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Die amerikanische Gesellschaft Der entzauberte Himmel

4. Teil: Die Blitzschlag-Legende

Der Erfindermythos blieb lebendig. Der Franzose Jules Verne mag als Vater der modernen Science-Fiction gelten, aber erst in den USA wurden die Zukunftsmärchen aus dem Übermorgenland zu einer Milliardenindustrie, basierend auf einem Grundtopos: Wissenschaft ist kein Elfenbeinturm, sondern ein Abenteuerspielplatz. Oft imitierte dabei das Leben den Roman: Satelliten, Elektroschockwaffen, Weltraumreisen und der Cyberspace existierten erst als Story, dann in der Realität.

Selbst Franklins legendärer Drachenflug fand in Wahrheit wohl nie statt, sondern ist eine Legende. Experimente der Raumfahrtbehörde Nasa belegen: Ein Blitzschlag würde eine Drachenschnur sofort zum Verdampfen bringen, mit einer Temperatur von vielen tausend Grad Celsius. Franklins Experiment funktioniert einfach nicht, außer in der Phantasie. Aber das vermindert natürlich nicht die normative Kraft des Fiktiven.

Wieder und wieder wurde das franklinsche Drama erfolgreich neuinszeniert: dem Himmel den Blitz zu stehlen und den europäischen Professoren die Show. Der Ingenieur Konrad Zuse mag ab 1936 in Berlin den ersten programmierbaren Computer gebaut haben, aber den Grundstein für das Silicon Valley legten Bill Hewlett und Dave Packard 1939 in ihrer legendären Garage in Kalifornien; Karlheinz Brandenburg mag um 1990 herum in Erlangen das MP3-Musikformat entwickelt haben, aber den kommerziellen Siegeszug trat die Internet-Musik an, als Steve Jobs, ebenfalls ein Garagenerfinder mit Showtalent, den iPod von Apple vorstellte.

Doch reicht der Mythos vom prometheischen Erfinderhelden auch heute noch als Standortvorteil aus, in Zeiten einer hocharbeitsteiligen, globalen Wissensgesellschaft? Die Erfindernation jedenfalls entwickelt derzeit etwas bis dato gänzlich Unerhörtes: Zukunftsangst.

"Verlieren US-Innovatoren den Anschluss?", fragte die "New York Times" schon 2005. Und ein Report der National Academies warnt: "Das Komitee ist sehr besorgt, dass die wissenschaftlichen und technologischen Bausteine erodieren, die für unsere wirtschaftliche Führungsrolle unabdingbar sind." Der Titel des Reports: "Rising Above the Gathering Storm" - sinngemäß: Wie man dem drohenden Unwetter entkommt.

Die Zeichen stehen auf Sturm: Japan zum Beispiel hat die USA bei der Anzahl der Patentanmeldungen längst überflügelt, die US-Industrie gibt mehr Geld aus für Schadensersatzklagen als für Forschung, und Hightech kommt neuerdings zunehmend aus China. Die alten Rezepte der Pioniernation scheinen nicht mehr zu greifen. Rund ein Drittel der Ingenieure und Informatiker an US-Universitäten stammen aus dem Ausland, doch der Einwandererstrom, der immer wieder neue Talente hervorbrachte, lässt nach, unter anderem wegen erschwerter Einreisebedingungen nach dem 11. September 2001.

"Das Thema nimmt krisenhafte Züge an", warnt sogar Bill Gates, der Mitgründer von Microsoft, in einem Artikel in der "Washington Post". "Wir müssen ein Klima fördern, das es einer neuen Generation erlaubt, Innovationen zu erträumen, egal wo sie geboren wurde", fordert er, "Talent ist in unserem Land nicht das Problem - sondern der politische Wille."

Wieder einmal machen ehemalige Kolonien von sich reden. Länder wie Indien expandieren mit Rezepten, die auch Franklin und Edison groß gemacht haben: Pragmatismus, Fleiß, Ideenklau, vor allem aber einem unstillbaren Zukunftshunger.

Was also lernen die USA aus ihrer eigenen Erfolgsgeschichte? Der Krisenreport empfiehlt, die staatliche Forschungsförderung um zehn Prozent jährlich aufzustocken, die Einwanderung zu vereinfachen und 10.000 Stipendien an zukünftige Naturwissenschaftslehrer zu vergeben.

Das alles sind Rezepte, die Bildungspolitiker so oder so ähnlich auch in Europa unterschreiben würden. Ein ungewohnter Gedanke: Vielleicht sind die USA heute wieder dort angekommen, wo die Reise der Pilgerväter einst begann - in der Alten Welt.

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