Von Hilmar Schmundt
Dunkle Wolken fegen über Pennsylvania, es donnert, es blitzt. Ein Mann trotzt der Naturgewalt und lenkt einen Drachen mitten hinein in das Gewitter. An der Drachenschnur hängt ein Schlüssel. Der Mann führt eine Hand zum Metall, ein kleiner Funke züngelt zu seinen Fingern. Es ist vollbracht: Er hat dem Himmel einen Blitz gestohlen.
Diese Schlüssel-Szene aus dem Jahr 1752 machte Benjamin Franklin berühmt: Das "Philadelphia-Experiment" gehört als nationaler Mythos zu den USA wie Martin Luthers Tintenfass-Wurf zu Deutschland. Der Philosoph Immanuel Kant schwärmte von Franklin als "modernem Prometheus".
Dieser überlebensgroße Mythos wird bisweilen bemüht, um ein Rätsel zu lösen: Wie konnten die USA von einer hinterwäldlerischen Kolonie aufsteigen zur weltweit führenden Techniknation? Und was können andere Länder davon lernen?
Nicht nur militärisch sind die USA heute die einzige verbliebene Supermacht, sondern auch akademisch. Von den weltweit besten 50 Forschungsstätten befinden sich 38 in den Vereinigten Staaten; an jedem dritten Aufsatz in führenden naturwissenschaftlichen Journalen sind Autoren aus Amerika beteiligt. Mit nur fünf Prozent der Weltbevölkerung stellen die USA 40 Prozent aller Ausgaben für Forschung und Entwicklung und beschäftigen fast ein Drittel aller Natur- und Technikwissenschaftler.
Welches Erfolgsrezept steckt dahinter, was befeuert jene legendäre "yankee ingenuity", den amerikanischen Erfindergeist, der zu Innovationen führte wie Aufzug und Atombombe, Sofortbildkamera und Stacheldraht, Heimcomputer und Colt?
Erklärungen dafür gibt es im Dutzend, frei nach dem Motto: Buy one, get one free. Brachen vielleicht überdurchschnittlich viele unternehmungslustige Menschen auf in die Neue Welt, ist der Pioniergeist also genetisch? Wollten die Nachfahren der Puritaner sich und anderen mit ihrer protestantischen Arbeitsethik beweisen, dass sie "visibly blessed" sind, sichtbar gesegnet von Gott? Oder schufen sie unabsichtlich so etwas wie eine Vorform der Wissensgesellschaft, als sie 1647 mit dem "Old Deluder Act" die Schulpflicht einführten, um sich so gegen Verdrehungen der Heiligen Schrift durch Satan, den "Alten Betrüger", zu immunisieren?
Vielleicht liegt das Geheimnis des amerikanischen Wissenschaftswunders auch ganz simpel in der Einfachheit selbst: einer Art Robinson-Crusoe-Effekt, dem Zwang also, mit einfachsten Bordmitteln die größten Schwierigkeiten zu überwinden. Das zumindest war Franklins Methode. Er hatte keine Wahl.
Franklins Biografie liest sich wie ein Dickens-Roman: Aufgewachsen als eines von 17 Kindern eines armen Einwanderers, nur zwei Jahre Schule, dann als Lehrling ausgebeutet wie ein Leibeigener, mit 17 Jahren unter falscher Identität mit einem Schiff geflohen und bei einem Drucker in Philadelphia angeheuert.
Franklin ist der Inbegriff des Selfmademan, schon mit 24 Jahren betrieb er seine eigene Druckerei. Er münzte seine ärmliche Herkunft in ein Erfolgskonzept um: Sein "Poor Richard's Almanack" wurde zum Bestseller, eine Art Ratgeber für alle Lebenslagen, oft in Form von leicht aufpolierten Küchenweisheiten wie dieser: "God helps them that help themselves."
Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott. Nach diesem Motto erfand sich Franklin ständig neu. Er steigerte seine Auflage mit Lügengeschichten. Derlei "hoaxes" waren sein Hobby, immer wieder schlüpfte er in die Rollen frei erfundener Personen: Mal schrieb er als "Richard Saunders", mal als eine Witwe namens "Silence Dogood", mal als alleinerziehende Mutter namens "Polly Baker", die fünf Kinder von verschiedenen Männern hatte und die puritanische Verklemmtheit lächerlich machte.
Mit Mitte zwanzig fand Franklin zunehmend Muße, seine lückenhafte Bildung aufzupolieren. Er gründete einen Lesezirkel, eine Leihbibliothek und knackte nach ein paar Jahren das damals schwierigste Rätsel der Physik: Was ist Elektrizität?
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