungsverdacht kam auf. Richtig ist, dass Pernier im Moment der Entdeckung des Terrakottafundes nicht zugegen war.

Genaue Prüfungen ergaben jedoch, dass der Stempler an dem bereits fertigen Text mehrere Korrekturen ausführte. Er veränderte im Nachhinein Trennstriche und fügte zwei Zeichen hinzu, die er aus Platzmangel stark zusammenquetschen musste. So geht kein Betrüger vor.

Angesichts all dieser Merkwürdigkeiten macht die Gilde der Uni-Professoren am liebsten einen Bogen um den Fund. Sie fürchten um ihren Ruf. Ein US-Gelehrter verglich den Diskos mit einen "Totenkopf auf einer Flasche mit Gift".

Doch es bleiben genug mutige Silbenstecher übrig. Der neuseeländische Linguist Steven Roger Fischer beispielsweise enttarnte den Text als Aufruf zu einem Feldzug nach Anatolien. "Hört mich, Kreter und Griechen: Meine Großen, meine Schnellen! Hört mich", übersetze er flott, "Hellas steht eine Schlacht mit den Karern bevor." Später gab er allerdings zu: "Vielleicht habe ich mir unbewusst diese 'minoischen' Namen nur ausgedacht."

Süffiger liest sich die Deutung des Norwegers Kjell Aartun, der den Diskos für eine erotische Anweisung hält: "Sei tief hineindringend, Lüsterner! Bewege dich tief hinein, Fisch in deinen Mund!"

Der Tübinger Mittelhochdeutschexperte Derk Ohleroth grübelte 16 Jahre lang über dem Stück. Doch auch seiner Übersetzung ("Im Kreis um den Opferrauch schlag ein auf die Erde, und wiehere jählings wie ein Pferde-Paar: Aio ae! hyauax!" ) wurde die fachliche Anerkennung bislang verweigert.

So kobolzen sie denn munter weiter, die selbsternannten Code-Knacker und Ausdeuter des minoischen Mystery-Manifests. Jedes Jahr kommen Dutzende neue Dechiffrierversuche hinzu.

Doch gerade wegen dieser Flut dürfte die Auflösung die bronzezeitlichen Botschaft in immer größere Ferne rücken. Der Forscher Chadwick drückte es so aus: "Selbst wenn König Minos jemandem die wahre Bedeutung im Traum offenbaren würde, wäre es unmöglich, andere von deren Richtigkeit zu überzeugen."

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