Von Jens Glüsing, Rio de Janeiro
Ein stahlblauer Himmel wölbt sich über der Kuppe des "Cerro Rico", des "Reichen Berges" hoch in den bolivianischen Anden. Der Atem gefriert, jeder Schritt wiegt wie Blei in der dünnen Luft. Vor dem Eingang zur Mine der Kooperative "26. März" sammelt sich eine Gruppe von Bergleuten. Ihre Wangen sind ausgebeult von den Kokablättern, die sie gegen Hunger und Erschöpfung kauen. Sie schultern Talglampen, Dynamitstangen und Eisenpickel und ziehen in den Berg.
Zwölf Stunden und mehr hocken die Minenarbeiter in den engen Stollen. In Handarbeit klopfen sie das Erz aus den Wänden. Die meisten Männer sind klein und von indianischer Abstammung. Kaum einer ist älter als 30, aber sie haben die Gesichter alter Männer. Wenn sie abends aus dem Berg kommen, sind sie zu erschöpft zum Schwatzen. Schweigend trotten sie hinunter in die Stadt.
Potosí, 4.000 Meter hoch am Fuß des Cerro Rico gelegen, ist ein ungewöhnlich stiller Ort im lärmigen Bolivien. Indianerfrauen huschen durch die schmalen Gassen, ein paar Rucksacktouristen in Pullovern aus Alpaca-Wolle ziehen schwer atmend durchs hügelige Stadtzentrum. Die Kälte ist trocken und schneidend.
Heute fällt es schwer, sich vorzustellen, dass in dieser unwirtlichen Stadt einst die Hauptschlagader des spanischen Kolonialreichs verlief. Mit dem Silber aus dem Cerro Rico finanzierten Spaniens Könige ihre Armada, bezahlten sie ihre Paläste, kauften sie Stoffe, Möbel und Tücher für ihren Hofstaat. Ein Mitglied des englischen Parlaments warnte um 1620, das Silber aus Potosí nähre "den ehrgeizigen Wunsch des spanischen Königs, eine universelle Monarchie zu errichten". Das Silber, das Indios aus dem Cerro Rico kratzten, nährte Europas moderne Geldwirtschaft.
1572 ließ der damalige Vizekönig Francisco de Toledo die erste Münzpresse in Potosí errichten. In Truhen wurden die Silbertaler über Lima nach Spanien verschifft. Der Name Potosí wurde zum Symbol für Reichtum, Ruhm und Macht. Miguel de Cervantes nahm den Satz "Vale un Potosí" (Das ist ein Potosí wert) in seinen "Don Quijote" auf.
Hunderttausende Tonnen Gestein haben die Bergarbeiter im Laufe der Jahrhunderte vom Cerro Rico abgetragen. Noch immer treiben sie neue Stollen in den Berg, er ist von Hunderten Tunnel ausgehöhlt und niedriger als zu Kolonialzeiten. Eine staatliche Minengesellschaft und mehrere private Kooperativen bauen vor allem Zinn ab.
Die "Casa de la Moneda", die berühmte Münzpresse, ist heute ein Museum. Über dem Eingang hängt eine lachende Fratze, die Herkunft des Kunstwerks ist unklar. Historiker spekulieren, das feixende Antlitz zeige den Weingott Bacchus. Die Einwohner von Potosí erzählen eine andere Version: Die Fratze aus dem 19. Jahrhundert stelle einen Indio dar, der den Spaniern zum Abschied hinterhergrinse, nachdem Bolivien unabhängig geworden war.
Dabei hatten Boliviens Ureinwohner auch nach dem Abzug der Besatzer nichts zu lachen: Die Arbeitsbedingungen für die Bergarbeiter besserten sich kaum, noch heute sterben jedes Jahr etliche bei Unfällen in den Stollen. Die berüchtigte Staublunge rafft die meisten Männer dahin, bevor sie 50 werden. Bolivien, genannt der "Bettler auf dem silbernen Thron", ist das zweitärmste Land Südamerikas.
Oder verharrt das Land womöglich gerade wegen seines natürlichen Reichtums im Elend? Beuten die reichen Länder der sogenannten Ersten Welt auch 500 Jahre nach der Eroberung Lateinamerikas die ehemaligen Kolonien aus? Sind sie noch immer verantwortlich für das Elend der Indios?
Diese These stellte der uruguayische Autor Eduardo Galeano in seinem Buch "Die offenen Adern Lateinamerikas" auf, der Bibel der lateinamerikanischen Linken. Jüngst machte das fast 40 Jahre alte Werk wieder Furore: Venezuelas linkspopulistischer Präsident Hugo Chávez überreichte das Buch im April seinem amerikanischen Kollegen Barack Obama als Geschenk bei einem gesamtamerikanischen Gipfeltreffen - damit der US-Amerikaner "die Region besser versteht", so Chávez. Sogleich schnellte das Brevier in der Verkaufsstatistik von Amazon unter die Top Ten.
© SPIEGEL Geschichte 4/2009
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